Geschichte der Außenpolitik der DDR / deutsch - deutsche Beziehungen


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Schindler, Hans:

"Deutsche Diplomaten in Deutschland - Fakten und Erinnerungen"

Zu den Strukturen und zur Tätigkeit der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn

in: Detlef Nakath (Hrsg.): "Deutschlandpolitiker der DDR erinnern sich", FIDES Verlags- und Veranstaltungsgesellschaft, Berlin 1995, (überarbeitet im Oktober 2007)

Als im Dezember 1972 Egon Bahr und Michael Kohl den Grundlagenvertrag unterzeichneten, hatten sie sich vorher auch auf einen Passus im Vertrag geeinigt, der als Artikel 8 lautete: „Die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland werden ständige Vertretungen austauschen. Sie werden am Sitz der jeweiligen Regierung errichtet. Die praktischen Fragen, die mit der Einrichtung der Vertretungen zusammenhängen, werden zusätzlich geregelt." Der zweite Satz des Artikel 8 lässt schon erkennen, dass sich Bahr und Kohl nicht hatten über die Modalitäten einigen können. Wenn es nach der DDR gegangen wäre, dann hätte an dieser Stelle im Grundlagenvertrag gestanden, dass man übereingekommen war, Botschafter auszutauschen und Botschaften in den jeweiligen Hauptstädten einzurichten. Das wäre nach den Regeln der zwischenstaatlichen Beziehungen und nach den Normen des Völkerrechts normal gewesen. Wenn es aber nach Bonn gegangen wäre? Dann hätte es wahrscheinlich den Artikel 8 überhaupt nicht gegeben. Die BRD wollte jedes Detail vermeiden, was ein weiteres Stück Zweistaatlichkeit dokumentieren könnte. Ihr ging es um „innerdeutsche" Beziehungen. Es war also vorprogrammiert, dass in den späteren Verhandlungen über die Errichtung der Vertretungen die gegensätzlichen Grundpositionen nochmals aufeinanderprallen werden.

Bonn bestimmte als Verhandlungsführer seinen künftigen Vertreter in der DDR und ernannte dazu Günter Gaus zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Sicher ging man davon aus, dass auch die DDR ihren künftigen Vertreter als Verhandlungsführer bestellen würde, den Staatssekretär beim Ministerrat der DDR, Michael Kohl. Aber statt dessen schuf die DDR erst einmal neue Fakten in ihrem Interesse: die Funktion dieses Staatssekretärs beim Ministerrat wurde ersatzlos gestrichen und der stellvertretende Minister für Auswärtige Angelegenheiten Kurt Nier mit der Führung der Verhandlungen beauftragt. Die DDR wollte damit die Zuständigkeit des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten deutlich machen und dokumentieren, dass es sich nach ihrer Auffassung um völkerrechtliche Beziehungen handelte. Das störte die Bundesregierung gewaltig, aber sie konnte nichts daran ändern. Es war eben Sache der DDR, wem sie mit der Verhandlungsführung beauftragte.

Die Verhandlungen waren dann kompliziert und zogen sich bis März 1974 hin

Etwa doch Botschaften?

Am 14. März 1974 unterzeichneten Kurt Nier und Günter Gaus in Bonn das Protokoll über die Errichtung der Ständigen Vertretungen. Man einigte sich auf die amtlichen Bezeichnungen „Ständige Vertretung" und „Leiter der Ständigen Vertretung". Der Kompromiss bestand darin, dass die Titel „Botschaft" und „Botschafter" vermieden wurden. Aber wenn man dann in Punkt 3 des Protokolls liest, dass der Leiter der Ständigen Vertretung der DDR beim Bundespräsidenten und der Leiter der Ständigen Vertretung der BRD beim Vorsitzenden des Staatsrates „akkreditiert" werden, wird man doch sehr an Botschaften erinnert. Auch in den anderen Punkten des Protokolls regelte man die Dinge so, wie es bei Botschaften üblich ist. So wurde ausdrücklich festgelegt, dass die Wiener Konvention vom 18. April 1961 zur Anwendung kommt. Und diese Konvention heißt eben im vollen Titel: „Konvention über diplomatische Beziehungen". Eine Einschränkung bzw. einen Unterschied zu normalen diplomatischen Beziehungen konnte Bonn im Hinblick auf die Ständige Vertretung der DDR doch noch durchsetzen: Im Punkt 6 des Protokolls wurde festgeschrieben, dass für Angelegenheiten der Ständigen Vertretung der DDR das Bundeskanzleramt zuständig ist. Aber auch das war ein Fortschritt für die DDR, denn ursprünglich sollte dies das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen sein.

Außerdem hieß es im Protokoll, dass für die Angelegenheiten der Ständigen Vertretung der BRD in Berlin das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR zuständig ist. Soweit war im Protokoll alles vereinbart und mit Briefwechsel vom 5. April 1974 wurde festgelegt, dass das Protokoll am 2. Mai 1974 in Kraft treten soll. An diesem Tage wurden dann die Ständige Vertretung der DDR in Bonn in der Godesberger Allee 18 und die Ständige Vertretung der BRD in Berlin zunächst im damals existierenden Hotel „Unter den Linden" (inzwischen abgerissen), etwas später dann endgültig in der Hannoverschen Straße, eröffnet.

Damit hatte der Streit um die unterschiedlichen Positionen jedoch kein Ende. Aus Bonn wurde weiter versucht zu demonstrieren, dass es sich nicht um diplomatische Beziehungen handelte. Das geschah teilweise mit recht kuriosen Mitteln. So führten zwar die Fahrzeuge der DDR-Vertretung die in der Bundesrepublik üblichen diplomatischen Kennzeichen, aber man gab für die DDR nicht die nächstfolgende Nummer aus, sondern ließ einige Ziffern frei. 1974 war man bei den Autonummern für CD-Fahrzeuge bis 0-147-1. Die DDR erhielt nicht die 148 sondern die 160. Außerdem durften ihre Fahrzeuge nicht den sonst in der Bundesrepublik damals vorgeschriebenen Aufkleber „CD" an den Fahrzeugen führen. Als dann einige Zeit später Fahrzeuge der DDR-Vertretung im Freistaat Bayern unterwegs waren, wurden sie von der Polizei angehalten und die Fahrzeugführer sehr nachhaltig aufgefordert, den Aufkleber „CD" anzubringen, da ansonsten  das diplomatische Kennzeichen keine Gültigkeit habe. Es hat gedauert, bis die „Feinheiten" der Bonner Beamten auch bei der freistaatlichen bayrischen Polizei angekommen waren. Ansonsten musste man aber in der Bundeshauptstadt akzeptieren, dass der Leiter der Ständigen Vertretung der DDR und ihre Mitglieder diplomatische Ränge führten, die auch in dem von der Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes herausgegebenen CD-Verzeichnis korrekt aufgeführt wurden. Der Leiter hatte den Titel „Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter", sein Vertreter war Gesandter. Die Bonner Vertreter in Berlin erhielten jedoch von ihrer Zentrale nur innerstaatliche Ränge. Der Leiter war Staatssekretär und dann kamen Ministerialdirigenten und andere innerstaatliche Beamtenränge. Das sorgte in Berlin im diplomatischen Corps für reichlich Verwirrung. Wusste man doch nicht, wie man die Damen und Herren aus Bonn nach den diplomatischen Regeln einordnen sollte. Dazu gab es zahlreiche Anfragen von ausländischen Botschaften im DDR-Außenministerium. Außerdem fühlten sich die Damen und Herren auch selbst nicht wohl. Ständig mussten sie ihre Titel erläutern.

Das von Bonn betriebene Gerangel um Titel, Ränge und Bezeichnungen führte noch bis Anfang der achtziger Jahre zu manchen Schmunzeleien, dann waren auch auf diesem Gebiet Vernunft und Realität bestimmend.

Hier nur einmal ein Beispiel für diese Plänkeleien, das der Autor selbst erlebt hat: 1979 besuchte das schwedische Königspaar offiziell die Bundesrepublik. Wie bei Besuchen von Staatsoberhäuptern in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn üblich, wurde dem König das diplomatische Corps in der „Redoute" in Bad Godesberg vorgestellt. Da sich der Leiter der DDR-Vertretung zu diesem Zeitpunkt nicht in der Bundesrepublik aufhielt, musste diese Verpflichtung sein Stellvertreter - der Gesandte - als Geschäftsträger ad interim wahrnehmen. Ein hoher Protokollbeamter verkündete lautstark bei der jeweiligen Begrüßung die Titel der vortretenden Diplomaten. Als der DDR-Gesandte an der Reihe war, hätte der Beamte - wie bei den Vertretern anderer Staaten - verkünden müssen: „Der Geschäftsträger der Deutschen Demokratischen Republik, Herr...". Aber er verkündete entgegen den diplomatischen Regeln: „Der Vertreter des Leiters der Ständigen Vertretung der DDR." Das war gegenüber dem hohen schwedischen Gast ein Affront, den das Auswärtige Amt begangen hatte. Das geschah nur zu einem Zweck: Im Falle der DDR sollten keine diplomatischen Regeln praktiziert werden. Trotzdem begrüßte der schwedische König den DDR-Vertreter freundlich. Die DDR protestierte natürlich sofort beim Auswärtigen Amt und beim Bundeskanzleramt. Man versprach eine Prüfung des Vorfalles.

Warum war das einen Protest wert? Erstens ging es um die Gleichbehandlung der DDR-Vertretung nach den Regeln des diplomatischen Protokolls und genau das hatte Bonn verhindern wollen. Zweitens ging es darum, dass nach der Art und Weise der erfolgten Vorstellung des Geschäftsträgers der DDR die schwedische Seite annehmen konnte, dass der Leiter der DDR-Vertretung den König Schwedens nicht begrüßen wollte und deshalb seinen Vertreter geschickt hatte. Wäre aber dieser Vertreter korrekt als Geschäftsträger vorgestellt worden, dann wäre eindeutig klargestellt gewesen, dass der Leiter der DDR-Vertretung - also der Botschafter - nicht im Lande war und den König gar nicht begrüßen konnte.

Das Spiel hatte noch eine weitere für Bonn peinliche Folge: Wenige Wochen später besuchte Papst Johannes Paul II. die Bundesrepublik. Alle Botschafter und Geschäftsträger wurden auf dem Flugplatz Köln-Bonn bei strömendem Regen unter einem Vordach in einer langen Reihe zur Begrüßung aufgebaut. Der Papst schritt nach seiner Ankunft und dem Küssen des Bonner Betons in Begleitung von Außenminister Genscher die Reihe ab und begrüßte mit Handschlag zunächst die Botschafter und danach die Geschäftsträger. Ein hoher Protokollbeamter des Auswärtigen Amtes „flüsterte" sehr laut dem deutsch sprechenden Papst von hinten die Titel der jeweils Begrüßten zu. Als der Geschäftsträger der DDR an der Reihe war wurde der Herr vom Protokoll unsicher. Er erinnerte sich offensichtlich an den Eklat beim schwedischen König. Nachdem er dreimal mit falschen Bezeichnungen Anlauf genommen hatte, rettete Außenminister Genscher die Situation, indem er von hinten rief: „Das ist der Geschäftsträger der DDR, Herr...". Eine Begleiterscheinung war, dass dem Geschäftsträger der DDR länger von Papst Johannes Paul II. die Hand gehalten wurde, als das bei den anderen Diplomaten der Fall  war. Nur beim polnischen Botschafter hatte die Begrüßung länger gedauert, was bei einem polnischen Papst auch verständlich war. Angesichts der damals noch nicht existierenden Beziehungen zwischen der DDR und dem Vatikan wollten viele Diplomaten anschließend wissen, um was es in dem „Gespräch" mit dem Papst gegangen sei. Die „lange" Begrüßung des DDR-Vertreters durch den Papst vor den Livekameras des Fernsehens hatte Aufsehen erregt, was aber Bonn eigentlich hatte vermeiden wollen.

Wie war die DDR-Vertretung in Bonn strukturiert, wie arbeitete sie, was waren ihre Aufgaben?

Die DDR-Vertretung war aufgebaut wie andere Botschaften der DDR in vergleichbaren Ländern. An der Spitze stand der Leiter im Range eines Botschafters als höchster Repräsentant der DDR in der Bundesrepublik. Er hatte einen Gesandten als Vertreter. Die Vertretung hatte - wie bei Botschaften üblich - eine politische Abteilung, eine Abteilung Presse/Kultur, eine Konsularabteilung, eine wissenschaftspolitische, eine verkehrspolitische und eine handelspolitische Abteilung. Daneben gab es die Bereiche, die für die Gewährleistung der inneren Verwaltungsarbeit und für die Sicherheit der Vertretung erforderlich waren. Insgesamt hatte die Vertretung stets zwischen 80 und 90 Mitarbeitern, was der mit der Bundesrepublik vereinbarten Zahl entsprach. Die BRD-Vertretung in Berlin hatte etwa die gleiche Größe.

Die Handelspolitische Abteilung hatte ihren Sitz nicht in Bonn, sondern in Düsseldorf. Sie nutzte dort das Gebäude des früheren Büros des Ministeriums für Außenhandel, das schon vor Errichtung der Ständigen Vertretung existierte. Zur DDR-Vertretung in Bonn gehörte auch eine kleine Schule für die Klassenstufen l bis 4 und ein Kindergarten für Kinder der Mitarbeiter. Die Verbindungen mit der Zentrale in Berlin wurden über Funk und diplomatische Kuriere aufrechterhalten. Auch das war mit Bonn so vereinbart - daher auch die große Antenne auf dem Dach der Vertretung, die dann 1990 die Boulevardpresse so stark beschäftigte. Übrigens waren solche Antennen das typische Kennzeichen für fast alle Botschaften in Bonn.

Die DDR hat in Bonn wie auch in anderen Ländern großen Wert darauf gelegt, dass in der diplomatischen Tätigkeit die Gesetze des Gastlandes konsequent beachtet wurden. Wenn es dann doch zu Verstößen kam, hat die DDR-Vertretung gegenüber ihren Mitarbeitern sehr streng reagiert und betroffene Mitarbeiter nach Hause geschickt, wo sie nach DDR-Gesetzen bzw. Dienstanweisungen zur Verantwortung gezogen wurden. Das war auch in der BRD bekannt. So gab es z.B. im Bonner „Generalanzeiger" regelmäßig eine Statistik über Verkehrsdelikte - meist Parkvergehen - diplomatischer Vertretungen, die so genannte Knöllchenstatistik. Obwohl die Mitarbeiter der DDR-Vertretung sehr viel hinter dem Steuer der Autos sitzen mussten, war in den meisten Fällen nur noch die päpstliche Nuntiatur besser. An der Spitze dieser Statistik - im negativen Sinn - stand meist die sowjetische Botschaft.

Nach dem Ende der DDR wurde in den Medien oft die Behauptung aufgestellt, dass die DDR-Vertretung in Bonn ein Spionagezentrum gewesen sei. Das stimmt überhaupt nicht. Sicher kann man davon ausgehen, dass es unter den Mitarbeitern einige OibE oder IM des Ministeriums für Staatssicherheit gegeben hat. Doch auch beim MfS war das Bemühen festzustellen, dass der Status der Vertretung nicht durch geheimdienstliche Tätigkeiten gefährdet werden darf.

Wenn nach 1990 in den Medien behauptet wurde, dass die Anfertigung von Berichten über die Lage in der BRD, über die Tätigkeit der Parteien usw. durch die Vertretung Spionagetätigkeit gewesen sei, dann ist das völliger Unsinn. Die Anfertigung solcher Berichte ist Aufgabe jeder diplomatischen Vertretung und wurde auch von der Ständigen Vertretung der BRD in Berlin praktiziert. Hauptaufgabe der Ständigen Vertretung der DDR in der BRD war es, die Entwicklung in der BRD zu beobachten, einzuschätzen und davon ausgehend Vorschläge für die Gestaltung der Politik der DDR gegenüber der BRD zu unterbreiten sowie bei der Umsetzung entsprechender Festlegungen der Zentrale in Berlin mitzuwirken. Die zweite Hauptaufgabe war die Wahrung der Interessen der DDR in der Bundesrepublik. Formal wurde die Vertretung durch das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten angeleitet. Aber die zunehmende Deformierung der staatlichen Strukturen der DDR durch die SED-Führung führte dazu, dass sich das Zentralkomitee, aber auch Fachministerien über alle Weisungsbefugnisse hinwegsetzen konnten und die Vertretung als ihr Organ betrachteten. Besonders krass wurde das in den achtziger Jahren, als infolge des wachsenden Einflusses von Politbüromitglied Günter Mittag auch in den Beziehungen zur BRD nur noch die Ökonomie zählen sollte. Es wurde ein Kurs durchgesetzt, der jeden Mitarbeiter für die Erfüllung ökonomischer Zielstellungen verantwortlich machte. Aus den Fachministerien in Berlin kamen dann sich teilweise widersprechende Anweisungen. In der Praxis sah dann vieles anders aus, und oft waren die Mitarbeiter zur Unehrlichkeit gezwungen. Sie mussten über stolze ökonomische Ergebnisse berichten, die sie in ihrer eigentlichen Arbeit, beispielsweise in der konsularischen Tätigkeit, gar nicht erbringen konnten.

Insgesamt muss man leider feststellen, dass die SED-Führung die Rolle und die Möglichkeiten der Vertretung in Bonn nie richtig begriffen hat. Oft wurden politische und ökonomische Schritte an der Vertretung vorbei über „Sonderbeauftragte" vorbereitet. Die Vertretung war über solche Maßnahmen nicht informiert und musste dann bei den Beamten im Bundeskanzleramt „auf den Zahn fühlen", um zu erfahren, ob z. B. DDR-Staatssekretär Schalck-Golodkowski in Bonn war und um was es dabei gegangen ist. Es mag auch Misstrauen oder Bequemlichkeit der obersten Führung gewesen sein, dass sie wichtige Dinge lieber selbst mit dem Leiter der BRD-Vertretung in Berlin besprach, ohne die eigene Vertretung in Bonn einzuschalten.

Wenn die Vertretung die genannten Aufgaben erfüllen wollte, brauchte sie in erster Linie Kontakte zu Politikern, Parlamentariern, Vertretern der Öffentlichkeit, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kultur u. a. Wie bei allen anderen Aufgabengebieten lag dabei die Hauptverantwortung beim Leiter der Vertretung. Die wichtigsten Kontaktpartner wie Bundeskanzler, Ministerpräsidenten der Bundesländer, Minister, Partei- und Fraktionsvorsitzende, Konzernchefs usw. konnten nur vom Leiter wahrgenommen werden, d. h. dieser Personenkreis spricht mit keinem niedrigeren Partner. Regelmäßig führten offizielle Besuche den Botschafter in die Bundesländer, was die Ministerpräsidenten zu schätzen wussten. Diese Besuche hatten fast den Charakter von Staatsbesuchen. Bereits an der Landesgrenze wurde der Botschafter von einem Beauftragten des Ministerpräsidenten begrüßt und dann mit Polizeieskorte in die Landeshauptstadt begleitet. Angesichts des föderalen Systems der BRD hatten die in den Bundesländern geführten Gespräche besonderes Gewicht.

Gemeinsam mit dem Handelsrat besuchte der Botschafter sehr oft große Konzernunternehmen, was unmittelbar der Förderung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der DDR und der BRD diente. Mit der Zeit war zu spüren, dass die Konzernchefs an solchen Besuchen ein großes Interesse hatten. Im Laufe der Jahre konnte die Vertretung auf diesem Gebiet umfangreiche Kontakte entwickeln.

Besonders intensiv waren die Kontakte zu Abgeordneten des Deutschen Bundestages. In den achtziger Jahren verging kein Tag, an dem nicht mindestens ein Diplomat der DDR im Bundeshaus, dem "langen Eugen", zu Gesprächen mit Abgeordneten weilte. Zunehmend wurde in diese Kontakte auch die CDU einbezogen, die sich bis zur Regierungsübernahme 1982 mit Kontakten zur DDR schwer getan hatte. Es gab in der Vertretung keinen Diplomaten, der nicht einen festen Kontakt zu mindestens einem Abgeordneten hatte. Übrigens war auch das Interesse der Abgeordneten an solchen Kontakten sehr groß. Sie brachten sich sehr nachdrücklich in Erinnerung, wenn sie das Gefühl hatten, dass das letzte Gespräch mit der DDR schon zu lange zurücklag.

Um was ging es in den Gesprächen mit den Parlamentariern? Den Vertretern der DDR ging es darum, Meinungen zur Politik und zur Entwicklung in der BRD zu erfahren sowie um die Möglichkeit, die Politik der DDR zu erläutern. Bei den Abgeordneten waren es unterschiedliche Absichten und Interessen. Manche wollten einfach, dass m der DDR ihre Position bekannt wurde. Das betraf sowohl regierungskonforme als auch oppositionelle Standpunkte. Andere wiederum wollten nur den Standpunkt der DDR zu dieser oder jener Frage kennen lernen. Es gab aber auch Abgeordnete, die bestimmte Anliegen an die Adresse der DDR hatten. Meist waren es Reiseangelegenheiten von Menschen aus den Wahlkreisen oder man wollte selbst die DDR besuchen und dabei hochrangige Gespräche führen, möglichst mit Erich Honecker. Manchmal wirkte das ganz schön vermessen. Es gab aber auch Parlamentarier, die im Bundeshaus einfach zeigen wollten, wie wichtig man für die Vertreter der DDR war. Es gab sogar Abgeordnete vor allem aus der SPD und der FDP, die die DDR-Diplomaten zu Veranstaltungen in ihren Wahlkreis einluden, um sie dort vorzustellen.

Sehr aufmerksam wurden in Bonn die regelmäßigen Gesprächsrunden des Leiters der Ständigen Vertretung der DDR mit den Führungsgremien von SPD und FDP beobachtet. Diese Begegnungen fanden abwechselnd in der Residenz des DDR-Botschafters oder an einem von der SPD oder der FDP festgelegtem Ort statt. Die SPD hat die DDR-Diplomaten meist in Bonner Landesvertretungen SPD-regierter Bundesländer eingeladen und damit offensichtlich auch die finanzielle Seite der Angelegenheit abgedeckt. Von der SPD waren bei diesen Begegnungen meist stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende bzw. Fraktionsgeschäftsführer zugegen. Zu den häufigsten Teilnehmern in der ersten Hälfte der achtziger Jahre gehörten u. a. Egon Bahr, Horst Ehmke, Hans-Jürgen Wischnewski, Helmuth Becker, Karsten Voigt, Margitta Terborg, Gerhard Jahn, Hans Büchler.

Auch die FDP widmete diesen Begegnungen allergrößte Aufmerksamkeit und fast immer waren der damalige Parteivorsitzende, Vizekanzler und Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der Fraktionsvorsitzende Wolfgang Mischnick anwesend. Die FDP veranstaltete diese Begegnungen im Gästehaus des Auswärtigen Amtes auf dem Venusberg und als dort einmal renoviert wurde, fand das Treffen mit den DDR-Vertretern sogar direkt im Auswärtigen Amt statt. Neben Genscher und Mischnick waren solche damals bekannten FDP-Politiker dabei wie Uwe Ronneburger, Dieter-Julius Cronenberg, Torsten Wolfgramm, Hans-Günter Hoppe u. a.

Diese Begegnungen gaben reichlich Stoff für Berichte nach Berlin. Dazu muss man sagen, dass die bundesdeutschen Politiker immer davon ausgegangen sind, dass über ihre Aussagen nach Berlin berichtet wird. Wenn sie Grund zu der Annahme gehabt hätten, dass die Vertretung nicht berichtet, dann hätten sie nicht eine Minute ihrer Zeit für diese Begegnungen verschwendet.

Die offiziellen Kontakte der DDR-Vertretung zu bilateralen Fragen bestanden zum Bundeskanzleramt. Dort hatte man eine Art Mini-Auswärtiges Amt geschaffen, dass sich mit den Beziehungen zur DDR befasste. Oft wurden dort die Anliegen der DDR nur entgegengenommen und an das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen weitergegeben. Damit war das Problem gelöst, dass dieses Ministerium von der DDR nicht akzeptiert wurde und DDR-Vertreter nie offiziell ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses gesetzt haben.

Besonders wichtige Fragen wurden vom Leiter der Ständigen Vertretung der DDR beim Chef des Bundeskanzleramtes bzw. später dann beim Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben vorgetragen. Der bestellte auch umgekehrt den obersten Repräsentanten der DDR, wenn es von Seiten der BRD besonders wichtiges zu bereden gab. Wenn es um Proteste ging, erklärte man dann auf Bonner Seite, dass der Leiter der DDR-Vertretung „einbestellt" worden sei. Daneben gab es eine Vielzahl von Einzelfragen, die täglich bei Beamten des Arbeitsstabes Deutschland-Politik im Bundeskanzleramt erörtert wurden. Neben den inhaltlichen Sachproblemen gehörten dazu die vielen Proteste. Wenn beispielsweise Flugzeuge aus der BRD kommend den Luftraum der DDR verletzten, dann musste die DDR-Vertretung ganz schnell im Kanzleramt protestieren. Es gehörte zu den Überempfindlichkeiten der DDR, dass dann aus Berlin die Forderung kam, möglichst noch am Sonntagabend diesen Protest anzubringen. Oft hat das in der DDR dafür zuständige Ministerium für Nationale Verteidigung die vom Vorsitzenden des Verteidigungsrates, Erich Honecker, bestätigte Pressemeldung über den Protest in Bonn veröffentlicht, bevor die Vertretung überhaupt wusste, dass sie protestieren soll. Das Außenministerium in Berlin ist gegen diese unseriöse Praxis häufig - aber ohne Erfolg - Sturm gelaufen.

Nach 1990 wurde oft die Frage gestellt, wie angesichts der vielen Proteste und Zuspitzungen das Klima in den Kontakten mit den Bonner Beamten war. Es gehört zu den Realitäten der deutsch-deutschen Diplomatie der Jahre 1974 bis 1990, dass man auf beiden Seiten auseinander zu halten wusste, was der staatliche Auftrag und was der persönliche Kontakt war. Die Beamten in Bonn sind immer davon ausgegangen, dass sie den Vertreter des Staates DDR vor sich hatten, der seinen Staat repräsentierte, den man als diplomatischen Vertreter eines anderen Staates zu behandeln hatte. Die leitenden Beamten des Arbeitsstabes im Kanzleramt, die oft ursprünglich aus den Auswärtigen Amt oder dem Ministerium für innerdeutsche Beziehungen kamen, gingen sehr realistisch an die Dinge heran, waren kompetent und vertraten ihren Staat. In den Gesprächen wurden auch des Öfteren „inoffiziell" Meinungen darüber ausgetauscht, wie man bestimmte Probleme lösen könne, ohne dass eine der beiden Seiten das Gesicht verliert. Es ging dann immer das von Bonn geprägte Wort um: „Nun wollen wir gemeinsam überlegen, wie wir die Kuh vom Eis holen." Übrigens ging es wirklich einmal um eine Kuh, die durch die Elbe geschwommen und sich an den wahrscheinlich saftigeren „Westweiden" erfreuen wollte. Ihre komplizierte Rückführung in die DDR war das Thema einiger Gespräche im Bundeskanzleramt. Auch andere „Grenzgänger" dieser Art - wie Schafe und Jagdfalken - konnten Diplomaten und Beamte - natürlich nur am Rande -beschäftigen.

Über die offiziellen Kontakte hinaus hatten die Mitarbeiter der DDR-Vertretung natürlich auch persönliche Kontakte zu ihren ständigen Gesprächspartnern. Nachdem das offizielle Thema hinreichend behandelt war, sprach man über die Familie oder über kulturelle Ereignisse. Auch die Ehefrauen hatten sich bei verschiedenen Begegnungen kennen gelernt. Es gab Einladungen der DDR-Diplomaten in die Wohnungen der Beamten und umgekehrt. Oft wurden beim Abendessen sehr nützliche Gespräche geführt. Die gemeinsame Sprache und der gemeinsame Kulturkreis führten dazu, dass solche Gespräche in der deutsch­deutschen Diplomatie sehr intensiv und nützlich waren.

Die DDR-Vertretung hatte jedoch nicht nur Kontakte zum Bundeskanzleramt. Je nach Aufgabenbereich bestanden Arbeitsbeziehungen zu allen Bundesministerien mit Ausnahme des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen. Hinsichtlich dieses Ministeriums ist das aber nur die halbe Wahrheit. Offiziell wurden keine Gespräche geführt mit Ausnahme der Antrittsbesuche der jeweiligen Leiter der Ständigen Vertretung beim Minister. Aber es gab Kontakte zu den leitenden Beamten dieses Ministeriums, die dann außerhalb dieses Hauses im Restaurant oder bei diplomatischen Veranstaltungen stattfanden. Die Kontakte bzw. Gespräche waren sehr nützlich, denn die Beamten wirkten direkt an der Gestaltung der Beziehungen mit und hatten gegenüber Vertretern anderen Bundesbehörden eine koordinierende Funktion. Man muss ihnen bescheinigen, dass sie die Dinge oft sehr realistisch sahen und auch bereit waren einzukalkulieren, was für die DDR zumutbar war. Allerdings mussten die DDR-Diplomaten mit Berichten über solche Gespräche an ihre Zentrale zurückhaltend sein. Dieses Ministerium hatte den falschen Namen. Wenn Bonn es z.B. Bundesministerium für Fragen der Beziehungen zur DDR genannt hätte, dann hätte die DDR sich sicher damit abfinden müssen. Es gab übrigens in diesem Ministerium Beamte, die der Idee einer solchen Namensänderung recht aufgeschlossen gegenüberstanden.

Von besonderer Bedeutung waren für die DDR die Kontakte der Vertretung zum Auswärtigen Amt. Zunächst waren sie allerdings am Kompliziertesten, da Bonn verhindern wollte, dass die DDR-Vertretung wie eine Botschaft agieren kann und die Beziehungen zur DDR wie auswärtige Beziehungen behandelt werden. Da es aber auch im Auswärtigen Amt Interesse an Gesprächen gab, wurden Auswege gesucht und gefunden. So traf sich beispielsweise in bestimmten Abständen der so genannte „Lochmühlenkreis", benannt nach einem Restaurant im Ahrtal bei Bonn. Beamte aus dem Referat 210 des Auswärtigen Amtes und ihr Leiter trafen dort regelmäßig den Gesandten und weitere Diplomaten der DDR-Vertretung. Man tauschte Meinungen zu internationalen Problemen und Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen aus.

Erst als in den achtziger Jahren auch die Kontakte zum Auswärtigen Amt zur Normalität geworden waren und sogar Konsultationen zwischen den Außenministerien stattfanden, konnte man die inoffiziellen Kontakte einschränken. Problematisch blieb es aber bis zuletzt. Wenn die DDR-Vertretung ein Problem hatte, das nur das Auswärtige Amt betraf, musste sie es vorher im Kanzleramt vortragen. Erst danach bestand die Möglichkeit, bei den zuständigen Beamten des Auswärtigen Amtes vorzusprechen. Selbst der Bundesminister des Auswärtigen musste inkognito bleiben, wenn er Veranstaltungen der DDR-Vertretung besuchen wollte. Als z.B. der DDR-Botschafter zu einem Konzert der Halleschen Philharmonie in die Stadthalle Bad Godesberg eingeladen hatte, wollte Außenminister Genscher als gebürtiger Hallenser mit seiner Familie unbedingt teilnehmen. Ein verständlicher Wunsch. Hans-Dietrich Genscher kam mit Privatwagen ohne Fahrer und ohne Sicherheitsbeamte, ein in Bonn völlig ungewöhnlicher Vorgang zur damaligen Zeit. Es hätte auch alles geklappt, wenn der Außenminister nicht nach dem Konzert bei strömenden Regen vor der Stadthalle auf den Ikarus-Bus der Musiker aus Halle aufgefahren wäre. Eigentlich war auch das kein Problem. Doch die DDR-Vertretung wurde vom Auswärtigen Amt um Diskretion gebeten und schon am nächsten Tag erschien ein Mitarbeiter des Ministers, um die kleine Reparatur am Bus aus Halle in bar zu bezahlen. Die DDR-Vertretung hat über die Sache wirklich in alle Richtungen geschwiegen, nicht einmal Berlin wurde informiert. Trotzdem brachte es nach einigen Tagen ein Boulevard-Magazin und sofort stellten mehrere Pressekommentare die Frage, was der Außenminister auf einer Veranstaltung der DDR-Vertretung zu suchen hätte.

Ungeachtet dieses Ereignisses am Rande kann man heute sagen, dass sich die Beziehungen und Kontakte zum Auswärtigen Amt gut entwickelt haben. Es gab sehr nützliche Abstimmungen zu internationalen Ereignissen und wichtige Meinungsaustausche zu Grundfragen der internationalen Entwicklung.

Wenn man über die Rolle der DDR-Vertretung in Bonn schreibt, kann man ohne Übertreibung sagen, dass sich die Vertretung im Laufe der Zeit zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Adresse entwickelt hat. Die vom Botschafter der DDR in der Godesberger Stadthalle oder in der Redoute jährlich gegebenen Empfänge anlässlich des Nationalfeiertages am 7. Oktober waren schon ein Anlass für bestimmte Bonner Kreise, stolz auf die erhaltene Einladung zu diesem Ereignis zu sein. Es war nicht nur das offizielle Bonn vertreten, sondern auch die Repräsentanten von Wirtschaft, Kultur und viele Journalisten. Es gibt Beispiele dafür, dass Chefs großer Konzernunternehmen mit Privat- oder Charterflugzeugen in Bonn anreisten, nur um am Empfang der DDR-Vertretung teilzunehmen. Das offizielle Bonn schickte dazu immer den Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen. Das ärgerte zwar die DDR, aber indem sie das akzeptierte, ermöglichte sie die Teilnahme weiterer Bundesminister. Neben diesen Empfängen gab es andere Anlässe für Begegnungen. So fanden auf Einladung des DDR-Botschafters in dessen Residenz oder auf Villa „Hügel" in Essen Liederabende mit weltbekannten Künstlern aus der DDR, Konzerte großer Orchester und vieles mehr statt. Bei Arbeitsessen in der DDR-Vertretung trafen sich oft bundesdeutsche Politiker, die sich sonst wegen ihrer unterschiedlichen Parteizugehörigkeit nicht hätten unbemerkt von der Presse unterhalten können.

Solche Begegnungen fanden meist in der Residenz des DDR-Botschafters in Hersel, einem kleinen Dorf nördlich von Bonn, statt. Dieses Dorf, zu der Zeit eine Hochburg der CDU, war übrigens stolz darauf, dass der DDR-Botschafter zu seinen zeitweiligen Einwohnern zählte. Schließlich empfing er jährlich den dortigen Karnevalsverein, was im Rheinland wichtiger ist als manches Politikertreffen.

Was die gesellschaftlichen Anlässe betraf, da hätte die DDR eigentlich noch ein viel breiteres Betätigungsfeld gehabt. Das scheiterte jedoch nicht an den Bedingungen in Bonn, sondern an den finanziellen Möglichkeiten. Schließlich waren es „Valutamittel" der DDR, die dafür ausgegeben werden mussten. Die wurden jedoch von der Zentrale in Berlin immer weiter gekürzt.

Eine weitere Aufgabe der Vertretung war die Betreuung von Delegationen und Persönlichkeiten aus der DDR. Im Gefolge der Entwicklung der Beziehungen entwickelte sich dieser Bereich immer stärker und überstieg oft die materiellen Möglichkeiten der Vertretung. Waren es in der ersten Zeit des Bestehens der Vertretung meist Delegationen auf der so genannten Arbeitsebene, so kamen später immer mehr offizielle Besuche hochrangiger Persönlichkeiten hinzu. Unter anderem wurde der jährliche Besuch von Politbüromitglied Günter Mittag zur Hannover-Messe von Bonner Seite zu einem Staatsbesuch hochstilisiert. Das brachte auch für die Vertretung zusätzliche Aufgaben.

Es war schon wichtig, dass immer mehr Politiker und Wirtschaftsmanager der DDR die BRD besuchten. Bei der Betreuung dieser Personen  war sehr oft festzustellen, dass gerade bei ihnen sehr eingeschränkte Vorstellungen über die BRD bestanden und man konnte dann miterleben, wie manches Klischee zerfiel. Das war für die weitere Entwicklung der Beziehungen von großer Bedeutung.

Wie alle DDR-Botschaften hatte auch die Ständige Vertretung der DDR in der Bundesrepublik konsularische Aufgaben wahrzunehmen. Das erfolgte hauptsächlich durch die Konsularabteilung, die durch einen Konsul geleitet wurde. Das Spektrum der Tätigkeit dieser Abteilung war sehr breit. In großer Zahl wurden Visa zum Besuch der DDR erteilt und es gab Tage, da standen Kraftfahrer und Bodyguard's hochgestellter Persönlichkeiten der BRD Schlange, um die Visa für ihre Chefs abzuholen und dafür zu bezahlen. Manche legten auch Pässe vor, die sie nur für Reisen in die DDR benutzten. Man sollte eben ansonsten in der übrigen Welt anhand der Visastempel nicht sehen, wie oft die DDR besucht wurde.

Zu den Aufgaben des Konsularbereiches gehörte die Betreuung von Bürgern der DDR, die sich in der BRD aufhielten. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe gab es die größten Probleme, da die BRD nach Artikel 118 ihres Grundgesetzes alle „Deutschen" automatisch als ihre Staatsbürger behandelte. Damit verhinderten die Staatsorgane der BRD den Kontakt der DDR-Vertretung zu den DDR-Bürgern. Das führte wiederum zu ständigen Protesten der DDR mit den damit verbundenen Zuspitzungen. Eine große Ausnahme gab es: Wenn DDR-Bürger in der BRD inhaftiert wurden, meist wegen geheimdienstlicher Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit, dann akzeptierten die BRD-Organe, dass es sich um DDR-Bürger handelte. Das hatte einen einfachen Grund: Die BRD wollte die Betreuung von in der DDR inhaftierten BRD-Bürgern durch ihre Ständige Vertretung in Berlin nicht gefährden. So kam es, dass die Mitarbeiter der Konsularabteilung auch viele Gefängnisse in der BRD besuchen mussten. Die prominentesten DDR-Bürger, die es in der Haftanstalt zu betreuen galt, waren Christel und Günter Guillaume, die unmittelbar vor Eröffnung der Vertretung 1974 verhaftet worden waren.

Aber es gab auch immer wieder ganz normale DDR-Bürger, die sich während ihres Aufenthaltes in der BRD mit der Bitte um Unterstützung an die Konsularabteilung wandten. Dazu gehörten Dienst- und Geschäftsreisende, die sich von Geheimdiensten der BRD und anderer NATO-Staaten bedrängt fühlten, die sie zur Agententätigkeit anwerben wollten. Sicher haben sich nicht alle gemeldet, aber die Methoden, die man auf diese Art zu erfahren bekam, waren schon manchmal ziemlich haarsträubend. Hier musste den DDR-Bürgern schnell geholfen werden, damit sie unbeschadet in die DDR zurückkehren konnten.

Natürlich haben die Mitarbeiter der Konsularabteilung auch noch viele andere Aufgaben zu erfüllen gehabt, die dem ganz normalen konsularischen Dienst entsprachen. Ihre Tätigkeit diente ganz wesentlich der Durchsetzung der Interessen der DDR als Staat und ihrer Bürger.

Übrigens - auch das muss festgestellt werden - mit solchen Dingen wie Häftlingsfreikauf und Agentenaustausch hatte die DDR-Vertretung nie etwas zu tun.

Wenn man über die Arbeit der DDR-Vertretung schreibt, kann man nicht abschließen, ohne nicht noch einige Sätze zur Stellung dieser Vertretung im diplomatischen Corps in Bonn festzuhalten. Es war das Ziel des offiziellen Bonn, zu verhindern, dass die DDR-Vertretung eine normale diplomatische Vertretung wird. Dafür gab es jedoch in den weit über 140 Botschaften in Bonn kein Verständnis, auch nicht bei den Verbündeten der BRD. Die DDR-Vertretung wurde von allen Seiten gleichberechtigt behandelt und man sah auch in den Botschaften solcher Staaten wie den USA, Großbritannien und Frankreich in der DDR-Vertretung die Botschaft der DDR. Das war zweifellos auch darauf zurückzuführen, dass die DDR-Diplomaten über große Kompetenz verfügten, gegenüber den Vertretern aller Länder sehr offen und verbindlich auftraten und über gute Informationen verfügten. Man wusste m den Botschaften zu schätzen, dass deutsche Diplomaten auf deutschem Boden vieles besser verstehen und interpretieren konnten und außerdem sah man, dass die DDR-Diplomaten eben öfter im Bundeskanzleramt waren als Diplomaten anderer Staaten.

Bei den Vertretern anderer sozialistischer Staaten war das manchmal auch mit einem gewissen Argwohn verbunden, besonders in der sowjetischen Botschaft. Ansonsten bestanden zu den Botschaften der sozialistischen Länder enge Kontakte. Manchmal stimmten sie ihre Einschätzungen für ihre Zentrale mit der DDR-Vertretung ab oder wollten sogar Material für solche Einschätzungen haben.

Die Kontakte zwischen den Botschaften unter Einbeziehung der DDR waren sehr vielgestaltig. Die Enge und die Provinzialität der damaligen Bundeshauptstadt Bonn brachten es mit sich, dass man sich ständig traf. Es war wirklich so, dass von Montag bis Freitag Empfänge stattfanden und man überall fast denselben Leuten begegnete. Wenn man dann am Sonntag am Rhein einen Spaziergang machte, konnte man wieder die gleichen Leute begrüßen, und wanderte man auf der Höhe des Kottenforstes, dann traf man den Außenminister und seine Frau auf dem Fahrrad. Insofern hatte die Provinzialität auch ihr Gutes, denn viele der Leute hatten immer eine kleine Information. Die konnte man gebrauchen.

Noch ein Wort dazu, wie die Ständige Vertretung der DDR in Bonn untergebracht war und wie ihre Mitarbeiter lebten: Die DDR hatte in Bonn - Bad Godesberg bereits 1974 ein Bürogebäude als Vertretung und in Hersel eine kleine Villa als Residenz gekauft. Die Gebäude waren für ihren Verwendungszweck nicht sonderlich günstig, aber angesichts des vereinbarten Eröffnungstermins erfolgte der Kauf unter Zeitdruck und man musste nehmen, was gerade zum Verkauf angeboten wurde. Diese Immobilien, gekauft mit Geld aus dem Volksvermögen der DDR, sind dann 1990 zusammen mit dem gesamten Inventar kostenlos an die Bundesvermögensverwaltung gefallen, die sie teuer verkauft hat.

Die Mitarbeiter der Vertretung wohnten mit ihren Familien in angemieteten Wohnungen, in denen von Luxus keine Spur war. Es handelte sich meist um 3-Raum-Wohnungen von etwa 60 m². Sie waren von der DDR nahezu einheitlich möbliert, und so kam es, dass in fast jeder Wohnung die gleiche Schrankwand stand. Die Miete wurde von der Vertretung bezahlt, für Strom und sonstige Dienstleistungen mussten die Mitarbeiter selbst aufkommen. Ihr Gehalt bekamen sie unter Abzug aller Zuschläge in DDR-Währung. Für die tatsächliche Aufenthaltsdauer in Bonn, berechnet nach Tagen bzw. teilweise Stunden, erhielten sie je nach Familiengröße eine Auslandsentschädigung in DM, die das Leben in Bonn ohne größere Sprünge ermöglichte. Diese Summe wurde auf der Grundlage des so genannten Warenkorbes ständig vom Finanzministerium in Berlin geprüft und verschiedentlich auch reduziert.

Im Prinzip konnten sich die Mitarbeiter und ihre Familienangehörigen in der gesamten BRD frei bewegen. Sie waren mit dem Diplomaten- oder Dienstpass der DDR ausgestattet und erhielten vom Bundeskanzleramt einen Ausweis, der sie als Angehöriger der Ständigen Vertretung der DDR auswies und die Organe der BRD aufforderte, ihnen Hilfe und Unterstützung zu gewähren. Diese Ausweise waren identisch mit denen, die Botschaften ansonsten vom Auswärtigen Amt erhielten.

Es gab auch Gründe, die die Bewegungsfreiheit einschränkten. Ein Grund bestand darin, dass, wie in allen Botschaften, die prinzipielle Erreichbarkeit aller und die ständige Anwesenheit einer bestimmten Zahl von Mitarbeitern gewährleistet sein musste. Es existierte aber ein weiterer Grund: Es gehörte zur deutsch-deutschen Realität, dass die DDR-Vertretung fast ständig terroristischen Bedrohungen ausgesetzt war. Mal waren es anonyme Bombendrohungen und ein anderes Mal waren es Entführungsdrohungen gegenüber Mitarbeitern und Familienangehörigen einschließlich der Kinder. Oft sollten damit Ausreisen aus der DDR oder Haftentlassungen erpresst werden. Manchmal waren die Gründe zumindest für die Vertretung nicht erkennbar. So geschah es, dass die Vertretung über mehrere Wochen von einer international operierenden Terrororganisation in Atem gehalten wurde. Man drohte mit Mord an leitenden Mitarbeitern und Bombenanschlägen gegen Gebäude und Fahrzeuge der Vertretung. Erst viel später wurde der Grund bekannt: Ein Mitglied dieser Terrororganisation war, aus der BRD kommend, in der DDR verhaftet worden.

Obwohl in diesen Fällen eine gute Zusammenarbeit mit der Bonner Polizei bestand, musste man derartige Drohungen immer wieder aus Verantwortung für die Mitarbeiter und ihre Familien ernst nehmen. Das brachte es mit sich, dass eben die Bewegungsfreiheit zeitweise eingeschränkt werden musste. Es gab bei diesen „Sicherheitsmaßnahmen" auch Überspitzungen. Aber bei solchen Dingen ist der Grat zwischen Notwendigkeit und Überspitzung sehr schmal.

Zu den deutsch-deutschen Realitäten gehörte, dass die DDR-Vertretung seit ihrer Eröffnung bis zur Schließung einer sehr sorgfältigen Überwachung durch die einschlägigen Dienste der Bundesrepublik unterlag. Diese Dienste wussten über die Vertretung und ihre Aktivitäten sehr gut Bescheid. Es gab immer wieder hinreichende Beweise dafür, dass der gesamte Telefonverkehr abgehört wurde. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Dinge gar nicht getarnt werden sollten. Man wollte zeigen, dass man „dran" ist. Oder wie sollte es sonst gewertet werden, wenn das gleiche Auto mit den gleichen jungen Männern einem leitenden Mitarbeiter der Vertretung quer durch die Bundesrepublik begleitete. Oft wäre es allerdings für viele Mitarbeiter beruhigender gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass ihnen die offiziellen Sicherheitsorgane der Bundesrepublik folgten und keine Terroristen.

Ansonsten wurden diese Dinge gelassen betrachtet. Ahnte man doch zumindest, dass in der DDR gegenüber der BRD-Vertretung etwa die gleichen Dinge praktiziert werden. Gebracht hat es sicher auf beiden Seiten nicht viel.

Zum DDR-eigenen Misstrauen gehörte es jedoch, dass persönliche Kontakte der Mitarbeiter nach außen nur im Rahmen der diplomatischen Tätigkeit möglich waren. Es war aber nicht so, dass diejenigen, die solche Kontakte haben durften, immer darüber berichten mussten. Damit wurde relativ normal umgegangen. Die Zentrale interessierte sich eigentlich nur für die inhaltlichen Fragen.

Insgesamt ist festzustellen, dass sich die Behörden der Bundesrepublik gegenüber den diplomatischen Vertretern des anderen deutschen Staates korrekt verhalten haben. Alle Privilegien und Immunitäten gemäß der Wiener Konvention über diplomatische Beziehungen wurden gewährt. Lediglich gegenüber den Mitarbeitern der Handelspolitischen Abteilung der Vertretung, die sich in Düsseldorf befand, traten hin und wieder Probleme auf. Dort gab es im Einwohnermeldeamt Leute, die nicht begreifen wollten, dass die Angehörigen der Abteilung offizielle Vertreter eines anderen Staates waren. Sie vereinnahmten die DDR-Vertreter, indem sie diese mit Wahlbenachrichtigung zur Teilnahme an Wahlen aufforderten. Oder sie drohten mit beträchtlichen Geldstrafen, wenn die Kinder nicht sofort in eine bundesdeutsche Schule geschickt würden. Diese Spiele wiederholten sich bei jeder Wahl und bei jeder Einschulung. Es war den Herren im Bundeskanzleramt immer wieder etwas peinlich, wenn der DDR-Konsul erschien und unter Protest ein ganzes Bündel solcher Wahlbenachrichtigungskarten auf den Tisch legte.

Betrachtet man die 16 Jahre Existenz der Ständigen Vertretung der DDR in der Bundesrepublik, so kann man feststellen, dass sie ein wichtiges Instrument in den deutsch-deutschen Beziehungen gewesen ist. Nach Abschluss des Grundlagenvertrages gehörte sie als Teil der Gestaltung der zwischenstaatlichen Beziehungen einfach dazu. Der sprunghaft gestiegene Umfang der Beziehungen wäre ohne sie nicht zu gestalten gewesen. Das gilt gleichermaßen für die Ständige Vertretung der BRD in der DDR. Schwerpunkt der Tätigkeit der DDR-Vertretung war die Mitwirkung an der Gestaltung der Beziehungen im Interesse der DDR, die sie zu vertreten hatte. Das galt auch für die Mitarbeiter. Sie waren diplomatische Vertreter eines souveränen Staates. Darüber hat es auch bei den Vertretern der Gegenseite nie einen Zweifel gegeben. Man hat diese Arbeit gewürdigt und, es gab bei der turnusmäßigen Beendigung der Tätigkeit vor allem leitender Mitarbeiter aus dem Mund des offiziellen Bonn immer wieder entsprechende Würdigungen.

Mancher Politiker der BRD hat es auch dem Engagement der DDR-Diplomaten zu verdanken, dass seine persönlichen Probleme gelöst und seine unmittelbaren Wünsche an die Adresse der DDR erfüllt werden konnten. Erst als die DDR aufgehört hatte zu existieren, wollte man dies schnell vergessen. Den letzten Vertretern der DDR in Bonn sprach man  ebenso wie auch allen anderen Mitarbeitern des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR noch die "besten Wünsche" aus und dankte ihnen. Dann schickte man sie in die Arbeitslosigkeit und gab ihnen im Entlassungsschreiben die schriftliche „Zusicherung" durch das Auswärtige Amt, dass für sie eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst der neuen alten Bundesrepublik nicht in Frage kommen dürfte.

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Der Autor: Jahrgang 1937, Diplom-Staatswissenschaftler, 1956 bis 1960 Studium an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften Potsdam-Babelsberg, 1960 bis 1990 im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten tätig,  In dieser Zeit 1965 bis 1968 Diplomat an der DDR-Botschaft in Moskau, danach wieder Mitarbeiter im MfAA, 1972 bis 1990 stellv. Leiter der Abteilung BRD im MfAA, dazwischen 1979 bis 1985 Gesandter und stellv. Leiter der Ständigen Vertretung der DDR in der BRD.

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