Rezension


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Rezension zu: Christian Jakob / Simone Schlindwein (2017): Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert, Ch. Links Verlag GmbH

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "WeltTrends" Nr. 137/März 2018

Flüchtlingspolitik war ein Reizthema im deutschen Wahlkampf 2017. Migrationskontrolle wurde zu einem Schwerpunkt europäischer Entwicklungspolitik im Norden Afrikas. Doch wie entwicklungsrelevant sind biometrische Pässe und elektronische Sperranlagen? Davon profitieren vor allem europäische IT- und Rüstungsunternehmen. Aufgeschreckt durch den Tod tausender Geflüchteter im Mittelmeer, sollen Europas Grenzen verlagert werden und Migranten erst gar nicht an die Küste gelangen. Afrikas Diktatoren werden dabei zu Grenzwächtern – Europa ist nicht wählerisch bei seiner Partnerwahl.

In diesem Buch untersuchen zwei engagierte Journalisten faktenreich und aktuell die neue europäische Afrikapolitik mit bedenkenswerten Überlegungen: Migrationsabwehr, oft auch als Kampf gegen den Terror kaschiert, zementiert globale Ungleichheit, löst keine, sondern schafft neue Konflikte.

Migration gibt es überall in Afrika. Südafrika zieht mehr Arbeitsmigranten an als die EU. Afrikanische Migration hat einen traditionellen Hintergrund - Freizügigkeit überwindet alte Grenzen aus Kolonialzeiten. Doch statt afrikanische Integration zu unterstützen fordert und fördert Europa Migrationskontrolle und Abschottung. Die Interessenlage könnte nicht gegensätzlicher sein. Europa will in Afrika Grenzen gegen Migration sichern und für sich Märkte öffnen. Afrika wiederum möchte Grenzen öffnen und eigene Märkte schützen. Der Kontinent wird tiefer gespalten. Selektive Wirtschaftsförderung als entwicklungspolitische Migrationsabwehr orientiert gezielt auf Reformstaaten und schließt andere Länder aus. Nach wie vor fließen mehr Mittel aus Afrika ab, als dort investiert werden. Korruption und Erpressung wachsen, vor allem autoritäre Regimes profitieren davon.

Die Autoren kritisieren den Umgang mit Geflüchteten und verweisen auf Erfahrungen der Türkei und Israels, sie sprechen von „staatlich organisiertem Menschenhandel“. Bei aller Detailtreue vermisst man ausgerechnet beim Schlüsselland Libyen den kausalen Zusammenhang mit der militärischen Intervention des Westens 2011 und den Auswirkungen auf die Destabilisierung der gesamten Region.

“Diktatoren als Türsteher Europas“ bietet spannende Lektüre, gestützt auf vielfältige, auch sensible Quellen. Migration bleibt außen- wie innenpolitisch ein Thema.

Christian Jakob / Simone Schlindwein (2017): Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert, Ch. Links Verlag GmbH, 317 Seiten, 18,00 €