Rezension


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Ein Versöhner par excellence - Nelson Mandela – der Freiheitskämpfer als Präsident

Rezension zu: Nelson Mandela und Mandla Langa: Dare not linger. Wage nicht zu zögern, Die Präsidentenjahre.  Bastei Lübbe

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 14.03.2018 (Beilage zur Leipziger Buchmesse)

Rechtzeitig zum Sturz des umstrittenen südafrikanischen Staatschefs Jacob Zuma erinnern neu erschienene Memoiren an Südafrikas ersten demokratischen Präsidenten vor zwei Jahrzehnten. Nelson Mandela selbst hatte diese Erinnerungen begonnen, konnte sie jedoch nicht vollenden. Gestützt auf seine Texte hat der Schriftsteller Mandla Langa die Memoiren des großen Freiheitskämpfers über seine Präsidentenjahre fortgeschrieben.

Ihm gelingt es, sich mit Mandelas Vorstellungen, sogar seiner Ausdrucksweise zu identifizieren. Mandelas persönliche Aufzeichnungen bleiben dabei erkennbar, so dass seine Witwe Graca Machel dessen Stimme im Buch eindrucksvoll vertreten fühlt. Wohltuend gibt es neben der in Memoiren oft vermissten kritischen hier auch eine historische Distanz.

1993, als Wut und Verzweiflung der unterdrückten schwarzen Mehrheit Südafrikas eskalierten und mit der Ermordung des ANC-Führers Chris Hani ein Bürgerkrieg drohte, konnte Mandela diesen u.a. mit einem beeindruckenden Fernsehauftritt abwenden. Kurz vor den Wahlen 1994 verhinderte dann seine Versöhnungspolitik einen rechten Militärputsch. Mit der in letzter Minute getroffenen Vereinbarung über die Selbstbestimmung der Afrikaner (Buren) gelang ein politisches Meisterstück. Mandela konzedierte, man musste sich angesichts des drohenden Bürgerkrieges sogar der Hilfe von Leuten bedienen, die als Todfeinde galten. Er sah sich nach seiner Wahl stets als Präsident aller Südafrikaner, unabhängig von Hautfarbe und politischer Zuordnung. Der Übergang von der Apartheid zur Demokratie war zentral für sein Wirken als Staatschef 1994 bis 1999.

Dabei musste Mandela selbst erst davon überzeugt werden, seiner Ernennung zum Präsidenten zuzustimmen, die er auf eine Amtszeit beschränkte. Er sah darin wie zuvor im Befreiungskampf für sich eine schicksalhafte Rolle, die er pflichtbewusst erfüllte.

Die weiterhin komplizierte Entwicklung Südafrikas unterstreicht im Nachhinein Mandelas Größe als erster Präsident des neuen Südafrika unter extrem komplizierten Bedingungen, auch wenn in den Mythos „südafrikanisches Wunder“ viele Hoffnungen und Illusionen hineinprojiziert wurden. Es ist das Verdienst dieses Buches, auch den Menschen Mandela mit seinen Eigenheiten, auch Schwächen und Fehlern, darzustellen.

Dazu gehört Mandelas bonapartistischer Führungsstil, mit dem er politische Überlegungen überstimmte, um sich durchzusetzen, wobei er wiederholt in Konflikt mit dem Prinzip der kollektiven Führung im ANC geriet. So lehnte er den Beschluss einer Politkonferenz zur Berufung von Kabinettsmitgliedern rundweg ab. Andererseits beugte er sich der kollektiven Entscheidung zur Nominierung Thabo Mbekis als erster Vizepräsident (und sein Nachfolger) statt des von ihm favorisierten Cyril Ramaphosa. Mandela suchte aber auch immer den Rat von Freunden, besonders den seines lebenslangen Mentors Walter Sisulu.

Aufschlussreich ist der Blick hinter die Kulissen des Kampfes um Einfluss und Macht, so den komplizierten Umgang mit traditionellen Führern. Obwohl manche sich vom Apartheid-Regime missbrauchen ließen oder der Demokratie misstrauisch gegenüberstanden, legte Mandela Wert darauf, diese „schwierigen Familienmitglieder“ auf dem Weg in die Demokratie mitzunehmen.

Besonders interessant sind Mandelas Reflektionen zu Politikern Südafrikas – Freund wie Feind – bei der Überwindung der Apartheid. Menschen und ihre Persönlichkeit waren ihm stets wichtig. Deren Analyse und der respektvolle Umgang mit ihnen stärkten Mandelas Rolle als Vermittler und Versöhner, war aber nicht immer einfach mit seinen politischen Führungsaufgaben zu vereinbaren. Mandelas Stärke sich in Gegner hineinzuversetzen wurde auch gegen ihn genutzt. Von seinen Anhängern wurde er nicht immer verstanden, besonders seine Versöhnungsgesten gegenüber unerbittlichen Apologeten der Apartheid. Kampfgefährten warnten, er konzentriere sich zu sehr auf die Weißen und vernachlässige das Leid der schwarzen Bevölkerungsmehrheit.

Mandela hatte es diesbezüglich auch im ANC nicht leicht, der inzwischen nicht mehr nur Organisation, sondern „Lebensweise“ von Millionen Südafrikanern geworden war - ein „unglaublich heterogenes Wesen“. Bei den Menschen unvergessen war immer noch das Ausmaß der Gewalt durch das Apartheidregime. Sie forderten gegenüber dessen Vertretern mehr Härte und Konsequenz, hatten wenig Verständnis für die Bereitschaft zur Vergebung.

Dabei sah Mandelas aufgrund eigener Erfahrungen durchaus selbst Anlass zu Misstrauen z.B. gegenüber den Sicherheitskräften. Darin sah er sich bestätigt, als ihm vom alten Militärgeheimdienst manipulierte „Pläne“ für einen angeblichen Putsch von ANC-Militärs zugespielt wurden. Immer wieder wurde er von der Vergangenheit eingeholt – auch durch Enthüllungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission.

Mandelas persönliche Rolle, sein subtiler Umgang mit dem politischen Gegner und Verständnis für dessen Motivation waren mit den dabei erworbenen Fähigkeiten zum Ausgleich und zur Versöhnung einzigartig und wichtig für Südafrikas Überwindung der Apartheid. Die erfolgreiche Versöhnungspolitik trug deshalb seine Handschrift, besonders der sensible Umgang mit Befindlichkeiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Das wurde außerhalb Südafrikas oft leichter erkannt als im Lande selbst. Menschliche Größe, politische Weitsicht, Prinzipienfestigkeit und Großmut erhoben Mandela über die zutiefst gespaltene Gesellschaft Südafrikas.

Manche Verhaltensweisen Mandelas, so seine Eigenwilligkeit, reflektierten sich auch in Südafrikas Diplomatie. Diplomatie war ihm ein weitgehend unbekanntes Feld und glattes Parkett mit manchen Überraschungen. So waren es ausgerechnet die Regierungschefs Chinas und Vietnams, die ihn vor übereilten Verstaatlichungsplänen warnten. An seiner Entscheidung zu seiner Amtseinführung unbedingt auch Fidel Castro und Yassir Arafat einzuladen, ließ Mandela nicht rütteln. Aber manche Versuche, eigene Erfahrung und Prinzipien automatisch auf den afrikanischen Kontinent zu übertragen, schufen Probleme. So brachte sein wenig diplomatisches Auftreten gegenüber einem nigerianischen Diktator die in Afrika ohnehin misstrauisch beäugte Außenpolitik Südafrikas in Turbulenzen.

Die vorliegenden Erinnerungen an seine Präsidentenjahre geben vielleicht mehr über den Menschen als über den Staatsmann Mandela preis. Den Zeitzeugen beeindruckt die gelungene Darstellung jener außergewöhnlichen Zeit in der Geschichte Südafrikas, als Versöhnung über Unterdrückung und Hass triumphierte.

Nelson Mandela und Mandla Langa: Dare not linger. Wage nicht zu zögern, Die Präsidentenjahre Bastei Lübbe, 511 Seiten, geb.., 26 €.

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