Islamismus


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Knobbe, Heinz:

Fundamentalismus - ein Phänomen nur im Islam?

Quelle: Autor, auszugsweise veröffentlicht in: "Neues Deutschland" 29./30.01.2005

Es gab eine Zeit, als die deutsche Öffentlichkeit das Wort Fundamentalismus nur im Zusammenhang mit der Situation bei den Grünen kannte, da diese sich in " Fundis" und "Realos" aufteilten. Die Linken in Deutschland nahmen die fundamentalistische Strömung in dieser Partei als etwas Positives wahr, stand sie doch neben Umweltschutz für solche Ideale wie soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Standhaftigkeit. Von diesen Prinzipien ist leider nicht viel übrig geblieben.

Heute, vor allem nach dem 11. September 2001, ist das Wort Fundamentalismus negativ besetzt, wird es doch mit Islamismus gleichgesetzt. Wenn man Reden amerikanischer, aber auch einiger deutscher Politiker verfolgt, so ist es zum Schreckgespenst auserkoren, lässt es doch leicht eine Brücke zum Terrorismus bauen, dem der Fundamentalismus angeblich als "Einstiegsdroge" diene.

Entsprechend der Aufteilung der Welt durch die USA-Regierung in "Gute und Böse" werden die Islamisten - von den Medien oft unterstützt - als Ursache für das Terrorismusdilemma dargestellt, als ob es in anderen Religionen keinen Fundamentalismus gäbe und Fundamentalismus gleich Terrorismus wäre.

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Was verstehen wir unter Fundamentalismus? Fundamentalismus ist eine streng konservative Richtung nicht nur in islamischer, sondern auch in christlicher, jüdischer und hinduistischer Religion, die sich auch in der Politik widerspiegelt. Wenn es zwischen diesen auch Unterschiede in Inhalt und Form gibt, so haben sie gemeinsame Kennzeichen: Festhalten an unveränderlichen "Fundamenten" ihrer Religion oder Partei, Rückkehr zu einem angenommenen "Urzustand" längst vergangener Zeiten, Bestehen auf dem für absolut geltenden Standpunkt der eigenen Gruppe, striktes Festhalten an religiösen Dogmen, Ablehnung von Neuerungen, militante Einstellung gegen Pluralismus, Toleranz und sexueller Selbstbestimmung.

Ein Mittel für das Erreichen dieser Ziele sieht der Fundamentalismus in der Instrumentalisierung der Politik. Er geht soweit, dass er die in westlichen Ländern übliche Trennung von Kirche und Staat aufgeben will.

Der Islam kennt das Wort Fundamentalismus nicht. Die Araber bezeichnen diese Bewegung als "Usuliya". Die fundamentalistische Bewegung ist zuerst im nordamerikanischen Protestantismus entstanden, der dem Darwinismus und theologischen Liberalismus den Glauben an die irrtumsfreie Bibel entgegensetzte. Die Anhänger konstituierten sich 1918 in der "World’s Christian Fundamental Association". Der Begriff Fundamentalismus wurde zum ersten Mal 1920 in einem theologischen Aufsatz dieser Vereinigung belegt und zunächst nur innerhalb des christlichen Bereichs angewendet. Heute gilt als das Fundament des christlichen Fundamentalismus nicht mehr die "Fundamentals", sondern die Bibel. Doch darüber später.

. Am stärksten, am militantesten zeigt sich der Fundamentalismus in den Religionen mit Eingottglauben, d.h. im Islam, Christentum und Judentum.

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Es ist nicht zu leugnen, dass der Islam von Anfang an - Mohammed wird als Künder der Offenbarung, als Staatsgründer und Gesetzgeber betrachtet - eine kämpferisch angreifende Religion ist. Für jeden frommen Muslim ist das Streiten auf dem Pfade Allahs ein im Koran unaufhörlich wiederholtes heiliges Gebot. Der kriegerische Aspekt des Islam ist in der koranischen Lehre begründet. Hier soll jedoch angemerkt werden, dass das Christentum in seinem universellen Bekehrungsdrang sich nicht weniger offensiv verhielt, seine Lehre in der Geschichte mit Feuer und Schwert verbreiten wollte.

Unter den islamischen Fundamentalisten gibt es mehrere Strömungen. So wie wir sagen: Islam ist nicht gleich Islam, Islamismus ist nicht gleich Terrorismus, so ist es notwendig, innerhalb der fundamentalistischen Bewegung zu differenzieren.

Als ausgeprägten Fundamentalismus müssen wir den wahabitischen Islam bezeichnen. Wahabismus ist die Bezeichnung für die Lehren und vor allem für Denk- und Verhaltensweisen, die auf einen besonders rigorosen religiösen Reformator, Mohammed Ibn Wahab (1703-1791) zurückgehen. Seine Anhänger, auch wenn sie sich heute "Salafisten" nennen und unter diesem Namen ihre Aktivitäten in Europa, darunter in Deutschland, verstärken, verlangen die Anwendung des islamischen Gesetzes, der Scharia, im alltäglichen Leben in der striktesten Form. Selbständige Reflexion und kritischer Geist sind ihnen fremd, sie propagieren einen Weg, Lösungen für gegenwärtige Probleme in den Schriften der Gelehrten zu suchen, die unantastbaren heiligen Texte buchstabengetreu anzuwenden. Sie berufen sich auf diese Lehren, wenn sie zur Ächtung der "Ungläubigen", aber auch der "schlechten" Muslime aufrufen.

In diesem Zusammenhang muss auf die Allianz zwischen dem Wahabismus und den saudischen Herrschern hingewiesen werden, die die "Ritter unter dem Banner des Propheten" hervorbrachte, wie Omar bin Laden und Aywan al- Zawahiri. Es war der Begründer des gegenwärtig herrschenden Zweiges der Königsdynastie, Abdel Ibn Saud, der bereits 1902 den Dschihad einführte, der es erlaubt, das Blut von Ungläubigen zu Recht fliessen zu lassen.

In den letzten Jahren verselbständigt sich der wahabitische Dschihad als Terrorismus, der langgehegte Theorien von Zawahiri in die Tat umsetzt (New York, Bali, Madrid). Der amerikanische Islamforscher Bernard Lewis hat die paradoxe Situation so charakterisiert: "Die meisten Muslime sind keine Fundamentalisten, und die meisten Fundamentalisten sind keine Terroristen, aber die meisten zeitgenössischen Terroristen sind Muslime und identifizieren sich stolz als solche".

Das trifft auch auf eine andere Denkschule des islamischen Fundamentalismus zu: die Muslimbruderschaft, die 1928 vom Ägypter Hassan al- Banna (1906-1949) gegründet wurde. Er forderte nicht nur die Abschaffung der politischen Parteien, die Einführung der Scharia-Gesetzgebung, die "Aufrüstung der Jugend im Sinne des Dschihad", sondern führte auch den Kampf gegen die eigene Staatsgewalt, so z. B. in der Zeit der Präsidentschaft von Gamal Abdel Nasser. Dies ist auch heute in anderen Ländern der Fall, wie die bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung der islamischen Fundamentalisten in der von der Flut heimgesuchten indonesischen Provinz Aceh gegen die Zentralregierung zeigt.

Den Muslimbrüdern ging und geht es heute um die Errichtung eines Gottesstaates. Nach der verheerenden arabischen Niederlage im 6-Tage- Krieg vom Juni 1967 wurden viele Muslime zu militanten Islamisten, die dem militärischen Kampf gegen die eigenen Regierungen und gegen Israel die entscheidende Rolle zusprachen.. Im Nahen Osten wird eine solche Entwicklung u. a. mit dem nichtgelösten Konflikt Israel-Palästinenser, mit dem einseitig Israel unterstützenden Verhalten der USA erklärt.

Ein besonderes Beispiel für religiösen Fundamentalismus ist die Islamische Republik Iran. Khomeini war ein typischer Repräsentant fanatisch- fundamentalistischer Haltungen. So sprach er vom "heiligen Krieg", der die Eroberung der nichtmohammedanischen Territorien bedeute, und forderte die Muslime auf, "freiwillig in diesen Eroberungskrieg zu ziehen, dessen Endziel es ist, das Gesetz des Korans von einem Ende der Welt bis zum anderen regieren zu lassen".

Doch nicht alle fanatisierten islamische Fundamentalisten wurden zu Terroristen. Aufbauend auf dem Dschihad wird im Westen oft behauptet, dass der Islam absolut auf kriegerische Expansion bedacht und deshalb eine besondere Gefahr darstelle. Diese Darstellung ist falsch,

denn Dschihad bedeutet individueller Einsatz, nicht die einer Institution, "für Gottes Sache unter Einsatz von Gut und Leben". Die Teilnahme gilt als freiwillig.

Der Koran kennt offiziell keine Zwangsbekehrung. In eroberten Gebieten wurden im Unterschied zum Christentum die Menschen nicht zwangsbekehrt. Im Vordergrund standen vielmehr Wirtschafts- und Machtkämpfe .Bis heute gibt es in islamischen Ländern christliche und jüdische Gemeinden, Kirchen und Synagogen.

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Vieles, was wir den islamischen Fundamentalisten vorwerfen, trifft ebenso auf den christlichen Fundamentalismus zu. Das Christentum hat aus Fanatismus manch andere Kultur zerstört. Kennzeichnend sind Zwangschristianisierung über Jahrtausende, Morde an Andersdenkende, Rassismus bis in die Gegenwart. Fanatische religiöse christliche Gruppen in Nordirland bekämpfen sich weiter gegenseitig.

In der Geschichte hat die katholische Kirche durch ihren Fanatismus die größten Verbrechen begangen, denken wir nur an die Hexenverfolgungen, Kreuzzüge, die Ermordung von Millionen Indianern im Rahmen der "Christianisierung" Amerikas. Fanatische katholische Gruppen sind in Wirtschaftsunternehmen, in Führungsgremien des Vatikan vertreten. Auch in Deutschland wurden wir in der Gegenwart mit katholisch-fundamentalistischen Anschauungen zur Schwangerschaftsberatung und zum Kruzifix im Schulunterricht konfrontiert.

Es gibt aber auch im Protestantismus Gruppierungen, die extrem fanatisiert und fundamentalistisch sind. Besonders in Nordamerika fühlen sich evangelische Fundamentalisten als die "Saubermänner" der Nation, wenden sich gegen den Darwinismus, gegen eine moderne Sexualmoral, gegen den Schwangerschaftsabbruch.

Die größte protestantische Kirche in den USA, die Baptisten, wird immer fundamentalistischer. Dies ist eine gefährliche Entwicklung, weil sie ihren Niederschlag in der Politik findet. Präsident Bush fördert fundamentalistische Haltungen. So hat er sich persönlich dafür eingesetzt, dass die biblische Schöpfungslehre in den Schulbüchern wieder gleichwertig neben die Evolutionslehre von Darwin gestellt wird. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass 94% der US-Bürger an Gott glauben, 89% regelmäßig beten, zwei Drittel überzeugt sind, später in den Himmel zu kommen, 40% einmal wöchentlich in die Kirche eilen. Evangelikale Bewegungen, die ultrareaktionäre Haltungen einnehmen, entschiedene Verfechter der Todesstrafe sind und Rassenhass säen, haben sich verstärkt, und zwar zu Lasten der etablierten Kirchen. Auch der Ku-Klux-Klan ist ein Kind des protestantischen

Fundamentalismus.

Bush steht den christlichen fundamentalistischen Verbänden nahe und unterstützt deren Anliegen. Er hat den pseudoreligiösen Gegensatz zwischen "Gut und Böse" auf die Politik übertragen, auf das amerikanische Sendungsbewusstsein im Kampf gegen die "Achse des Bösen". Der bisherige Justizminister Ashcroft, als christlicher Fundamentalist bekannt, sieht diese Aufgabe als für die USA von Gott gewollt an. In diese Strategie ist die Losung der Neokonservativen vom "Kampf der Kulturen" einzuordnen, auch die Liste der "Schurkenstaaten", unter denen sich bezeichnenderweise vorwiegend islamische Staaten finden.

Im Unterschied zu den meisten Kirchen in den USA, nicht nur die historischen Friedenskirchen, haben die Fundamentalisten ihre vorbehaltlose Zustimmung zur Irak-Politik des amerikanischen Präsidenten gegeben. Nach Einschätzung des deutschen Konfessionswissenschaftlers Prof. Dr. Erich Geldbach seien die amerikanischen Fundamentalisten "durchaus auch zu Gewalt bereit. Wie allen religiösen Fundamentalisten geht es auch den christlichen letztlich um Macht, damit sie die Welt in ihrem Sinne gestalten können": Auch Bischof Huber, Vorsitzender des Rates der EKD, beklagt kürzlich in einem Interview, dass "wiedergeborene Christen oft die Vorstellung haben, es sei legitim, Konflikte und Meinungsverschiedenheiten gegebenenfalls mit Gewalt zu regeln". Der Konflikt über diese Haltung zur Gewalt - sagte er - sei zuletzt am Beispiel des Irak-Kriegs aufgebrochen.

Wir müssen in Zukunft davon ausgehen. dass die Strömung der "Christian Coalition" zumindest in den USA, politische Dimensionen angenommen hat, der christliche Fundamentalismus zunehmend zu einem unübersehbaren Faktor der internationalen Politik wird.

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Auch im Judentum gibt es fundamentalistische Richtungen, die meist als ultra-orthodox bezeichnet werden. So finden sich in Israel jüdische Gruppen, die alles Nichtjüdische, alles was im Widerspruch zum Alten Testament steht, bekämpfen. Sie sehen in anderen religiösen Anschauungen etwas Minderwertiges und sich selbst als Auserwählte. Ihre feindliche Einstellung gegenüber den Palästinensern und ihre Bereitschaft, auch mit Gewalt das biblische Israel zu schaffen, sind kennzeichnend. Ereignisse wie der Sechs-Tage-Krieg werden von ihnen als Zeichen der Bestätigung gesehen. Aber auch Hass gegen das liberale Judentum, wie sich beim Mord an den ehemaligen Ministerpräsidenten Rabin gezeigt hat. So wird von der Bewegung Gush-Emunim (Block der Gläubigen)der göttliche Anspruch der Juden auf Eretz Israel, das heilige Land, vertreten. Von dieser Position ist es nicht weit bis zur Proklamierung Israels als "jüdischer Staat", ähnlich wie die Forderung islamischer Fundamentalisten nach einem "Gottesstaat". Sie verhindern auch die Annahme einer Verfassung, da eine solche allen Bürgern in Israel gleiche Rechte zugestehen müsste, also auch den Arabern. Diese Fundamentalisten haben kein Interesse an einer Versöhnung oder auch nur Verständigung mit den Palästinensern über einen Dialog, geschweige über die Schaffung eines palästinensischen Staates. Sie hetzen die Bevölkerung auf und sind mitschuldig an der Fanatisierung auf beiden Seiten.

Einige Minister der Sharon-Regierung stehen diesen Gruppen nahe. Erinnern wir uns an den Besuch Sharons auf dem für Muslime heiligen Tempelberg, der die Spirale des Hasses weiter hochgeschraubt hat, oder an die Bezeichnung der Palästinenser als "Läuse", als "Krebsgeschwüre" durch den von palästinensischen Terroristen ermordeten israelischen Minister Seewi.

Besonnene Kräfte in Israel haben es heute nicht leicht, gegen die fanatisierten Ultra-Orthodoxen aufzutreten. Auch die deutsche Regierung tut sich schwer, die Forderung nach einem Abzug israelischer Truppen aus allen besetzten Gebieten zu unterstützen. "Das Eis ist noch dünn" -schrieb der deutsche Botschafter in Israel, Rudolph Dreßler, vor kurzem in der Zeitung "Haaretz" über die deutsch-israelischen Beziehungen. Dressler, der noch vor seinem Amtsantritt im Jahre 2000 die Siedlungspolitik Israels scharf kritisiert und sie im Widerspruch zum Völkerrecht bezeichnet hatte, schwieg sich aus über die Politik Israels. Es wird Zeit, dass sich die Regierung der Bundesrepublik aktiv, nicht nur mit Worten für eine gerechte Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern einsetzt, nicht nur gegen palästinensischen Islamisten und Terroristen, sondern auch gegen jüdische Fundamentalisten auftritt.

Was die nichtmonotheistischen Religionen betrifft, die Tendenzen zum Fundamentalismus aufweisen, so ist der Hinduismus zu nennen. Im Kampf gegen die Kolonialmacht England hatte es religiösen Widerstand gegeben. Aus den nationalistisch-religiösen Gruppierungen haben sich nach der Unabhängigkeit aggressive fundamentalistische Bewegungen gebildet, die inzwischen Millionen Anhänger haben. Diese gewaltbereiten religiös-rechtsradikalen Vereinigungen wenden sich verstärkt gegen religiöse Minderheiten im Lande wie die Sikhs, gegen Christen und Moslems. Ähnliche Bewegungen gibt es bei den unterdrückten Tamilen in Sri Lanka.

Einer anderen Weltreligion - dem Buddhismus – widerspricht im Prinzip jede Form des Fundamentalismus. In neuerer Zeit finden sich allerdings stärker Tendenzen zu fundamentalistischen Haltungen, so z.B. in Japan, wo eine buddhistische Sekte tödliche Anschläge in der Tokioter U-Bahn unternahm.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich die meisten fundamentalistischen Bewegungen der verschiedenen Religionen sehr ähneln. Sie erheben einen Alleinvertretungsanspruch, sind im Glauben und in der praktischen Politik autoritär, verlangen totale Unterwerfung, wenn notwendig auch mit Gewalt.

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Wie sollten wir mit dem Fundamentalismus umgehen? Von terroristischen, zu Gewalt aufrufenden Gruppen muss sich die Gesellschaft abgrenzen, müssen diese durch die Staatsmacht bekämpft werden. Denn wer seine Ansichten anderen aufzwingt, wird zur Gefahr. So wurde mittlerweile der "Kalifatstaat" von Kaplan verboten. In Deutschland wirken 24 islamistische Organisationen, in denen über 30 000 Mitglieder, darunter zu 90% Türken, vereint sind. Das entspricht jedoch nur einem Prozent der über 3 Millionen hier lebenden Muslime. Die größte islamische Organisation in Deutschland ist die türkische "Islamische Gemeinschaft Milli Görus e.V." mit rund 26 000 Mitgliedern. Einige wie der "Kalifatstaat" von Kaplan wurden mittlerweile verboten.

Die christlichen, genauer gesagt die protestantischen Fundamentalisten in unserem Lande sind eine stark zersplitterte Minderheit. Dazu zählen u.a. die Zeugen Jehovas.

Verbot und Verteufelung des Fundamentalismus werden nicht zur Lösung des Problems führen. Terrorismus und extrem fundamentalistische Überzeugungen werden andauern, wenn es nicht gelingt, die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ursachen zu beseitigen. In vielen Ländern der 3.Welt ist die Schere zwischen Armen und Reichen größer geworden. Nach Scheitern sozialistischer Modelle werden Alternativen zur Beseitigung zunehmender Verelendung in religiösen fundamentalistischen Modellen gesehen. Arme, hungernde Menschen lassen sich leicht fanatisieren.

Die Stärke des islamischen Fundamentalismus in Saudi-Arabien zeigt jedoch, dass dieser nicht einseitig durch sozio-ökonomische Faktoren erklärt werden kann. Reste kolonialen Denkens, Arroganz westlicher Länder, vor allem der USA, im Umgang mit vielen Ländern schüren Hass. Oftmals mangelt es am Einfühlungsvermögen des Westens für andere Kulturkreise. Es ist nötig, die Kulturen des Islam, des Judentums u.a. Weltreligionen zu respektieren, ihnen das Recht auf eigene Identität zuzugestehen, einen konstruktiven, auf Zusammenarbeit zielenden Dialog auf "gleicher Augenhöhe" zu führen. Werte, die Fundamentalisten vertreten, sind allein nicht deshalb negativ, existierende Probleme, die sie ansprechen, sollten nicht einfach negiert, sondern ernst genommen werden.

Gegenüber den in Deutschland lebenden Menschen anderer religiöser und kultureller Herkunft ist Toleranz gefordert, wobei die Gleichstellung des Islam mit den christlichen Kirchen und jüdischen Gemeinden ein überfälliger Schritt wäre.

Die Forderungen nach Integration oder multikultureller Gesellschaft dürfen nicht als Alternativen, als so oder so behandelt werden. Lassen wir den Muslimen in Deutschland ihre kulturellen Traditionen und Werte ausleben, insofern sie nicht gegen bundesdeutsche Gesetze verstoßen. In Kanada wurde sowohl die Linie der Integration, z.B. bei den deutschen Einwanderern, als auch die Respektierung kultureller Autonomie von religiösen Minderheiten, z.B. bei den Mennoniten, erfolgreich praktiziert.. Warum sollte es in Deutschland nicht möglich sein, kulturelle Vielfalt zu erreichen und zu bewahren?

Der Politikansatz einiger bayerischer Politiker – völlige Integration - führt in die Sackgasse, da er nicht real ist. Da ziehe ich den Ausspruch von Friedrich des Zweiten –"Jeder möge nach seiner Fasson selig werden" – vor.

Die menschliche Kultur kann nur aus der Gesamtheit der verschiedenen Kulturen begriffen werden, keinesfalls nur aus der so genannten abendländischen Kultur. Üben wir Toleranz und Dialog gegenüber Andersdenkenden! Es ist der bessere Weg, um dem militanten Fundamentalismus seine Basis zu entziehen.