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Seifert, Dr. Arne C. Botschafter a. D.:
"Politischer Islam und Sicherheit sind vereinbar - Erfahrungen aus dem ersten islamisch-säkularen Kompromissprozess in Zentralasien"
Vortrag vor Vertretern aus Zentralasien am 05.12.2002 in Bonn
Katastrophen können auch von produktiver Wirkung sein: Ihre Zerstörungen verdeutlichen drastisch, was man in Zukunft vermeiden sollte nämlich die nächste Katastrophe. Der 11. September war eine solche Katastrophe, die es zukünftig zu vermeiden gilt.
Aus jener produktiven Eigenart von Katastrophen haben Europa und Deutschland für sich nach zwei Weltkriegen die hohe Kunst abgeleitet, ihre Konflikte friedlich zu regeln. Das ist seit 1945 auch gelungen, selbst über den Antagonismus zweier grundverschiedener gesellschaftspolitischer Systeme hinweg und ihrer Militärpakte, NATO und Warschauer Vertrag.
Als "Kriegskind", das noch den 2. Weltkrieg erlebte, liegt es mir zutiefst am Herzen, dass wir jene hohe Kunst friedlicher Konfliktregelung gerade nach den tragischen Ereignissen des 11.September auch auf das Verhältnis Europas zum politischen Islam anwenden.
Denn: Am 11.September fand eine Konflikteruption statt, der die Kontrahenten im Ost-West-Konflikt erfolgreich auszuweichen vermochten.
Es erhebt sich die Frage: Gehen wir einem neuen Antagonismus entgegen? Diesmal zwischen Zivilisationen?
Sogar im christlich-konservativen Lager Deutschlands wird eingeschätzt, so in der Wertekommission der CDU im September diesen Jahres, dass die "Ursachen für die Anschläge des 11. September" "kulturelle Konfliktlinien" sind.
Es stellt sich die Frage: Werden Europas und Zentralasiens Sicherheitspolitiker die Visionen, Weitsicht und Energie aufbringen, erneut einem Antagonismus auszuweichen, ihn aufzulösen oder sollte Huntington doch noch Recht bekommen?
Folglich sollte bei Schlussfolgerungen aus dem 11. September über die sicherheitspolitischen Prioritäten für den euro-asiatischen Raum und Zentralasien nochmals nachgedacht und einige Fragen neu gestellt werden.
Vor allem ist zu fragen, ob die derzeitige militär- und sicherheitspolitische Schwerpunktsetzung in der Auseinandersetzung mit religiösem Extremismus und Terrorismus schon der Weisheit letzter Schluss ist und bleiben kann.
Europa und die zentralasiatischen Staaten wurden in den vergangenen zehn Jahren erstmals im eigenen politischen Raum in Konflikten, Bürgerkriegen, aber auch in Schlichtungsprozessen (Letzteres sei unterstrichen!) mit der militanten Variante von politischem Islam konfrontiert. Erinnert sei an den immer noch brennenden Konflikt in Tschetschenien, den Bürgerkrieg in Tadschikistan von 1992-97 mit über fünfzigtausend Opfern, die bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Islamischen Bewegung Usbekistans 1999 und 2000 und die bevölkerungswirksame Agitation von Hizb-ut-Tahrir im Länderdreieck Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan.
Ich möchte nochmals betonen, dass diese Agitation nicht ohne Wirkung in der Bevölkerung ist. Kürzlich sagte mir ein hochrangiger zentralasiatischer Politiker, die "Gefahr von Hizb-ut-Tahrir besteht in den Fragen, die sie anspricht: Armut, Arbeitslosigkeit, die Unklarheit der sozialen Perspektive und Korruption. Das alles ist in der Tat vorhanden."
Wenn also der "Gegner" des Kampfes gegen Terrorismus bei extremistischen islamischen Gruppen verortet wird, so muss sich die Strategie eines solchen Kampfes vor allem um das gesellschaftliche Hinterland jener Gruppen kümmern. Das sind in Zentralasien mehr als 50 Mio. Menschen, von denen sich zwischen 60 und 97% zum Islam als ihrer Religion bekennen.
Da die Staaten dieser Region Mitglieder der OSZE sind, ist der Umgang mit jenem Phänomen Islam in wachsendem Maße auch eine Frage der europäischen Sicherheit.
In dieser Problematik sollte also eine bestimmte Übereinstimmung von Interessen bei der Gewährleistung von Stabilität im euro-asiatischen Raum bestehen, weil dieser Raum ein gemeinsamer ist. Europa wird sozusagen durch seine asiatische "Hintertür" von politischem Islam und islamischer Opposition "eingeholt".
In diesem Kontext ist muss auch zu bedenken, dass die Regelung des Konfliktes in Afghanistan und die damit möglich werdende Entspannung in der Region Langzeitwirkungen haben wird: Mit diesem Konflikt fällt der letzte "Eiserne Vorhang" der sowjetischen Periode, der die bis 1921 ja als die "islamischen Völker" des russischen Zarenreiches geltenden Nationalitäten Zentralasiens von dem Massiv der islamischen Welt isolierte.
Nun wird diese Isolierung noch mehr als bisher verschwinden und Zentralasien wird als eurasische, von beiden Seiten begehbare Brücke an Bedeutung gewinnen.
Niemand vermag heute zu sagen, welche Konsequenzen das für das islamische Antlitz Zentralasiens haben wird und wie dieses auf Europa und den post-sowjetischen Raum zurückwirkt.
Der sozusagen "organisierte" Umgang mit dem politischen Islam erfolgte bisher überwiegend im Kontext mit dem Terrorismusproblem. Militär- und sicherheitspolitische Maßnahmen dominieren. Wir haben es also bisher mit einem "unterdrückenden" Ansatz zu tun.
Doch die Praxis zeigt, dass dieser vordergründig militär- und sicherheitspolitisch strukturierte Kontext gesellschaftspolitisch zu kurz greift:
Warum?
Erstens reduziert dieser Kontext das Verhältnis Europas und der zentralasiatischen Staaten zum politischen Islam auf eine zu bekämpfende gesellschaftliche Randgruppe (der "extremistische Rand"). Diese Randgruppe ist aber für die Mehrheit der Muslime und sich am Islam orientierender Politiker nur bedingt repräsentativ. Darunter leidet das, was politisch tatsächlich zu leisten ist: Nämlich zu einem konstruktiven Verhältnis zum politischen Islam und seinen Trägern als gesellschaftspolitisches Phänomen zu kommen.
Wir brauchen auf die Dauer eine sozusagen "Dekompression" im Verhältnis zum politischen Islam im gemeinsamen politischen Raum.
Da der islamische Faktor in Zentralasien eine permanente strategische Größe ist und bleibt, erfordert das Erreichen eines solchen konstruktiven Verhältnisses, die Ausgangsfragen anders zu stellen. Nämlich:
- Kann der islamische Faktor in unserer gemeinsamen Region aus seiner traditionellen Negativfixierung auf ein Terrorismusstigma herausgeführt und in ein Element kooperativer Sicherheits- und Stabilitätsstrategien der OSZE verwandelt werden?
- Kann er nach innen und außen in eine konstruktive Rolle eingebunden werden?
- Können muslimische Bevölkerung, islamische Aktivisten und säkulare Politiker einen gemeinsamen politischen Grundkonsens entwickeln, der auf dem Gedanken der Koexistenz und Zusammenarbeit, kluger Adaption moderner Prinzipien sowie den Normen und Werten der OSZE beruht? Und wenn ja, nach welchen Gesichtspunkten wäre ein solcher Konsens zu gestalten?
Zweitens greift dieser Kontext selbst in seiner Absicht der Auseinandersetzung mit dem "extremistischen Rand" zu kurz. Regelung von gewaltsamen Konflikten ist ohne die Einbeziehung und Befriedung extremistischer Kräfte überhaupt nicht möglich, weil sie in der Regel Diejenigen sind, welche zur Waffe greifen. Ohne ihre Einbindung in politische Regelungsprozesse ist die Pazifisierung radikaler Kräfte nicht möglich. Das zeigt der Friedensprozess in Tadschikistan überzeugend. Auch im Kosovo hat das der Westen gegenüber der UCK beherzigt. Warum also nicht gegenüber politischen Islamisten?
Drittens schließlich bleibt von der gegenwärtigen Antiterrorismus-Strategie in Zentralasien die Frage unbeantwortet, welche Hodscha Akhbar Turadschonsoda, der frühere radikale Islamist und heute erste stellvertretende Ministerpräsidenten Tadschikistans, stellt:
Dass nämlich in das Zentrum der Erörterung nicht die Frage gehört, wie Extremismus vernichtet, sondern wie dem Aufkommen extremistischer Ansichten vorgebeugt werden kann,.
Gefragt ist also ein weitsichtiger Umgang mit dem Islam und islamischen Politikern.
Dazu mahnen eine Reihe gesellschaftspolitischer Aspekte.
Welche Faktoren sind zu beachten?
Einzukalkulieren ist vor allem die Politisierung des islamischen Faktors.
Sie ist unvermeidlich!
Das hängt in erster Linie mit der Unfertigkeit der nationalen Staaten und der Unentschiedenheit der ordnungspolitischen Orientierung zusammen. Solange das Verhältnis zwischen nationaler Identität, staatlicher Verfassung und Islam und der sich auf ihn beziehenden Eliten, Politiker und Bevölkerungsschichten ungeklärt bleibt, werden wir es mit komplizierten gesellschaftlichen und politischen Konstellationen zu tun haben. Sie können zu konflikthaften Auseinandersetzungen eskalieren.
Warum? Erstens, sind in den noch unfertigen Staaten Zentralasiens nationale Identitätsfindung und Islam nicht voneinander trennbar. Das mag in Kasachstan der Fall in geringerem Maße sein, als in Usbekistan, Tadschikistan oder Kirgisistan.
Jedoch: "Steine zivilisatorischen Anstoßes", welche im Nahen Osten zu den Gründen jenes Phänomens eines islamischen Fundamentalismus zählen, finden sich auch in Zentralasien: Dort sind die religiösen Fundamente des Islam und der muslimische Bevölkerung im Verlaufe eines dreiviertel Jahrhunderts von der sowjetischen Kulturrevolution gründlich "umgebaut" worden:
Alle islamischen Völker der Sowjetunion wurden ungefragt in ein säkulares Staatssystem gezwungen, welches die heutigen Regierungen fortsetzen. Mit Ausnahme Tadschikistans werden islamische Aktivisten überall verfolgt. Zusammen mit Verarmung, Krise der Bildungssysteme und Retraditionalisierung der Gesellschaften bereitet vor allem repressives Verhalten radikalen islamistischen Gruppierungen mit Herkunft im arabischen Raum, wie der Hizb ut-Tahrir, den Boden.
Zweitens, bleiben die Transformations- und Staatsformungsprozesse auch weiterhin kompliziert. Das macht gesellschaftspolitische Spannungen unvermeidlich. Es steht zu befürchten, dass das einerseits zu mehr Repression und andererseits zu einer erstarkenden Opposition führt, die sich vor allem islamistisch artikulieren wird.
Letzteres impliziert
drittens, dass die Auseinandersetzung zwischen Politik und Religion in Zentralasien vorwiegend zwischen säkularen Regierenden und den Trägern des politischen Islam verläuft.
Da aber, wie gesagt, endgültige Entscheidungen über die ordnungspolitische Orientierung noch nicht gefallen sind, konkurrieren diese beiden Kräfte miteinander hinsichtlich des gesellschaftspolitischen Entwicklungswegs.
Diese Konkurrenz macht das Verhältnis zwischen Säkularismus und Islam zum Teil der Transformations- und Staatsformungsprozesse und damit der Gestaltung der politischen Systeme.
Das Problem dabei ist nicht die Konkurrenz allein, sondern die Art und Weise ihrer Austragung: Dieser Wettbewerb kann zum Ausgangspunkt sowohl für Demokratisierung als auch für Konflikte werden.
Viertens schließlich hat Staatsformung bei einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit religiöse und wertegebundene Besonderheiten zu berücksichtigen. Geschieht dies, so wird der Einfluss des Islam und mit ihm verbundener Eliten steigen. Geschieht dies nicht oder nur ungenügend, so wird dies islamische Opposition provozieren.
Man kann die Sache also drehen, wie man will: So oder so - eine Politisierung des Islam wird unvermeidlich sein.
Das eigentliche Problem besteht aber nicht nur in der Politisierung von Islam, sondern darin, wie und von wem diese Politisierung instrumentalisiert wird:
- konstruktiv oder destruktiv?
- Von radikalen oder kooperations- und koexistenzbereiten islamischen Kräften?
- Und: ob die, sozusagen, "Handreichung" gegenüber Letzteren aus Europa oder woanders her erfolgt. Da ist es schon weitsichtiger, wenn Europa "seinen" Islamisten die Hand reicht.
Wenn also der "islamische Faktor" im euro-asiatischen Raum eine permanente zivilisatorische und politische strategische Größe ist und bleibt, dann gehört die Normalisierung des Verhältnisses zu ihm auf die politische Tagesordnung.
Für europäische Politik heißt das, das Verhältnis zum politischen Islam und seinen Trägern zu stabilisieren, sozusagen "Druck abzulassen" und ihn nicht zu erhöhen.
Politik muss zwischen "Säkularisten" und "Islamisten" ausgleichen, nicht zuspitzen.
Und zwar in zwei Dimensionen:
- A: In der innenpolitische Dimension in zentralasiatischen Staaten, insbesondere im kritischen Dreiländereck des Ferganatals.
- B: In dem Dreiecksverhältnis, das besteht zwischen dem säkularen Europa und den säkularen Regierungen Zentralasiens sowie beider mit den Vertretern des politischen Islam und umgekehrt.
Soll europäische Politik stabilisierend wirken, dann ist also in beiden Dimensionen nach der Vereinbarkeit von politischem Islam und Sicherheit zu fragen:
- Sind Beide miteinander vereinbar?
- Wenn ja, welche Hindernisse und Gegensätze sind aus dem Wege zu räumen?
- Welche zivilisatorischen und institutionellen Konsequenzen sind dafür zu ziehen?
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang über einige Forschungsergebnisse der Untersuchung des säkularen- islamischen Kompromissprozess in Tadschikistan informieren.
Wir wissen natürlich, dass die tadschikischen Erfahrungen für andere zentralasiatische Staaten nicht kopierbar sind. Trotzdem sind sie von grundsätzlichem Wert: Sie beweisen, erstens, dass Kompromisse erreichbar sind und dass, zweitens, zwischen einer säkularen Regierung und einer islamischen Opposition ein Verhältnis von Zusammenarbeit und Koexistenz praktisch gestaltbar ist.
Der tadschikische Kompromissprozess erlaubt Einblicke in die Spezifik der Konfliktregelung zwischen Säkularisten und ehemals radikalen Islamisten.
Diese Einblicke geben Zugang zu Fragen, wie
- Wie können Zuspitzungen von Gegensätzen zwischen einer säkularen Regierung und Islamisten aufgelöst werden?
- Welche Gegensätze sind zwischen ihnen von grundsätzlicher Natur und daher auch anderenorts zu erwarten?
- Nach welchen Prinzipien könnte ein selbsttragender Kompromissprozess gestaltet werden?
Und schließlich:
- Auf welche Fragen sind europäische Antworten zu geben. Letzteres ist angesichts des Wahlsiegs einer islamischen Partei in der Türkei von besonderer Relevanz.
Lassen Sie mich einige unserer Erkenntnisse und Überlegungen vortragen:
Erstens: Unsere Untersuchungen in Tadschikistan zeigen, dass "politischer Islam" nicht per se ein Konfliktträger zu sein braucht. Es scheint uns wichtig, den Begriff "politischer Islam" zu demystifizieren. Wir sollten ihn als das nehmen, was er ist: Als eine Ausdrucksform religiösen gesellschaftlichen Bewusstseins.
Die Logik ist folgende:
Wenn wir mit der These leben können, dass angesichts der ungeheuer komplizierten Transformations- und Staatsbildungsprozesse eine Politisierung der aus ihren "normalen" Lebenswegen geworfenen Menschen unausweichlich und somit "normal" ist, dann sind auch die Politisierung von Religion und folglich politisierter Islam "normal".
Für Politik heißt das, auch solche politischen Parteien als "normalen" Teil der gesellschaftlichen Realitäten zu behandeln, die sich "islamisch" nennen. In Deutschland hat mit einer Partei, die sich als christlich apostrophiert, niemand ein Problem.
Das Problem beginnt erst dann, wenn man einer solchen Partei ihre Normalität abspricht. Denn dann radikalisieren sich jene Menschen, die mit Verboten belegt werden.
Unsere Schlussfolgerung lautet: Die Radikalisierung von politischen islamischen Parteien beginnt mit der Verweigerung, sie als einen "normalen" Teil des demokratischen Spektrums zu behandeln. Das fällt sogar im aufgeklärten Europa schwer.
Zweitens ist die Erkenntnis relevant, dass die Radikalisierung von politischem Islam kein abstrakter Vorgang ist. Er beginnt mit konkreten Personen, z.B. durch ihren Ausschluss von der Teilhabe an der politischen, administrativen und wirtschaftlichen Macht. Das treibt sie zur Suche nach einem alternativen politischen System, das ihnen erlaubt, ihre Interessen wahrzunehmen. Damit kann aber die weltanschauliche Entscheidung "säkularer oder islamischer Staat?" auf den Plan gerufen werden.
Im Umkehrschluss wird deutlich, was zu unterlassen ist, um eine Radikalisierung des islamischen Faktors zu vermeiden: Keine politische oder weltanschauliche Provokation des islamisch gebundenen Teils der Elite; keine Provokation der religiösen Gefühle der islamischen Bevölkerung; keine gleichzeitige Brüskierung der säkularen und islamischen Eliten durch den "Export" fremder Wertesysteme, einerseits eines "fremden Islam", andererseits in Form eines unspezifischen "Überstülpens" westlicher Werte und Normen.
Drittens: Die Frage nach der religiösen, kulturellen, politischen "Heimat" des Islam und islamischer Politiker im eigenen nationalen Haus.
Diese Frage ist von zentraler Bedeutung für die Entscheidung "säkularer oder islamischer Staat?". Solange "Islamisten" auf einer nationalen Position verbleiben, gleiten sie nicht auf pan-islamistische ab. Letztere aber sind die wirklich gefährlichen, weil sie den regionsfremden radikalen Islaminterpretationen, wie der von Hizb-ut-Tahrir, die Tür öffnen.
Das heißt, Politik sollte sich darum bemühen, islamische Parteien und Aktivisten auf nationalen Positionen zu halten. Dafür muss sie ihnen aber ein gleichberechtigter Platz im eigenen nationalen Haus und dessen politischen, kulturellen etc. Systemen eingeräumt werden!
Hierfür aber bedarf es konsensueller und koexistenzieller Politikansätze.
Und zwar als grundsätzliches Ziel von Staatspolitik!
Viertens: Welche Hindernisse und Gegensätze sind aus dem Wege zu räumen?
Aus unseren Untersuchungen kristallisieren sich zwei Komplexe für das Verhältnis zwischen der säkularen und der islamischen Seite als besonders belastend heraus. Das sind
1. Das Verhältnis der säkularen Staatselite zur Religion (Islam).
Hier ist die Kernfrage das Verhältnis von Religion, Staat und Nation. Aus unserer Sicht wird das europäische säkulare Prinzip der Separierung von Staat und Kirche fälschlich als Trennung von Staat und Religion interpretiert.
Das Dilemma einer konzeptionell so angesetzten Diskussion über das Verhältnis von säkularem Staat und Islam besteht darin, dass sie von der Annahme ausgeht, Religion und Staat seien voneinander trennbar: "Hier der Staat und dort der Islam."
Ein solcher konzeptioneller Ansatz führt aber in eine politische Sackgasse. Diese besteht in einer scharfen Kontrolle der Religion von oben und im Verbot sich auf den Islam berufender Parteien und Bewegungen. Beides führt ständig zu neuen Streitpunkten in den Beziehungen zwischen der säkularen Staatselite sowie islamischen Würdenträgern und Politikern. Der Streit gipfelt in der Frage des Platzes und der Rolle des Islam im Prozess der Staatsformung.
Es zeichnen sich zwei Ansätze ab, um aus diesem Dilemma herauszukommen:
Erstens wäre zu diskutieren, dass es nicht um die Normalisierung der Beziehungen zwischen "Staat und Religion" gehen muss, sondern um die Entspannung, Normalisierung der Beziehungen zwischen Staat (genauer gesagt, seinen Exekutivorganen) und religiösen Institutionen. Dies würde auch dem säkularen Prinzip der Trennung von Staat und Kirche und der gegenseitigen Nichteinmischung (organisatorisch und administrativ) entsprechen.
Zweitens zu klären wäre, was unter den spezifischen sozialen, religiösen und soziokulturellen Bedingungen Zentralasiens ein moderner, nationaler, säkularer zentralasiatischer Staat ist, der Islam und seinen politischen Artikulanten eben jenen gleichberechtigten Platz einräumt.
Drittens in diesem Kontext hat auch Europa seine "Hausaufgaben" zu machen: Es gilt die für Demokratisierung und Stabilität in Zentralasien grundsätzliche Frage zu beantworten, ob sich Europa und die OSZE dort junge Staaten vorstellen können, in deren Aufbau islamische Werte und Identität einfließen.
Ein zweiter Kreis von Hindernissen und Gegensätzen zwischen den Seiten besteht in einem bestimmten latenten Misstrauen. Es speist sich vor allem aus zwei Quellen:
Erstens aus der so genannten "Machtfrage" und zweitens aus der Problematik der gesellschaftspolitischen Orientierung des Staates.
Worin besteht das Problem?
Die säkulare Macht befürchtet, dass die islamische Partei schlussendlich nach einem theokratischen Staat streben könnte. Deshalb trachte sie nach Garantien, welche verhindern, dass eine religiöse Partei an die Regierung kommt. Oder: dass sie keine Veränderung des säkularen Staatscharakters anstrebt.
Andererseits: sogar koexistenzbereite Islamisten halten der säkularen Macht vor, den Begriffsinhalt von Säkularismus und säkularem Staatscharakter in einem koexistenziellen Sinne nicht ausreichend deutlich geklärt zu haben. Hier geht es also um den gleichberechtigten Platz der Vertreter des Islam in den Staatsformungsprozessen.
Zugleich darf nicht übersehen werden, dass selbst gemäßigte Islamisten nicht in der Lage sind, allein mit Verbalien zu garantieren, dass der verfassungsmäßige Status quo nicht doch (z.B. durch auch von ihnen nicht beherrschbare islamische Kräfte) unterlaufen wird.
Nach unserer Einschätzung trifft diese Sachlage auf den gesamten euro-asiatischen Raum zu, womit die zentrale Bedeutung von Vertrauen oder Misstrauen zwischen den säkularen und islamischen Seiten deutlich wird.
Die Sackgasse besteht darin, dass solange die Formel von "Zusammenarbeit und Koexistenz der Zivilisationen und Kulturen" im nationalen und im euro-asiatischen Rahmen nicht in eine politische und rechtliche Konstruktion gefasst wird, in welcher sich die Seiten unter anderem auch auf die von ihnen geforderten Garantien verständigen, keine der Seiten sich auf eine "Probe aufs Exempel" einzulassen bereit sein wird.
Gibt es einen Ausweg aus dieser Sackgasse? Die sozusagen "endgültigen Garantien" wird erst ein längerer politischer Prozess der Vertrauensbildung durch Zusammenarbeit und Koexistenz, durch gemeinsames Gestalten nationaler Staatlichkeit, Lösen von Entwicklungsproblemen liefern.
Jedoch: Wenn es richtig ist, das Verhältnis zum politischen Islam und seinen Trägern im euro-asiatischen Raum zu normalisieren, dann Vertrauensbildung jetzt begonnen werden.
Das verdienstvolle Beispiel Tadschikistans zeigt, dass säkular-islamische Kompromisses dort die Lage insgesamt stabilisiert hat.
Für Zentralasien steht aus meiner Sicht die Frage: Wie können die beiden Seiten, die säkulare und die islamische, zu einem modus vivendi kommen, ohne erst durch einen blutigen Bürgerkrieg gehen zu müssen.
Damit bin ich wieder bei meiner Ausgangsfrage nach der Vereinbarkeit von politischem Islam und Sicherheit im asiatischen Raum der OSZE.
Antworten auf diese Frage sollten gemeinsame sein. Nur dann werden sie tragen.
In Zentralasien sollte die jetzige "Atempause" der Antiterrorstrategie genutzt werden, um das Verhältnis zu "seinen" Islamisten zu überdenken und zu normalisieren.
Dabei sollte nicht vergessen werden: Koalitionen entstehen und vergehen. Die Interessenwahrnehmung von Supermächten kann sich mit deren Präsidenten wandeln.
Aber: Der Islam und "unsere" nun schon gemeinsamen "Islamisten" bleiben bestehen!
Deshalb sollten wir uns hier in Europa Rechenschaft darüber ablegen, dass der islamische Faktor im euro-asiatischen Raum eine permanente strategische Größe geworden ist und bleibt. Europa bleibt folglich auch von islamischer Gesellschaftsopposition nicht verschont.
Deshalb ist ein Wechsel des traditionellen Wahrnehmungsmusters des politischen Islam und islamischer Opposition gefragt, aus dem strategische Konsequenzen zu ziehen sind. Dabei geht es nicht etwa um eine Aufgabe der jeweiligen Werte, sondern um ein Verhältnis von Zusammenarbeit und Koexistenz.
Darin hat Europa Erfahrungen.
Bezogen auf praktische Politik gegenüber den asiatischen, muslimischen Regionen des gemeinsamen politischen OSZE-Raums bedeutet dies, dass sich Europa zu Islam, seiner Kultur und politischen Bewegungen als völlig natürliche Bestandteile des gesellschaftlichen Organismus dieses Raums, welche sie ja tatsächlich sind, und nicht als etwas Fremdes verhalten sollte.
Vielmehr sollten wir uns in einen solchen mentalen und politischen Zustand bringen, der es uns ermöglicht, beispielsweise islamische Gesellschaftsopposition als Teil des Spektrums demokratischer, zivilgesellschaftlicher Opposition zu begreifen und anzunehmen. Zugegeben: Für die "christliche Wertegemeinschaft" wäre das ein noch ganz ungewöhnlicher Gedanke.
Doch wir Deutsche, Europäer und Zentralasiaten - haben viele gute Gründe, die traditionelle Negativfixierung Säkularismus versus Islam, Islam versus Westen und umgekehrt zu durchbrechen.
Dafür brauchen wir alle miteinander Umsicht, Mut und Optimismus.