Afrika / Mosambik


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

DDR-Solidarität mit dem Befreiungskampf des ANC – was ist davon geblieben?

Vortrag auf dem 5. Treffen der Freunde Mosambiks am 22.04.2006

Die Solidarität mit dem Befreiungskampf des ANC hatte in der DDR unterschiedliche Akteure. Ihre Motivation wurde aus verschiedenen Quellen gespeist. Ich konzentriere mich hier auf die Solidarität, die sich als „antiimperialistische Solidarität" aus dem Traditions- und ideologischen Selbstverständnis des Staates DDR und vieler seiner Bürger ableitete und die für viele von uns hier Leitmotiv persönlichen solidarischen Handelns war. Das ist keine Geringschätzung der Solidarität anderer, etwa kirchlicher Gruppen, die unterschiedlich motiviert war, sondern ist der mir zur Verfügung stehenden Zeit geschuldet.

„Antiimperialistische Solidarität" war ein Prinzip der DDR-Außenpolitik und wurde zum Markenzeichen ihrer Afrikapolitik. Sie schloss die strategisch orientierte Unterstützung der Befreiungsbewegungen ein und wurde als Beitrag zum Kampf gegen Kolonialismus und Rassismus und für sozialen Fortschritt verstanden. Dieser Kampf erfuhr seine Ausprägung hinsichtlich Verlauf und konkreter Zielstellung in starkem Maße durch den Kalten Krieg.

Der Apartheidkonflikt in Südafrika war frühzeitig Ansatzpunkt für eine aktive Solidarität seitens der DDR, zumal die relativ entwickelte sozioökonomische und Klassenstruktur Südafrikas günstige Voraussetzungen für eine dem eigenen Gesellschaftsverständnis entsprechende "progressive" Entwicklung zu bieten schien. Die Befreiungsbewegungen im Süden Afrikas waren ein Schwerpunkt der Afrikapolitik der DDR, die ihren Höhepunkt 1979 mit zwei Afrika-Reisen Erich Honeckers erfuhr. Dabei gab es in Maputo auch ein Treffen mit dem Präsidenten des ANC Oliver Tambo - auf afrikanischem Boden, unweit der Grenze zu Südafrika. Diese Symbolik war damals durchaus gewollt.

Die DDR hat die Unterstützung für ANC und SWAPO immer auch im regionalen Kontext gesehen. Die Unabhängigkeit Angolas und Mocambiques 1975 veränderte die Lage in der Region dramatisch, auch für den Befreiungskampf des ANC. ANC und Mocambique haben eine besondere Geschichte ihrer Beziehungen. Der Soweto-Aufstand 1976 ist beispielsweise auch durch die Entwicklung in Mocambique stimuliert worden. Maputo wurde für Vordenker im Exil des ANC zu einem Schmelztiegel revolutionärer Erfahrungen. Trotz der späteren traumatischen Erfahrung mit dem Nkomati-Abkommen hat sich bei vielen im ANC bis heute eine starke Affinität zu Mocambique und seinen Menschen erhalten. Heute werden Südafrika und Mocambique als enge Verbündete in der Region betrachtet, ich habe sogar schon den Ausdruck politische Zwillinge gehört, was sicher doch etwas überzogen ist.

Zurück zu den historischen Wurzeln unserer Solidarität mit der südafrikanischen Befreiungsbewegung. Kontakte der DDR zum ANC hatten sich schon seit den 50er Jahren, auch mit Hilfe der Beziehungen der SED zur SACP, der Kommunistischen Partei, entwickelt. Gewerkschaftskontakte spielten ebenfalls eine besondere Rolle. Gemeinsamkeiten in ideologischen und politischen Prinzipien und Wertvorstellungen begünstigten die Zusammenarbeit. Die historische Erfahrung der DDR mit der Überwindung des Faschismus und dem Aufbau einer neuen Gesellschaft war für den ANC ein wichtiger Anknüpfungspunkt, nicht zuletzt angesichts nahe liegender Vergleiche des Naziregimes mit dem Apartheidsystem. Aspekte der innerstaatlichen Entwicklung wie das Mehrparteiensystem oder die Sozialpolitik verstärkten das Interesse des ANC an der DDR. Da Versuche einer sozialistischen Orientierung oder Entwicklung in afrikanischen Ländern zunehmend nicht funktionierten, schien gerade die DDR für manche Vertreter des ANC das Modell einer gesellschaftlichen Alternative zu der von Kolonialismus und Rassismus diskreditierten kapitalistischen Marktwirtschaft in einem freien Südafrika zu bieten.

Schnell und nachhaltig hat die DDR vor allem auf politischem und humanitärem Gebiet ihre Unterstützung für den südafrikanischen Befreiungskampf demonstriert. Die Solidarität mit Nelson Mandela und seinen Mitangeklagten im Rivonia-Prozess 1963/64, danach mit allen politischen Gefangenen in Südafrika, hat viele Menschen in der DDR mobilisiert. Hier wurde auch demonstriert, wie man unter konkreten DDR-Bedingungen höchst wirksam Solidarität organisieren und ausgestalten konnte. Die Beziehungen waren jedoch auch nicht frei von Spannungen. Die DDR hat einige Zeit und auch Druck seitens ANC und SACP gebraucht, um sich 1963 zu ökonomischen Sanktionen gegenüber Südafrika durchzuringen, weil in einer für die DDR sehr kritischen Zeit hier relevante ökonomische Interessen betroffen waren.

Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit mit dem ANC standen zunächst die politische und propagandistische Arbeit sowie Unterstützung in der Ausbildung. Auf politischem Gebiet gab es sehr viel Übereinstimmung, die Fronten waren für beide Partner eindeutig – auf der einen Seite das Apartheidregime Südafrikas, unterstützt oder toleriert vom Westen, auf der anderen Seite die Befreiungsbewegung mit einer klaren antiwestlichen Position, in der ein „natürlicher Verbündeter“ für die sozialistischen Staaten gesehen wurde. Die DDR hat die Südafrika-Frage zu einem Schwerpunkt ihrer internationalen Aktivitäten gemacht, bereits vor und erst recht seit ihrer UNO-Mitgliedschaft 1973. Sie war aktives Mitglied des Anti-Apartheidausschusses der UNO.

Diese politisch-diplomatische Unterstützung für den ANC war ein wichtiges Stück Solidarität, denn die Isolierung des Apartheidregimes, die internationale Anerkennung und Unterstützung des ANC – das waren entscheidende Aufgaben der Befreiungsbewegung. Dazu trugen auch Konsultationen auf hoher und höchster Ebene zwischen der DDR und dem ANC bei, ebenso wie direkte Parteibeziehungen und die Eröffnung einer Vertretung des ANC mit semi-diplomatischem Status in Berlin. Diese Behandlung, aber auch der protokollarische und persönliche Umgang mit den Vertretern der Befreiungsbewegungen, wo man (in der Regel) tatsächlich miteinander auf gleicher Augenhöhe sprach, haben sich beim ANC tief eingeprägt. Unterstützung in praktischen Fragen wie der Finanzierung der Vertretung, aber auch bei der Bereitstellung von Tickets zu internationalen Konferenzen war ebenfalls nicht unwichtig.

Vergessen wir nicht, als die Fahne des ANC bereits seit Jahren über einer offiziellen Vertretung im Diplomatenviertel in Wilhelmsruh wehte und Oliver Tambo in der DDR wie ein Staatsgast empfangen wurde, wurde der ANC in Washington offiziell immer noch als terroristische Vereinigung gelistet, und auch in Bonn blieb man lange bei einer Politik des „kritischen Dialogs“ mit dem Regime in Pretoria. Sicher war dies auch eine Folge des Kalten Krieges, darauf entschuldigend reduzieren lässt sich diese Politik indes nicht.

In der praktischen Solidarität standen Ausbildung, materielle Hilfe für Flüchtlingslager und ANC- Ausbildungszentren in Afrika sowie die Unterstützung propagandistischer Aktivitäten im Vordergrund. Sechaba, die Zeitschrift des ANC (und auch The African Communist) wurden in der DDR gedruckt und von dort versandt, ebenso Bücher, Broschüren und andere Schriften, darunter auch Tarnschriften für die Untergrundarbeit. Als seit 1969 wiederholt an zentralen Plätzen südafrikanischer Großstädte Tausende Flugblätter und parallel dazu Lautsprecherdurchsagen vom Kampf des ANC kündigten, war die DDR nicht unbeteiligt. Solidarität war aber auch die Aufführung einer südafrikanischen Oper in der Berliner Staatsoper oder eines Schauspiels im Deutschen Theater. Es gab Kunstausstellungen, Poster und Kalender thematisierten den Kampf gegen die Apartheid – weit über die DDR hinaus. Die Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche wurde zu einem wichtigen Forum der Solidarität.

Neben umfangreichen Lieferungen von Hilfsgütern an die Flüchtlingszentren des ANC in Tansania waren dort Lehrer, Berater, Techniker und Jugendbrigadisten aus der DDR tätig. Schwerverwundete Freiheitskämpfer erhielten in Berlin-Buch eine medizinische Behandlung, oftmals künstliche Gliedmaßen und eine anschließende Rehabilitation. Die Bereiche Bildung und Ausbildung spielten in der Solidarität eine wichtige Rolle. In den 1980er Jahren befanden sich ständig 150 bis 200 Südafrikaner zur fachlichen Ausbildung in der DDR. Das ging bis hin zu einem Sonderkurs für künftige Diplomaten des ANC. Auch die Ausbildung von ANC-Kadern an der Bezirksparteischule Magdeburg wird bei kritischer Bewertung mancher ihrer Inhalte bei den Partnern insgesamt als eine wichtige positive Erfahrung gesehen.

Militärische und Sicherheitskooperation war ein wichtiger, jedoch nicht der umfangreichste Bereich der Zusammenarbeit. Für die Befreiungsbewegungen war er auch deshalb wichtig, weil der bewaffnete Kampf als „armed propaganda“ ein Schlüsselelement des politischen Kampfes war, für den der ANC nicht von all seinen Kooperationspartnern Unterstützung erhielt. Als nach dem Soweto-Aufstand Tausende jugendlicher Flüchtlinge zum ANC und dessen militärischem Flügel Umkhonto we Sizwe strömten, begann die Militärausbildung von ANC-Kämpfern in der DDR in großem Umfang. In einem Camp beim mecklenburgischen Teterow wurden in den nächsten 12 Jahren über 1.000 Mann ausgebildet. Hinzu kam die Vorbereitung einzelner Kämpfer und kleinerer Gruppen für den Einsatz im Untergrund in Südafrika. Im ANC wurde die hohe Effizienz dieser Ausbildung gewürdigt. In Interviews mit ehemaligen hochrangigen Militärs des südafrikanischen Regimes spürte ich, welcher Mythos, aber auch welche Spekulationen dieses DDR-Engagement umgaben.

Typisch für die Afrikapolitik der DDR war der gezielte und konzentrierte, oft komplexe Einsatz der begrenzten Mittel zur Unterstützung eines Partners in einer für ihn kritischen Situation, so dass die dann schnelle und unbürokratische Hilfe besonders effektiv war. Das galt auch für den ANC, als dieser nach der Zerschlagung seiner Strukturen im Lande im Exil ums Überleben kämpfte, oder unmittelbar nach dem Soweto-Aufstand. Solche existentielle Hilfe in schwieriger Lage ist von den Partnern hoch geschätzt worden. Beziehungen zu den Befreiungsbewegungen des südlichen Afrika waren seit den 1970er Jahren in der DDR Chefsache und erfuhren dadurch auch eine deutliche protokollarische Aufwertung.

Der ANC war sich immer bewusst, dass für die DDR Solidarität Partnerschaft im gegenseitigen Interesse bedeutete. So hat man in den 1960er Jahren das Streben der DDR nach diplomatischer Anerkennung unterstützt und Verständnis für die Betonung der deutschlandpolitischen Komponente in der DDR-Afrikapolitik gehabt. Die "Entlarvung" der Unterstützung Westdeutschlands für das koloniale Portugal und das Apartheid-Regime in Südafrika stand in dieser Phase stark im Vordergrund einer offensiven DDR-Solidarität.

Als in den späten 1980er Jahren "neues Denken" in der Afrikapolitik der DDR auf die Unterstützung politischer Konfliktregelungen im südlichen Afrika orientierte, führte das nicht zu Irritationen beim ANC, wie im Falle der Gorbatschowschen Politik. Veränderte Schwerpunkte der Außenpolitik der DDR, bestärkt durch ökonomische Krisenerscheinungen im eigenen Land sowie eine zunehmende Desillusionierung über und eine gewisse Marginalisierung Afrikas führten weder zur Einschränkung der umfangreichen Hilfe für die Befreiungsbewegungen, noch belasteten sie das Verhältnis zu diesen Organisationen.

DDR-Solidarität war auch deshalb wirksam, weil sie konkret war. Ich werde im südlichen Afrika immer wieder gezielt nach ehemaligen DDR-Partnern gefragt, mit denen die Befreiungsbewegungen zusammen gearbeitet haben. Enge persönliche Beziehungen auf den verschiedensten Ebenen haben in der Solidarität eine wesentliche Rolle gespielt. Sie stützten sich auf Werte wie eine internationalistische Solidarhaltung, auf ideologische Gemeinsamkeiten und persönliches Interesse und Engagement für Entwicklungsprozesse in Afrika. Davon ausgehend sind viele DDR-Vertreter – auch nicht alle, das wollen wir nicht vergessen - gegenüber afrikanischen Partnern ganz bewusst kameradschaftlich und gleichberechtigt aufgetreten – im Unterschied zu manch anderen ihrer Kollegen.

Im südlichen Afrika, hier insbesondere bei den Befreiungsbewegungen, erzielte die Afrikapolitik der DDR eine große Wirksamkeit. Diese Einflusstiefe findet ihre Ursachen u. a. in einer frühzeitigen und dann kontinuierlichen Unterstützung der Befreiungsbewegungen, in der Konzentration auf Bildung und Ausbildung, in der schnellen und wirksamen Hilfe in Krisensituationen, aber auch im erwähnten persönlichen Engagement der ostdeutschen Akteure. Vertreter der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika betrachten die Unterstützung sozialistischer Staaten für ihren Befreiungskampf, hier wird auch immer wieder die DDR hervorgehoben, als existentiell für den letztendlichen Erfolg ihres Kampfes.

Der Kollaps der DDR ist von vielen Kräften im ANC als tiefer Schock empfunden worden. Die Frage nach den Ursachen für diesen Kollaps hat sie noch lange beschäftigt und war für manchen Anlass zum kritischen Nachdenken über Entwicklungsprozesse innerhalb der eigenen Bewegung.

Für manchen im ANC war die DDR das best organisierte, das disziplinierteste aller sozialistischen Länder gewesen, scheinbar ein Erfolgsmodell. Noch heute ist bei ihnen die DDR in einer oft verklärten Erinnerung geblieben als eine neue, sozial gerechte und zudem scheinbar effiziente und erfolgreiche Gesellschaftsordnung, mit Vollbeschäftigung und Fürsorge für alle Menschen und dazu einer beeindruckenden Solidarität und Wärme, die sie selbst durch Hilfsleistungen, Unterstützung und in Begegnungen mit den Menschen erfahren haben. Es gibt aber auch Vertreter des neuen Südafrika, die Defizite an Demokratie, Menschenrechten und kritischem Umgang in der DDR sahen. Es werden auch Fragen gestellt, wie es in jüngster Zeit zu den ausgeprägten Erscheinungen von Ausländerfeindlichkeit im Osten Deutschlands kommen konnte.

Zeitgleich zum Ende der DDR und zur Vereinigung Deutschlands begannen in Südafrika wichtige Entwicklungsprozesse, die letztendlich zur Überwindung der Apartheid führten. Als der ANC 1994 die politische Macht übernahm, gab es die DDR schon nicht mehr. Wenige Wochen nach dem Ende der DDR war die Dezemberausgabe 1990 von Sechaba, der Zeitschrift des ANC, die mehr als 20 Jahre in der DDR gedruckt worden war, mit einem Titelbild von der Eröffnung der ANC-Vertretung in der DDR 1978 erschienen und hatte in einem Leitartikel den Verlust kommentiert, den die Befreiungsbewegung mit dem Verschwinden der DDR erlitten hatte. Gewürdigt wurde die großzügige Unterstützung, die die Menschen der DDR bewusst und selbstlos dem südafrikanischen Volk gewährt hatten.

Im Februar 1993 eröffnete der Präsident des ANC, Oliver Tambo, in Johannesburg eine internationale Konferenz, mit der für die umfangreiche internationale Solidarität gedankt werden sollte, die der ANC erfahren hatte. Unter den geladenen Gästen befanden sich auch Vertreter aus der Solidaritätsbewegung der früheren DDR. 1999 beschäftigte sich auf Robben Island eine wissenschaftliche Konferenz mit der Solidarität und den Beziehungen zwischen den nordischen Ländern und dem südlichen Afrika. Außer Teilnehmern dieser beiden Regionen, unter ihnen viele Regierungsmitglieder, waren Vertreter der Anti-Apartheidbewegungen aus Großbritannien und den Niederlanden sowie von Solidaritätsbewegungen der früheren UdSSR und der DDR eingeladen worden. Ich habe wiederholt die Gelegenheit gehabt, bei solchen Anlässen in Südafrika zu erleben, wie tief verinnerlicht die Erfahrung der ostdeutschen Solidarität im ANC, in der SACP und in der Gewerkschaftsbewegung COSATU ist.

Solche Erfahrungen beschränken sich nicht auf derartige Veranstaltungen. Im südafrikanischen Alltag wird man als Deutscher häufig danach gefragt, aus welcher Gegend Deutschlands man kommt. Oft kommt der Gesprächspartner dann mit eigenen Erinnerungen an die Solidarität der DDR. Nicht nur Freunde erinnern sich. Auch jene, die der DDR immer distanziert gegenüber standen, wissen um die große Bedeutung der Solidarität der DDR für den südafrikanischen Befreiungskampf. Selbst Vertreter des ehemaligen Apartheidregimes sprechen mit Respekt von der ostdeutschen Unterstützung für den ANC.

Wer die aktuellen Entwicklungen in Südafrika verfolgt, muss erfahren, wie sich auch dort im Zuge der gesellschaftlichen Transformation Prozesse vollziehen, die mit beträchtlichen Auseinandersetzungen und Verwerfungen verbunden sind und auch typisch postkoloniale Erscheinungsformen wie Korruption und Vetternwirtschaft einschließen. Sicher kann man nicht überall die Maßstäbe einer „reinen Lehre“ anlegen, mit denen auch unsere Partner in der Befreiungsbewegung zu Zeiten des Befreiungskampfes groß geworden sind. Man sollte ihnen nicht das Recht der Korrektur von Irrtümern und Fehlern verwehren, dass wir ja auch für uns in Anspruch nehmen. Gleichzeitig sollte man sich selbst eine gesunde, durchaus kritische und von Nostalgie freie Haltung bewahren. Südafrikas Menschen messen die Entwicklung ihres Landes an den Anforderungen von heute.

Spuren der DDR-Solidarität finden sich überall in Südafrika – zwei Kabinettsminister haben in Leipzig studiert, andere waren persönlich stark in die Beziehungen zur DDR involviert. Der Chef der Streitkräfte wurde in Teterow ausgebildet. DDR-Absolventen begegnet man in Ministerien, politischen und sozialen Organisationen und an anderen Schlüsselstellungen der Entwicklung. Erfahrungen der DDR sind Ende der 1980er Jahre in konzeptionelle Vorstellungen des ANC eingeflossen und haben offensichtlich auch im Transformationsprozess eine Rolle gespielt. Wenn heute darüber gesprochen wird, welche vielfältigen historischen Beziehungen es insgesamt zwischen Deutschland und Südafrika gegeben hat, so kommt dabei der DDR-Solidarität mit dem ANC eine eigene Bedeutung zu. Das gehört mit zu den positiven Wurzeln der insgesamt recht erfolgreichen deutsch-südafrikanischen Beziehungen.

Solidarität mit Südafrika ist kein abgeschlossenes Kapitel, sie lebt nicht nur in der Erinnerung. Wie in Deutschland insgesamt, so unterstützen auch im Osten nichtstaatliche Organisationen und viele einzelne Menschen die komplizierten Entwicklungsprozesse in Südafrika durch tätige Solidarität. Dazu gehört auch SODI, Solidaritätsdienst-international, als Nachfolgerin des DDR-Solidaritätskomitees. Solidarität ist inzwischen auch ein Thema historischer Aufarbeitung und Auseinandersetzung. Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher und anderer Publikationen sind zu dieser Frage erschienen. Dabei kommt einer sachlichen und kritischen, aber auch selbstkritischen Beschäftigung mit diesem Thema besondere Bedeutung zu. Auch die Solidarität der DDR hatte ihre Probleme und Defizite, die bereits in verschiedenen Publikationen behandelt wurden und die ich in den heutigen komprimierten Bemerkungen nur anreißen konnte. Ich finde es gut, wenn sich inzwischen auch Studenten in Seminar- und Diplomarbeiten mit der DDR in Afrika auseinandersetzen, insbesondere wenn das in einer beeindruckenden Qualität geschieht, wie ich das bereits mehrfach erlebt habe. In Südafrika selbst erscheint gegenwärtig eine mehrbändige Geschichte des Befreiungskampfes. In einem Band zur internationalen Solidarität wird auch der Solidarität der DDR ein umfangreiches Kapitel gewidmet sein.

Es ist vollauf berechtigt, die Solidarität mit dem ANC als eine positive Erfahrung zu resümieren. Sie ist nicht vergessen, auf beiden Seiten nicht. In jüngster Zeit haben die südafrikanischen Botschaften in verschiedenen Ländern, darunter auch hier in Deutschland, Aktivisten des Anti-Apartheid-Kampfes zu Veranstaltungen eingeladen, mit denen der Kontakt zu den alten und neuen Freunden in Ost und West aufgenommen und die Zusammenarbeit fortgeführt werden soll. Es wird gerade auch für die Anti-Apartheid-Aktivisten darauf ankommen, dieser Zusammenarbeit im veränderten globalisierten Umfeld neue Aufgaben und einen neuen Rahmen zu geben. Der Rückblick auf die Solidarität während des Befreiungskampfes bietet dafür eine gute historische Ausgangsbasis.