Geschichte der Außenpolitik der DDR


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Siegfried Bock, Ingrid Muth, Hermann Schwiesau (Hg.):

"Alternative deutsche Außenpolitik? DDR-Außenpolitik im Rückspiegel (II)" Reihe Politikwissenschaft Band 127 LIT-Verlag Berlin 2006 ISBN 3-8258-9278-6 (Buch bestellen)

Ausführungen der Herausgeber anlässlich der Buchpräsentation am 10. Mai 2006 auf einer Veranstaltung des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. in Berlin:

Ingrid Muth

Als wir in gleicher Besetzung und fast auf den Tag genau vor zwei Jahren hier in diesem Raum den I. Band mit Gesprächsprotokollen unter dem Titel „DDR-Außenpolitik im Rückspiegel. Diplomaten im Gespräch" vorstellten, überwog neben der Ungewissheit, wie das Buch von den Kollegen, der Presse und der interessierten Öffentlichkeit wohl aufgenommen werde, der Vorsatz, sich so ein arbeitsintensives und nervenaufreibendes Unternehmen wie einen Sammelband mit Themen über die Außenpolitik der DDR nicht noch einmal aufzubürden.

Inzwischen wurde aus der Ungewissheit die Überzeugung, dass solche Bücher gebraucht werden und der zeithistorischen Forschung eine wesentliche Nuance hinzufügen, nämlich die kritische Sicht von Zeitzeugen. Und so haben sich die in diesem Band versammelten Autoren ein weiteres Mal der Mühe unterzogen, weitere Protokolle der Debatten über die Außenpolitik der DDR in der Arbeitsgruppe Geschichte für eine breitere Öffentlichkeit aufzuarbeiten und in einem zweiten Buch zusammenzufassen.

Wir haben den Buchtitel „Alternative deutsche Außenpolitik" mit einem Fragezeichen versehen. Er nimmt Bezug auf das Selbstverständnis der DDR als politische und soziale Alternative zur BRD. Während die Bundesrepublik ihre Legitimation aus der Berufung auf die Wahrung der Kontinuität des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 herleitete, begründete die DDR ihre Legitimation als zweiter deutscher Staat aus dem Abbruch eben dieser Kontinuität. Diesem Grundverständnis entsprechend orientierte sich eine alternative deutsche Außenpolitik an den staatstragenden Prinzipien Antiimperialismus, Antifaschismus, Friedensbewahrung, Solidarität und gleichberechtigte internationale Zusammenarbeit.

Über diesen großen historischen Zusammenhang hinaus - seit 1949 zwei alternative deutsche Staaten in einer bipolaren Welt - versteht sich unser Buch als ein Diskussionsbeitrag in der zeithistorischen Diskussion, ob und in welchem Umfang die praktische Außenpolitik diesem Anspruch gerecht wurde, wie sie ihren Platz in den vier Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte ausfüllte, welchen Anteil sie daran hatte, dass man am Ende der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der längsten Friedensepoche in der Geschichte Europas sprechen konnte. Auch dafür steht das Fragezeichen - in einem konstruktiven Zusammenhang - im Titel.

Für den aufmerksamen Leser wird natürlich auch erkennbar, wie eng der außenpolitische Handlungsrahmen der DDR war als Teil einer politischen und militärischen Koalition, eingebunden in die Blockkonfrontation des Kalten Krieges, abhängig von der Hegemonialmacht Sowjetunion, verstrickt in ein kompliziertes und vielschichtiges Beziehungsgeflecht zur Bundesrepublik.

Sicher bleiben nach der Lektüre unseres Buches nach jedem Kapitel Fragen offen. Wir sind keine Historiker, die auf der Basis gesicherter Quellenstudien und einer wissenschaftlichen Konzeption sowie in Kenntnis des neuesten Forschungsstandes arbeiten. Wir haben als Diplomaten und Politikwissenschaftler, als Mitarbeiter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, in der Abteilung Internationale Verbindungen im Zentralkomitee der SED, in den Botschaften und in Internationalen und wissenschaftlichen Gremien die Außenpolitik der DDR mitgetragen und mitgestaltet. Nun fügen wir seit mehr als zehn Jahren Fakten, in den regelmäßigen Debatten der Arbeitsgruppe Geschichte der DDR-Außenpolitik Zusammenhänge und Hintergründe zusammen, versuchen aus der Erinnerung Motive, ideologische Zwänge und Grenzen festzuhalten, auch das eigene Mitwirken kritisch zu hinterfragen. Wer das erste Buch gelesen hat, kennt dieses Verfahren und weiß um dessen methodische Grenzen. Neben dem Bemühen um sachliche Darstellung und Einordnung einzelner Bereiche der Außenpolitik und der Beziehungen sind es vor allem die Lebenserfahrungen, die wir als Zeitzeugen aufbewahren und an die Generationen weitergeben möchten, die im nunmehr vereinigten Deutschland heranwachsen und sich nur schwer vorstellen können, wie es war, als es zwei deutsche Staaten im Kalten Krieg gab.

Wir wollen mit unserem Buch dem gegenwärtigen Trend zur Vereinfachung, der Reduzierung der deutschen Nachkriegsgeschichte auf die Geschichte der Bundesrepublik einen, wenn auch bescheidenen Stein des Anstoßes in den Weg legen, nicht zu vergessen, dass auch die Menschen in der DDR Geschichte geschrieben haben, die früher oder später Eingang in die deutsche Nationalgeschichte finden wird.

Enthüllungen oder Sensationen wird man bei uns vergeblich suchen. Das liegt zum einen daran, dass danach bereits andere meist vergeblich gesucht haben, denn Politik ist in der Regel eine trockene und nüchterne Angelegenheit. Es hängt sicher auch mit dem vielleicht etwas altmodischen Berufsethos der Diplomaten zusammen, den ehemaligen Partner oder Kollegen nicht im Nachhinein zu desavouieren. Das heißt nicht, dass wir keinen Sinn für Humor und Situationskomik haben, nachzulesen in der vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht herausgegebenen Anekdotensammlung „Hinter vorgehaltener Hand".

Zurück zum Buch. Es enthält Diskussionen zu vier großen inhaltlichen Komplexen: Im ersten Kapitel, werden die bilateralen Beziehungen zu den sozialistischen Bruderländern in Europa behandelt. Ein weiteres Kapitel enthält zwei Beiträge aus dem Bereich der Entwicklungsländer: Über die außenpolitischen Beziehungen der DDR zu Äthiopien und zur Haltung der DDR gegenüber Befreiungsbewegungen am Beispiel der SWAPO Namibias. Das dritte Kapitel behandelt den Bereich UNO, UNESCO und Internationale Organisationen. Ein viertes Kapitel befasst sich mit dem Bemühen der DDR um Abrüstung und Rüstungsbegrenzung.

Zum Schluss möchten wir uns bei all denen bedanken, die mitgeholfen haben, dass wir Ihnen heute dieses Buch vorstellen konnten. Bitte betrachten Sie das nicht als eine Höflichkeitsfloskel, sondern als ein Indiz dafür, dass dieses Buch das Ergebnis gemeinsamer Arbeit ist. Mein Dank gilt allen Freunden und Kollegen, die an den Texten mitgeschrieben und debattiert haben. Er gilt in besonderer Weise Hannelore Bock, die Korrektur gelesen hat und die bei außenpolitischen Texten nun einmal vorkommenden zahlreichen „fremdsprachigen" Namen in eine adäquate Schriftform brachte. Bedanken möchte ich mich auch bei den Autoren und dem Verband für Internationale Politik und Völkerrecht, die die Herausgabe des Bandes durch ihre finanzielle Unterstützung erst ermöglichten. Nicht zuletzt sei der LIT-Verlag Münster - Berlin genannt, der das Buch in seiner Reihe Politikwissenschaft in einer seriösen und ansprechenden Form herausbrachte.

Wir möchten Ihnen nun in der gebotenen Kürze einen Einblick in zwei inhaltliche Schwerpunkte des Buches vermitteln.

Prof. Dr. Siegfried Bock:

Die Außenpolitik eines Staates umfasst zwei Bereiche – die bilateralen und die multilateralen Beziehungen. Deshalb ist es folgerichtig, dass sich der jetzt vorgelegte Band zur Außenpolitik der DDR auch mit den multilateralen Beziehungen beschäftigt. Will man die Außenpolitik eines Staates betrachten und beurteilen, dann muss man beide Bereiche heranziehen.

Das Verhalten eines Staates in den multilateralen Beziehungen sagt mehr über seine Politik und seinen Charakter aus als sein Verhalten im bilateralen Bereich, wo man es in der Regel mit einem Partner zu tun hat. Nur mit ihm muss man sich verständigen, kommt dies nicht zustande, ist der Vorgang abgeschlossen. Anders bei multilateralen Vorhaben, wo es um regionale oder globale Beschlüsse und Vereinbarungen geht. Hier stoßen viele Interessen aufeinander, und Ergebnisse erfordern eine hohe Konsensbereitschaft der einzelnen Teilnehmer. Dabei erweist sich, wer bereit ist, sich in die allgemeine Interessenlage einzuordnen und damit zum Gelingen des jeweiligen Vorhabens beizutragen.

Es ist deshalb, will man die Außenpolitik der DDR bewerten, folgerichtig, in die Betrachtung ihrer Außenpolitik ihr Verhalten im multilateralen Bereich einzubeziehen. Die Autoren des vorliegenden Buches haben das getan. In zwei Kapiteln stellen sie die Haltung der DDR in der UNO und einigen ihrer Spezialorganisationen, in der UNESCO. und in internationalen Abrüstungsgremien dar.

Dabei referieren und diskutieren Zeitzeugen, die auf den Feldern der Politik, Ökonomie, Kultur und Abrüstung über die ganze Periode der Existenz der DDR hinweg deren Außenpolitik mitgestaltet und umgesetzt haben. Ihre Aussagen vermitteln nicht nur Erkenntnisse über den komplizierten und langwierigen Weg zur Erlangung der jeweiligen Mitgliedschaften in internationalen Organisationen und Gremien und dann das Wirken in diesen Organen, sondern auch über jene Probleme, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zur Diskussion standen. Es wird also auch jener Leser auf seine Kosten kommen, der seine Erinnerungen über die damalige Zeit vervollkommnen möchte.

Das multilaterale Agieren der DDR im eigentlichen Sinne war allerdings in begrenztem Umfang erst ab Mitte der 50er Jahre möglich, nachdem ihr durch die Besatzungsmacht die Souveränität übertragen wurde. Dabei stellte sich als Hauptaufgabe die Gestaltung der Beziehungen zur UNO und zum UNO-System. Erste Schritte in dieser Richtung machten jedoch deutlich, dass angesichts der damaligen Kräftekonstellation eine Mitgliedschaft kurzfristig nicht zu erreichen war. Die Schlussfolgerung konnte deshalb nur darin bestehen, die Beziehungen zu diesem System schrittweise, unter Ausnutzung aller sich bietenden Möglichkeiten, zu entwickeln. Die Autoren zeichnen diesen Weg mit den zu überwindenden Hindernissen und erreichten Fortschritten nach.

Die Entwicklung des Entspannungsprozesses Anfang der 70er Jahre machte die Einbeziehung der DDR in das UNO-System möglich. Damit eröffnete sich für sie der Weg zur Mitwirkung in den entscheidenden Feldern der internationalen Politik.

Es gehört zu den historischen Wahrheiten, dass die DDR in den zwei Jahrzehnten ihres Wirkens in diesem System als konstruktiver Partner betrachtet wurde. Sie konzentrierte sich in ihrem Handeln auf Politikfelder, die Anliegen und Forderungen der überwiegenden Mehrheit der UN-Mitgliedstaaten waren. Alle von ihr eingebrachten Resolutionsentwürfe wurden mit überwältigender Stimmenmehrheit oder im Konsens angenommen. In mehr als 50 angenommenen Resolutionen wirkte die DDR als Koautor mit. Auf der 44. Generalversammlung 1989 folgte die DDR in 97 % aller angenommenen Resolutionen der Majorität. Vertreter der DDR übten zur allgemeinen Zufriedenheit wichtige Wahlfunktionen im UNO-System aus. So als Präsident des Sicherheitsrates und der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Vertreter der DDR wurden in vielen Fällen zu Vorsitzenden oder Vizevorsitzenden von Hauptausschüssen der Generalversammlung und von Hauptorganen im UNO-System gewählt. Vertretern der DDR wurden wichtige Funktionen in Spezialorganisationen übertragen.

Es gehört auch zur historischen Wahrheit, dass die DDR niemals in Berichten oder Resolutionen des UNO-Systems, in welchen Fragen auch immer, auf die Anklagebank gesetzt wurde. Der Begriff vom „Unrechtstaat DDR" gehörte nicht zum Vokabular des UNO-Systems. Ungeachtet aller Unterschiede in politischen Auffassungen der beiden deutschen Staaten war, wie die Autoren nachweisen, das Verhältnis ihrer Vertreter in den multilateralen Gremien korrekt und sachlich.

Das vorgelegte Buch verschweigt nicht fehlerhaftes Verhalten und Defizite im Auftreten der DDR im UNO-System. So war eine grobe Fehlentscheidung 1979 ihre Zustimmung zur Resolution der UN-Generalversammlung, die Zionismus mit Rassismus gleichstellte. Auch in der Kambodschafrage hat die DDR, als es um die Einsetzung des Pol-Pot-Regimes als Vertreter Kambodschas ging, eine Konzeption vertreten, die nicht in Ordnung war. Gleiches gilt für das Abstimmungsverhalten im Zusammenhang mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan.

Sicher hängt das Verhalten der DDR in diesen Fragen mit ihrer Einbindung in die Systemauseinandersetzung und in bestehende Bündnisverpflichtungen zusammen, was aber für die Autoren kein Grund war, auf kritische Bemerkungen zu diesem Verhalten zu verzichten.

Das bezieht sich auch auf das Verhalten der DDR zu bestimmten Menschenrechtsfragen. Während die DDR den Resolutionen in solchen Fragen im UNO-System fast ausschließlich zustimmte, zeigte sich gerade auf diesem Gebiet die Konfliktsituation zwischen außenpolitischen Herausforderungen und innenpolitischem Verhalten der DDR-Führung. Es war eine verhängnisvolle Schwäche der Außenpolitik und der Diplomatie der DDR, jene sich international abzeichnenden Trends im humanitären Bereich innerstaatlich nicht zur Wirkung gebracht zu haben.

Das Eingehen der Autoren auch auf diese Aspekte der Außenpolitik der DDR unterstreicht die Objektivität, die Ausgewogenheit und Wahrhaftigkeit der Darstellung. Diese Aspekte können aber nicht ungeschehen machen, dass die DDR mit ihrer Außenpolitik eine gangbare Alternative zu jener deutschen Außenpolitik war, die auf Belastung und Zerstörung zwischenstaatlicher Beziehungen und auf eine Bedrohung internationaler Sicherheit abzielte.

Unter Beweis stellen das im besonderen Maße die Ausführungen im Buch über das Wirken der DDR in der UNESCO, einem UN-Organ, das der Zusammenarbeit in so wichtigen Bereichen wie der Kultur, der Bildung und Erziehung, der Wissenschaften und der Kommunikation dient. Auf die Initiative der DDR gingen mehr als 60 Projekte zurück, die in diesem Rahmen realisiert wurden. Es zeugt von deren Sinnhaftigkeit, dass einige davon auch nach 1990 weitergeführt wurden.

Trotz beschränkten Spielraumes in der Abrüstungsfrage, hier lagen die Kompetenzen in strategischen und auch in den wesentlichen taktischen Fragen allein bei den Supermächten, hat die DDR über all die Jahre hinweg durch ihr Konferenzverhalten unter Beweis gestellt, dass sie an Rüstungsbeschränkung und Abrüstung interessiert war. In solchen Teilbereichen wie dem Verbot von Chemie- und Biowaffen, bei der Schaffung von Zonen frei von Massenvernichtungswaffen und bei vertrauensfördernden Maßnahmen hat die DDR eigene Initiativen entwickelt. Wer erinnert sich nicht an die von der DDR sehr zum Missfallen Moskaus aufgestellte Forderung „das Teufelszeug muss weg"" im Verlauf der Debatte über die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Zentraleuropa. Das war eine Sternstunde in der Abrüstungspolitik der DDR. Aber auch im sensiblen Bereich der Abrüstungspolitik wird in dem Buch darauf eingegangen, dass das Spannungsverhältnis von Außen- und Innenpolitik in der DDR auch in diesem Bereich immer relevant war.

Die Außenpolitik der DDR in all ihren bi- und multilateralen Erscheinungsformen ist zwar ebenso wie dieser Staat insgesamt Vergangenheit, aber diese außenpolitische Haltung verdient, in die deutsche und europäische Entwicklung der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in all ihren positiven wie negativen Aspekten eingeordnet zu werden. Dazu soll das vorgelegte Buch einen Beitrag leisten.

Hermann Schwiesau:

Im Kapitel I des vorliegenden Bandes werden einige Aspekte der Beziehungen zwischen der DDR und Staaten im ost- und südosteuropäischen Raum Europas untersucht. Die Autoren der einführenden Beiträge, an die sich eine Diskussion anschließt, sind ehemalige Botschafter in diesen Ländern, die ihre persönlichen Erfahrungen, Eindrücke und Bewertungen darlegen. Ihre Ausführungen konzentrieren sich auf den Zeitraum ihrer Tätigkeit in den betreffenden Ländern, berücksichtigen jedoch die Gesamtproblematik der bilateralen Beziehungen, ohne die ein Verständnis der speziellen Probleme nicht möglich ist.

Günter Sieber, Botschafter in Polen 1973 – 1980,

Helmut Ziebart, Botschafter in der Tschechoslowakei 1981 – 1990,

Gerd Vehres, Botschafter in Ungarn 1988 – 1990,

Prof. Dr. Siegfried Bock, Botschafter in Rumänien 1977 – 1984,

Manfred Schmidt, Botschafter in Bulgarien 1975 – 1981,

Peter Schubert, Botschafter in Albanien 1989 – 1990, verstorben 2003,

legten mit ihren Ausführungen die Grundlage für eine Diskussion, an der sich Mitglieder der Arbeitsgruppe Geschichte, die während ihrer beruflichen Tätigkeit mit den Beziehungen zwischen den betreffenden Staaten und der DDR befasst waren, beteiligten. Naturgemäß war dies nur ein sehr kleiner Kreis von Personen. Um ein umfassendes Bild der Problematik zu zeichnen, wäre ein wesentlich größeres Forum erforderlich gewesen. Dies hätte jedoch den Rahmen der Arbeitsgruppe Geschichte gesprengt. Entstanden ist – auch aus diesem Grunde – kein Gesamtbild der zwischenstaatlichen Beziehungen. Dazu hätte es auch eines gründlichen Studiums der Akten des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR bedurft, die bekanntlich einer 30-jährigen Sperrfrist unterliegen. Das Führen persönlicher Tagebücher, wie sie zum Beispiel in Memoiren einzelner Diplomaten des Deutschen Reiches und der Bundesrepublik Deutschland verwendet wurden, war im diplomatischen Dienst der DDR weder üblich noch erwünscht. Es liegen jedoch zahlreiche Untersuchungen vor, die als zusätzliche Informationsquellen herangezogen und empfohlen werden können, z. B. die Veröffentlichung von Helmut Ziebart im GNN Verlag Stuttgart 1999 „Bilanz einer deutsch – tschechischen Alternative. Anliegen und Ergebnisse der Beziehungen DDR – Tschechoslowakei“. Zudem ist weiterführende Literatur am Ende des vorliegenden Buches angegeben.

Zur ausführlichen Information über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den betreffenden Staaten und der DDR ist die Veröffentlichung des ehemaligen Stellvertreters des Ministers für Außenhandel der DDR, Dietrich Lemke, unter dem Titel „Handel und Wandel. Lebenserinnerungen eines DDR-Außenhändlers 1952 – 1995“, erschienen 2004 im Selbstverlag, zu empfehlen. In ihr wird eine kritische Bilanz, vor allem der Außenhandelsbeziehungen, gezogen, ohne die erreichten Ergebnisse klein zu reden. Diplomaten der DDR, die sich mit den Beziehungen zu ost- und südosteuropäischen Ländern, aber auch mit Kuba und Ländern des Fernen Ostens zu befassen hatten, werden darin vieles wieder finden, was zu ihrem täglichen – und manchmal ziemlich harten – Brot gehörte.

 Das Kapitel I des heute vorgestellten Buches vermittelt das Bild eines Auf und Ab in den bilateralen Beziehungen. Perioden enger, vertrauensvoller Zusammenarbeit wechselten mit Zeiten eines gespannten Verhältnisses. Das internationale Umfeld, die Blockdisziplin und nicht zuletzt die dominierende Rolle der UdSSR zwangen immer wieder zur Beilegung von Konflikten, manchmal auch nur zum verbalen Überdecken gravierender Differenzen. Wo dies nicht gelang, wurde Gewalt angewendet, mit unheilvollen Folgen für das Verhältnis der Völker zueinander und letztlich für die gesamte „sozialistische Staatengemeinschaft“. Ein wirklicher Ausgleich der Interessen konnte unter diesen Bedingungen nicht stattfinden. In den Beiträgen dieses Bandes werden einzelne Phasen dieser Entwicklung dargestellt, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Wie der Versuch, der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ein Gegenmodell in Gestalt einer sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüberzustellen, so wird auch das Bündnis der sozialistischen Staaten in Osteuropa noch einer eingehenden Untersuchung und Erörterung bedürfen, die frei ist von vorab gefassten Meinungen und Auffassungen, schon gar von solchen aus der Zeit des kalten Krieges. Vielleicht bedarf es dazu auch noch einiger Zeit. Aktuelle Ereignisse legen dies zumindest nahe.

 In einigen Beiträgen dieses Bandes werden die großen Schwierigkeiten erwähnt, die vor allem in den Beziehungen zu Polen, aber auch zur Tschechoslowakei zu überwinden waren. Ich darf dazu insbesondere auf die Ausführungen von Günter Sieber und Manfred Schmidt verweisen. Bei der Betrachtung des Verhältnisses DDR – Polen wird – und dies zu Recht – immer wieder auf das Problem der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze verwiesen. Ohne diese mutige – und zugleich schmerzhafte – Entscheidung der SED-Führung und der Regierung der DDR wäre die Aufnahme der DDR in den Kreis der volksdemokratischen Staaten Osteuropas, gar nicht zu reden von den Beziehungen zur UdSSR, unmöglich gewesen. Die DDR erbrachte mit der Anerkennung dieser Grenze eine äußerst bedeutsame Vorleistung im deutsch – polnischen Verhältnis, wofür sie aus der Bundesrepublik Deutschland – und keineswegs nur von offen revanchistischen Kreisen – viele Jahre heftig angegriffen wurde. Dies mögen auch Vertreter des heutigen Polens bedenken, die oft und öffentlich davon sprechen, dass die DDR vor allem eine Barriere gegenüber den natürlichen Partnern Polens im Westen unseres Kontinents gewesen sei und dabei zu vergessen scheinen, welche Rolle die DDR als sicherheitspolitisches Vorfeld Polens gespielt hat. Zu dieser Problematik liegen u. a. Ausarbeitungen und Veröffentlichungen von Mitgliedern des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht vor, auf die im vorliegenden Band hingewiesen wird.

 Vielfach wird in den Beiträgen der Autoren und in der Diskussion auf die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte eingegangen. Subjektive Urteile – auch Vorurteile –, persönliche Animositäten haben in den Beziehungen zwischen der DDR und den betreffenden Staaten eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Günter Sieber hat dies an den Beispielen Ulbricht – Gomulka und Honecker – Gierek – Jaruzelski anschaulich dargestellt, ebenso Siegfried Bock am Beispiel der führenden Politiker der DDR und Rumäniens. In diesen Zusammenhang gehört auch das Wirken Günter Mittags in den Wirtschaftsbeziehungen, auf das in einzelnen Beiträgen eingegangen wird. Es werden auch die Schwierigkeiten deutlich, die sich daraus für die Arbeit der DDR-Botschafter und der Kollektive der Auslandsvertretungen der DDR ergaben. Zugleich wird sichtbar, welche Möglichkeiten für die Überwindung auch komplizierter Probleme in den bilateralen Beziehungen bestanden, wenn die führenden Vertreter der betreffenden Länder ein gutes Verhältnis zueinander pflegten. Das ist sicherlich allgemeine Praxis in den internationalen Beziehungen und auch in der aktuellen deutschen Außenpolitik für jeden Interessierten zu beobachten, aber doch hier erwähnenswert, weil die Rolle der Persönlichkeit gerade hinsichtlich der Beziehungen zu den „sozialistischen Bruderländern“ in der öffentlichen Diskussion in der DDR eine zu geringe Rolle spielte.