Vorträge von Mitgliedern des Verbandes
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Winter, Dr. Heinz-Dieter:
"Der Islamismus – Formen, Ursachen, Ziele"
Vortrag, gehalten am 11. Februar 2003 in Donauwörth vor Offizieren des Bundeswehrregiments und Gästen aus Wirtschaft und Politik
I
Vor vier Wochen wurde über Religion gesprochen, heute geht es mit dem Islamismus um ein politisches Thema, das mit dem 11. September 2001 wieder sehr aktuell geworden ist. Ich spreche zu Ihnen nicht als Religionswissenschaftler oder Orientalist, sonder als ehemaliger Außenpolitiker, der viele Arbeitsjahre seines Lebens in arabischen bzw. islamischen Länder verbracht hat. Ich beschäftige mich mit dem Thema, weil es mir um das weltpolitische Problem: "Der Westen" und die islamische Welt geht. Vor 10 Jahren habe schon einmal vor Angehörigen der Bundeswehr (Truppenamt Bonn) zu diesem Thema gesprochen. Damals war die Frage aktuell im Zusammenhang mit einer "Feindbild-Islam"-Diskussion in Kreisen der NATO nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des Ostblocks. Es gab Meinungen, der Feind der NATO stände im Süden, in Gestalt des islamischen Fundamentalismus1). Damals habe ich vor diesem Feindbilddenken gewarnt und gemeint, man sollte besser die Ursachen für politischen Extremismus im Süden erforschen und diese beseitigen. Ein Feinbild Islam wäre nur Wasser auf den Mühlen jener islamistischer Kräfte in der islamischen Welt, die wirklich gegen den Westen mobil machen wollen und von sich sogar behaupten, dass ihre Lehren der Islam wären, was nicht stimmt. Leider hat sich, wie der 11.September und die ihm folgenden Entwicklungen (Afghanistan, Irak) zeigen, die Lage weiter verschärft. Obwohl nach dem 11. September in den Medien viele Islamexperten zu Wort gekommen sind und davor warnten, ein Feinbild Islam zu kreieren, ist das Feindbilddenken weit verbreitet. Buchtitel wie "Das Schwert des Islam" u. ä. Überschriften in Illustrierten zeugen davon. Scholl-Latour spricht vom Islam als "kämpferischer Religion, auf die man militant antworten" müsse. Der Schriftsteller Günter Kunert meinte : "Der Islam kennt kein Gebot Du sollst nicht töten". Aber auch von Staatschefs und Politikern gibt es Äußerungen, die von Feindbilddenken zeugen. USA-Präsident Bush sprach in einer ersten Erklärung von einem "Kreuzzug." Berlusconi sprach von der "Überlegenheit der westlichen Zivilisation über den Islam". Schon der Vergleich ist unsinnig. Alle diese Äußerungen zeugen davon, dass bewusst oder unbewusst die Taten und Ansichten einiger extremistischer Islamisten mit dem religiösen Glauben von etwa 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt gleichgesetzt werden. Wenn man aber Islam und Islamismus gleichsetzt, tappt man in eine von den gewalttätigen Islamisten aufgestellte Konfrontationsfalle. Die Kenntnis über diese Dinge ist auch deshalb wichtig, weil Islam und Islamismus keine geographisch fernen Angelegenheiten sind , sondern der Islam in Deutschland und Europa überhaupt ein wichtiger Faktor geworden ist. Ca. 3 Mio. Muslime leben in Deutschland, davon sind 450000 deutsche Staatsbürger. In der OSZE sind seit Anfang der neunziger Jahre muslimisch geprägte Staaten, die ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken, mit ca. 57 Mio. Menschen , Tadschikistan (78% Muslime), Kasachstan (63%), Usbekistan (82%). Islam und Islamismus sind also höchst aktuelle Themen und es ist verdienstvoll, daß sich das Bundeswehrregiment Donauwörth in einer Veranstaltungsreihe diesem Fragenkomplex widmet.
II
Beim Islamismus handelt es sich nicht um Religion, sondern darum, wie die Religion des Islam für politische Zwecke ausgenutzt wird. Es geht um politische Instrumentalisierung der Religion, um Ideologie. Nicht nur der Islam, auch andere Religionen wurden und werden für politische Zwecke benutzt oder auch missbraucht. Die Weltgeschichte ist voll davon. Statt Islamismus werden auch solche Begriffe wie Fundamentalismus oder politischer Islam benutzt. Lassen Sie mich den Unterschied zwischen Islam und Islamismus vereinfacht darstellen: Wenn ein frommer Muslim in seiner Gottgläubigkeit zu Allah in die Moschee geht und die fünf Pflichten des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Sozialabgabe, Wallfahrt) erfüllt, so ist das eben nur Religion. Wenn unter dem Schah-Regime im Iran die Mullahs in den Moscheen zum Sturz des Schahs aufgerufen haben und ihn als gottlosen Knecht des Westens verdammt haben, so ist das politische Instrumentalisierung der Religion Islamismus. Die islamische Revolution unter Khomeni führte dann zur Etablierung eines islamistischen Regimes im Iran. Damit wurde Islamismus zu einem weltpolitischen Problem, das uns bis heute beschäftigt und auch noch lange Zeit beschäftigen wird. Ich verstehe unter Islamismus Bestrebungen, mit Berufung auf die islamischen Glaubenslehre bestehende Herrschaftsstrukturen zu verändern, als unislamisch zu destabilisieren und schließlich zu beseitigen, aber auch bestehende Herrschaftsstrukturen zu legitimieren oder durch Nutzung des Islam innenpolitische, soziale und außenpolitische Forderungen durchzusetzen. Der Islamismus bedient sich einer religiösen Sprache, kann aber als Ideologie nicht direkt aus Religion abgeleitet werden, sondern beruht auf ganz konkreten, politischen, wirtschaftlichen, sozialen u.a. Ursachen. Die Ursachen liegen also nicht in der Zeit der Verkündung des Islam durch Mohammed - darauf berufen sich die Islamisten - sondern in den Realitäten der heutigen Welt.
III
Unter den sehr unterschiedlichen und vielfältigen islamistischen Strömungen lassen sich zwei Grundtypen unterscheiden. In der Regel entwickeln sich islamistische Bewegungen als sich auf den Islam berufende Protest- und Oppositionsbewegungen gegen herrschende Regimes in der islamischen Welt mit dem Ziel, die Macht zu ergreifen (Beispiel Iran, GIA und FIS in Algerien, Djihad in Ägypten.) oder auch als Widerstandsbewegung gegen ausländische Unterdrückung (Hisbollah in Libanon, Hamas in Palästina, islamistischer Widerstand in Kaschmir gegen Indien).
Der zweite Grundtyp: Herrschende Regimes bedienen sich dieser Ideologie zur Absicherung ihrer Macht, indem sie sich auf den Islam berufen und im Interesse ihrer Machterhaltung diesen interpretieren.(Wahhabitentum in Saudi-Arabien, Taliban in Afghanistan, Pakistan, Iran, Sudan).
Im folgenden möchte ich vor allem vom ersten Typ sprechen. Es gibt sehr viele unterschiedliche islamistische Strömungen, traditionalistische, modernistische, reformorientierte, radikale. Die meisten sind reformorientiert, d.h. streben keinen gewaltsamen Umsturz an. In der Türkei ist eine islamistische Partei 2) durch letzte Wahlen Regierungspartei geworden, diese bemüht sich um Aufnahme in die EU. Reformorientierte Islamisten gibt es auch in Tunesien, dazu gehören auch die Moslembrüder in Ägypten und Jordanien. Die Minderheit ist radikalislamistisch, darunter gibt es auch terroristische Gruppen. Diese Minderheit macht aber durch ihre spektakulären Gewaltakte um so mehr von sich reden. Osama bin Laden wird von den meisten islamistischen Gruppen abgelehnt und die schreckliche Tat vom 11. September als unislamisch verurteilt. Die Gleichsetzung Islamismus mit Terrorismus ist also völlig falsch. Der in den Medien gebrauchte Begriff "islamistischer Terror" führt zu einem falschen Bild. Das hat dann schlimme Folgen, wenn das politikwirksam wird.
IV
Bei aller Differenziertheit der Ziele und Methoden der verschiedensten islamistischen Gruppen möchte ich jetzt, allerdings grob verallgemeinert, darlegen, was die Islamisten wollen: Der Islam wird von ihnen als eine Ordnung ohne ihresgleichen dargestellt, da Gott selbst sie enthüllt habe. Der Koran und die Worte und Taten des Propheten (Hadith) sollen zur Grundlage und Richtschnur allen Denkens und Handelns gemacht werden. Das schließt ein: individuelles Verhalten, öffentliche Ordnung, Wirtschaft, Recht, Politik, Kultur. Sie wollen die Islamisierung von Gesellschaft und Staat. Sie fordern faktisch die Rücknahme der Gesetze und Lebensformen, die in Ländern der islamischen Welt in einem Anpassungsprozeß an die Erfordernisse der moderne Welt entstanden sind. Weil diese Anpassung als Verlust der islamischen Identität unter dem Einfluss des Westens gesehen wird, sprechen die Islamisten auch von Reislamisierung. als Streben nach Rückkehr zu den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnungsvorstellungen, die zur Zeit Mohammeds und unmittelbar nach ihm existiert haben, wobei diese Zeit natürlich idealisiert und verklärt wird. Dadurch soll die allgemeine Misere, die im allgemeinen kritische politische und wirtschaftliche Situation in islamischen Ländern, ihre im Vergleich zu den Hochzeiten des Islam untergeordnete Stellung in der Welt, überwunden werden. Es geht ihnen um die Befreiung der islamischen Welt vom Westen und seinem Einfluss, denn vor allem der Einfluss des Westens hätte zum Identitätsverlust der Muslime geführt.. Der Westen habe zwar materiellen Fortschritt, wissenschaftlich-technische Errungenschaften aufzuweisen, diese könnten übernommen werden. Ansonsten sei die westliche Lebensweise für Muslime nicht akzeptabel, siehe Umweltprobleme, Verhältnis zur Dritten Welt, Kriminalität, Werteverlust, zur Schau gestellte Sexualität. Sie fordern die Einführung eines Rechtssystems entsprechend der Schariah. Einige, nicht alle, wollen den islamischen Staat, der schließlich alle Muslime umfassen soll, d.h. die faktische Wiedererrichtung des Kalifats. Einer der geistigen Wegbereiter des Islamismus war der Ägypter Hassan al Banna, der 1928 die sog. Moslembruderschaft gründete, die sich weit über die arabische Welt und darüber hinaus ausbreitete. Die Moslembrüder bevorzugen heute in der Regel den friedlichen Weg , leisten eine wichtige karitative Arbeit, unterhalten Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Sportvereine usw. und haben dadurch Ansehen und Einfluss im Volk gewonnen.
Meine Ausführungen über den Islamismus dürfen nun nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der islamischen Welt ganz andere, wenn auch weniger auffällige Strömungen gibt, so auch Säkularisten, politische Denker, auch gläubige Muslime, die nicht die Erfordernisse des modernen Lebens, die Anforderungen der heutigen Welt nach religiösen Vorstellungen ausrichten wollen, sondern umgekehrt die Religion so praktizieren wollen, wie es in der heutigen Welt möglich und sinnvoll ist. Der Koran , wie er vor mehr als tausend Jahren entstanden ist, konnte nur die Realitäten der damaligen Zeit widerspiegeln. Der Koran müsse heute anders gelesen und interpretiert werden, z.B. der ägyptische Koranwissenschaftler Abu Zaid, der wegen seiner Anschauungen emigrieren musste.
V
Warum fühlen sich viele Menschen in der islamischen Welt vom Islamismus angezogen? Wieso haben die Islamisten soviel Zulauf? Sie versprechen in einer Situation der Schwäche, Rückständigkeit und Demütigung Einheit, Stärke, Gerechtigkeit. Damit kommen wir zu den historischen und aktuellen Ursachen des Islamismus. Sicher gab es schon seit Mohammeds Zeiten politische Instrumentalisierung der Religion, schon der Machtkampf unter den Nachfolgern Mohammeds darüber, wer ist der rechte Kalif, war mit entsprechenden Interpretationen der überlieferten Lehren des Propheten verbunden und führte z.B. zur Abspaltung der Schiiten. Aber Islamismus, um den es uns geht, ist ein Gegenwartsphänomen, das mit seinen Wurzeln allerdings weiter zurückgreift, bis Mitte und Ende des 18.Jahrhunderts. So verband sich im 18. Jahrhundert der saudische Stammesfürst mit der strenggläubigen Wahhabiten-Sekte und eroberte mit ihrer Hilfe fast die gesamte arabische Halbinsel. In der Gegenwart hat Saudi-Arabien mit Petrodollars und Religionslehrern sehr dazu beigetragen, dass der Islamismus in vielen Ländern stärker Fuß gefasst hat. Besonders wichtig auch für das Verständnis heutiger Lehren ist Napoleons Ägyptenfeldzug 1798. Damals wurde erstmalig die Frage nach dem Verhältnis Islam und der Westen aufgeworfen. Den Muslimen wurde ihre Rückständigkeit und die Überlegenheit Europas bewusst. Im Osmanischen Reich und anderswo begann man sich Fragen zu stellen wie: Warum ist der Westen der islamischen Welt wirtschaftlich, militärisch, verwaltungstechnisch usw. überlegen? Wie kann man diese Rückständigkeit überwinden? Muss man den Fortschritt vom Westen übernehmen? Wie viel und was darf man übernehmen, ohne die eigene islamische Identität zu verlieren? Überwindet man die Rückständigkeit, indem man zum ursprünglichen Islam zurückkehrt? Die erfahrene koloniale und halbkoloniale Unterdrückung, Ausbeutung und Demütigung islamischer Länder sind bis heute fortwirkende Ursache für Islamismus, zumal Rückständigkeit und Unterwicklung in der Dritten Welt eher zugenommen haben. Der antikoloniale Befreiungskampf entfaltet sich dann vor allem nach dem 2.Weltkrieg unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts, im wesentlichen nicht unter der grünen Fahne des Islam, obwohl dieser eine wichtige Rolle spielte, sondern unter der Flagge des Nationalismus und des Sozialismus (z.B. arabischer Sozialismus) bzw. auch des westlichen Liberalismus also unter dem Einfluss säkularer Ideologien des Westens. Ost und West eiferten um die Gunst der Entwicklungsländer und versprachen ihre Konzepte als die einzig richtigen zur Beseitigung von Rückständigkeit, Armut und Unterentwicklung. Doch seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde immer klarer, dass die nationalistischen Regimes in der Dritten Welt die Hoffnungen der Massen auf ein besseres Leben nicht erfüllen konnten, ihre Basis, die sie einst im Volke hatten, ging immer mehr verloren. Ebenso groß war die Enttäuschung, dass weder vom sozialistischen Osten noch vom kapitalistischen Westen eine wirksame Hilfe zur Überwindung der Unterentwicklung kam, sondern dass Ost und West nur ihre Blockkonfrontation auf die islamische Welt zu übertragen suchten. Unter diesen Bedingungen entwickelte sich Islamismus in vielfältiger und unterschiedlicher Weise. "Weder Ost noch West" und "Der Islam ist die Lösung" wurden wichtige Losungen.. Im arabischen Raum begann sich der Islamismus verstärkt nach der arabischen Niederlage im Krieg gegen Israel von 1967 auszubreiten. Er erfuhr einen Aufschwung durch die islamische Revolution im Iran (1979/80). Als die alte durch den Ost-West-Konflikt bestimmte internationale Ordnung 1989/90 zusammenbrach, erfuhren islamistische Tendenzen einen enormen Aufschwung. Der Rückzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan, der zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitrug, wurde von den Islamisten als Sieg über eine Supermacht empfunden. Gleichzeitig empfanden viele Muslime den ersten von den USA angeführten Krieg gegen den Irak als eine erneute Erniedrigung durch die Supermacht USA. Als damals US-Soldaten auf saudiarabischen Boden stationiert wurden und dort blieben, begann der arabische Multimillionär Osama Bin Laden, der in Afghanistan mit den USA kooperiert hatte, seinen sog. Djihad gegen die USA. In der damals von Präsident Bush Senior verkündeten "neuen Weltordnung" sahen sich Muslime in einer nichtgleichberechtigten und marginalisierten Situation. Als ein wichtiger Nährboden für Islamismus erweist sich der ungelöste Nahostkonflikt, insbesondere auch die Jerusalemfrage.
Neben solchen von mir angedeuteten internationalen Gegebenheiten sind es vor allem innere politische, wirtschaftliche und soziale Gründe in den einzelnen muslimischen Ländern selbst. Seit den siebziger Jahren haben sich in solchen Ländern wie Ägypten, Syrien, Irak, Algerien u. a. sozialökonomische Bedingungen herausgebildet, die Nährboden für Islamismus sind. Industrialisierung und Vernachlässigung der Landwirtschaft führten zur massenhaften sozialen Entwurzelung, die Arbeitslosigkeit besonders Jugendlicher nahm zu. Viele Jugendliche erhielten zwar vom Staat eine kostenlose Ausbildung, hatten aber dann keine Arbeit. Rund 80% der Arbeitslosen in Algerien sind Jugendliche, aber 60 % algerischen Bevölkerung sind unter 20 Jahre alt. Die jungen radikalen Anhänger des Islamismus kommen vorwiegend aus dem Kleinbürgertum, der unteren Mittelklasse, ein hoher Prozentsatz sind Studenten. Diese Generation hat die heroischen Tage des Kampfes für die Unabhängigkeit nicht mehr erlebt. Die herrschenden Regimes, die längst ihre durch die Erringung der staatlichen Unabhängigkeit errungene Legitimation verloren hatten, konnten keine Zukunftsaussichten mehr bieten. Eintreten für Demokratie und Menschenrechte wurden in der Regel brutal unterdrückt. So erhielten die Islamisten Zulauf in einer Atmosphäre wachsender Erwartungen, armseliger Ergebnisse und enttäuschter Hoffnungen. Mit dieser Darlegung möchte ich verdeutlichen, dass die Triebfedern für das politische Handeln von Islamisten nicht im Islam begründet sind, sondern in der Lebenssituation der Muslime. Man muss also nach den konkreten Interessen und Bedürfnissen der Menschen in der islamischen Welt fragen.
VI
Das Thema Terrorismus wird in einer nächsten Veranstaltung behandelt werden. Ich möchte nur nochmals unterstreichen, dass die meisten islamistischen Bewegungen sich um legale Wirkungsmöglichkeiten bemühen. Nach der Ansicht vieler Islamexperten, auch islamistischer, gibt es im Koran auch gar keine Rechtfertigung für Terrorismus oder Selbstmordattentate. Eine Minderheit von Islamisten, die terroristisch ist, macht natürlich um so mehr von sich reden. Man spricht von dem sog. Djihad-Islam. Dieser ist es, der uns Sorge bereiten muss und der auf geeignete Weise zu bekämpfen ist. Faktisch als Antwort auf grausame staatliche Repression hat sich in Teilen der Moslembruderschaft und anderen islamistischen Gruppen der Djihad-Islam entwickelt. Einer der wichtigsten Ideologen dieses gewalttätigen Islamismus ist der 1966 unter Präsident Nasser gehenkte Sayyid Qutb . Seine nachgelassenen Bücher fordern zum kompromisslosen Kampf gegen den Westen auf.. Er propagierte die Teilung der Welt in Gahiliyya (die Ungläubigen) und Welt des Islam (die Rechtgläubigen), in Dar al-Islam (Haus des Islam und des Friedens) und Dar el Harb (Haus des Krieges). Der Djihad sei zur Unterwerfung der anderen Seite unter den Islam erforderlich.3) Wir haben jetzt mehrmals das Wort Djihad benutzt. Die wörtliche Übersetzung lautet "Anstrengung", "Kampf für eine gute Sache" oder "Selbstläuterung". "Heiliger Krieg" ist keine Übersetzung. Für die Mehrheit der Muslime bedeutet Djihad in erster Linie Selbstläuterung und erst in zweiter Krieg zur Verteidigung, besonders der Religion. Qutb und seine Nachfolger wie Osama bin Laden verfälschen den ursprünglichen Sinn in eine Aufforderung zum Krieg gegen den Westen und die dem Westen hörigen Regimes. In Verfälschung des Korans wird "Heiliger Krieg" als sechste Säule, ja als wichtigste dargestellt. Das lehrte Omar Abdel Rahman als blinder Student an al-Azhar-Universität in Kairo in den siebziger Jahren, er war vor einigen Jahren der Rädelsführer des ersten Attentats auf das World Trade Center.
Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, unter welchen Umständen Islamisten eigentlich gewalttätig und terroristisch werden, so fällt eine charakteristische Tatsache auf. Islamistischen Gruppen, denen alle legalen Wirkungsmöglichkeiten verwehrt werden, die z.B. nicht an Wahlen teilnehmen dürfen, die einer grausamen staatlichen Repression unterliegen, neigen am ehesten zum Terrorismus. Mangels friedlicher legaler Alternativen wird zum Mittel der gewaltsamen Destabilisierung gegriffen. Beispiele: Palästinensische Gebiete. Beim Ausbruch der 1. Intifada 1987 spielten Islamisten, Hamas und Djihad als politische Kraft kaum eine Rolle. Und heute? Algerien: die FIS4) gewann im Dezember 1991 die Parlamentswahlen und die Mehrheit im Parlament. Die Annullierung der Wahlen durch das Militärregime führte zur bis heute andauernden Spirale der Gewalt. Aber in Jordanien z.B. bemüht sich die Monarchie darum, Islamisten zu integrieren. Diese nehmen an Wahlen teil und sind im Parlament vertreten, ähnlich in Kuwait und anderen Golfemiraten. Hier gibt es keine terroristischen Bedrohungen, es sei denn sie werden von außen hineingetragen. Das sollte zu denken geben.
Es ist nun leider so, dass gerade dieser Djihad-Islamismus, dem der Anti-Terror-Krieg gilt, durch den Westen, vor allem die USA, bewusst gefördert und für ihre Interessen genutzt worden ist. Das beste Beispiel dafür sind die sog. "Afghanen". Die USA haben in Kooperation mit Saudi-Arabien afghanische Islamisten mit CIA-Geldern und saudiarabischem Geld und mit Waffen versehen und gegen die sowjetische Besetzung unterstützt. Sie haben auch die Entsendung zahlreicher islamistischer Freiwillige aus arabischen und muslimischen Ländern gefördert (25 000 arabische Freiwillige, einige Schätzungen sprechen sogar von 100 000 aus allen muslimischen Ländern, sehr viele aus Saudi-Arabien). Nach dem Abzug der Sowjetunion wandten sich die afghanischen Islamisten bekanntlich gegen die USA, und die zurückkehrenden Afghanen bildeten in solchen Ländern wie Algerien, Ägypten, Yemen u.a. die Kerntruppen des sog. Djihad-Islamismus. Anderes Beispiel: Israel hatte ursprünglich in den 70er und 80er Jahren die islamistische Hamas als Gegengewicht gegen die PLO unterstützt. Hamas beschäftigte sich damals vor allem mit karitativer Arbeit. Heute ist es Hamas, aus der die Selbstmordattentäter kommen.
VII
Da wo Islamisten an der Macht sind, bestätigt sich bald, dass sie über kein wirksames Programm verfügen, die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme ihrer Länder zu lösen. Das zeigt sich deutlich im Iran, wo die Herrschaft der Mullahs immer stärker auf Unzufriedenheit und Kritik stößt. Immer mehr Menschen, vor allem auch Studenten, die einst die Avantgarde der islamischen Revolution waren, fordern die Einschränkung des Machtmonopols der Mullahs (Oberster geistiger Führer Khamenei), umfassende Reformen, mehr Demokratie und Vollmachten für das Parlament und Menschenrechte. Trotzdem kann man nicht sagen, dass die islamistischen Bewegungen den Zenit ihres Wirkens bereits überschritten hätten. Wegen der Situation in den islamischen Ländern und auch deshalb, weil der Westen noch nicht die richtige Strategie gefunden hat, um Konfrontationen zu vermeiden, wird uns dieses weltpolitische Problem noch lange beschäftigen. Ja, man muss sich darauf einstellen, dass Islamisten, die die wichtigste oppositionelle Kraft in islamischen Ländern darstellen, morgen hier und dort an der Macht sein können und dass man dann mit solchen Ländern in friedlicher Zusammenarbeit und nicht konfrontativ zusammenleben sollte. Meines Erachtens gibt es durchaus Möglichkeiten einer konstruktiven Politik, die die gewalttätigen und terroristischen, in der Minderheit befindlichen Kräfte isoliert und langfristig ausschaltet. Denn diese Kräfte werden von der Masse der Muslime selbst als großes Übel angesehen.5) Notwendig sind Veränderungen in den islamischen Ländern selbst, notwendig ist auch ein anderes politisches Herangehen des Westens. Was die Lage in den islamischen Ländern betrifft, so lehren die Erfahrungen, dass der gewalttätige Islamismus dort nicht wirksam werden kann, wo demokratische Verhältnisse herrschen, ordentliche Wahlen stattfinden, wo die die Legalität respektierenden Islamisten davon nicht ausgeschlossen werden, Menschenrechte akzeptiert werden und die soziale Situation der Menschen verbessert wird, was natürlich entsprechende wirtschaftliche Entwicklung erfordert. Was die Haltung des Westens betrifft, so ist schon viel Zeit verloren worden. Nach Ende des Ost-West-Konflikts hätte eine neue Strategie entwickelt werden müssen, um wirklich eine "neue Weltordnung" zu erreichen, keine solche wie Bush sie im Feuer des Golfkrieges von 1991 erklärt hatte.
Was müsste aus strategischer sicherheitspolitischer Sicht getan werden, um mit dem Islamismus als Weltproblem fertig zu werden. Vor allem ist echte Ursachenforschung erforderlich. Wer den Islamismus schwächen oder zurückdrängen will, muss über die Ursachen in den Regionen nachdenken und diese dort beseitigen, wo er seinen Nährboden hat. Der Westen müsste gegenüber der islamischen Welt eine Politik betreiben, die auf geeignete Weise Demokratie, Menschenrechte, Verbesserung der sozialen Situation und wirtschaftliche Entwicklung fördert. Das ist leider im großen und ganzen heute nicht der Fall, auch wenn es hier und dort einige partielle Bemühungen geben mag. Was die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der islamischen Welt angeht, die ein wesentlicher Teil der sog. 3.Welt ist, so müssten die wirtschaftsbestimmenden Kräfte des Westens darauf Einfluss nehmen, dass diese auch der Dritten Welt Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet6). Bundeskanzler Schröder sagte kürzlich in einem Interview mit "Die Zeit": "Der Kampf gegen den Terrorismus erfordert eine umfassende Antwort: politisch, diplomatisch, ökonomisch und natürlich durch die erklärte Bereitschaft, die Spaltung der Welt in Arm und Reich aufzuheben." Leider hat diese "erklärte Bereitschaft" noch nicht zu ausreichenden Maßnahmen geführt. Was das Eintreten des Westens für Demokratie und Menschenrechte betrifft, so werfen viele Muslime dem Westen mit Recht vor, dass er eine Politik des doppelten Standards betreibt. Dort, wo es gewichtige strategische Interessen gibt, wenn es z.B. um Erdöl geht, schauen die USA wie in Saudi-Arabien nicht auf Demokratie und Menschenrechte, sondern darauf, ob das herrschende Regime im Interesse der USA ist. Muslime, die ganz und gar keine Sympathie für Saddam Hussein haben, können nicht verstehen, dass die USA gegenüber dem Irak mit der Androhung von kriegerischer Gewalt die Durchsetzung von UNO-Resolutionen erreichen wollen, während nichts dagegen getan wird, dass Israel seit 1967 UNO-Sicherheitsratsresolutionen nicht erfüllt, die zum Rückzug aus den 1967 besetzten palästinensischen und arabischen Gebiete verpflichten. Israel genießt die volle Unterstützung der USA und kann im wesentlichen ungestört die Besetzung der palästinensischen Gebiete fortsetzen, was übrigens wesentlicher Grund für den Terror palästinensischer Islamisten ist.
Wenn der Westen seine Politik nicht ändert, wird sich die Lage weiter verschärfen. Der von Bush vorgesehen Krieg gegen den Irak ist genau der falsche Weg. Ein neuer Irakkrieg, insbesondere auch die geplante amerikanische Militäradministration in einem islamischen Land, werden das Gefühl der Ohnmacht und Demütigung von Muslimen vertiefen und zu einer Zunahme des radikalen Islamismus und Terrorismus führen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir in der einen Welt, in der auch über 1,2 Milliarden Muslime leben und deren Wortführer oft Islamisten sind, friedlich zusammenleben und kooperieren müssen. Feindbilddenken gegenüber dem Islam und auch gegenüber dem Islamismus dient nur jenen Djihad-Islamisten, die die Konfrontation mit dem Westen wollen und nur dankbar dafür sind, dass der Westen gegen sie Krieg führen möchte.
Lassen Sie mich mit einem Gleichnis schließen, das ich aus einem der Bücher der marokkanischen Soziologieprofessorin Fatima Mernissi habe. Frau Mernissi ist eine engagierte Kämpferin für Demokratie, Menschenrechte und Gleichberechtigung der Frau in der islamischen Welt und sie begründet ihre progressiven Anschauungen als gläubige Muslimin aus dem Koran. Man könnte Sie auch als eine Islamistin bezeichnen. Unter dem Schock des Golfkrieges von 1991 sagte ihr ein marokkanischer Student, die gegen den Irak siegreichen USA sollten doch die Strategie des Saladin anwenden, als dieser im Jahre 1192 Jerusalem von den Kreuzrittern zurückeroberte. Dann hätten die USA das Attentat vom 11.September verhindern können und zukünftige Gewalt "wirtschaftlich uninteressant" machen können. Worin bestand der Frieden des Saladin: Er ließ sich von der genialen Erkenntnis leiten, "dass nur ein Friedensvertrag, der Sicherheit und Chancengleichheit für Eroberer (Muslime) und Eroberte (Christen) garantierte, den Handel begünstigen würde...In einer Situation, in der die Menschen durch friedlichen Handel ihren Lebensunterhalt verdienen können, wird Gewalt zu einer absurd kostspieligen Alternative". Und er schloss einen Friedensvertrag, der Muslimen wie Christen gleichermaßen Ruhe, Sicherheit und chancengleiche wirtschaftliche Aktivitäten gestattete. Auf heute bezogen meinte der marokkanische Student nichts anderes als dass die Weltwirtschaft so geregelt werden müsste, dass die gewaltige Kluft zwischen dem Westen und der Dritten Welt überwunden werden kann. Er sagte: "Wenn die USA wie Saladin ...das Prinzip der Gegenseitigkeit für Gewinner (Amerikaner) und Verlierer (Araber) gefördert hätte, hätte er terroristische Propagandisten zu gänzlich unglaubwürdigen Pantomimen in einer Welt gleichmäßig verteilten Wohlstandes gemacht". Darüber lohnt es sich schon angesichts der Gefahr eines neuen Krieges nachzudenken, in dem die Amerikaner wieder die Sieger und die Araber und Muslime wieder die Verlierer sein werden.
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1) Frz. Verteidigungsweißbuch von 1994: "Der islamistische Extremismus stellt ohne Frage die beunruhigendste Bedrohung dar...Er nimmt oft den Platz ein, den der Kommunismus innehatte als Widerstandsform gegen die westliche Welt". NATO-Generalsekretär Willi Claes erklärte 1995, dass der islamische Fundamentalismus möglicherweise eine größere Bedrohung darstelle als dies der Kommunismus je war.
2) Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung AKP, aus islamistischer Tugendpartei, die verboten wurde, hervorgegangen. Chef: Recep Tayyip Erdogan.
3) "Der islamische Djihad verfolgt das Ziel, die Weltrevolution zu verwirklichen...Nur durch diese Revolution wird es möglich sein, den Frieden ("Salam") zu erreichen...Das Endziel ist der Weltfrieden, d.h. die gerechte Ordnung, die auf den höheren Werten des Islam beruht." (Sayyid Qutb, "Der Weltfrieden und der Islam", 1992)
4) Islamische Heilsfront
5) Der bekannte israelische Schriftsteller Amos Oz sagte: "Im Fall von fanatischem Islam ist der moderate Islam die einzige Macht der Welt, die ihn bewältigen kann." (Interview "Die Zeit"16.01.2003)
6) Vgl. dazu Amos Oz ebenda: Er schlug vor, nur 10% des erforderlichen Geldes für den nächsten Golfkrieg nach Jordanien zu pumpen, um "Enklaven des Wohlstands" mit großer Ausstrahlungskraft für die gesamte Region schaffen, einen "Marshall-Plan des 21. Jahrhunderts".