Geschichte der deutsch - deutschen Beziehungen


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Seidel, Karl:

Nachtrag - Erinnerungen eines Beteiligten an 20 Jahre Beziehungen zwischen der DDR und der BRD

Das Buch ist erschienen bei:  NORA Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide, Berlin 2006, 404 Seiten, ISBN 3-86557-088-7 (zu beziehen über den Buchhandel)

Inhalt:

Vorbemerkung

I. Einleitung

            Vom Arbeiterkind zum Diplomaten

            Zu den politischen Hauptakteuren der DDR gegenüber der BRD

-         Die Rolle Honeckers

-         Honeckers Helfer

Die Abteilung BRD: Ergänzung zu einigen Problemen der deutsch-deutschen Beziehungen

Mein Verhältnis zum Ministerium für Staatssicherheit

 

II. Zur Vorgeschichte

            Kalter Bürgerkrieg auf deutschem Boden

            Zögernde Versuche zur Neuorientierung

 

III. Der deutsch-deutsche Verhandlungsprozess

            Zum Moskauer Vertrag

            Zu den Treffen zwischen Willi Stoph und Willy Brandt in Erfurt und Kassel

Die Absetzung Ulbrichts und ihr Zusammenhang mit der deutschen Frage

Der Beginn der Viermächte-Verhandlungen über eine „Berlin-Regelung“

Das Ende der Denkpause

Zum Verhandlungsmarathon von November 1970 bis April 1974

-         Allgemeiner Meinungsaustausch

-         Zum Vierseitigen Abkommen

-         Nochmals zum Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker – deutsche Nation oder nicht?

-         Anmerkungen zum Transitabkommen und Verkehrsvertrag

-         Anmerkungen zum Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen

-         Anmerkungen zu Protokoll über die Einrichtung der Vertretungen

 

IV. Zur Normalisierung der deutsch-deutschen Beziehungen 1974 bis 1989

            Anmerkungen I: 1974 bis 1982

-         Zum Fall Guillaume

-         Zur Provokation der BRD mit der Errichtung des Umweltamtes in Westberlin

-         Von Willy Brandt zu Helmut Schmidt

-         Zur Ständigen Vertretung der BRD in der DDR

-         Nachlese zu den „Paketen“ von 1974 bis 1980

-         Erich Honecker und Helmut Schmidt am Werbellinsee 11. bis 13. Dezember 1981 – eine Nachlese

 

Anmerkungen II: 1982 bis 1989

-         Von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl

-         Komplikationen 1983/1984

-         „Züricher Modell“ und „Länderspiel“ – Realität oder Hirngespinst?

-         Einige Anmerkungen zum Geheimtreffen in Moskau am 17. August 1974

-         Ausbau der Beziehungen trotz Raketenrüstung

-         Die Begegnung Erich Honeckers mit Helmut Kohl in Moskau am 12. März 1985

-         Weiterer Ausbau der Beziehungen und Kontakte

-         Die „Asylantenfrage“

-         Zum Besuch Erich Honeckers in der BRD 7. bis 11. September 1987

-         Normalisierung bis Mitte 1989

 

V. Auftakt zum Ende der DDR

            Die ungarische Grenzöffnung – Anfang vom Ende

            Machtwechsel in der DDR

            Der 9. November 1989

            Kohls 10 Punkte

            Kohl in Dresden

            Noch einige Bemerkungen zu den äußeren Faktoren

 

VI. Anmerkungen zu meinen letzten Monaten im Außenministerium der DDR

            Die endgültige Entscheidung über das Schicksal der DDR

            Noch einige Bemerkungen zu Modrows Initiative „Für Deutschland einig Vaterland“

            Zum Besuch Hans Modrows am 13. und 14. Februar 1990 in Bonn

            Letzte Aktivitäten

 

Anhang

            I. Bekenntnisse und Erkenntnisse

            II. Das DDR-Grenzregime – Rechtslage und politische Moral

            Literaturverzeichnis

 

Vorbemerkung des Autors

Das ursprüngliche Manuskript meines Buches »Berlin-Bonner-Balance«, erschienen bei »edition ost« im März 2002, war doppelt so lang als der schließlich veröffentlichte Band. Aus verlegerischen Gründen war ich zu umfangreichen Streichungen gezwungen. Manche haben dem Buch im Interesse der Lesbarkeit gut getan, bei manchem hat mir aber auch »das Herz geblutet«, besonders, wenn es um ganze zusammenhängende Abschnitte ging.

Nach dem Erscheinen der »Berlin-Bonner Balance« forderten mich gute Bekannte und wohlmeinende Leser auf, das Gestrichene nicht unter den Tisch fallen zu lassen, sondern nochmals zu sichten und eine nachträgliche Veröffentlichung zu überdenken. Das habe ich getan. Die Frucht ist das vorliegende Buch »Nachtrag«. Ich bitte, es als Ergänzung und Vervollständigung der »Berlin-Bonner-Balance« zu sehen. Nach der guten Aufnahme, die die »Berlin-Bonner-Balance« gefunden hat, riskiere ich es - und der Verlag - diesen zweiten Band interessierten Lesern vorzustellen. Einige wenige Wiederholungen waren nicht zu umgehen, um den Zusammenhang der Darstellung zu wahren.

Es hat nach meinem unvermittelten Ausscheiden aus dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR im April 1990 lange gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen habe, meine Erfahrungen und Erkenntnisse als langjähriger Leiter der Abteilung BRD im DDR-Außenministerium aufzuschreiben. Der Hauptgrund:

Ich hatte keine Unterlagen mehr. Im Gegensatz zu manch anderem Memoirenschreiber bin ich kein Gedächtnisgenie; ich kann mich nicht daran erinnern, was ich, sagen wir im Jahre 1975, an einem ganz bestimmten Tag wortwörtlich mit jemandem besprochen habe. Einige meiner Leser haben vermutet, ich hätte bei meinem Ausscheiden aus dem Ministerium ganze Aktenberge nach Hause geschleppt. Das war nicht so, leider, sage ich heute. Bei dem damaligen Durcheinander wäre es ein leichtes gewesen, meinen Schrank mit den Unterlagen aus 20 Jahren deutsch-deutscher Beziehungen verschwinden zu lassen. Das wäre kaum jemandem aufgefallen. Pflichtbewusst wie wir als treue Mitarbeiter des DDR-Staatsapparates erzogen waren, habe ich damals alles ins Archiv gegeben. Nicht ein einziges Stück Papier ist mit nach Hause gewandert.

Worauf stützen sich meine Erinnerungen dann? Im Wesentlichen auf vier Quellen:

Erstens auf Archivmaterialien aus dem Bundesarchiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO), dem früheren zentralen Parteiarchiv. Diese Unterlagen verdanke ich Dr. Detlef Nakath, einem abgewickelten Historiker der Humboldt-Universität, der sich nach 1990 intensiv mit den Akten zu den Beziehungen zwischen der DDR und der BRD befasst hat. Das betraf vor allem meine eigenen Vermerke und Berichte aus den Verhandlungen Anfang der 70er Jahre, Alexander Schalck hat mir darüber hinaus bei Auflösung seines persönlichen Archivs mehrere Pakete mit Unterlagen zu den deutsch-deutschen Beziehungen geschickt, die im wesentlichen meine Aktivitäten betrafen, Dadurch verfüge ich heute wieder über vieles von dem, was ich 1990 ins Archiv gab.

Zweitens verweise ich darauf, dass einige Historiker umfangreiche Dokumentenbände zu den Beziehungen DDR/BRD herausgebracht haben, die viele meiner Aufzeichnungen enthalten und es mir vor allem ermöglicht haben, mich an die Abläufe und Fakten zu erinnern. Das betrifft, um nur einige zu erwähnen, die Bände von Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan »Von Hubertusstock nach Bonn«, »Countdown zur deutschen Einheit« und »Die Häber-Protokolle«, den Band von Gerd-Rüdiger Stephan »Vorwärts immer, rückwärts nimmer«, sowie den Dokumentenband von Daniel Küchenmeister über die Vier-Augen-Gespräche Honecker-Gorbatschow. Zu diesen Quellen gehören auch die mit großer Akribie zusammengestellten und kommentierten Dokumentationen von Heinrich Potthoff, langjähriger stellvertretender Leiter der Historischen Kommission der SPD, »Bonn und Ost-Berlin 1969-1982« und »Die Koalition der Vernunft«. Ich habe mich der mühevollen und zeitraubenden Arbeit unterzogen, dies alles im Hinblick auf die Vervollständigung meiner eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zu studieren.

Drittens stütze ich mich auf Memoiren und Bewertungen anderer Zeitzeugen. Manche Vorgänge und Ereignisse, an denen ich beteiligt war, sind mir dadurch klarer geworden, als sie es beim Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst der DDR waren. Nur einige wichtige seien hier angeführt: Egon Bahr, Klaus Bölling, Valentin Falin, Günter Gaus, Egon Krenz, Julij Kwizinskij, Hans Modrow, Ulrich Sahm, Alexander Schalck, Horst Teltschik, Anatolij Tschernajew.

Viertens schließlich sind inzwischen einige umfangreiche und verdienstvolle Dokumentationen über den von mir beschriebenen Zeitraum erschienen so von Timothy Gorton Ash, mit dem ich zwei lange Gespräche hatte, »Im Namen Europas«, von Rafael Biermann »Zwischen Kreml und Kanzleramt«, von Robert L. Hutching »Als der kalte Krieg zu Ende war«, von Karl-Rudolf Körte »Deutschlandpolitik in Helmut Kohls Kanzlerschaft, von Detlef Nakath »Deutsch-deutsche Grundlagen« - Zur Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik in den Jahren von 1969 bis 1982 sowie von Philip Zelikow/Condoleeza Rice, der heutigen Außenministerin der USA, »Sternstunde der Diplomatie«. Eine Reihe wertvollen ergänzenden Materials habe ich auch von dem von ehemaligen MfS-Offizieren verfassten Doppelband »Die Sicherheit - Zur Abwehrarbeit des MfS«, erschienen bei edition ost 2002, entnommen.

Ich verweise auf den als Anhang angeführten Literaturverweis, der alles enthält, was ich im Zusammenhang mit meinen eigenen Erinnerungen für wichtig hielt.

Ich hatte mir nicht die Aufgabe gestellt, eine Art Autobiographie zu schreiben, wen sollte sie interessieren. Mein Lebenslauf war der vieler »normaler« DDR-Bürger meines Alters.

1930 in einer kleinen Industriestadt im Erzgebirge als Sohn »kleiner Leute« geboren, bot mir die DDR eine berufliche Laufbahn, wie man sie sich in meinem sozialen Umfeld früher nicht einmal im Traum hätte vorstellen können: vom Arbeiterkind zum Diplomaten. Nach dem Abitur 1950 an der Vorstudienanstalt in Chemnitz und nach dem anschließenden außenpolitischen Studium an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam-Babelsberg begann ich am 2. September 1956 meine Arbeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, in dem ich meine wesentliche beruflich Tätigkeit, 34 Jahre, bis zum Ende der DDR verbrachte, darunter ab 1970 als Leiter der Abteilung BRD. Um diese 20 Jahre geht es mir vor allem, es war die bewegteste Zeit meines Berufslebens.

Bücher über die deutsch-deutschen Beziehungen füllen inzwischen eine ganze Bibliothek. Aber vielleicht können Erinnerungen und Erkenntnisse eines aktiv Beteiligten auf DDR-Seite das eine oder andere Steinchen zum Mosaik des Gesamtbildes hinzufügen.

Ich konnte mir auch gewiss nicht die Aufgabe stellen, eine Geschichte der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten zu schreiben. Ich bin kein Historiker, sondern war »praktizierender« Außenpolitiker. Aber ich wollte auch nicht nur eine Aneinanderreihung von Anekdoten und Episoden aufschreiben. Das, was ich berichten will, wird nur im historischen Gesamtzusammenhang der deutsch-deutschen Beziehungen und darüber hinaus verständlich. Ich habe deshalb, soweit das in meinen Kräften stand, diesen Gesamtzusammenhang deutlich zu machen versucht. Ich habe auf einen sog. wissenschaftlichen Apparat, auf Fußnoten und Anmerkungen verzichtet. Ich will meine Darlegungen nicht als wissenschaftliches Werk verstanden wissen.

Erinnerungen und Bewertungen sind immer subjektiv; aber ich habe mich bemüht, aus der nachträglichen Sicht möglichst objektiv zu sein. Wenn ich mich mit manchem früheren Kontrahenten oder auch Mitstreiter kritisch auseinandersetze, so möge er mir das verzeihen, es ist nun einmal meine Sicht auf die Dinge.

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Rezensionen zum Buch "Nachtrag"

„Seidels Zeugenschaft“

von Michael Reuter

in: „Das Blättchen“ Nr. 6/2007 vom 19.03.2007

Wie heute oft glauben gemacht wird, wollte der Rechtsstaat BRD mit dem Unrechtsstaat DDR nichts zu tun haben. Aus offensichtlich eben diesem Grunde war SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker vom 7. bis 11. November 1987 in der BRD-Hauptstadt Bonn zu Gast geladen und traf dort und in anderen Städten nicht nur mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker zusammen, sondern auch in jeweils ausführlichen Einzelgesprächen mit dem Präsidenten des Bundestages Philipp Jenninger (CDU), den Ministerpräsidenten Johannes Rau (SPD), Bernhard Vogel (CDU), Lothar Späth (CDU), Oskar Lafontaine (SPD) und Franz Josef Strauß (CSU), den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Hans-Joachim Vogel (SPD), Alfred Dregger (CDU/CSU) und Wolfgang Mischnick (FDP), mit dem Ehrenvorsitzenden der SPD Willy Brandt, dem Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), den SPD-Fraktionsvorsitzenden in den Landtagen von Niedersachsen, Gerhard Schröder, und Schleswig-Holstein, Björn Engholm, einer Abordnung der Grünen und dem DKP-Vorsitzenden den Herbert Mies. Bei einem Treffen mit vierhundert führenden BRD-Wirtschaftsleuten gab es ein Gespräch mit DIHT-Präsident Otto Wolff von Amerongen, und wie das bei solcherart Besuchen nicht anders sein kann, fanden an diesen fünf Tagen auch zahlreiche Arbeitstreffen auf Ministerebene statt.

Über das lange Davor dieses Honecker-Besuches und das kurze Danach, von dem 1987 noch keiner der Akteure ahnte, dass es nur zwei Jahre dauern würde, hat jetzt noch einmal einer berichtet, der es sehr genau wissen muss: Karl Seidel, Jahrgang 1930, von 1970 bis 1990 Leiter der Abteilung BRD im DDR-Außenministerium. »Noch einmal« will sagen: Schon im Jahre 2002 hat Seidel das erste Mal Zeugnis abgelegt - mit seinem Buch Berlin-Bonner Balance, das seinerzeit bei edition ost erschienen ist. Das neue Buch nun heißt Nachtrag, ist im NORA Verlag herausgekommen, hat 400 Seiten, und eigentlich wollte Seidel damit nur dasjenige noch an Ergänzungen und Anmerkungen unter die Leute bringen, was damals Überhang geblieben war. Herausgekommen indes ist ein Band, der völlig eigenständig - und spannend! - zu lesen ist und bei jedem, der sich auch nur einigermaßen ernsthaft mit der Geschichte der DDR-BRD-Beziehungen befassen will, ins Bücherregal gehört.

Gut: Die Aufzählung der Honecker-Gesprächspartner, wie sie oben vorgenommen worden ist, fehlt in diesem Buch. Die Kenntnis darüber wird im ansonsten höchst informativen Kapitel über den BRD-Besuch vorausgesetzt. Aber ganz genau beschreibt Seidel die Monate danach. Zum Beispiel die - wie sich später herausstellen sollte; letzte - Begegnung Erich Honeckers mit Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble in Berlin im November 1988. Schäuble hatte dabei besonders die Fortschritte im Reise- und Besucherverkehr hervorgehoben - kann sich noch jemand vorstellen, dass es in den ersten neun Monaten des Jahres 1988 4,98 Millionen Reisen von DDR-Bürgern in die BRD und nach Westberlin gegeben hat und 1,2 Millionen davon Reisen unterhalb des Rentenalters waren? -, aber auch den Stromverbund, die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, die kulturellen Beziehungen, die Städtepartnerschaften, den Jugendaustausch, die Verhandlungen über die Eisenbahnstrecke Berlin-Hannover. Kurz vor diesem Gespräch, am 5. Oktober 1988, war für den Zeitraum von 1990 bis 1999 eine jährliche Transitpauschale für den Verkehr zwischen der BRD und Westberlin in Höhe von 860 Millionen DM vereinbart worden.

Akribisch genau geht es auch in der Vorgeschichte zu. Das ist Seidels Feld und Seidels Vorteil. Er war - so beschreibt er es - Dienstleister, und er versucht auch jetzt nicht, mehr zu sein. Das ist stark, das ist integer. Keine Selbstüberhebung, nirgends. Das Buch ist dicht angefüllt mit Informationen und Daten. Kaum eine Begegnung offizieller Art, die Seidel nicht miterlebt oder zumindest mit vorbereitet hat, und keine Detailverhandlung auf Ministeriumsebene, die ihm entgangen sein könnte. Das beginnt mit den Begegnungen zwischen Ministerpräsident Willi Stoph und Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt und Kassel 1970 und führt über den »Verhandlungsmarathon« von November 1970 bis April 1974, in den auch der Abschluss des Grundlagenvertrages 1972 gehört, bis zu dem Treffen zwischen Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Schmidt am Werbellinsee im Dezember 1981, der Begegnung Honeckers mit Kohl in Moskau 1985, dem BRD-Besuch Honeckers 1987 und schließlich den Ereignissen im Sommer 1989.

Keine Selbstüberhebung heißt freilich nicht, aufs eigene Urteil zu verzichten, und so hat Seidel, der einst als Arbeiterkind in Potsdam-Babelsberg zum Studium der Außenpolitik angenommen worden war, immer auch die weltpolitischen Entwicklungen im Blick wie - natürlich - die Nachkriegssituation des Kalten Krieges, die von Nikita Chruschtschow 1958 ausgelöste Berlin-Krise, die Kubakrise 1962, den Moskauer Vertrag zwischen der BRD und der Sowjetunion 1970, die Viermächte-Verhandlungen über Berlin mit dem Abkommen von 1971 und die Wirkungen der Politik von Michail Gorbatschow,

Und die Urteile geraten streitbar und deftig. »Lag nicht der Keim«, fragt er eingangs, »des späteren Untergangs der DDR, ihr uneinholbarer Rückstand gegenüber der BRD schon in der sowjetischen Besatzungpolitik begründet?« Und er bilanziert: »Für die Deutschlandpolitik Stalins war die sowjetische Besatzungszone und spätere DDR noch nicht, wie in späteren Jahren, Teil des sowjetischen Sicherheitsglacis, sondern zunächst nur Ausbeutungsobjekt, während die USA-Besatzungspolitik spätestens ab 1946 (...) die Westzonen als antikommunistisches Bollwerk einkalkulierten.« Stalin glaubte, so handeln zu können, meint Seidel, weil er in aller Ernsthaftigkeit kein geteiltes Deutschland, sondern ein geeintes, aber unbedingt paktfreies wollte. Darum »die berühmte Stalinnote vom 10. März 1952 (...), die außer der Paktfreiheit keine weiteren Vorbedingungen für die deutsche Einheit stellte« - und darum die spaltende Wirkung, die die Ablehnung dieser Note durch Konrad Adenauer und die Westmächte in der Folgezeit entfaltete.

Einschub: Man zieht sich - wie das Beispiel der vor kurzem ernannten Berliner Staatssekretärin Almuth Nehring-Venus (Linkspartei. PDS) beweist - rasch den Zorn des Medienhauptstromes und durchaus nicht nur konservativer Politiker zu, wenn man solches erklärt: Dass es da auch eine Schuld des Westens an der Teilung gegeben haben könnte. »Geschichtsrelativierung« heißt der wohlfeile Knüppel, der da rasch aus dem Sack gesprungen kommt.

Aber auf so etwas nimmt Seidel glücklicherweise keine Rücksicht. Er sagt seine Meinung - zum immerwährenden Spannungsverhältnis DDR - Sowjetunion ebenso wie zum Konflikt zwischen Walter Ulbricht und Erich Honecker -, und er begründet sie ausführlich, indem er die Dokumente analysiert und sich auf anregende Weise mit den Positionen von Zeitgenossen wie Egon Bahr, Valentin Falin oder Julij Kwizinskij, Verhandlungspartnern wie Günter Gaus, Klaus Bölling oder Hans Otto Bräutigam und bemerkenswert vielen Autoren von nach der Wende erschienenen Publikationen zum BRD - DDR-Thema auseinandersetzt.

Ist Seidels „Nachtrag“ Verklärung. Schönfärberei? Mitnichten. In einem Anhang äußert er „Bekenntnisse und Erkenntnisse“. Die sind selbstkritisch, immer wieder fragend und in sich ziemlich widersprüchlich. Anregung genug, den Dingen auf der Spur zu bleiben.

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"Seidels Erinnerungen - Gegen Moskaus Willen"

von Franz-Karl Hitze

in: "Neues Deutschland" vom 04.10.2006 - Beilage zur Frankfurter Buchmesse

Mir scheint, Karl Seidel hatte den schwierigsten Job im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (M£AA) der DDR - als Abteilungsleiter BRD. Politische Entscheidungen gerade seinen   Bereich betreffend wurden stets im Großen Haus, in den 80er Jahren nahezu ausschließlich vom SED-Generalsekretär Erich Honecker gefällt. Oder eben in Moskau.

Vier Jahre nach seinem Aufsehen erregendem Buch »Berlin-Bonner Balance« hat Karl Seidel jetzt die damals, aus verlegerischen Gründen, zurückgestellten 300 Manuskriptseiten, als »Nachtrag« veröffentlicht. Viele Kollegen, zu denen auch der Rezensent gehört, haben ihn dazu gedrängt. Und so sind jetzt detaillierte Anmerkungen zu den Verhandlungen zum Transitabkommen und Verkehrsvertrag, zum Grundlagenvertrag und zum Protokoll über die Einrichtungen der Ständigen Vertretungen in Berlin und Bonn, wie aber auch beispielsweise   zum   Treffen Honeckers    mit    Helmut Schmidt  am  Werbellinsee 1981 zu lesen.

Ab 1975 habe es im sowjetischen Außenministerium und im ZK der KPdSU ein ständiges Misstrauen gegenüber den gerade erst auf offizielle Ebene gehievten deutsch-deutschen Beziehungen gegeben. Die sowjetische Botschaft in Berlin berichtete nach Moskau, Honecker sei gegenüber der Sowjetunion nicht ehrlich. Bei einem Geheimtreffen am 17. August 1984 in Moskau forderte Tschernenko den SED-Generalsekretär auf, von seinem geplanten Besuch in Bonn Abstand zu nehmen. Auch Breshnew, Gromyko, Gorbatschow, Marschall Ustinow und andere führten sich ihm gegenüber wie Kolonialherren auf, die bestimmten, was getan werden durfte und was nicht. Ebenso gegenüber DDR-Außenminister Oskar Fischer bzw. dem zuständigen Politbüro-Mitglied Hermann Axen, als auch später gegenüber Egon Krenz, dem letzten SED-Generalsekretär. Erst im dritten Anlauf gelang es Honecker, seine BRD-Reise genehmigt zu bekommen: vom 7. bis 11. Sep­tember 1987. Ministerbesuche in Bonn zur Ausgestaltung der bilateralen Beziehungen, Treffen des Wirtschaftschefs Günter Mittag mit Kohl und Schäuble waren erst danach möglich. Der Autor geht äußerst sachkundig darauf ein. Er war an deren konzeptionellen Vorbereitungen beteiligt.

Seidel beschreibt schließlich den Machtwechsel in der DDR 1989, wobei er die schwachen Seiten der Politik der Regierung Hans Modrows nicht ausspart. Der erfahrene Diplomat fragt u. a., wie es zum »unverzeihlichen« Fehler kommen konnte, dass dem einstigen politischen Gegner brisante Akten tonnenweise in die Hände »fielen«. Und er fragt, warum Modrows Kabinett westdeutsche Erpressung tatenlos hinnahm.

Seidel verließ im April 1990, nach 34-jähriger Tätigkeit, das Außenministerium der DDR und musste sich schließlich mit einer gekürzten Rente, wegen Staatsnähe abfinden. Seine Erinnerungen, nunmehr also zweibändig, sind ohne Gram geschrieben, einzig der Wahrheit verpflichtet.