Internationale Organisationen / UNESCO / USA


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

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Hüfner, Klaus:

Zum Verhältnis USA – UNESCO

Vortrag auf einer Veranstaltung des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. am 22.01.2003 in Berlin

Einleitung

Die Ankündigung von Präsident George W. Bush, dass die USA in die UNESCO nach 18 Jahren Abwesenheit wieder zurückkehren wolle, hat fast überall größten Beifall ausgelöst. Er lobte die Reformbemühungen der Organisation und kündigte an, dass sich die USA bei der Umsetzung der Menschenrechte, Toleranz und Bildung umfassend beteiligen werde. Ohne Zweifel ist diese Entscheidung auch auf die Bemühungen des Generaldirektors der Organisation, Koïchiro Matsuura, zurückzuführen, der sich selbst intensiv einschaltete, um die USA zum Wiedereintritt zu bewegen. Im folgenden können die Beziehungen zwischen der UNESCO und den USA nicht umfassend dargestellt werden. Aber es erscheint wichtig, die anstehenden Fragen, die mit einer Rückkehr der USA in die Organisation verbunden sind, vor dem Hintergrund sowohl der Gründungsgeschichte der UNESCO als auch des Austrittes der USA 1983/84 zu diskutieren.

Entstehung der UNESCO

Die USA gehörten zu den ersten 20 Staaten, welche die UNESCO-Verfassung ratifiziert haben; sie waren also eines der Gründungsmitglieder der UNESCO. Bereits 1943, noch während des Zweiten Weltkrieges, waren es vor allem US-amerikanische Nichtregierungsorganisationen wie der American Council on Education und die National Education Association, die sich für eine Weltbildungsorganisation im Rahmen der Vereinten Nationen stark machten – als Beitrag zum Frieden, zu internationaler Verständigung und Sicherheit. 1944 wurde im State Department der Posten eines beigeordneten Staatssekretärs für öffentliche und kulturelle Angelegenheiten geschaffen. Diese Bemühungen fanden ihren Niederschlag in der im Juni 1945 verabschiedeten UN-Charta: in Artikel 55 wurde ausdrücklich auf eine notwendige "internationale Zusammenarbeit auf den Gebieten der Kultur und Erziehung" hingewiesen.

Die USA schlugen dann die Gründung einer "United Nations Organisation for Education and Cultural Reconstruction" vor, die allen Mitgliedern der UN offen stehen sollte. Lange wurde über die Gründung einer "UNECO" debattiert, bis dann schließlich auch das "S" für Wissenschaft eingeführt wurde. Die Verhandlungen in London wurden vor allem zwischen den USA, Frankreich und Großbritannien geführt. Die USA setzten durch, dass auch der Informations- und Kommunikationsbereich von Anfang an als Aufgabenbereich voll institutionalisiert wurde. Frankreich gelang es, dass Paris Sitz der Organisation wurde. Und Großbritannien stellte mit Julian Huxley den ersten Generaldirektor, der allerdings nur für eine Amtszeit von zwei Jahren gewählt wurde.

Der Austritt der USA

Am 28. Dezember 1983 setzte die Reagan-Administration den Generaldirektor, M’Bow, von ihrer Absicht in Kenntnis, mit Wirkung vom 31. Dezember 1984 aus der Organisation auszutreten. Als Gründe gab sie u.a. zunehmende Politisierung, ideologische Einseitigkeit sowie ineffizientes Management der UNESCO an. Damit entferne sich die Organisation immer stärker von den ursprünglichen Grundsätzen. Im Hintergrund überwogen jedoch die Debatte um eine neue Welt-Informations- und Kommunikationsordnung und die heftige Kritik, welche sich dann in vielen Variationen und Wiederholungen in der öffentlichen Meinung in den USA widerspiegelte.

Dies war umso erstaunlicher, weil Ende der 70er Jahre wieder alles in Ordnung zu sein schien; die UNESCO-Resolutionen enthielten den "freien Fluss von Informationen" als oberstes Postulat, und die USA akzeptierten, dass technische Hilfe zum Aufbau entsprechender Informationsstrukturen in den Entwicklungsländern notwendig sei. Damit wurde allgemein anerkannt, dass es Ungleichgewichte auf dem weltweiten Medien-Markt gab; in der Sprache der neoklassischen Ökonomie: dieser Weltmarkt entsprach nicht dem Modell vollkommener Konkurrenz mit sehr vielen Anbietern und Nachfragern, vielmehr war (und ist) die Angebotsseite oligopolistisch strukturiert, die einen freien Wettbewerb deutlich verhindert.

Diese Debatte ist so alt wie die Organisation, denn bereits 1946 versuchten die USA, über die UNESCO ein weltweites Rundfunk-Netzwerk zu errichten, um den freien Informationsfluss zu garantieren. Huxley war gegen ein solches Masseninformationsprogramm, weil er – in Zeiten des Kalten Krieges – die Verbreitung von falschen, einseitigen und unvollständigen Informationen befürchtete. 1950, anlässlich des Korea-Krieges, wurde diese Idee noch einmal von den USA in die Diskussion gebracht. Aber der Widerstand gegen diese Art der Politisierung war groß. Zwar nahm der Exekutivrat einstimmig eine Resolution an, in der die Aggression gegen Südkorea verurteilt wurde, aber das Engagement der UNESCO beschränkte sich auf Flüchtlingshilfe, eine Publikation über die Rolle der UN und technische Hilfe in der Kriegsnachfolgezeit – insgesamt bescheidene Maßnahmen, mit denen Washington überhaupt nicht zufrieden war.

An diesem Beispiel sollte gezeigt werden, dass es in der staatlichen Organisation UNESCO stets auch um Versuche der Politisierung, d.h. der politischen Einflussnahme, ging, die – von Anfang an – auch von den USA unternommen wurden. Allerdings führten die Veränderungen in der stark angewachsenen Mitgliederzahl (in den 50er Jahren durch die Aufnahme sozialistischer Staaten, in den 60er Jahren durch die unabhängig gewordenen Entwicklungsländer) dazu, dass die Organisation politisch nicht mehr von westlichen Staaten kontrolliert werden konnte. Es entwickelten sich andere Mehrheiten und Prioritäten – nicht nur in der UNESCO, sondern auch in den Vereinten Nationen und der Mehrzahl der Sonderorganisationen der Vereinten Nationen.

Der Angriff der USA erfolgte 1981, ein Jahr nach der auch von den USA unterstützten Wiederwahl von M’Bow zum Generaldirektor der UNESCO. Die Reagan-Administration wollte sich gegen die "Tyrannei der Mehrheit" der Entwicklungsländer im UN-System wehren. Mit Unterstützung der Heritage-Foundation wurde eine Anti-UN-Ideologie entwickelt; politisch gesteuerte Behauptungen, dass die UN Anti-Semitismus und Feindschaft gegenüber den USA fördern, daß sie der Sowjet-Spionage dienten, fanden weite Verbreitung in den US-amerikanischen Medien.

Die UNESCO wurde zum Zentrum der US-Kritik. Pläne, die Finanzierung der Organisation einzustellen, wurden 1981 noch nicht realisiert, aber der US-Nationalkommission für UNESCO wurde eine weitere finanzielle Unterstützung versagt. Obwohl auf der 21. Generalkonferenz 1980 in Belgrad Resolutionen zur Neuen Informations- und Kommunikationsordnung im Konsens verabschiedet wurden, wurde der "Angriff auf die Pressefreiheit" durch die UNESCO wieder hochgespielt und fand großen Widerhall in den US-Medien. Die Propaganda-Schlacht gegen die UNESCO lief auf vollen Touren, die Organisation ebenso wie die US-Nationalkommission waren ihr hilflos ausgeliefert.

Zwar gab es auch Kräfte in der US-Administration und im US-Kongress, die eine positive Haltung gegenüber der UNESCO einnahmen und dies auch in angeforderten Berichten öffentlich bestätigten, dennoch wurde Mitte 1983 vom State Department eine weitere "Überprüfung der Beziehungen zur UNESCO" erstellt, die in konkrete Forderungen der US-Vertreter gegenüber dem Generaldirektor mündete, bestimmte Programme zu streichen. M’Bow erwiderte, dass dies nicht in seine Kompetenz falle, vielmehr Angelegenheit der Generalkonferenz sei.

Obwohl die Ergebnisse auf der 22. Generalkonferenz im Herbst 1983 vom US-Delegationsleiter tendenziell als positiv bewertet wurden (lediglich beim Haushalt stimmte die USA als einziges Mitglied dagegen), blieb die US-Administration, insbesondere auf Betreiben des stellvertretenden Außenministers Gregory Newell, bei ihren Vorwürfen gegenüber der UNESCO: Politisierung ihres Programms; feindliche Haltung gegenüber den Grundstrukturen einer freien Gesellschaft, insbesondere einem freien Markt und einer freien Presse; unverantwortliche Haushaltspolitik. Immer wieder klangen als kritische Untertöne eine pro-sowjetische und anti-israelische Haltung der UNESCO durch. Newell behauptete, dass die USA alle Versuche gemacht hätten, die Organisation zu ändern, aber ohne Erfolg.

So kam es dann zu den entscheidenden Schritten zwei Wochen nach der Generalkonferenz und während der Ferienzeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Während die US-Nationalkommission am 16. Dezember 1983 mit 41 Stimmen bei acht Gegenstimmen für einen Verbleib der USA stimmte, erschien am gleichen Tag ein Leitartikel in The New York Times gegen eine weitere Mitgliedschaft der USA in der UNESCO. Während Newell immer noch betonte, dass die US-Administration die Optionen überprüfe, waren die Weichen bereits deutlich gegen den Verbleib gestellt. Außenminister George Shultz schrieb am 22./23. Dezember die Empfehlung eines Austrittes an den Präsidenten Reagan, der zustimmte. Am 28. Dezember 1983 erhielt M’Bow die offizielle Nachricht, daß die USA zum 31. Dezember 1984 austreten werden, am 29. Dezember hielt Newell ein informelles Pressegespräch ab, um den Medien diesen Schritt zu begründen.

Alles war so abgestimmt, dass eine Revision der Entscheidung nicht mehr möglich war. Die 22. Generalkonferenz war Ende November 1983 gerade beendet, die nächste konnte erst im Herbst 1985 stattfinden. Erst im Juli 1984 – nicht zuletzt aufgrund interner Diskussionen in der US-Administration – erhielt der Generaldirektor einen langen Brief, in dem die USA erstmals konkrete Reform-Vorschläge unterbreiteten – allerdings mit einem ultimativen Charakter, da einzelne Vorschläge auch weit reichende Satzungsänderungen implizierten, die nicht mehr hätten realisiert werden können.

Nach dem Austritt aus der UNESCO beantragten die USA den Beobachter-Status bei der Organisation, der ihnen erlaubte, an allen Veranstaltungen der UNESCO ohne Stimmrecht teilzunehmen. Da die Organisation an einem Wiedereintritt der USA sehr interessiert war, hatten die US-Vertreter jederzeit "kostenlosen" Zugang zum Sekretariat, insbesondere zum Generaldirektor. Die USA beteiligten sich auch weiterhin an einigen, sie interessierenden Programmen im technisch-wissenschaftlichen Bereich; dafür zahlten sie auch entsprechende Finanzbeiträge.

Die am 12. September 2002 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen von Präsident Bush gemachte Ankündigung einer Rückkehr der USA in die Organisation wird zu einer Reihe von Veränderungen führen. Über den Wiedereintritt der USA bedarf es keiner Abstimmung in den Gremien der UNESCO; denn die Satzung erlaubt den Mitgliedern der Vereinten Nationen durch Abgabe einer entsprechenden Erklärung jederzeit die Mitgliedschaft in der UNESCO. Noch offen sind die Fragen einer möglichen Kandidatur für den Exekutiv-Rat, die Festlegung des Umfangs des Haushalts für 2004/05 und Personalfragen.

Der Exekutiv-Rat

Der Exekutiv-Rat, der normalerweise zweimal jährlich tagt, fungiert als Bindeglied zwischen den Generalkonferenzen, die alle zwei Jahre stattfinden, und dem UNESCO-Sekretariat mit dem Generaldirektor an der Spitze. Der Rat ist einerseits für die Vorbereitung der Generalkonferenzen, die Prüfung der Arbeitsprogramme und Haushaltspläne, andererseits für die Überwachung des Sekretariats bei der Durchführung der von den Generalkonferenzen verabschiedeten Arbeitsprogrammen zuständig.

Ursprünglich bestand der Rat aus 18 Mitgliedern, die von der Generalversammlung aus den von den Mitgliedstaaten nominierten Delegierten gewählt wurden. Es sollten Persönlichkeiten sein, die sich einerseits durch Sachkompetenzen in einzelnen Aufgabenbereichen der UNESCO (Bildung, Wissenschaft, Kultur oder Kommunikation), andererseits durch Erfahrungen ausgewiesen haben, um den Verwaltungs- und Exekutivaufgaben des Rats gerecht zu werden. Damit wurde ein Kompromiss gefunden, denn sein "Vorgänger", der 1922 vom Völkerbundrat errichtete Internationale Ausschuss für Geistige Zusammenarbeit war ein Gremium, deren Mitglieder nicht diese geforderte "Doppelqualifikation" besaßen. Damals galt es, 12 (später 15) hervorragende "Vertreter des Geistes" für ein Beschlussorgan zu wählen.

1953 beantragte Großbritannien, unterstützt von den USA, eine Satzungsänderung zu beschließen. Danach sollten die Mitglieder nicht mehr als unabhängige Vertreter der Generalkonferenz handeln, sondern zugleich als Politiker, d. h. als Staatenvertreter.

1976 erfolgte eine weitere Satzungsänderung, die seitdem ermöglichte, dass jede Regierung unter Hinweis auf außerordentliche Umstände ihren Vertreter vor Ablauf der vierjährigen Amtszeit und unabhängig von dessen Zustimmung abberufen und ersetzen lassen konnte.

1993 erfolgte auf Antrag Japans zur "Erhöhung der Effizienz der Organisation" die endgültige "Verstaatlichung" des Gremiums – eine Entscheidung, die im Widerspruch zu der verstärkten Einbeziehung der Zivilgesellschaft in den 90er Jahren nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes stand. Zwar soll es sich weiterhin um sachverständige Persönlichkeiten handeln, die der Doppelfunktion gerecht werden, aber die Auswahl erfolgt durch die einzelnen Mitgliedstaaten. D.h., seitdem besteht der Rat aus Mitgliedstaaten, deren sofortige Wiederwahl möglich ist – ein Verfahren, das vorher nicht existierte, wo zumindest neue Persönlichkeiten vorgeschlagen werden mussten. Faktisch bedeutet dies, dass die Zahl derjenigen, die z.B. als Präsidenten der UNESCO-Nationalkommissionen im Rat vertreten waren, in den 90er Jahren rapide abgenommen hat.

Die spannende Frage lautet, ob die USA mit ihrem im Herbst 2003 erwarteten Wiedereintritt auch einen Sitz im Exekutiv-Rat beanspruchen werden. 2003 scheiden Frankreich, Griechenland, Italien, Niederlande und Spanien aus. Für weitere zwei Jahre verbleiben Deutschland, Großbritannien, Island und Türkei. Offen ist, wer – außer dem Gastland Frankreich – wieder kandidieren wird. Wird es in Gruppe I (derzeit 26 Mitglieder, 9 Sitze) mehr Kandidaten als Plätze geben, so dass es zu sog. Kampfabstimmungen kommt? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, denn die Kandidatenliste wird bereits drei Monate vor Beginn der 32. Generalkonferenz am 29. September 2003 eröffnet. Kandidaturen müssen spätestens sechs Wochen vorher angemeldet werden. Vier Wochen vorher erhalten die Mitgliedstaaten vom Generaldirektor eine vorläufige Kandidatenliste. Aber: bis spätestens 48 Stunden vor der Wahl, deren genaues Datum noch nicht feststeht, können Kandidaturen noch angemeldet werden.

Haushalt

Als die USA Ende 1984 austraten, d.h. in der Mitte des Ende 1983 verabschiedeten Zwei-Jahres-Haushaltes 1984-85, betrug der Verlust der UNESCO zunächst 12,5%. Die eigentliche Finanzkrise erfolgte dann für den Haushalt 1986-87, als die Verluste von 25% weniger Einnahmen wegen des US-Austritts und das Minus durch Großbritannien zum 31. Dezember 1985 in Höhe von etwa 5% voll durchschlugen. Die Pflichtbeiträge sanken von 345 auf 256 Millionen US-Dollar, weil die anderen großen Zahler (Japan, Bundesrepublik Deutschland, Frankreich) nicht bereit waren, den US-Ausfall zu kompensieren. Damit stieg deren Beitragsanteil am UNESCO-Haushalt, obwohl das Gesamtvolumen beträchtlich sank.

Gegenwärtig arbeitet der Generaldirektor am Haushaltsentwurf für 2004/05. In den letzten drei Haushalten musste er mit einem nominalen Nullwachstum zu Rande kommen, was bei Inflationen, steigenden Gehältern und Sachkosten ein reales Minus bedeutete und teilweise auch Programm- und Personalkürzungen erforderte. Sollte es bei der alten Politik bleiben, wäre die magische Ziffer zum vierten Male 544 Mio. US-Dollar für den ordentliche UNESCO-Haushalt.

Die große Frage lautet, ob die Rückkehr der USA einen Einfluss auf die absolute Gesamt-Höhe des ordentlichen Haushaltes haben wird. Klar ist, daß der Anteil der Hauptbeitragszahler, etwa Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, deutlich sinken wird – egal, wie die neue Gesamthöhe aussehen wird.

Drei Szenarien werden diskutiert. Das erste lautet: Beibehaltung des nominalen Nullwachstums, d.h. konkret die o. g. 544 Mio. US-Dollar. Für Deutschland wäre dies, fiskalisch gesehen, die vermeintlich erfreulichste Situation: nicht nur würde sein Beitragsanteil sinken, sondern auch sein absoluter Beitrag. Für die UNESCO wäre es eher eine Katastrophe: der Gigant USA kehrt – sicher nicht ohne zusätzliche Forderungen – zurück, aber für die Umsetzung gäbe es keine zusätzlichen Dollar.

Das zweite Szenario läuft darauf hinaus, aus dem nominalen ein reales Nullwachstum zu machen, d.h. eine Art Inflationszuschuss zu gewähren. Dies würde eine Erhöhung um etwa 53 Mio. US-Dollar bedeuten und entspräche in etwa der Hälfte des "Zugewinns" durch den Wiedereintritt der USA in Höhe von 120 Mio. US-Dollar für den Zwei-Jahres-Haushalt. Für Deutschland hieße dies: Verringerung des Beitragsschlüssels bei weiterhin sinkendem, absoluten Beitrag, der allerdings nur etwa halb so groß wie beim ersten Szenario wäre.

Das dritte Szenario zielt darauf ab, den Haushalt von 544 auf 664 Mio. US-Dollar zu erhöhen, wobei die Differenz von zusätzlichen 120 Mio. Dollar etwa je zur Hälfte als Inflationszuschlag und für neue Programme ausgewiesen wird. Diese dritte Lösung entspräche dem Gerechtigkeitspostulat (schließlich bedeutet sie lediglich eine Wiederherstellung der Situation vor 1985). Die Deutschen blieben finanziell immer noch ohne Verlust, weil sie bei sinkendem Anteil etwa den gleichen Beitrag zahlen müssten wie in den sechs Jahren zuvor.

Spätestens im Frühjahr 2003 müssen im Exekutiv-Rat die Weichen für den Haushalt 2004/05 gestellt werden, der im Oktober 2003 auf der 33. Generalkonferenz beschlossen wird. Mit anderen Worten: Selbst wenn die USA erst am 1. Oktober 2003 ihren Wiedereintritt erklären – an dem Tage, an dem in den USA das Haushaltsjahr 2004 beginnt – , sind sie spätestens seit ihrer Absichtserklärung im September 2002 informell an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen – denn wer möchte schon dafür verantwortlich sein, wenn im Herbst 2003 der vorgelegte Haushaltsentwurf nicht auf die Gegenliebe der USA stößt?

Personal

Die Organisation verfügt gegenwärtig über rund 2000 Mitarbeiter/innen, davon knapp 800 im höheren Dienst. Frankreich mit etwa 100 Beamten ist bei weitem überrepräsentiert. Derzeit gibt es über 30 US-Amerikaner im höheren Dienst der UNESCO. Es wird länger dauern, bis die USA in der ihr angemessenen Bandbreite liegt, die vor allem vom Beitragsschlüssel abhängt, der im Fall der USA bei 22 Prozent liegt.

Wichtiger wird den USA sein, einen Posten im "cock-pit" des Sekretariats zu erhalten. Bisher hat der neue Generaldirektor alle Stellen ausgeschrieben und keine "Erbhöfe" geschaffen. Die entscheidende Frage lautet, wer zugunsten der USA vorzeitig ausscheiden wird. Die Gerüchteküche arbeitet bereits intensiv.

Wie soll es weitergehen?

Die oben angeschnittenen Probleme bleiben zunächst technisch-organisatorischer Art, solange nicht klar ist, welche inhaltliche Politik die USA einschlagen werden. Dass Präsident Bush seine Ankündigung ausgerechnet in einer Rede gegen den internationalen Terrorismus und den Irak machte – übrigens die einzige Stelle, an der er während der Rede Beifall erhielt –, zeigt deutlich, wie relativ der Begriff der so genannten Politisierung ist und bleibt. Ob und wie das US-Konzept eines Kampfes gegen den Terrorismus mit dem UNESCO-Konzept eines Dialoges der Kulturen verträglich ist, bleibt abzuwarten.

Inzwischen gibt es den kommunistischen Feind nicht mehr, aber auch eine Neue Weltordnung, wie Vater Bush sie postulierte, ist in den 90er Jahren nicht entstanden.

Im ökonomischen Bereich der Globalisierung, die in Zukunft im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) auch alle Dienstleistungen, u. a. im Bildungs- und Medienbereich, erfassen soll, existieren noch viele offene Fragen, die Konflikte zwischen unterschiedlichen Ideologien sowohl unter den Industrieländern als auch gegenüber den Entwicklungsländern über die Rolle und Verantwortung des Staates in einzelnen Bereichen erahnen lassen. Wie diese Auseinandersetzungen ausgetragen werden, gehört zu den offenen Fragen. Aber eines ist sicher: sie werden in Zukunft auch innerhalb der UNESCO stattfinden und damit das Gesicht der UNESCO verändern.

Auch die Rolle Deutschlands wird eine andere sein. Als Gregory Newell 1982/83 den Austritt der USA organisierte, versuchte er auch, durch persönliche Gespräche in Bonn und München die Bundesrepublik Deutschland zum Austritt zu bewegen. Als ihm das nicht gelang, musste Bonn sich zum Vorreiter einer "Reform von innen" aufschwingen. Die bequeme Zeit eines Fahrgastes erster Klasse war vorbei. Mit dem Wiedereintritt der USA gilt es, den Kern der bisherigen konstruktiven Politik, die sich in den letzten drei Jahren unter anderem in der Unterstützung der Reform-Politik des neuen Generaldirektors Matsuura zeigte, weiterzuverfolgen und deren Umsetzung mit allen Mitteln zu fördern. Hier werden sich enge Konsultationen und eine bessere Politik-Abstimmung unter den anderen EU-Staaten, insbesondere aber mit dem Gastland Frankreich, als notwendig erweisen.

(Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten am 22. Januar 2003 in einer Veranstaltung des Verbandes; der Text wurde unter dem Titel "UNESCO: Die Rückkehr der USA" abgedruckt in: epd-Entwicklungspolitik 2/2003, S. 43-46)

 Literaturhinweise

Coate; Roger A.: Unilateralismus , Ideology & U.S. Foreign Policy: The United States In and Out of UNESCO. Boulder & London: Lynne Rienner Publishers, 1988, 182 S.

Hüfner, Klaus, Reuther, Wolfgang (Hrsg.): UNESCO-Handbuch. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand, 1996, 354 S.

Kleinwächter, Wolfgang, Raaz, Falko: USA gegen UNESCO: Szenarium einer Erpressung. Berlin: Dietz Verlag, 1985, 795 S.

Petzsch, Regine: Die Bundesrepublik Deutschland in der UNESCO. Reaktion und Aktion angesichts der UNESCO-Krise in den achtziger Jahren. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission, 1987, 735 S.

Preston, William Jr., Herman, Edward S., Schiller, Herbert I.: Hope and Folly. The United States and UNESCO 1945-1985. Minneapolis: University of Minnesota Press, XXV, 367 S.

Rittberger, Volker (Hrsg.): Anpassung oder Austritt: Industriestaaten in der UNESCO-Krise. Ein Beitrag zur vergleichenden Außenpolitikforschung. Berlin: Edition Sigma, 1995, 283 S.