Südafrika


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                (die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren, Hinweise an die Autoren bzw. Meinungsäußerungen bitte per E-Mail an VorstandVIP@aol.com)

zur Homepage des VIP                                    zu weiteren Publikationen


Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Reise in die Finsternis

Beklemmender Besuch im Apartheid-Museum von Johannesburg

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: „Neues Deutschland“ vom 20.03.2007

Südafrika begeht morgen einen Tag der Menschenrechte, der daran erinnert, dass am 21. März 1960 in Sharpeville mehr als 200 Demonstranten von der Polizei getötet oder verletzt wurden. Auch im Apartheid-Museum von Johannesburg wird der Opfer dieser Bluttat der Rassisten gedacht.

Die Nachbarschaft des Apartheid-Museums zu der »Golden Reef City«, einem Johannesburger Disneyland, verblüfft. Wer hätte ausgerechnet hier eine solche Stätte des Gedenkens erwartet? Das ist nur einer der Kontraste, mit denen man konfrontiert wird. Die eigenwillige Architektur des Gebäudes lässt den Besucher aus Berlin an das Jüdische Museum denken. Ebenso das Motto »Gegen das Vergessen«.

Schon am Eingang taucht man ein in eine düstere Vergangenheit, Besucher werden nach ihrer Hautfarbe sortiert und erhalten als Tickets kleine Karten - für Weiße oder Nichtweiße. So werde ich denn zum Portal »Blankes - Whites« dirigiert. Rassentrennung war das Credo der Apartheid. Heute aber treffen sich die Besucher unterschiedlicher Hautfarbe rasch wieder. Noch im Freien begegne ich einer Gruppe von Schülern, die auf lebensgroße Fotos von Südafrikanern aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen schauen.

Hector Petersen und Steve Biko

Die Menschen auf den Bildern sind nicht anonym, sie haben Namen und tauchen später in der Ausstellung wieder auf. Ihre Biografien stehen für diverse Schicksale unter der Apartheid. Einer der Abgebildeten ist für mich ein guter Bekannter. Hermanus Loots, bei den vielen Begegnungen mit ihm in seiner Exilzeit kannte ich ihn als James Stuart. Er war Mitglied des Exekutivrates des Afrikanischen Nationalkongresses und einer der militärischen Führer von »Umkhonto we Sizwe«, des bewaffneten Arms des ANC. Einer seiner Vorfahren kämpfte bereits im 19. Jahrhundert gegen die britische Kolonialherrschaft.

Drinnen im Gebäudekomplex kommen Assoziationen zu einem Gefängnis auf. Das ist so gewollt - viel Beton, Ziegelmauern, Stahl und rostiges Eisen auf kaltem Betonfußboden stehen für die zur Staatspolitik erhobene, rigide durchgesetzte Rassentrennung. Der Besucher begibt sich auf eine Reise in das Südafrika dieser finsteren Jahre. Sofort fängt einen die Atmosphäre von damals ein, auf beklemmende Art wird Apartheid wieder lebendig. Die Räume sind unterschiedlich gestaltet, manche düster und bedrückend, mit Gittern und Käfigen ausgestattet, dazwischen Gegenstände und Dokumente des Apartheid-Alltags. Großfotos, Filmwände und unzählige Bildschirme, dazu Originaltöne aus Lautsprechern bringen das Schicksal der Menschen in diese Räume. Über Filme und Tonaufnahmen kommen sie zu Wort, Opfer der Apartheid, aber auch Täter.

Da ist Nelson Mandela in einem im Untergrund vor seiner Verhaftung aufgenommenen Fernsehinterview von 1961. Hendrik Verwoerd, einer der Architekten der Apartheid, erklärt seinen Anhängern, wie glücklich Südafrikas Menschen unter der getrennten Entwicklung leben. Dazu zeigen Bilder und Filme das privilegierte Leben eines Teils der Weißen.

Zum Kontrast sieht man dramatische Aufnahmen vom Soweto-Aufstand der Schüler und Studenten 1976, dessen Niederschlagung Hunderte Jugendliche das Leben kostete und Tausende ins Exil trieb. Fotos lassen die Erinnerung an Ereignisse, Orte und Personen jener Apartheidjahre wieder lebendig werden. Das Bild mit Hector Petersen, der tödlich getroffen, von einem Schulfreund getragen wird, ging um die Welt. Gezeigt werden Steve Biko, der in Polizeihaft erschlagen wurde, und die berüchtigte Gefängnisinsel Robben Island im Südatlantik. Hier begegnet man auch den Südafrikanern und ihren Biografien wieder, deren lebensgroße Fotos im Außenbereich des Museums stehen.

Ein spezielles Kapitel der Apartheid waren diskriminierende Pässe, die Nichtweiße ständig bei sich tragen mussten. Das Museum zeigt solche Dokumente, überdimensional vergrößert, jeder für sich in einem großen Käfig. Ein anderer Käfig strotzt von Waffen - ein komplettes Arsenal, wie es von Polizei und Armee zur Unterdrückung eingesetzt wurde. Da sind auch wieder die Schüler von vorhin, sie sind lebhaft, interessiert, schreiben sich so manches auf.

121 herabhängende Hanfschlingen

Plötzlich stockt ihr Redeschwall, der Blick geht nach oben. Von der Decke herab hängen Hanfstricke, jeder mit einer Schlinge, sie erinnern an die 121 Todesopfer der Apartheid-Justiz. Dann erblickt man einen Casspir, einen der berüchtigten Panzerwagen in den blau-gelben Farben der Polizei, Symbol der Allmacht des Regimes. Sie waren der Schrecken der Townships, durchbrachen auch schon mal Zäune und Mauern, schoben Hütten zusammen. Heute kann man eine Fahrt in einem solchen monströsen Fahrzeug durchs Township am Bildschirm erleben.

Bei all der schockierenden Darstellung der Apartheid-Brutalität wird aber gleichzeitig ein differenziertes Geschichtsbild gezeichnet. Es kommen Menschen aller Bevölkerungsschichten, Angehörige unterschiedlicher sozialer und politischer Gruppen zu Wort. Apartheid wird erklärt als unmenschliches System, das die Verletzung grundsätzlicher Menschenrechte beinhaltete und international geächtet war. Es werden aber auch die Argumente ihrer Apologeten angeführt, die Apartheid als Versuch sahen, mit der Ideologie von der getrennten Entwicklung einen Lösungsweg für die gesellschaftlichen Probleme in Südafrika anzubieten - allerdings einen sehr einseitig im Interesse der weißen Minderheit und ihrer Eliten liegenden.

Der Rundgang kreuz und quer durch mehr als 20 Ausstellungsbereiche bezieht immer wieder architektonische Elemente ein, lässt sie wirken und provoziert durch Kontraste und den Einsatz multidisziplinärer Mittel. Plötzlich sind die Videos und Tonaufnahmen verstummt - in diesem Raum steht nur eine Vitrine mit der Verfassung des neuen Südafrikas als Schlusspunkt unter die Apartheid. Hier vollendet sich der Brückenschlag vom ersten Innenhof des Gebäudes mit sieben hoch aufragenden hellen Betonsäulen, die für die Grundwerte stehen, um die es bei der Überwindung der Apartheid ging: Demokratie, Gleichheit, Versöhnung, Vielfalt, Verantwortung, Respekt und Freiheit.

Tritt man aus dem Museum heraus und geht auf einem Pfad zu einem kleinen See hinunter, kommt es einem vor, als sei auch die Vergangenheit zurückgeblieben, die in den letzten zwei, drei Stunden so nachdrücklich und manchmal auch bedrückend wieder präsent schien. Indem man einem Haufen von Kieselsteinen einen weiteren hinzufügt, gedenkt man symbolisch auch damit noch einmal der Opfer, die die Apartheid und der lange Kampf gegen sie gefordert haben.

Beim Verlassen des Museums fällt mein Blick wieder auf die »Golden Reef City«. Inzwischen weiß ich, wieso beide Einrichtungen zusammengeraten sind. Die Lizenzvergabe für das Casino des Vergnügungsparks wurde an ein »Projekt sozialer Verantwortung« gekoppelt. Das beim Zuschlag erfolgreiche Konsortium stellte über zehn Millionen Euro für den Bau des Museums bereit. In Südafrika ist das keine ungewöhnliche Form, die Wirtschaft an der Aufarbeitung der Vergangenheit zu beteiligen. Schließlich hat sie an der Apartheid verdient.

Im Alltag taucht dann allerdings auch die Frage auf, was sich eigentlich mit der Abschaffung der Apartheid verändert hat. Die unübersehbaren Verbesserungen im sozialen Bereich werden davon überschattet, dass es in diesem immer noch eine getrennte Entwicklung gibt, trotz einer wachsenden schwarzen Ober- und Mittelschicht.

Später - bei einer Fahrt durch Soweto - besuche ich das Denkmal für Hector Petersen und alle jugendlichen Opfer des Aufstandes. Auch dort treffe ich eine Schülergruppe. Ein junges Mädchen ist eifrig damit beschäftigt, sich Notizen zu machen. Vielleicht wird ja darüber eine Klassenarbeit geschrieben. Diese Generation hat die Apartheid und den Befreiungskampf selbst nicht erlebt.

Höchst aktuell fürs heutige Südafrika

Auch deshalb ist die Geschichte des Befreiungskampfes heute ein so wichtiges Thema. Nicht zuletzt angesichts fortbestehender sozialer Widersprüche wird dieses Erbe betont, aus dem sich auch die Legitimität des neuen Südafrika herleitet. Derzeit erscheint eine mehrbändige Geschichte des Befreiungskampfes mit dem Titel »Der Weg zur Demokratie in Südafrika«, ein Band zur internationalen Solidarität gehört dazu. Ein solches Geschichtswerk ist wichtig, den Besuch von Stätten wie das Johannesburger Museum oder das Denkmal in Soweto kann es aber nicht ersetzen. Da erscheinen die handschriftlichen Aufzeichnungen, die sich Schüler vor Ort machen, ebenso relevant wie die Manuskripte der Historiker.