Afrika / Somalia


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Kunz, Eberhard:

Der Konflikt- und Krisenherd am Horn von Afrika

Vortrag vor Abiturienten des Marienthal-Gymnasiums in Hamburg (vorgetragen am 30.05.2007 von Anika Kunz)

Somalia liegt am Horn Afrikas. Diese Bezeichnung resultiert aus der Form einer breiten Landzunge im Indischen Ozean, die, von einem Satteliten aus beobachtet, wie ein Horn aussieht. Die Republik Somalia wurde am 01. Juli 1960 aus den beiden Gebieten British-Somaliland (englische Kolonie) im Norden des Landes und Italienisch-Somaliland (italienische Kolonie) im Süden des Landes gebildet.

In dem Land leben heute ca. 7 Mill. Menschen, davon nur 100 000 Bantu  (afrikanische Stämme, die hauptsächlich in Tansania, Kenia und Uganda beheimatet sind), Araber, Inder und Italiener. Es gibt in diesem Land nur 1500 Katholiken, ausschließlich Bantu und Italiener. Alle Somalis sind zu 100 % streng gläubige Moslems mit einem starken Drang zum islamistischen Fundamentalismus und gehören zur Glaubensrichtung der Sunniten.

1991 erfolgte der Sturz des Militärdiktators Mohamed Siad Barre. Im Norden spalteten sich zwei Gebiete ab. Es wurde 1993 die Republik Puntland unter Führung des ehemaligen Premiers Mohamed Egal  und 2001 die Republik Somaliland unter dem General Haji Nur proklamiert, die aber von keinem Staat der Welt anerkannt wurden. Allerdings gibt es in diesen beiden Gebieten Recht und Ordnung sowie wirtschaftliche Entwicklung. In den übrigen Landesteilen herrschen 25 Warlords auf Basis der Stammeszugehörigkeit. Es gibt in Somalia 3 Haupstämme, die Darod, Sab und Samaali, sowie 47 Stämme und Unterstämme, die seit eh und je in sehr vielen Fällen feindlich gegeneinander stehen. Somalia betrachtet auch die beiden Nachbarn, das christliche Äthiopien und das überwiegend christliche Kenia, stets als Feinde wegen der Religion und wegen territorialer Streitigkeiten. Somalia sieht sich weder als afrikanisches noch als arabisches Land, sondern als einzigartiges und besonderes Gebilde. Schon die Flagge des Landes, blau mit einem fünfzackigen weißen Stern in der Mitte, weist auf die Sonderrolle Somalia hin: fünf Gebiete bilden ein Großsomalia, nämlich British-Somaliland, Italienisch-Somaliland, der Staat Dschibuti, das große Gebiet Ogaden in Äthiopien und ein Gebiet in Kenia. Es gab schon immer zahlreiche Kriege und militärische Auseinandersetzungen an den Grenzen zu Äthiopien und Kenia, zuletzt den fürchterlichen Krieg Somalias gegen Äthiopien in den Jahren 1977/78.

Mehr als die Hälfte der Somalis sind Nomaden mit riesigen Kamelherden. Diese Nomaden respektieren weder eine Zentralregierung noch Ländergrenzen, sie haben nur Interesse an Weideflächen und Wasserstellen. Ähnlich wie die Massai in Tansania und Kenia gehen die somalischen Nomaden davon aus, dass Gott (in ihrem Falle eben Allah) zuerst die Nomaden schuf und dann erst die anderen Menschen sowie die Rinder, Kamele usw. Letzteres sollte die Nomaden erfreuen, alles sollte ihnen gehören. Ein Geschenk an einen Somali ist eine Selbstverständlichkeit, schließlich erhält er ja nur sein Eigentum zurück. Auch vor 1991 erhielt man bei einem Gespräch mit einem Minister zuerst eine Liste mit Wünschen des Ministeriums, darunter solche wie den Bau eines Zentralflughafens, den Bau einer Asphaltstrasse von Mogadischu nach Hargeisa (700 km) etc. 

Seit 1991 ist Somalia ein gefährlicher Unruheherd, ein Konflikt- und Krisengebiet. Die Warlords bekämpfen sich gegenseitig, es gibt zahlreiche marodierende Milizionäre und kriminelle Banden. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, leben in Flüchtlingscamps. Aufgrund dieser Lage war Somalia auch ein Rückzugsgebiet für islamistische Gotteskrieger aus Saudi Arabien, dem Jemen, aus Afghanistan und dem Irak mit Ausbildungscamps für Terroristen. 1994 unternahm die Weltgemeinschaft unter Führung der USA einen militärischen Befriedungsversuch in Somalia, der aber kläglich endete. Es wurde versucht, Ruhe und Ordnung ins Land zu bringen, die Rückzugsgebiete der islamistischen Gottestkrieger zu beseitigen und als „kleiner“ Nebeneffekt Zugang zu den beträchtlichen Erdgasvorkommen in Afgoi in der Nähe der Hauptstadt Mogadischu und zu den Erdölvorkommen im Süden zu bekommen. Das zerrüttete Land war nicht zu befrieden, erst recht nicht von „Ungläubigen“, die ja von den islamistischen Fundamentalisten als Feinde betrachtet werden. Die Somalis schossen ein US-Militärflugzeug ab und ermordeten den Piloten. Ein Mob schleifte dann die Leiche des Piloten durch die Straßen von Mogadischu. Obwohl Mogadischu in vier Teile geteilt ist, waren dabei alle 4 Warlords einer Meinung. Nach diesen schaurigen Bildern, die ja um die Welt gingen, zogen sich die USA entnervt zurück.

Terror, Raub, Unordnung, Gesetzlosigkeit nahmen  in den einzelnen Territorien des Restsomalia gewaltig zu. Der Staat Somalia hörte endgültig auf zu existieren.

Vor 2 Jahren gab es nun den Versuch zur Schaffung einer Zentralregierung und der Wiedererrichtung eines somalischen Staates. Es wurde eine Regierung mit 35 Ministern aus Vertretern der meisten Stämme und wichtigsten Warlords gebildet. Diese Regierung traute sich aber nicht, sich in Somalia nieder zu lassen, sie residierte in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Die Regierungsliste ist ein wichtiges Dokument für das Haager Tribunal, weil viele Minister gesuchte Kriegsverbrecher sind. Kenia verlangte dann auch kategorisch den Abzug dieser Regierung von seinem Territorium. Sie ließ sich dann in einem ländlichen Gebiet in Somalia nieder und baute eine eigene Armee auf.

Gleichzeitig erstarkte in Somalia eine militärische Gruppe mit dem Namen „Islamische Gerichte“. Diese Gruppe eroberte Landstrich um Landstrich, dann auch die Hauptstadt Mogadischu und die Hafenstadt Hargeisa, drängte den Einfluss der Warlords und kriminellen Banden zurück, sorgte in gewissem Maße für Ordnung und Sicherheit. Die Mullahs dieser Gruppe führten in ihrem Machtbereich die Sharia ein und errichteten ein brutales Regime nach dem Vorbild der islamistischen Gotteskrieger Taliban und der Al Kaida unter Osama bin Laden. Sie alle sind militante Sunniten, die ja die Schiiten als Ketzer und die Ungläubigen als Feinde betrachten.

Damit war der Weg frei für die Schaffung eines neuen großen Gebietes für die militanten islamistischen Gotteskrieger.

Auf Drängen der USA marschierten dann vor ein paar Monaten äthiopische Invasionstruppen in Somalia zur Unterstützung der machtlosen Zentralregierung ein, vertrieben die Truppen der „Islamischen Gerichte“ aus den Städten. Nun residiert diese Regierung zwar in Mogadischu, hat aber nach wie vor weder Macht noch Einfluss, kann sich nur mit Hilfe der äthiopischen Invasionstruppen halten. Die Macht der Warlords und der kriminellen Banden hat wieder zugenommen, die Gruppe der „Islamischen Gerichte“ formiert sich neu in Kenia und in den ländlichen Gebieten Somalias.

Allein 2007 gab es in den Gewässern Somalias 1 versuchte und 6 gelungene Kaperungen von Schiffen durch somalische Piraten, darunter ein Kreuzfahrtschiff und ein Schiff des UN-Welternährungsprogramms. Die somalischen Gewässer gehören zu den gefährlichsten der Welt, bewaffnete somalische Banden operieren mit modernen Schnellbooten entlang der Küste.

Nach der äthiopischen Invasion sollte die Afrikanische Union (AU) ein größeres Friedenskorps nach Somalia entsenden, die Äthiopier als Erzfeinde Somalias sollten sich zurück ziehen. Nur Kenia und Simbabwe waren aber bereit, kleinere Kontingente zu entsenden. Notwendig wäre aber eine größere und starke AU-Friedenstruppe mit mehrheitlich moslemischen Soldaten, um die Lage zu entschärfen und den gefährlichen Krisenherd zu beseitigen. Nur diese Variante hätte Aussicht auf Erfolg. Die AU ist aber aufgrund innerer Auseinandersetzungen einfach nicht in der Lage, die Probleme zu lösen, so wie sie ja auch die Krisenherde in Darfur (Sudan), im Kongo, in Ruanda, Burundi, in Simbabwe, im Tschad, in Uganda und anderswo nicht einzudämmen in der Lage war.

Der gefährliche Krisen- und Konfliktherd wird also vorerst noch lange Zeit weiter bestehen.

Die Weltgemeinschaft und insbesondere die UNO müssten umfangreiche finanzielle und materielle Hilfe für die AU und deren Mitgliedsstaaten  leisten, um eine schlagkräftige afrikanische Friedenstruppe aufstellen zu können. Gleichzeitig müsste dann auf dem Territorium Somalias ein umfangreiches Wiederaufbauprogramm anlaufen. Ansonsten entsteht bald ein zweites Afghanistan wie zu Zeiten des Taliban-Regimes, ein Aufmarschgebiet der Al Kaida unter Osama bin Laden.

(Der Autor war über 7 Jahre in Somalia tätig, einmal als 2.Sekretär der DDR-Botschaft und ein weiteres Mal als Botschafter der DDR).