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In Memoriam Peter Schubert 1938 - 2003 / Die Albaner haben einen großen Freund verloren

Aus der albanischen Zeitung: "KOHA DITORE", Tirana, 18. November 2003

Peter Schubert hat über Jahrzehnte in diplomatischer und wissenschaftlicher Tätigkeit Studien, wissenschaftliche Artikel und Monografien veröffentlicht und einen besonderen Beitrag zur Vertiefung der albanischen Frage in der deutschen Öffentlichkeit geleistet. Während des letzten Jahrzehnts hat er auch zur Vertiefung der Kosova-Frage, die er als Herd der Eruption auf dein Balkan bezeichnete, beigetragen....

Sylë Ukshini

Peter Schubert, einer der bekanntesten Diplomaten und Experten auf dem Gebiet der Albanologie in Deutschland, ist vor einigen Wochen verstorben. Dieser große Freund der Albaner starb in diesem Herbst, am 1 Oktober. Er war zugleich ein guter deutscher Kenner der albanischen Frage und wirkte über 35 Jahre im diplomatischen Dienst Ostdeutschlands, wobei seine letzte Funktion die eines Botschafters in Albanien umfaßte.

Er wurde 1938 in Dresden (Sachsen) geboren und studierte von 1956-1959 in Tirana. Nach Abschluss des Albanologie-Studiums engagierte er sich auf dem Feld der Diplomatie. Im Jahre 1997 veröffentlichte er die Studie "Zündstoff im Konfliktfeld des Balkans. Die albanische Frage". Die letzten Jahre verbrachte Peter Schubert in Berlin, wo er sich in offiziellen deutschen Kreisen mit besonderer Hingabe für Albanien einsetzte, mit dem er auf das engste verbunden und das Bestandteil seines Lebens geworden war. Die Entwicklung und jedes Ereignis in Albanien befanden sich daher stets im Blickfeld dieses deutschen Albanologen und Experten für die albanische Frage. Die gewalttätigen und blutigen Ereignisse vom Frühjahr 1997 haben Schubert, für den Albanien zur zweiten Heimat geworden war, schwer bedrückt. Es gibt wenige Deutsche, die so eng und inständig mit Albanien verbunden waren wie Peter. Er gehörte zu den ersten Studenten aus der DDR, die in den Jahren 1956-1959 an der soeben eröffneten Universität in Tirana albanische Sprache, Literatur und Geschichte studierten. 1961 diplomierte er an der Humboldt-Universität in Berlin mit einer Arbeit zum albanischen Alphabet und danach zur Außenpolitik in einer Zeit, als sich Albanien auf Konfrontationskurs mit den Staaten des Ostblocks begab. Das hat den ostdeutschen Albanologen wesentlich beeinflusst.

Peter arbeitete von 1962-1971 im Außenministerium; zweimal nahm er Aufgaben in der ostdeutschen Botschaft in Tirana wahr. Bis 1989 war er als Balkanexperte im Außenministerium tätig. Während der stürmischen Ereignisse und der historischen Wende sowie des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems befand er sich als letzter Botschafter der DDR in Tirana.

Kosova braucht eine gesamtnationale Vereinbarung, sagte Schubert

Als sich in Kosova Anzeichen der dramatischen und gewalttätigen Entwicklung nach der Internationalen Konferenz von Dayton Ende 1995, auf der Kosova auf gemeinste Art beiseitegeschoben wurde, mehrten, veröffentlichte Schubert sein Buch "Zündstoff im Konfliktfeld des Balkans. Die albanische Frage". Darin lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Gefahr eines Kriegsausbruchs in Kosova sowie auf die Folgen für die europäische Sicherheit. In seinem Buch sah er exakt und realistisch den Verlauf der Ereignisse, die gewaltsame Eskalation der Situation und den Ausbruch des bewaffneten albanisch-serbischen Konflikts in Kosova voraus. Der Inhalt des Buches wie die benutzten Quellen beweisen, dass Peter ein brillanter Kenner der Wirklichkeit und der albanischen historischen Literatur war. Auf dieser Grundlage gelangte er zu realistischen Schlüssen und Wertungen hinsichtlich der Entwicklung im albanischen Raum.

Im September 1998 - der Krieg in Kosova hatte ein breites und dramatisches Ausmaß angenommen - machte ich für die Tageszeitung "Koha ditore" (21.09.1998) ein Exklusiv-Interview mit Peter Schubert. Darin verwies er darauf, dass "jetzt nicht legendäre Helden, sondern mehr kluge Politiker gefragt sind, die alles in den Dienst des Volkes stellen und die in der Lage sind abzuwägen, welche Variante sich als die annehmbarste für eine politische Lösung erweist. Ebenso empfahl er, dass es gut wäre, außer der Stimme der Intellektuellen zur nationalen Frage eine gesamtalbanische Vereinbarung von Politikern und Intellektuellen zustande zu bringen im Geiste gegenseitigen Verständnisses und zum Nutzen der nationalen Sache. Die Kultur des "Streitens" verlange, dass man einen Gegner nicht als Feind ansehen dürfe, solange auch dieser die Wünsche und Ideale der Albaner, wo sie auch immer leben mögen, teile. Eine solche Haltung der albanischen Intellektuellen und Politiker würden ebenso deren ehrliche Freunde in der ganzen Welt, darunter auch ich, mit Genugtuung aufnehmen, sagte mir seinerzeit in einem fließenden Albanisch Peter Schubert aus Berlin.

Sein Tod - ein großer Verlust für die Albaner

Peter konzentrierte sich in dem Gespräch über die Kämpfe in Kosova und die Haltung der internationalen Gemeinschaft auf drei Ursachen: Erstens, die ständige serbische Gewalt ziele darauf, vollendete Tatsachen zu schaffen. Zweitens, die westeuropäischen Länder verzögerten wegen eigener Widersprüche und des internationalen Kräfteverhältnisses in der nachkommunistischen Zeit konkrete Maßnahmen und drittens, die Meinungsverschiedenheiten zwischen albanischen Politikern in Kosova und anderswo. Er sprach offen darüber, dass ihn letzteres am meisten beunruhigte, denn damit würde Milosevic´ und schließlich auch bestimmten Kräften innerhalb der Kontaktgruppe oder des Sicherheitsrates in die Hände gespielt. Diese könnten fragen: Wer von all den Albanern Kosovas ist eigentlich der kompetente und autorisierte Partner, um zu verhandeln und eine friedliche Lösung zu erreichen? Er lenkte die Aufmerksamkeit darauf, dass die Konfrontation und der Streit zwischen den politischen Parteien und ihren führenden Vertretern der albanischen Sache schweren Schaden zufügten.

Peter arbeitete in der letzten Zeit eng mit der Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft (DAFG) zusammen, obwohl er dieser nicht als Mitglied angehörte. Er stand eigentlich immer zur Verfügung, wenn eine Information benötigt wurde oder wenn er als Referent gewonnen werden sollte, schreibt über ihn in seinem Nachruf Dr. Schmidt-Neke, ebenfalls ein guter deutscher Kenner der Geschichte, Kultur und der albanischen Frage.

Der plötzliche Tod Peters ist daher ein großer Verlust für die Albaner und alle, die ihn kannten. Er war und bleibt ein großer Freund Albaniens und der Albaner.

(Übersetzung aus dem Albanischen)

Zum Tode von Peter Schubert (19303)

(Aus: Albanische Hefte Nr. 4/2003)

Albanien und alle, die dieses Land lieben, haben einen guten Freund verloren: Peter Schubert ist am 1. Oktober 2003 nach kurzer Krankheit gestorben.

Kaum ein Deutscher war über so lange Strecken seines Lebensweges mit Albanien verbunden wie Peter. Er gehörte 1956-1959 zu den ersten Studenten aus der DDR, die zum Studium der albanischen Sprache, Literatur und Geschichte an die frisch gegründete Universität gingen. 1961 wurde er von der Humboldt-Universität in Berlin mit Studien zum albanischen Alphabet und zur Außenpolitik in Albanologie diplomiert, also unmittelbar vor dem politischen Bruch zwischen Albanien und dem Ostblock, der für die international hervorragenden DDR-Albanologen den Karriereknick brachte.

Peter arbeitete 1962-1971 im Außenministerium, meist in der Zentrale, zweimal auch an der Botschaft in Tirana. 1971-1973 war er zum Aufbaustudium an der Hochschule für Diplomaten in Moskau. Bis 1989 war er dann wieder als Balkanexperte im Außenministerium tätig. 1989-1990 erlebte seine Diplomatenlaufbahn ihren Höhepunkt und ihr Ende: Peter war der letzte Botschafter der DDR in Tirana und erlebte gleichzeitig den Zusammenbruch beider politischer Systeme.

Die deutsche Wiedervereinigung stellte nahezu alle Diplomaten aus der DDR vor die Frage einer völligen beruflichen Neuorientierung Für Peter war es nur folgerichtig, dass er sein Expertenwissen und seine Verwurzelung in Albanien in Beratungstätigkeiten und in Forschungsprojekten, besonders bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und mit Förderung durch die VW-Stiftung, einbrachte.

Bereits bevor Kosovo ein Modethema war, warnte er in einem 1997 erschienenen Buch vor den Folgen für die europäische Sicherheit, wenn die internationale Gemeinschaft die albanische Frage weiter ignorierte. Seine Vertrautheit mit den in Albanien handelnden Personen und den formellen und informellen Strukturen des Landes schlugen sich in Studien zu den Trägern der Transformation und zur nationalen Identitätssuche nieder. Peters Untersuchungen waren von realistischen Einschätzungen der oft so schwer zu durchschauenden und widersprüchlichen Entwicklungen im Land geprägt. Obwohl er nie Mitglied der DAFG werden wollte, hat er für unsere Gesellschaft sehr viel geleistet. Er stand so gut wie immer zur Verfügung, wenn man eine Auskunft brauchte oder ihn als Referenten gewinnen wollte.

Peters plötzlicher Tod reißt eine Lücke auf, die nicht zu schließen ist - und das gilt nicht nur für den Albanien-Fachmann, sondern in erster Linie für den Menschen, den wir verloren haben. Wir nehmen an der Trauer seiner Familie Anteil.

Albanologe Peter Schubert verstorben

Dr. Michael Schmidt-Neke

in: "Albania", 22. Oktober 2003

Albanien hat, wie alle, die sich diesem Land verbunden fühlen, einen großen Freund verloren. Peter Schubert ist am 1. Oktober 2003 nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Wohl kaum ein Deutscher hat seinen eigenen Lebensweg so mit Albanien verknüpft wie Peter. Er war unter den ersten Studenten der Jahre 1956-59 aus der DDR, die in die gerade neu gegründete Universität Tirana kamen, um die Sprache, Literatur und Geschichte Albaniens zu studieren. Im Jahre 1961 schloss er sein Studium an der Humboldt-Universität Berlin mit einer Diplomarbeit über das albanische Alphabet und den ausländischen Einfluss auf die Albanologie ab. Dies geschah unmittelbar vor dem Kollaps der politischen Beziehungen zwischen Albanien und dem Ostblock, welcher für den international bekannten Albanologen der DDR einen markanten Bruch in seiner Kariere darstellte. Von 1962 bis 1971 arbeitete Peter im Außenministerium, meistens direkt in der Zentrale, zweimal jedoch auch in der Botschaft in Tirana.

Von 1971 bis 1973 weilte er zu einem Aufbaustudium an der Diplomatenakademie in Moskau. Bis 1989 hat er in der Folge als Balkanspezialist im Außenministerium gearbeitet. Seine berufliche Kariere erreichte ihren Höhepunkt und zugleich Abschluss, als er von 1989 bis 1990 letzter Botschafter der DDR in Albanien war und den Zusammenbruch beider Systeme zur gleichen Zeit erlebte. Die deutsche Wiedervereinigung hat beinahe alle ostdeutschen Diplomaten mit der Situation konfrontiert, sich beruflich völlig neu orientieren zu müssen. Für Peter war es daher ganz logisch, dass er nunmehr sein Expertenwissen und seine Verbundenheit mit Albanien für seine wissenschaftliche Arbeit in Forschungsprojekten, insbesondere für die Stiftung Wissenschaft und Politik sowie durch deren Unterstützung auch für die Volkswagenstiftung einsetzte. Sogar als Kosovo zu einem Modethema wurde, zog er in einem 1997 veröffentlichten Buch die Aufmerksamkeit interessierte Kreise auf sich, in dem es um mögliche Konsequenzen für die europäische Sicherheit ging, für den Fall dass die europäische Gemeinschaft weiterhin ängstlich die albanische Frage ignorieren würde.

Seine engen persönlichen Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten in Albanien sowie zu wissenschaftlichen Einrichtungen und nichtstaatlichen Organisationen trugen Früchte in seiner wissenschaftlichen Arbeit, in der er sich mit Transformationsprozessen in Albanien und dem Verständnis nationaler Identität beschäftigte.

Peters Anspruch war immer bestimmt von seinem Bestreben nach realistischer Einschatzung der manchmal widersprüchlichen und schwierig zu verstehenden Entwicklungen in Albanien. Auch wenn er nie Mitglied der Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft war, hat er für unsere Gesellschaft viel bedeutet. Er stand fast immer sofort bereit zu unserer Unterstützung wenn wir eine Information oder einen Referenten benötigten. Der unerwartete Tod von Peter hat eine große Lücke gerissen, die nicht geschlossen werden kann, und dies betrifft nicht nur den Albanien-Experten, sondern in erster Linie den Menschen, den wir verloren haben.

Wir trauern mit seinen Angehörigen.