Lateinamerika / Kuba


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Langer, Heinz:

"Kuba. Die lebendige Revolution - zur Entwicklung Kubas in jüngster Zeit"

Verlag Wiljo Heinen, Böklund 2007, ISBN 978-3-939828-06-8 (zu beziehen über den Buchhandel)

Rezension zum o. g. Buch:

"Durchbruch geschafft - Heinz Langer beurteilt die Perspektiven der kubanischen Revolution nüchtern, aber optimistisch"

von Arnold Schölzel

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in "junge Welt" vom 25.07.2007

Zwei wesentlichen Aspekte, die über Gegenwart und Zukunft des Sozialismus auf Kuba Auskunft geben können, stehen im Mittelpunkt der Analyse in Heinz Langers Buch »Kuba. Die lebendige Revolution«: Die sich steigernde Aggressivität der US-Regierungen gegen die Insel und die wirtschaftliche Entwicklung des sozialistischen Landes. Den Kampf der USA gegen Fidel Castro und die revolutionäre Regierung seit 1959 fasst der Autor, der von 1975 bis 1979 und von 1983 bis 1986 DDR-Botschafter in Havanna war, nach einer kurzen historischen Einführung auf über 40 Seiten kenntnisreich zusammen. Der wirtschaftlichen und sozialen Situation Kubas und der jüngsten Entwicklung auf diesen Gebieten ist fast die gesamte zweite Hälfte des Buches gewidmet.

Auf den ersten Blick wirkt manches ermüdend, weil von statistischen Aufzählungen geprägt, auf den zweiten wird klar, dass sich die _Lesemühe für den lohnt, der wissen will, was vor allem nach dem Fast-Zusammenbruch der kubanischen Ökonomie 1990 geschehen ist. Langer hat aus verschiedensten Quellen beinahe eine Art Nachschlagewerk zusammengestellt, bietet oft dürre Fakten, die vor allem eins besagen: Kuba hat in den letzten Jahren eine wirtschaftliche Dynamik aufzuweisen, die vor kurzem nicht vorstellbar war.

Die Hauptkennziffern: Anfang des neuen Jahrtausends wurde wieder der Produktionsumfang von 1989 erreicht. Seitdem entwickelt sich das Wachstum zum Teil stürmisch: 2004 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) trotz verschiedener Naturkatastrophen um 5,4 Prozent. 2005 erhöhte sich das BIP - einschließlich der sozialen Dienstleistungen - um 11,8 Prozent. Für 2006 war wiederum ein Zuwachs von zehn Prozent vorgesehen. Langer urteilt: »Im Jahre 2005 ist offenbar der Durchbruch für eine andauernde positive Wirtschaftsentwicklung geschaffen worden.« Der Autor hebt hervor, dass dies mit gezielten Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur des Landes seit 1997 einherging. So wurde für mehrere hundert Betriebe ein flexibleres System der Leitung und Planung eingeführt, das auf mehr Eigenverantwortung und Selbständigkeit basiert. Die Zahl der Betriebe, die staatlich subventioniert werden müssen, habe sich drastisch verringert. Für die Produktion des gleichen Volumens wie 1989 wurden, so eine Angabe von 2002, 27,5 Prozent weniger Brennstoffe benötigt. Die jahrhundertealte Abhängigkeit von der Zuckerwirtschaft wird nach und nach beseitigt. Je rascher das Tempo wird, desto deutlicher machen sich aber zugleich die großen Defizite bemerkbar: Wohnungsbau, Transportproblem, Energieversorgung und die Anhebung des Lebensniveaus.

Langer kritisiert mehrfach in seinem Buch Soziologen und Politikwissenschaftler »der vermeintlich linken Szenerie, die nun - ausgerechnet jetzt, da die Wirtschaftsentwicklung in Kuba einen deutlich höheren Rhythmus als in der kapitalistischen Welt zeigt - versuchen, theoretisch den Beweis anzutreten, dass auch in Kuba, wie damals in Europa, der Sozialismus objektiv an seine Grenzen gestoßen sei.« Namentlich nennt der Autor Heinz Dieterich, der meinte, weltweit und auch auf Kuba orientiere man sich an dem Konsumniveau der Mittelschichten der »Ersten Welt«. Langer ist der Auffassung, dass dies in der kubanischen Ge­sellschaft zweifellos eine Rolle spiele, es gebe aber keine Vergleichsmöglichkeit etwa zur DDR. Er führt die Erfahrungen der Ostdeutschen nach dem Anschluss ins Feld, zum Beispiel die sich ausbreitende Verelendung gerade auch der Mittelschichten. In Kuba habe dagegen die Bevölkerung in historisch kurzer Frist gewaltige Leistungen vollbracht »ausgehend von einer abhängigen Dienstleistungsgesellschaft als Bordell und Spielkasino der USA, von halbkolonialer Unterentwicklung, von einer international unbedeutenden Insel«. Außerdem dürfte die jüngste Formulierung der Ansprüche kubanischer »Alteigentümer« auf »Rückgabe vor Entschädigung« in Miami, die der Autor schildert, ihre Wirkung auf der Insel nicht verfehlen.

Entscheidend für die Zukunft bleibt aus der Sicht Langers neben der Fortsetzung der erfolgreichen Wirtschaftspolitik der subjektive Faktor, genauer: Wie es gelingt, das Bewusstsein der Befreiungskämpfe seit dem 19. Jahrhundert wach zu halten und vor allem der Jugend eine Perspektive zu geben. Anders als Heinz Dieterich interpretiert er in diesem Sinn die Rede von Fidel Castro am 17. November 2005 an der Universität Havanna, in der der kubanische Staatschef »auf Gefahren innerhalb des gesellschaftlichen Systems aufmerksam machte«. Das dort Gesagte sei nicht neu und nicht überraschend gewesen, nun seien aber Konsequenzen gezogen worden, sei es im Kampf gegen Korruption oder gegen Fehler der Staatsführung, sei es in Gestalt einer langfristig angelegten Erziehungskonzeption, die sich zum Beispiel mit flachen Konsumorientierungen auseinandersetzt. Der Autor beschönigt nicht die Härte der Auseinandersetzung, die Kuba auch in Zukunft zu bestehen hat. Sein Buch liefert aber vor allem Argumente, dass das Land sie mit Erfolg meistern kann.