DDR-Außenpolitik / Deutsch-deutsche Beziehungen


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Seidel, Karl:

"Der Erfolg der Reise schlug ins Gegenteil um"

Gespräch von Detlef Nakath mit Karl Seidel

Botschafter a. D. Karl Seidel (geb. 1930) arbeitete seit 1956 im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR und war seit 1970 der Leiter dessen Abteilung BRD. 1990 schied er noch vor der deutschen Vereinigung aus dem auswärtigen Dienst aus und arbeitet heute aktiv im Verband für internationale Politik und Völkerrecht e.V. (VIP) in Berlin mit.

Über die lange Vorgeschichte des Honecker-Besuches 1987 in der Bundesrepublik, Kohls Meinung zur deutschen Zweistaatlichkeit und Selbstzufriedenheit des SED-Politbüros

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "junge Welt" vom 08.09.2007

Sie waren von 1970 bis 1990 Leiter der Abteilung BRD im DDR-Außenministerium und haben in dieser Funktion an nahezu allen wichtigen Verhandlungen mit Vertretern der Bundesregierung teilgenommen. War für Sie der Besuch des SED-Generalsekretärs in der Bundesrepublik der Höhepunkt Ihres politischen Wirkens?

Natürlich war der Besuch des DDR-Staatsratsvorsitzenden in Bonn für uns ein Ereignis von historischer Bedeutung. Nach all den Jahren der Nichtanerkennung und der Hallstein-Doktrin, des Kalten Krieges in den Ost-West-Beziehungen, aber auch der ständigen Bevormundung in unserer Politik gegenüber der BRD durch die sowjetische Führung sind wir mit großer Genugtuung nach Bonn gereist. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre war es gelungen, die diplomatische Blockade gegen die DDR zu durchbrechen. Um dies zu erreichen, haben wir zum Teil schmerzliche Kompromisse machen müssen. Dennoch waren das Vierseitige Abkommen von 1971 und der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag von 1972 entscheidende Schritte auf dem Wege zur danach folgenden weltweiten diplomatischen Anerkennung der DDR und der gleichberechtigten Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO im September 1973. Eine erste Begegnung von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Erich Honecker gab es dann am Rande der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki im Sommer 1975. Ihm folgte das Treffen Honecker-Schmidt in Hubertusstock am Werbellinsee im Dezember 1981.

Natürlich war das alles nur möglich, indem wir uns die gemeinsamen außenpolitischen Interessen der Staaten des Warschauer Vertrages zu eigen machten. Aber es gab eben immer auch spezifische DDR-Interessen, und dabei spielte das politische Verhältnis zur BRD eine wesentliche Rolle.

Ich hatte in den siebziger und achtziger Jahren oft politische Gespräche mit BRD-Vertretern. Das alles diente der Verbesserung unserer Beziehungen. Aber die Vorbereitung eines offiziellen Staatsbesuchs hatte natürlich eine völlig andere Dimension und wurde in der internationalen Öffentlichkeit anders wahrgenommen als einzelne Gespräche mit prominenten Politikern.

Wie sah die Vorgeschichte des Besuchs in der BRD aus?

Der Honecker-Besuch in der BRD hatte eine lange Vorgeschichte. Sie zog sich über fünf Jahre hin. Schon auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1982 sagte Honecker zu Journalisten, er hoffe, noch im laufenden Jahr in die BRD reisen zu können. Dabei wolle er einige Städte, die ihm wichtig seien, so seinen Geburtsort Wiebelskirchen im Saarland, das Karl-Marx-Haus in Trier und das Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal besuchen. Es gab auch Spekulationen, Bundeskanzler Helmut Schmidt wolle Honecker in Hamburg empfangen, um die dortige Schinkel-Ausstellung aus der DDR mit ihm zu eröffnen oder die Inbetriebnahme der Autobahn Berlin-Hamburg gemeinsam zu würdigen. Da jedoch die sozialliberale Koalition im September 1982 am Ende war, kam es nicht mehr zur Erwiderung des Schmidt-Besuchs in der DDR von 1981.

Wie verhielt sich der neue Bundeskanzler Helmut Kohl zu Honeckers Reiseplänen?

Die neue Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP setzte auf Kontinuität in der Deutschlandpolitik. Bereits anlässlich der Beisetzung Leonid Breshnews in Moskau am 14. November 1982 äußerte Bundespräsident Karl Carstens im Gespräch mit Honecker, dass die Bundesregierung an der von Helmut Schmidt ausgesprochenen Einladung festhalte. Dennoch dauerte es mehrere Jahre, bis der Besuch zustande kam.

Da gab es den Tod des Transitreisenden Burkert an der Grenzübergangsstelle Drewitz und die entsprechenden aufgeheizten Reaktionen bei Politikern und Presse der BRD. Daraufhin teilte die DDR-Nachrichtenagentur ADN am 29. April 1983 mit, Honecker sehe sich aufgrund der entstandenen Situation nicht in der Lage, die BRD zu besuchen. Im übrigen stellte sich bald heraus, dass Burkert nicht durch die angebliche Behandlung durch die DDR-Grenzorgane, sondern an einem Herzinfarkt verstorben war.

War der Fall Burkert der einzige Grund für die seinerzeitige Absage Honeckers?

Das Verhalten wichtiger Politiker und die Äußerungen in den Medien, die von Mord sprachen, waren schon ein wichtige Grund. Aber natürlich ging es 1983 nicht nur um den Fall Burkert. Die Ost-West-Zuspitzungen um die Stationierung neuer nuklearen Mittelstreckenraketen waren einem vernünftigen Klima für den Besuch alles andere als zuträglich, zumal in diesem Zusammenhang Differenzen zwischen der DDR und der neuen Moskauer Führung nach dem Tode Breshnews immer deutlicher wurden. Moskau trat in dieser Zeit der »Raketenkrise« in den Ost-West-Beziehungen sehr energisch einem Honecker-Besuch in der BRD entgegen.

Die DDR-Politik gegenüber der Bundesrepublik musste immer mit der sowjetischen Führung abgestimmt werden. Wie war das vor der Reise nach Bonn 1987?

Die Einladung von Bundeskanzler Helmut Kohl lag seit seinem Treffen mit Honecker anlässlich der Beisetzung von Konstantin Tschernenko am 12. März 1985 in Moskau auf dem Tisch. Für den bereits zuvor mehrfach verschobenen Besuch sollte ein neuer Anlauf genommen werden. Tschernenko hatte Honecker im August 1984 nach Moskau einbestellt und scharfe Kritik an der Westpolitik der DDR geübt. Honecker musste die für 1984 geplante BRD-Reise erneut absagen. Diese Auseinandersetzung hat übrigens auch zum erzwungenen Rücktritt des kurz zuvor ins SED-Politbüro aufgestiegenen Leiters der Westabteilung im SED-Zentralkomitee, Herbert Häber, geführt.

Im Frühjahr 1985 hofften wir nun auf eine andere Position beim neuen KPdSU-Chef Michail Gorbatschow. Diese Annahme erwies sich jedoch als falsch. Während des Gorbatschow-Besuches zum XI. SED-Parteitag im April 1986 hatte er Honecker in einem erregten Vier-Augen-Gespräch gedrängt, von seinen Besuchsabsichten Abstand zu nehmen. Honecker habe jedoch kategorisch erklärt, dass er nach Bonn reisen werde. Wie seine Vorgänger beharrte auch Gorbatschow darauf, vor Honecker in die BRD zu reisen. Nur sehr widerwillig stimmte er letztlich der geplanten Reise des SED-Chefs im September 1987 zu.

Erinnern Sie sich noch daran, wie in der DDR die positive Entscheidung zum Honecker-Besuch zustande gekommen ist?

Die Entscheidung fiel im März 1987, und zwar ausschließlich durch Honecker ohne Konsultation mit dem SED-Politbüro und auch ohne Rücksprache mit Moskau. Konkreter Anlass war ein Gespräch Honeckers mit dem damaligen Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble, bei dem ich als Protokollant zugegen war. Schäuble hatte in diesem Gespräch »herzliche Grüße« von Bundeskanzler Kohl übermittelt. Kohl würde sich – so Schäuble – sehr freuen, wenn er Honecker entsprechend seiner Einladung in der Bundesrepublik begrüßen könnte. Nach diesem Gespräch traf Honecker dann seine Entscheidung für einen Besuch in der BRD und ließ ZK-Sekretär Günter Mittag einen Terminvorschlag übermitteln. Mittag traf Anfang April 1987 anlässlich seines Besuches der Hannover-Messe mit Kohl in Bonn zusammen, schlug ihm den 7. September 1987 als Besuchsbeginn vor und übergab zugleich eine Liste von »Fragen der weiteren bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und der BRD«. Kohl akzeptierte Honeckers Terminvorschlag. Erstaunlich war, dass dieser nun festgelegte Termin trotz der ansonsten üblichen Geschwätzigkeit in Bonn bis in den Juli hinein geheim blieb. Zur konkreten Vorbereitung der Reise hat es dann ab Mai 1987 mehrere intensive Gespräche zwischen Wolfgang Schäuble und Alexander Schalck-Golodkowski gegeben. Anfang August besuchte dann DDR-Protokollchef Franz Jahsnowski mit einem Vorkommando die für den Besuch festgelegten Orte und stimmte mit den Vertretern der Bundesregierung sowie der Länder alle Einzelheiten ab.

Blieb es bei den abgesprochenen protokollarischen Einzelheiten?

Ja, der Besuch wurde wie vorgesehen abgewickelt. Natürlich hat ein mehrtägiger offizieller Besuch oft auch überraschende Elemente. Viel ist z. B. über Honeckers spontanen Vergleich der deutsch-deutschen Grenze mit der Grenze zwischen Polen und der DDR spekuliert worden. Ein bisher wenig bekanntes Detail möchte ich hier jedoch erwähnen. Mit der Vordelegation der DDR war abgestimmt, dass Außenminister Genscher seinen DDR-Amtskollegen Oskar Fischer im Gästehaus des Auswärtigen Amtes zu einem Gespräch empfangen sollte. Genscher setzte sich darüber hinweg und empfing Fischer in seinem Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt. Das Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen hatte sich zur Wahrung der »besonderen Beziehungen« zwischen beiden deutschen Staaten gegen eine Begegnung der beiden Außenminister ausgesprochen.

Wie verliefen die Gespräche zwischen Honecker und Kohl?

Während der Gespräche in Bonn wurden alle damals irgendwie bedeutsamen Fragen der internationalen Lage und der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten behandelt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass beide Gesprächspartner unterschiedliche Schwerpunkte setzten und teilweise auch grundlegende Gegensätze deutlich wurden. Honecker stellte die Fragen der Sicherheit und Abrüstung in den Vordergrund und versuchte, Kohl auf aktive Schritte in dieser Richtung festzulegen. Im bilateralen Verhältnis ging es ihm vor allem um die Festigung der Souveränität der DDR. Auch Kohl bekannte sich zur gemeinsamen Verantwortung für den Frieden, beschwor aber die Einheit der Nation und war bestrebt, soviel menschliche Erleichterungen wie möglich durchzusetzen. Aber auch für ihn war die deutsche Zweistaatlichkeit eine Tatsache, ihr Ende war 1987 auch für ihn nicht absehbar. Zu dieser Frage hatte Kohl in seinem Toast auf dem Empfang für Honecker in der Godesberger Redoute erklärt: »Die deutsche Frage bleibt offen, doch ihre Lösung steht zur Zeit nicht auf der Tagesordnung der Weltgeschichte, und wir werden dazu auch das Einverständnis unserer Nachbarn brauchen.«

Wie war das Gesprächsklima zwischen beiden Delegationen und zwischen Honecker und Kohl?

Die Gespräche, ob im erweiterten oder im kleinen Kreis, waren zwar offen und kritisch, aber immer sachlich und sachbezogen, ohne gegenseitige Ausfälle, überwiegend konstruktiv und auf Ergebnisse gerichtet. Insofern unterschieden sie sich wohltuend von dem arroganten Auftreten Kohls gegenüber dem DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow im Februar 1990 in Bonn, das ich auch direkt und am gleichen Tisch miterlebte. Der Unterschied: Im September 1987 war Honecker für Kohl ein gleichberechtigter Partner, mit dem man notgedrungen ergebnisorientiert verhandeln musste; im Februar 1990 fühlte sich Kohl bereits als Sieger.

Gab es neben dem Gesprächsmarathon, den Honecker in Bonn und auf den anderen Stationen seiner Reise absolvierte, weitere konkrete Ergebnisse des Besuchs?

Nach Abschluss der Gespräche in Bonn besuchte Honecker die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Bayern. Von München flog die DDR-Delegation am 11. September 1987 wieder nach Berlin zurück. In Bonn hatten die zuständigen Minister beider Staaten in Anwesenheit von Honecker und Kohl drei bereits zuvor ausgehandelte Verträge auf den Gebieten Wissenschaft und Technik, Umweltschutz sowie über den Informationsaustausch auf dem Gebiet des Strahlenschutzes und der Reaktorsicherheit unterzeichnet. Auch ein Gemeinsames Kommuniqué wurde am 8. September 1987 veröffentlicht, in dem beide Seiten ihre Absicht bekräftigten, »im Sinne des Grundlagenvertrages normale gutnachbarliche Beziehungen zueinander auf der Grundlage der Gleichberechtigung zu entwickeln und die Möglichkeiten des Vertrages weiter auszuschöpfen«.

Wie lautete Honeckers Fazit zu dieser Reise?

Die erste Auswertung wurde in der Politbürositzung am 15. September 1987 vorgenommen. Ich war nicht dabei, habe aber darüber später folgendes erfahren: Danach habe Honecker erklärt, er sei froh, wieder auf DDR-Boden zu sein. Man sei zum richtigen Zeitpunkt in Bonn gewesen, die Linie des Politbüros sei verwirklicht worden. Man habe den Schwerpunkt darauf gelegt, dass das Verhältnis zwischen beiden deutschen Staaten entscheidend für Sicherheit und Frieden in Europa sei. Nach Honeckers Bewertung gab es eine peinliche Lobpreisung der Rolle des SED-Generalsekretärs durch die Politbüromitglieder Mittag und Schabowski. Ein Nachdenken über die zukünftige Rolle der DDR und ihr Verhältnis zur BRD ist von dieser Beratung nicht ausgegangen.

Wenn Sie heute – zwanzig Jahre nach dem Honecker-Besuch in Bonn – rückblickend auf die damalige Situation schauen: Hat sich während des Besuches oder in seinem Umfeld eine Situation ergeben, die Alternativen zu der danach beschrittenen Politik der SED-Führung eröffnet hätte? Oder anders gefragt: Gab es zu diesem Zeitpunkt aus Ihrer Sicht noch eine Chance zu einem anderen Weg in die deutsche Einheit?

Die Frage der deutschen Einheit stand bei dem BRD-Besuch überhaupt nicht zur Diskussion. Beide Seiten gingen von der Existenz zweier selbständiger deutscher Staaten auf lange Sicht aus. Hätte Kohl auch nur im Entferntesten an ein Ende der DDR 1990 gedacht, hätte er Honecker 1987 nicht eingeladen. Es begann nun eine neue Phase der deutsch-deutschen Beziehungen, von beiden Seiten als Umsetzung der getroffenen Festlegungen gedacht. Niemand konnte auch nur ahnen, dass diese Phase nur kurz sein würde.

Zweifellos gab es in der DDR hohe Erwartungen im Zusammenhang mit dem BRD-Besuch Honeckers. Sie richteten sich vor allem auf Reiseerleichterungen für breite Kreise der Bevölkerung. Doch nichts geschah. Dies war ein gravierender politischer Fehler, der nicht wenig zum Ende der DDR beigetragen hat. Die Ergebnisse der Reise wiegten die DDR-Führung in Sicherheit. Es blieb alles beim alten Trott, der Erfolg der Reise schlug schließlich ins Gegenteil um.

Jüngere Publikationen von Karl Seidel:

"Berlin-Bonner Balance. 20 Jahre deutsch-deutsche Beziehungen. Erinnerungen und Erkenntnisse eines Beteiligten". edition ost, Berlin 2002, 440 Seiten, 16,90 Euro

"Nachtrag. Erinnerungen eines Beteiligten an 20 Jahre Beziehungen zwischen der DDR und der BRD". Nora Verlagsgemeinschaft, Berlin 2006, 404 Seiten, 23,50 Euro