Rezensionen / Afrika


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Namibias schwieriger Weg zur Unabhängigkeit"

Rezension zu: Hans-Joachim Vergau: "Verhandeln um die Freiheit Namibias. Das diplomatische Werk der westlichen Kontaktgruppe", Nomos-Verlag Baden-Baden 2006

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Namibia Magazin" 3/07, Klaus Hess Verlag Göttingen

Hans-Joachim Vergau war ein zentraler Akteur in der Namibia-Politik der Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren. Als Mitarbeiter, später stellvertretender Leiter der UN-Vertretung in New York, zwischenzeitlich zuständiger Referatsleiter im Auswärtigen Amt, war er der Vertreter Bonns in der Kontaktgruppe der damaligen fünf westlichen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat, die 1977/78 mit Sicherheitsratsresolution 435 das entscheidende Dokument für einen von der UNO kontrollierten Übergang zur Unabhängigkeit Namibias erarbeitete. Nunmehr legt er ein Buch über das „diplomatische Werk der westlichen Kontaktgruppe“ vor, bei dem er selbst Zeitzeuge und Akteur zugleich war. Als Ausgangspunkt für die Erfolgsaussichten der Kontaktgruppe erwähnt der Autor in seiner Einleitung, dass ihre Mitglieder „die bei weitem wichtigsten noch verbliebenen internationalen Partner Südafrikas“ waren, das die Kontrolle über Namibia ausübte.

Gestützt auf Insiderkenntnis und umfassendes Quellenmaterial schildert Vergau die schwierigen Bemühungen um eine diplomatische Regelung der Namibia-Frage. Sein Buch konzentriert und beschränkt sich auf die Arbeit der Kontaktgruppe und damit verbundene Aktivitäten der Vereinten Nationen. Kenntnisreich gibt er einen Einblick in die komplizierten Verhandlungen mit Südafrika auf der einen, der SWAPO und den Frontstaaten sowie Nigeria auf der anderen Seite. Konstellationen des Kalten Krieges und Veränderungen in der Region, die entscheidend für Ziel und Timing der westlichen Initiative waren, bleiben ausgeklammert. Das gilt weitgehend auch für Details zur Interessenlage der Kontaktgruppen-Staaten und für interne Probleme zur Namibiafrage. Als Motive für Genschers Namibia-Engagement werden dazu später aufgelistet: die Vermeidung von Sanktionen des Sicherheitsrates gegen Südafrika und die Demonstration der ansonsten im KSZE-Prozess und in der Ostpolitik so betonten Menschenrechte und Selbstbestimmung (S. 81). Vergau spricht zudem von einer Entlastung gegenüber der lautstarken (internationalen) Kritik an den Beziehungen Bonns zu Pretoria.

Interessant sind die detaillierten, mit Hintergrundwissen angereicherten Informationen zum Verlauf der Gespräche mit der SWAPO und mit Südafrika. Die Einschätzung zur Entwicklung der SWAPO-Haltung lässt das Misstrauen erkennen, das dort gegenüber der Kontaktgruppe bestand. Sehr aufschlussreich sind die Kontakte mit den für die Einflussnahme auf die SWAPO wichtigen Frontstaaten und Nigeria, die nicht unwesentlich zum Erfolg der diplomatischen Bemühungen beitrugen. Vergau kritisiert die destruktive Haltung Südafrikas und seine Manöver. So sei die kubanische Präsenz in Angola entgegen allen südafrikanischen Argumenten zu keiner Zeit sicherheitsrelevant für Namibia gewesen (S. 40). Die Schwierigkeiten in der Kontaktgruppe, eigene Positionen mit ihrem Engagement für eine Kompromisslösung zu vereinbaren, wurden beim „Karneval in Pretoria“ (Zwischenüberschrift) deutlich, als die westlichen Außenminister mit Südafrikas neuem Ministerpräsidenten P.W.Botha im Oktober 1978 verhandelten.

Als Akteur legt Hans-Joachim Vergau den Schwerpunkt seiner Darstellung auf die Entwicklungen, an denen er unmittelbar beteiligt war, also vor allem auf die Phase der Erarbeitung von Resolution 435 und die frühen Bemühungen um ihre Implementierung. Als diese Bemühungen im Verlauf der 1980er Jahre ins Stocken gerieten, lässt Vergau keinen Zweifel an der Hauptursache. Reagan hätte 1982 die Verwirklichung der Resolution 435 auch gegen den Widerstand Südafrikas durchsetzen können. (S. 76). Ungeachtet der Behinderung der Fortschritte zum Übergangsprozess zur Unabhängigkeit Namibias durch die US-Politik sei jedoch eine von vielen Autoren konstatierte Einstellung der Aktivitäten der Kontaktgruppe damals bzw. deren Scheitern so nicht zutreffend. Vergau spricht aber ab 1986 von einer „fast lähmenden Entmutigung“ (S. 79). Die durch den Einmarsch von SWAPO-Kämpfern in Namibia Anfang April 1989 ausgelöste und von südafrikanischen Militärs zum „brutalen Exzess“ missbrauchte Krise wird aussagekräftig analysiert, der folgende Unabhängigkeitsprozess 1989/90 dann allerdings nur noch kurz behandelt.

In der Diktion eher auf den mit der UNO vertrauten Leser zugeschnitten, ist das Buch dennoch gut lesbar und profitiert vom kritischen Herangehen des Autors, auch in der Charakterisierung handelnder Personen. Ein lesenswertes und ein wichtiges Buch. Für alle am Namibia-Prozess Beteiligten und aufmerksame Beobachter besonders interessant sind jene Passagen, in denen die Akteure der Kontaktgruppe in ihrer Interaktion mit den Konfliktparteien gezeigt werden.

Das Buch klingt aus mit der Unabhängigkeitsfeier Namibias am 21. März 1990. Vielen, die an dieser nächtlichen Veranstaltung im Stadion von Windhoek teilnahmen, erging es wie dem Autor. Sie „fühlten, dass der Ausweg aus der Apartheid im ganzen südlichen Afrika seinen Anfang genommen hatte.“

 (Hans-Joachim Vergau, Verhandeln um die Freiheit Namibias. Das diplomatische Werk der westlichen Kontaktgruppe (=Völkerrecht und Außenpolitik;73), Nomos-Verlag Baden-Baden 2006 (ISBN 3-8329-2305-5, 115 S.)).