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Winter, Dr. Heinz-Dieter:

Unter heißer Sonne - Ein DDR-Diplomat über harte Arbeit, Hoffnung und Enttäuschung

Rezension zu Gerhard Haida: "Ein Tag in Lagos. Nach Erinnerungen eines DDR-Diplomaten erzählt." BS-Verlag Rostock, 2007

Quelle: Autor, zuerst gekürzt veröffentlicht in „Neues Deutschland“ vom 14.02.2008

In einer stimmungsvoll geschilderten schlaflosen Tropennacht am 7.September 1987 in Lagos, wie sie nur jemand beschreiben kann, der Afrika kennt, der das hektische Getriebe eines Flugplatztages folgt, lässt Stefan Apel, 1.Sekretär der DDR-Botschaft in Conakry sein Leben und seine Entwicklung Revue passieren. Er  erinnert sich an seine diplomatischen Lehrjahre in Moskau und Algier. Durch ein chiffriertes Fernschreiben war er dringend ohne Angabe von Gründen nach Berlin beordert worden. Erwartungen mischten sich mit Unbehagen. Würde er abberufen werden, hat er einen Fehler gemacht, warten neue Aufgaben auf ihn? Das war schon eine Situation, in der man über sich, seine Arbeit und sein Leben nachdenkt. Andere DDR-Diplomaten haben ähnliches erlebt. Doch das Buch, das der Botschafter a.D. Gerhard Haida schrieb, ist nicht nur an die Insider gerichtet, sondern ist auch geeignet, einem breiten Leserkreis zu vermitteln, wie Diplomaten leben und arbeiten, nicht nur damals in der DDR, sondern generell. Da geht es nicht um Empfänge in teuren Garderoben und mit Whiskeysoda, sondern um harte Arbeit unter oft widrigen Umständen, um das Streben nach Erfolg und Anerkennung, um beruflichen Aufstieg, um Leidenschaften und Sehnsüchte, aber auch um kleinliches Karrieredenken und Intrigen und schließlich auch darum, was Geheimdienste dabei zu suchen haben. Die spezifischen, vor allem ideologisch verursachten  Probleme der DDR-Botschaft in Moskau, wo Stefan Apel Anfang  der sechziger Jahre in seinem ersten Einsatz war, werden fesselnd und überzeugend dargestellt. Im Mittelpunkt steht eine Episode, dass ein Diplomat nach Hause geschickt wurde, weil er den Fehler beging, eine kluge innenpolitische Analyse mit einem sowjetischen Angestellten der Botschaft zu diskutieren. Dieser Diplomat litt darunter, dass Analysen zu wenig die reale Situation in der Sowjetunion darstellten, sondern den Inhalt von Losungen und Parteibeschlüsse wiedergaben. Was Gerhard Haida heute darüber schreibt, wie DDR-Bürger den Alltag in der Sowjetunion empfunden haben, stand damals nicht in den Berichten. Sowohl in Moskau als auch in Algier erlebt Stefan Apel als junger Diplomat zwischenmenschliche Beziehungen und Schwierigkeiten, die den Problemen eines abgeschotteten Kollektivs, dem Druck äußerer Einflüsse, einem nicht immer verständnisvollen Verhaltens des Leiters gegenüber Mitarbeitern oder einem zuweilen überzogenen Sicherheitsdenken geschuldet waren; Situationen, die es ähnlich auch in anderen Auslandsvertretungen der DDR gab. Vom „Sittenbild“ einer Vertretung spricht Stefan Apel. Gerhard Haida schildert das alles sehr lebendig und auch mit Humor. So manchem Angehörigen des Außenministeriums der DDR hat er ein Denkmal gesetzt, wie jenem Abteilungsleiter Bierbaum, der vor dem Algerieneinsatz  bei Stefan das sichere Gefühl erzeugte, „von einem Mann verabschiedet worden zu sein, der jedem seiner Leute draußen in den Vertretungen menschlich nahe stand und ihren Werdegang aufmerksam verfolgte.“

Die Kindheitserinnerung des Helden des Buches an eine Bombennacht und an das Jahr 1945 sowie die Tatsache, dass die erste Generation der DDR-Diplomaten  vorwiegend aus dem antifaschistischen Widerstand kam, im Gegensatz zu den ehemaligen Ribbentrop-Diplomaten der alten Bundesrepublik, begründen den Stolz von Stefan Apel, „zu ihnen zu gehören, die berufen waren, eine neue Außenpolitik auf deutschem Boden zu entwickeln, die nur eine Politik des Friedens und der Völkerverständigung sein konnte.“ In der zweiten Hälfte der 80er Jahre wuchs unter DDR-Diplomaten Unbehagen angesichts innenpolitischer und wirtschaftlicher Probleme in der DDR und einem Verhältnis zur Sowjetunion, das gestört schien. Man empfand zunehmend, dass die DDR-Führung sich als außerstande erwies, den neuen Anforderungen gerecht zu werden, die sich aus der Unterzeichnung der Helsinki-KSZE-Schlußakte ergaben. Gerhard Haida macht diese Situation in dem Flugplatzgespräch von Stefan Apel mit seinem Studienfreund  und Geschäftsträger der Botschaft in Lagos, Ludwig Rosemann,  im Kontrast zum Besuch der Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, in Bonn, von dem beide Diplomaten gerade erfahren hatten, deutlich. In der Tat gab es unter DDR-Außenpolitikern in dieser Zeit unter dem Eindruck des „neuen Denkens“ des damaligen Generalsekretärs der KPdSU Gorbatschow Überlegungen, dass eine zeitgemäße Außenpolitik des Friedens und der internationalen Solidarität, besonders auch gegenüber den Entwicklungsländern betrieben werden müsste. Dabei werden in dem Buch von Gerhard Haida Fragen aufgeworfen, die bis heute noch keine befriedigende Antwort  gefunden haben, so z.B. warum die enorme Entwicklungshilfe der Sowjetunion ,der sozialistischen Staaten, an der die DDR mit hohem Einsatz beteiligt war, letztlich doch so wenig zur Verbesserung der Lage dieser Völker bewirken konnte und warum progressive Entwicklungen in der Dritten Welt scheiterten. Die Begegnung mit einer algerischen Wirtschaftsdelegation auf dem Flugplatz ist dafür bezeichnend.

Stefan Apel wurde in Berlin vor die Aufgabe gestellt, Botschafter der DDR in Algerien zu werden. Er kehrte zurück in „das kalte Land mit einer heißen Sonne“, so hatte ihm ein Algerier sein Land beschrieben. Dort hatte Stefan Apel nach dem Aufenthalt in Moskau eine schwierige Zeit und er bekam seine ersten grauen Haare. Auf dem Flugplatz von Lagos ging ihm dabei durch den Kopf, wie viel schwieriger damals die Aufnahme normaler völkerrechtlicher Beziehungen mit Algerien war, als man sich in Berlin vorgestellt hatte. Gerhard Haida war von 1988 bis 1990 Botschafter in Algerien. Er schrieb ein wichtiges, lesenswertes und spannend geschriebenes Buch. Den Kindern und Enkeln der Generation der DDR-Diplomaten sei es besonders empfohlen.

Gerhard Haida: Ein Tag in Lagos. Nach Erinnerungen eines DDR-Diplomaten erzählt. BS-Verlag Rostock, 2007, brosch., 335 S., 19,90 €