Südafrika


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Ein Sieg über Pretorias Apartheid"

Cuito Cuanavale - "Afrikas Stalingrad"

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 19./20.04.2008

In Havanna, im südöstlichen Angola, in Namibia und in Südafrika wurde dieser Tage der Schlacht von Cuito Cuanavale vor 20 Jahren gedacht. Fidel Castro hatte 1988 erklärt, Afrikas Geschichte werde nach Cuito Cuanavale neu geschrieben. Und Nelson Mandela sprach von einem Meilenstein zur Befreiung des südlichen Afrika. Der kleine Ort am Zusammenfluss der Flüsse Cuito und Cuanavale sah 1987/88 die größte Schlacht in Afrika seit 1943. Tausende angolanischer, südafrikanischer, kubanischer und namibischer Soldaten standen sich mit modernem Kriegsgerät gegenüber - Panzer, Raketenwerfer, Haubitzen, Jagdbomber und Kampfhubschrauber. Ausgedehnte Minenfelder durchzogen das sandige Buschland.

Bereits 1975 hatten Südafrikas Streitkräfte SADF massiv in Angola interveniert und damit die »Operation Carlota«, die Entsendung kubanischer Truppen nach Angola, provoziert. Ab 1981 drang Südafrikas Militär wiederholt tief in den Süden Angolas ein. Die Verteidigungslinie der angolanischen Streitkräfte FAPLA verlief etwa 200 Kilometer nördlich der Grenze. Mitte 1987 attackierte FAPLA die von Südafrika unterstützte Rebellenbewegung UNITA bei Mavinga. Nach schweren Verlusten der UNITA griff die SADF im Oktober ein und fügte der FAPLA am Lomba-Fluss eine schwere Niederlage zu, deren Verbände sich nun auf Cuito Cuanavale zurückzogen.

Der folgende Vormarsch von 10000 Mann der SADF und der UNITA auf Cuito Cuanavale spitzte die Situation dramatisch zu. Die FAPLA-Verteidigungslinie sollte hier aufgebrochen und mit der Einnahme des kleinen, aber strategisch wichtigen Ortes mit seinem Flughafen die Lage zugunsten der UNITA verändert werden. Ein kleines kubanisches Kontingent eilte zur Verstärkung dorthin. Es folgten sechs Monate eines in der Region noch nicht gekannten Stellungskrieges.

Cuito Cuanavale lag unter schwerstem Beschuss. Beobachter erwarteten jederzeit den Fall der Stadt; die UNITA hatte diesen bereits voreilig gemeldet. Doch Kubaner und FAPLA, unterstützt von PLAN-Kämpfern der SWAPO, hielten die Position. Während die »Operation Hooper« der SADF auf Cuito Cuanavale fixiert war, wo sie Ende März 1988 »definitiv und völlig zum Stillstand gebracht wurde«, so SADF-Oberst Jan Breyten-bach, rückten FAPLA, zahlenmäßig verstärkte Kubaner und PLAN im Westen südwärts vor und befreiten die angolanischen Provinzen Cunene und Mocamedes. Ende Mai standen sie 60 Kilometer vor der namibischen Grenze. Die SADF drohte bei Cuito Cuanavale abgeschnitten zu werden. Ein kurzfristig geschaffenes kubanisches Luftsicherungssystem mit Radar, Luftabwehrraketen und den südafrikanischen Mirage überlegenen MiG-23 führte erstmals in der Region zum Verlust der südafrikanischen Lufthoheit. Neue Militärflugplätze bei Cahama und Xangongo bedrohten Südafrikas Stützpunkte in Nordnamibia. Als Reaktion auf einen Artillerieangriff Südafrikas bombardierten kubanische MiGs im Juli SADF-Stellungen am Calueque-Staudamm an der Grenze. Die Kämpfe flauten ab, die SADF begann den Rückzug über die Grenze, Ende August verließ ihr letzter Soldat Angola.

SADF-Militärs reklamierten mit Verweis auf hohe Verluste ihrer Gegner den Sieg bei Cuito Cuanavale für sich. Es sei nie die Absicht gewesen, den Ort selbst zu. erobern. Die Militäraktionen sprechen eine andere Sprache. Mit seiner These erntete Südafrikas ehemaliger Generalstabschef Jannie Geldenhuys auf einer Namibia-Konferenz 1992 in Freiburg erhebliche Zweifel und wurde u. a. auf die mit Cuito Cuanavale deutlich veränderte militärische Lage verwiesen. US-Unterstaatssekretär Chester Crocker kommentierte Cuito Cuanavale: »Sie (SADF) zogen sich zurück, als sie merkten, der Preis war zu hoch.«

Den Ernst der Lage hatte Anfang Juni 1988 die Einberufung von 140 000 Mann Reserve in Südafrika gezeigt. Pretoria war militärisch an seine Grenzen gestoßen. Hohe Kosten des Krieges und die Verluste unter weißen Soldaten wurden innenpolitisch zum Problem. Afrikas Frontstaaten und Befreiungsbewegungen feierten Cuito Cuanavale als Sieg - man sprach vom »afrikanischen Stalingrad«. Jetzt, zum 20. Jahrestag der Schlacht, hat Südafrikas Sicherheitsminister Ronnie Kasrils den militärischen Sieg der Kubaner und ihrer Verbündeten bekräftigt.

Wird Cuito Cuanavale militärisch auch kontrovers diskutiert, so sind die politischen Implikationen weitgehend unumstritten. Nach zehn Jahren Blockade durch Südafrika und die USA kam der namibische Unabhängigkeitsprozess wieder in Gang, am Verhandlungstisch saßen nun auch die Kubaner. Ergebnisse waren der Abzug der SADF aus Namibia und der Kubaner aus Angola sowie Namibias Unabhängigkeit. Neben der politischen Großwetterlage hatte daran die militärische Entwicklung in der Region entscheidenden Anteil. Am Ende stand die Überwindung der Apartheid in Südafrika.

Cuito Cuanavale ermöglichte es Kuba, seine Truppenpräsenz in Angola mit Erfolg zu beenden. Es war die größte militärische Einzeloperation seines internationalistischen Engagements in Afrika. Künftig soll eine Gedenkstätte in Cuito Cuanavale daran erinnern.

Auch in Südafrikas Hauptstadt gedenkt man heute, im neu gestalteten Freiheitspark, der Opfer des Befreiungskampfes, darunter der 2070 Kubaner, die 1975 bis 1988 in Angola gefallen sind.