Südafrika


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

 

Exilerfahrungen und die Bildung der neuen südafrikanischen politischen Elite - Die Prägung der ANC-Führung durch das Exil

 

Vortrag bei den Basler Afrika Bibliographien am 29.04.2008 in Basel/Schweiz

 

Die politische Führung des 1994 konstituierten neuen Südafrika wurde vom African National Congress (ANC) dominiert, der 1960-1990 im wesentlichen aus dem Exil operierte und dort seine entscheidenden organisatorischen und politischen Entwicklungen erfahren hat. Der ANC nutzte das Exil zur Wiederbelebung und Reorganisation seiner Strukturen, zur Ausbildung und Profilierung seiner Kader sowie zur Gewinnung internationaler Unterstützung und Anerkennung als de facto “government in waiting”.

 

Innerhalb des ANC selbst wurde eigentlich nie die Autorität der Exilführung angezweifelt. Dennoch waren viele Beobachter überrascht, dass sich der ANC nach der Rückkehr nach Südafrika dort so schnell re-etablieren konnte und dass Exilfunktionäre in der neuen Elite dominierten (siehe: Zusammensetzung des NEC des ANC 1991-1997). In der Funktionselite Südafrikas sind ehemalige Exilanten überproportional stark vertreten. Exilstrukturen, gut ausgebildete, erfahrene und loyale Kader, ein nicht unbeträchtlicher akademischer und professioneller Input sowie internationale Erfahrung ermöglichten es dem ANC, relativ schnell die politische Führungsrolle in Südafrika zu übernehmen. Hinzu kam der Mythos der Befreiungsbewegung, die einen erfolgreichen politischen und militärischen Kampf gegen das Apartheid-Regime geführt hatte.

 

Zusammensetzung des Nationalen Exekutivkomitees (NEC) des ANC 1991-1997:

 

Jahr

NEC

Gesamt

Exiles

Internals

Robben Islanders u.a.

1991

61

34

18

9

1994

66

37

19

10

1997

71

38

23

10

 

Es stellen sich Fragen nach der Rolle des Exils bei der Formierung der neuen politischen Elite: Woher stammen ihre Vertreter? Wo und unter welchen Einflüssen haben sie ihre Prägung erfahren? Sind die unter Exilbedingungen erworbene Professionalität und politische Erfahrungen entscheidend oder spielen persönliche Beziehungen und Netzwerke eine Rolle?

 

Mein Forschungsprojekt untersuchte den Einfluss des Exils und der Exilerfahrungen auf politische Führungskräfte des ANC in den beiden Exilschwerpunkten Großbritannien und afrikanische Frontstaaten. Dazu gehörte eine empirisch-analytische Fallstudie am Beispiel der biographischen Untersuchung einzelner Persönlichkeiten unter Berücksichtigung von Sozialisierung, Ausbildung, persönlichen und politischen Erfahrungen und Interaktionen. Die biographische Methode ermöglicht den Blick auf komplexe Entwicklungen von Jugenderfahrungen in Südafrika über Wirkungen des Exils in ihrem ganzen Spektrum zwischen Marginalisierung und politischer Profilierung bis hin zu den Problemen der Reorientierung bei der Rückkehr nach Südafrika. Ich will deshalb Ergebnisse dieser Untersuchung zur Prägung durch das Exil in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen.



 


Im Verlauf des langen Exils gab es einen Generationswechsel in der ANC-Führung. Während lange Zeit die Rivonia-Generation der frühen 1960er Jahre dominierte, rückten Vertreter der Soweto-Generation erst um 1985 in Führungspositionen nach. Nach der Rückkehr nach Südafrika traten verstärkt Führungskräfte aus einer Generation auf, die ihre politischen Erfahrungen in den 1980er Jahren gesammelt hatten. Diese beiden letzteren Generationen waren in ihrer Gesamtentwicklung vorwiegend durch das Exil geprägt worden.

 

Aufschlussreich sind dabei Vorexilerfahrungen und -prägungen der Exilanten durch Familienhintergrund, Einflüsse aus dem familiären und sozialen Umfeld, insbesondere bei jenen, die als Jugendliche in den 1960er Jahren Südafrika verließen und in einem langen Exil bald in die Funktionselite und später in Führungspositionen des ANC aufrückten. Viele kommen aus politisch engagiertem Elternhaus, manche aus traditionsreichen Familien einer "Befreiungs-Aristokratie" (Mbekis, Sisulus). Ich konnte eine ganze Anzahl von Führungskräften mit solchem familiärem Hintergrund identifizieren. Geprägt wurden sie oft auch durch ein intellektuelles Elternhaus, eine Art „Bildungsbürgertum“ des kleinen schwarzen Mittelstandes nichtweißer Akademiker, Lehrer, Priester, Staatsangestellte. ANC-Führer aus kleinbäuerlichem oder proletarischem Elternhaus waren eher die Ausnahme (Jacob Zuma, Oliver Tambo und Chris Hani).

 

Einflüsse des Exilumfelds werden von den Exilanten im nachhinein sehr unterschiedlich perzipiert, sie sind unzweifelhaft größer als oft individuell wahrgenommen. Sie differieren erheblich zwischen den Zentren des Exils – im Falle Londons mit stärkerer Betonung gesellschaftlicher Strukturen und politischer Kultur und in den Frontstaaten mit einer größeren Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen und der spezifischen Entwicklungsprobleme dieser Länder. In London konnten sich die Exilanten individuell stärker integrieren und den eigenen Lebensunterhalt bestreiten, in den Frontstaaten waren sie zumeist vom ANC abhängig. Viele weiße Südafrikaner sahen wiederum das Exil in den Frontstaaten als unverzichtbare Erfahrung - die Begegnung mit dem schwarzen Afrika, seiner Kultur, seinen Traditionen, die so für Weiße im Apartheid-Südafrika oft nicht möglich war. Exil in den Frontstaaten führte - nicht nur bei weißen Südafrikanern – auch zur Identifizierung mit dem südlichen Afrika und dem gesamten Kontinent. Die Region erhielt für die Exilanten plötzlich eine konkrete menschliche und politische Dimension. Wurzeln der afrikanischen Renaissance finden sich deshalb im Exil und in der Interaktion mit Politikern und Problemen Afrikas. Die Rolle Lusakas mit dem Hauptquartier des ANC wuchs in den 1980er Jahren. Dort war aber auch die Kontrolle und Einflussnahme des ANC auf individuelle Exilanten sehr ausgeprägt.

 

London war als internationale und Finanzmetropole mit seinen vielen Verbindungen zu Südafrika für den ANC von strategischer Bedeutung. Es gab ein aktives kulturelles und gesellschaftliches Leben der südafrikanischen Exilanten, weitgehend mitgestaltet durch den ANC. Besonders hier konnte die Organisation beträchtliche akademische Ressourcen für den Befreiungskampf aktivieren. Auch deshalb gab es hier so etwas wie einen Think Tank des ANC. Aber auch kritische Diskussionen und Dissens waren in London besonders ausgeprägt, wohl auch der liberalen Atmosphäre der Metropole geschuldet. In London war zudem die starke britische Anti-Apartheid-Bewegung wichtig, auch für die internationale Unterstützung im Westen. Ansichten der Exilanten zum britischen Exil differieren, die einen fanden es attraktiv, komfortabel, sicher und kulturell höchst reizvoll, insgesamt angenehme Lebensbedingungen. Andere kritisierten das Unpersönliche, die Kälte und sprachen von Rassismus. Innere politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Großbritannien wurden von vielen einfach ausgeblendet, während andere sich interessierten, z.T. auch integrierten. Die Sozialisierung war unterschiedlich, bei Exilanten der ersten Generation deutlich stärker ausgeprägt. Eine kritische Distanz zur britischen Gesellschaft ist jedoch durchaus verbreitet.

 

Generell sind häufig kolportierte Vorstellungen von übergroßer Abhängigkeit der Exilanten von Positionen und Einflüssen der Exilländer im südafrikanischen Exil so nicht zutreffend. Es gab jedoch Integrationsprozesse in die jeweilige Gesellschaft der Exilländer, oft unbemerkt für den einzelnen. Die Erfahrungen zu den Standorten des Exils differieren bei den Exilanten  z.T. erheblich. Übereinstimmung besteht in der Betonung der südafrikanischen Identität als wichtiges Charakteristikum des Exils. Die Untersuchung des Exilhintergrunds bei Angehörigen der Führung des ANC führt zu der Schlussfolgerung, dass unzweifelhaft die Breite des Spektrums verschiedenartiger Exilerfahrungen in ihrer Summe ein wesentliches Kriterium für den Aufstieg in Führungspositionen war, wobei in den 1980er Jahren den Erfahrungen in den Frontstaaten, wo sich das ANC-Hauptquartier und die militärischen Strukturen befanden, besondere Bedeutung zukam.

 

Internationale Einflüsse sind nicht zu unterschätzen. Sie konnten im Exil viel stärker zum Tragen kommen als in Südafrika. Die Exilanten verweisen vor allem auf Entwicklungen wie die Suez-Krise und die Unabhängigkeit Ghanas 1956/57, Ideen der europäischen Studentenbewegung in den 1960er Jahren, den Vietnam-Krieg, die Solidaritätsbewegungen für Vietnam und Angola. Der Krieg in Vietnam wirkte wie ein Katalysator bis tief in den individuellen Bereich und hatte gemeinsam mit der internationalen Protestbewegung eine prägende Wirkung auf viele Exilanten. Vietnam war ein Schlüsselerlebnis der internationalen Auseinandersetzung entlang der vertrauten Front zwischen Imperialismus und nationaler Befreiung. Und Vietnam zeigte, dass ein Sieg der Befreiungskräfte gegen einen übermächtigen Gegner möglich war. Das ist tief verinnerlicht worden. Ähnlich bedeutsam war die Rolle Kubas. Diese starke emotionale Prädisposition hat sich bis in die Gegenwart erhalten und zeigte sich erst kürzlich beim Jubiläum der Schlacht bei Cuito Cuanavale. Immer hat auch die Haltung zur Sowjetunion eine wichtige Rolle gespielt. Auseinandersetzungen in der internationalen kommunistischen Bewegung, insbesondere der Konflikt zwischen Moskau und Peking, aber auch der Einmarsch in die CSSR 1968, belasteten ANC und SACP. Bündnispolitik beeinflusste die ideologische Präferenz. Die Internationalisierung des Kampfes gegen die Apartheid war stark vom Kalten Krieg beeinflusst.

 

Vor- und Nachteile des Exils werden von ehemaligen Exilanten sehr unterschiedlich perzipiert. Bildung, Ausbildung, die Auseinandersetzung mit anderen Menschen, Kulturen und Ideen waren für die Exilanten wichtig. Die sozio-kulturelle Sozialisation, politisches Engagement, entsprechende Erfahrungen in den Exilländern und im internationalen Rahmen haben die Exilanten geprägt. Übereinstimmend werden Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten als herausragender Vorteil des Exils genannt. Solche Möglichkeiten in aller Welt wurden in der fortgeschrittenen Phase des Exils vor allem über den ANC angeboten und verteilt, für die Organisation ein wichtiges Instrument von Macht und Einfluss. Hinzu kamen eigene ANC-Ausbildungsstätten in Mazimbu und Dakawa in Tanzania.

 


 

 

Vor- und Nachteile des südafrikanischen Exils aus der Sicht ehemaliger Exilanten

 

Vorteile

Nachteile

 

neue Bildungsmöglichkeiten, berufliche und politische Entwicklungsmöglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen; Sprachen

 

Brüche in Bildung, Ausbildung und beruflicher Entwicklung; für viele Ausbildung nur im Militärbereich (MK)

 

internationale Perspektive und Erfahrungen; Weltläufigkeit, Internationalismus; Erlebnis internationaler Solidarität; Bewahrung südafrikanischer Identität;

 

Entfremdung, Trennung von und Distanz zu Entwicklungen in SA, insbesondere zu basisdemokratischen Prozessen der 1980er Jahre;

 

Interaktion mit anderen Kulturen und Traditionen; politische und kulturelle Lernprozesse

 

zerstörte Familienbande; Verlust der Kontakte zu Freunden, zur heimatlichen Gemeinschaft

 

Erweiterung des eigenen Horizonts; kritischere Haltung und größere Objektivität;

 

Mangel an Informationen zu Südafrika

 

beschleunigte persönliche Reife;
Stärkung von Würde und Selbstbewusstsein; Selbstverwirklichung und Emanzipation der Frau; afrikanische Würde

 

psychologische Probleme: Isolation, Rückschläge und Hoffnungslosigkeit; Alkohol- und Drogenprobleme

 

Disziplin, Organisiertheit, Engagement,
gezielte politische Arbeit; Eigenverantwortung, Entscheidungsfreude

 

persönliche Einschränkungen, Gefahren und Risiken; Sicherheitsprobleme; Entwicklung einer Exilmentalität;

 

 

Exil verdankt seine Tiefenwirkung oft auch sehr subjektiven Erlebnissen, menschlichen Begegnungen und traumatischen Erfahrungen. Dazu gehören die Begegnung und Zusammenarbeit mit prominenten Persönlichkeiten, die der eigenen Entwicklung ihren Stempel aufgedrückt haben. Genannt werden hier insbesondere Oliver Tambo, Yussuf Dadoo, Ruth First, Joe Gqabi, Joe Slovo und Chris Hani. Zum anderen haben prägende Erlebnisse wie Anschläge und die Ermordung von Freunden und Mitkämpfern bleibende Spuren und Narben hinterlassen, aber auch Loyalitäten zum ANC bestärkt. Der Befreiungskampf mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und traumatischen Erlebnissen - das waren immer auch zwischenmenschliche Beziehungen. Die Nachhaltigkeit dieser Dimension ist bis heute spürbar.

 

Auf der Suche der Exilanten nach Identität und Halt war der ANC politisches Gravitationszentrum und "Großfamilie" und bot den Exilanten eine zweite Heimat, von der Thematisierung südafrikanischer Geschichte und Politik über politische Bildung, Kultur, Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten bis hin zur sozialen Betreuung. Die seit der Freedom Charter nicht signifikant veränderte politische perspektivische Sicht des ANC bot in der Organisation Raum für eine breite ökumenische Bewegung jenseits von Rassismus. Hilda Bernstein, selbst seit 1964 im Exil, die 1991 als erste dieses Thema aufgriff, resümiert, wie sehr Einsamkeit des Exils und Verlust der Familien die Bindung an den ANC, die große kohärente südafrikanische Exil-Gruppe, stärkten. Der ANC habe vor allem jungen Menschen ihre Geschichte zurückgegeben. Ältere ANC-Funktionäre nahmen z.T. "Familienaufgaben" wahr. Auch hier waren die Ambivalenz solcher Einflussnahme unverkennbar und die Grenzen zu Kontrolle und Bevormundung fließend. Es gab gleichzeitig teilweise, insbesondere im afrikanischen Exil, auch eine wirtschaftliche Abhängigkeit der Exilanten vom ANC.

 

Während des gesamten Exils spielte die enge Zusammenarbeit zwischen ANC und SACP eine Rolle und war für die erfolgreiche Entwicklung des ANC durchaus wichtig, auch wenn sie innerhalb des ANC und international kontrovers diskutiert wurde. Nachdrücklich wurde der Eindruck jeder Abhängigkeit des ANC von der SACP vermieden. Noch heute reflektiert sich diese delikate Beziehung in den Diskussionen innerhalb der Regierungsallianz in Südafrika.

 

Interessant ist auch ein Blick  auf die Exilstrukturen und Führungsstrukturen des ANC,

die Tom Lodge sehr zutreffend als state-in-exile bezeichnet und die in den 1980er Jahren vervollkommnet wurden. Dazu gehörten Lusaka mit dem ANC-Hauptquartier und London als Zentren des südafrikanischen Exils, aber auch Ausbildungsstätten in Mazimbu und Dakawa in Tanzania und natürlich die MK-Camps in Angola, später in Uganda.


Exile structures of the ANC

 

 

 

 

 

 

 


Central level

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Regional level

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Local level

 

MK structures

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



military

 

political

 

External Coordination Council

Secretariat: Simon Mokana

 

Internal Coordination Council

Secretariat: Joe Nhlanhla, Reg September

 

National Working Committee

President, Secretary General, Treasurer General, 6 members

 

National Executive Committee

 
Leadership structure of the ANC in exile (early 1980s)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Autoritäre und zentralistische Tendenzen im ANC, die sich teilweise aus indigenen autoritären Traditionen herleiteten, wurden unterstützt durch den Zentralismus der SACP und entsprechende Einflüsse aus den sozialistischen Staaten sowie begünstigt durch die Bedingungen des z.T. illegalen politischen und des militärischen Kampfes. Es gab unter den Exilanten durchaus Kritik an der Monopolstellung des ANC, an Tendenzen einer undemokratischen und hierarchischen Kultur und der Abhängigkeit der Exilanten vom ANC, andererseits gab es auch immer wieder einen vergleichsweise breiten politischen Spielraum für nichtkonforme Meinungen innerhalb der Organisation. Dabei war eine rigide politische Einflussnahme in Lusaka eben viel größer als in peripheren Orten – und natürlich auch größer als in London. Viele der Exilanten erhielten ihre entscheidende Prägung im Exil durch die Einbindung in die politische Arbeit des ANC mit oft wechselnden Funktionen und Aufgaben. Bei durchaus kritischer Sicht auf solche hierarchischen, undemokratischen Kulturtrends und den ausgeprägten Zentralismus sowie autoritäre Züge im ANC sieht der mainstream der Exilanten dessen integrative Rolle als entscheidend. Bindung an und Einbindung in die Organisation, eine nachhaltig spürbare Loyalität unterstützen die Einschätzung, dass Zugehörigkeit zum und Beeinflussung durch den ANC entscheidende Elemente des Exils darstellten und andere Sozialisierungsfaktoren überlagerten.

 

Politische und soziale Netzwerke, wie sie im Umfeld von Leitungsstrukturen des ANC im Exil entstanden, waren wichtig für eine Karriere in der Organisation. In vielen Fällen wurden bereits im Exil die Weichen für eine künftige politische Karriere durch die Einbindung in den politischen Apparat des ANC, aber auch durch eine enge Zusammenarbeit mit und die Bindung an Spitzenfunktionäre der Organisation gestellt. In Strukturen des Machtzentrums von Präsident Mbeki, aber auch in der neuen Führung des ANC, finden sich heute viele Kader aus dem früheren Exilumfeld. Leitungsstrukturen des ANC im Exil mit Abteilungen, Kommissionen und Unterkommissionen waren Schlüsselbereiche politischen Einflusses und damit auch Sprungbrett für neue Führungskräfte. Ein wichtiges politisches Netzwerk entstand mit dem diplomatischen Apparat des ANC. Thabo Mbeki, Jacob Zuma und einzelne Mitglieder der südafrikanischen Regierung waren damals ANC-Chefrepräsentanten. Der ANC war auch in internationalen Organisationen vertreten und konnte dort Erfahrungen sammeln. Besonders wichtig war der bewaffnete Flügel des ANC Umkhonto we Sizwe (MK). Seine primär politische Rolle als Instrument „bewaffneter Propaganda“ gab den MK-Führungskräften ein hohes Ansehen. Mit Tausenden von MK-Kämpfern verfügten sie über eine beträchtliche politische Hausmacht. Aus diesem Bereich kommen Minister, Chefs und Mitglieder von Provinzregierungen und natürlich wesentliche Teile der neuen militärischen Führung.

 

Das Exil vermittelte wichtige Erfahrungen in politischer und programmatischer Hinsicht, die heute durchaus in der Verfassung des Post-Apartheid Südafrika, in dessen Außenpolitik und der politischen Kultur reflektiert werden. Beispiele dafür sind die seit der Freiheitscharta von 1955, die lange programmatischen Charakter trug, stark veränderten sozio-ökonomischen Vorstellungen, der Parteienpluralismus, das Projekt einer African Renaissance und die Regionalpolitik Südafrikas. Die Wirtschaftsprogrammatik der ANC-Regierung wurde stark von Exilerfahrungen beeinflusst. Spuren des Exils finden sich in der Verfassung auch mit der Bill of Rights.

 

Exileinflüsse waren unterschiedlich in den verschiedenen Generationen, sie waren besonders gravierend bei der jüngeren Generation und führten zu steilen politischen Karrieren. Ein Phänomen des südafrikanischen Exils ist die Prägung relativ junger Leute im Exil, wo sie sich bereits dort in der Funktionselite des ANC für Führungsaufgaben profilierten. Gerade aus dieser Gruppe ging ein Teil der neuen politischen Elite Südafrikas hervor. Das waren oft Technokraten mit guter Bildung, Tom Lodge nennt sie "Befreiungsbürokraten", die teilweise nicht länger als zehn Jahre im Exil weilten und heute wichtige Funktionen in der Führung des ANC einnehmen. Ihre Biographien zeigen, dass Bildung und Ausbildung, Aufgaben in Exilstrukturen des ANC (neben MK auch der "diplomatische Dienst") und dort gesammelte Erfahrungen ausschlaggebend für ihre Karrieren waren (Geraldine Fraser-Moleketi, Sankie Mthembi-Mahanyele). Ein weiterer interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang: Das Exil stärkte die Rolle der Frau in einer ansonsten in allen Traditionslinien Südafrikas patriarchalischen Gesellschaft. Das war jedoch kein einfacher und auch im ANC durchaus widersprüchlicher Prozess.

 

Rückkehr und Reorientierung der Exilanten waren mit erheblichen Problemen verbunden. Die einzelnen Exilgenerationen hatten eine unterschiedliche Perzeption von Südafrika. Ein Zusammenhang der in London stärker ausgeprägten Sozialisierung mit der vergleichsweise großen Zahl von Südafrikanern, die dort auch nach dem Exil verblieben, ist offenkundig. Probleme gab es bei der Reorientierung mit durchaus existentiellen Sorgen, dem Kampf ums Überleben unmittelbar nach der Rückkehr. Hier halfen im Exil erworbene Fähigkeiten wie Flexibilität, Dynamik und Mobilität. Aber bei vielen blieb eine fast schon traumatische Erfahrung existentieller Sorgen in Erinnerung. Die in vergangenen Jahren erfolgte Orientierung politischer Führungskräfte auf lukrative Positionen in der Wirtschaft ist z.T. auch mit solchen Erfahrungen verbunden. Nach entbehrungsreichen Jahren des Exils möchte man auch persönlich die materiellen Früchte seines Engagements für den Befreiungskampf ernten. Postkoloniale Erscheinungen wie Korruption und Nepotismus stellen dabei auch im neuen Südafrika ein großes Problem dar.

 

Andererseits klingen bei manchen ehemaligen Exilanten Sorgen durch über die derzeitige Entwicklung Südafrikas mit ihrer zunehmenden Ambivalenz zwischen deklarierten Prinzipien, dem vor allem sozial orientierten Wirtschaftsprogramm RDP von 1994 und einer zunehmend neoliberal orientierten Wirtschaftspolitik andererseits an. Diese Ambivalenz wird auch sichtbar im offenkundigen Widerspruch zwischen eigenen Prinzipien und der Loyalität gegenüber dem ANC. Oft wird diese Frage verdrängt, erkennbar ist auch eine gewisse Schizophrenie zwischen einer aus Befreiungskampf und Exil tradierten Haltung und den sich aus den Realitäten Südafrikas ergebenden politischen Zwängen. Diese Probleme spielten eine Rolle beim jüngsten Führungskampf im ANC. Seit 1990 gab es im ANC generell jedoch eine Entideologisierung, politischer Pragmatismus dominiert. Das Zusammenwirken der Tripartite Alliance gleicht allerdings weiterhin einer komplizierten Gratwanderung aller Beteiligten – man wird sehr an die auf Erhalt der Einheit fixierte Politik im Exil erinnert.

 

 

Abschließend einige Bemerkungen zu den Beziehungen des ANC zu den sozialistischen Staaten Osteuropas, insbesondere auch zur DDR. Diese waren kein Schwerpunkt des südafrikanischen Exils. Tatsächlich wurden dort zahlreiche Südafrikaner ausgebildet, in der DDR aber immer mit der Maßgabe, danach wieder zurück zum ANC oder in ihr Land zu gehen. Die militärische Ausbildung ist ohnehin auszuklammern, da sie völlig abgeschirmt erfolgte und somit dort von Exilbedingungen keine Rede sein konnte. So hat es in der DDR nur eine Handvoll Südafrikaner als Exilanten gegeben, die sich dort unabhängig von ihrer Ausbildung aufhielten. Dennoch möchte ich einige Bemerkungen zum ANC und der DDR machen, die vielleicht für die heutige Thematik interessant sind.

 

Über die Konstellation des Ost-West-Konflikts und den Ostblock als strategischen Verbündeten hinaus gab es im ANC auch programmatisch Interesse an den sozialistischen Ländern. Die Identifizierung kolonialer Entwicklung und Apartheid mit dem westlichen Kapitalismus machte eine sozialistische Entwicklung als Alternative attraktiv.

 

Für den ANC war dabei die DDR als vermeintlich funktionierende sozial gerechte Gesellschaft auf hohem und stabilem ökonomischem Niveau interessant. Besonders beeindruckten das soziale Netz, der vergleichsweise hohe Lebensstandard, die Gleichberechtigung der Frau und die aktive Solidarität. Zudem galt die DDR als Vorbild des Aufbaus einer neuen Gesellschaft nach Überwindung des Faschismus, für die Südafrikaner psychologisch besonders wichtig. Sie wurde als Frontstaat in der Auseinandersetzung mit dem Imperialismus und als solider Verbündeter betrachtet.

 

Umgekehrt entsprach der ANC mit seinem Gefühl der Loyalität gegenüber diesen Ländern, die unkritisch als das Modell des Sozialismus akzeptiert wurden, den Erwartungen der Partner auch dadurch, dass politisch unangenehme Fragen nicht gestellt wurden. Die umfangreiche Unterstützung und Gastfreundschaft der DDR taten ein Übriges. ANC-Vertreter fühlten sich dort wie in einer neuen, menschlicheren Welt. Südafrikanische Studenten, die auch über Diskriminierungen berichteten, wurden ignoriert.

 

Die DDR hatte als einer der ersten sozialistischen Staaten die Befreiungsbewegung Südafrikas unterstützt, Mitte der 1970er Jahre verlagerte sie den Schwerpunkt ihrer stark expandierenden Afrikapolitik in den Süden des Kontinents. Südafrika sah man wegen seiner Klassenstruktur als subsaharisches Land mit dem größten revolutionären Potential.

 

Neben politischer und diplomatischer Unterstützung gewährte die DDR dem ANC umfangreiche materielle und humanitäre Hilfe, wobei schnelle und effiziente Hilfe in Notfällen ein Markenzeichen der DDR-Solidarität war. Schwerpunkt war seit den späten 1950er Jahren die Ausbildung im akademischen und technischen Bereich – die Zahl der Studienplätze stieg von 30-40 Ende der 1970er Jahre auf später 150-200. Hinzu kam Unterstützung für die Ausbildungsstätten des ANC und schließlich die Ausbildung für insgesamt etwa 1.000 MK-Kader im militärischen und Sicherheitsbereich. Zwei besondere Schwerpunkte der DDR-Solidarität waren der Druck von Zeitschriften, Büchern und Propagandamaterial sowie die medizinische Behandlung verwundeter und kranker ANC-Angehöriger. Die Führer von ANC und SACP waren in der DDR hoch geachtet und wurden protokollarisch entsprechend behandelt – als gleichberechtigte Partner, frei von paternalistischem Gehabe.

 

Tatsächlich sind viele in der DDR ausgebildete Kader heute in einflussreichen Positionen tätig. Nicht nur die Ausbildung allein, sondern Zusammenarbeit und Unterstützung insgesamt haben erkennbare Spuren hinterlassen.

 

Zusammenfassung zum Exil des ANC:

 

Viele heute führende Politiker des ANC und die Mehrzahl staatlicher Führungskräfte in Südafrika bringen Exilerfahrungen mit, in der Regel haben sie diese in Funktionen des ANC erworben. Dem ANC ist es in den 1970er und 1980er Jahren zunehmend gelungen, sich im südafrikanischen Exil eine stabile politische Basis zu schaffen und dieses Exil politisch und teilweise auch sozial weitgehend zu monopolisieren. Die Führung des ANC konnte sich bereits im Exil in ihren internationalen Beziehungen und dann bei der Rückkehr und Reintegration in Südafrika auf diese Basis stützen, dort entstandene Strukturen eines state-in-exile und eine neue Führungsgeneration sind in das Post-Apartheid Südafrika eingebracht worden.

 

Der Lebensabschnitt Exil hatte mehrheitlich entscheidenden Einfluss auf die professionelle, politische, aber auch die persönliche Prägung von Exilanten. Bei den frühen Exilgenerationen spielten soziale Herkunft und politischer Hintergrund eine Rolle. Ihre prominenten Vertreter kamen häufig aus mittelständischem, intellektuellem und politisch aktivem Elternhaus. Im Exil selbst haben Bildung und Ausbildung, politische Integration im ANC, Disziplin und Funktionalität des Exils, Erfahrungsreichtum und Weltläufigkeit die Persönlichkeitsentwicklung bestimmt. Politische Sozialisationsprozesse waren komplex und durchaus widersprüchlich, wie sich insbesondere im Exil in Großbritannien zeigte.

 

Die eingangs hinterfragten Ursachen für die Dominanz von Exilanten im politischen Establishment Südafrikas lassen sich primär mit im und durch das Exil erworbenen Qualifikationen und Erfahrungen begründen. Das schließt persönliche Beziehungen, Vertrauen aus langjähriger Zusammenarbeit, Freundschaften und Netzwerke nicht aus, oft korrespondieren diese Faktoren miteinander. Damals wie heute ist die Loyalität zur ehemaligen Befreiungsorganisation ein bestimmender Faktor für die Karriere in der vom ANC dominierten politischen Elite. In Südafrika existiert auch weiterhin eine latente Verbundenheit aus dem gemeinsamen Exil und Befreiungskampf.

 

Einflüsse des Exilumfelds werden von den Exilanten im nachhinein sehr unterschiedlich perzipiert, sie sind unzweifelhaft größer als oft individuell wahrgenommen. Sie differieren erheblich zwischen den Zentren des Exils - London mit stärkerer Betonung gesellschaftlicher Strukturen und politischer Kultur, die Frontstaaten mit einer größeren Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen und der spezifischen Entwicklungsprobleme dieser Länder.

 

Neben dem Exilumfeld haben dabei interne Charakteristika im ANC eine Rolle gespielt wie zentralistische Entscheidungsmechanismen und Strukturen, autoritäre Züge und ein überzogenes Sicherheitsdenken - beeinflusst durch Bedingungen des Befreiungskampfes und die politische Einordnung in den Ost-West-Konflikt. Innere Konflikte im Exil werden heute in der Reflexion oft verdrängt und klingen nur vereinzelt an.