Afrika / Namibia


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Die Welt war schockiert - „Operation Reindeer“ – das Massaker von Cassinga vor 30 Jahren

leicht gekürzt in: "Neues Deutschland" vom 03./04.05.2008

Namibia begeht am 4. Mai mit einem Nationalfeiertag ein zentrales Ereignis der eigenen Geschichte und gedenkt gleichzeitig eines ihrer traurigsten Kapitel - des Massakers von Cassinga 1978.

Vor 30 Jahren fand Namibias Befreiungskampf international große Aufmerksamkeit. Eine Sondertagung der UN-Vollversammlung Anfang Mai 1978 in New York bekräftigte einen von der UNO kontrollierten Weg des illegal von Südafrika okkupierten Namibia in die Unabhängigkeit. Während die überwältigende Mehrheit der Delegierten im Glaspalast am East River zum Abschluss der Konferenz am 3. Mai Namibias Befreiungsorganisation SWAPO Unterstützung versicherten, rüsteten im besetzten Namibia 1500 südafrikanische Fallschirmjäger und Luftwaffenangehörige zur „Operation Reindeer“.

Die Nachricht vom Ergebnis der UN-Konferenz war noch nicht zu den Flüchtlingslagern der SWAPO in Südangola gelangt, als dort der nächste Tag mit dem Morgenappell begann. So auch in Cassinga, einst ein Bergbaustädtchen im Süden Angolas, 250 km vor Namibias Grenze. Um den Ort herum war ein Durchgangs- und Ausbildungslager für 3-4000 namibische Flüchtlinge entstanden - mit Kindergarten, Schule, Klinik und Werkstätten. Eine Mission des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, die kurz zuvor das Lager besuchte, war beeindruckt von der Organisation und Stimmung im Camp. 200-300 Kämpfer der Befreiungsarmee PLAN mit zwei Flak-Geschützen sicherten das Lager, man hatte auch Schutzgräben angelegt.

Um 8 Uhr am bitter kalten Morgen dieses 4. Mai brach in Cassinga die Hölle los. Urplötzlich donnerten südafrikanische Canberra-Bomber über das Camp, feuerten aus Bordkanonen und warfen Hunderte von Splitterbomben ab. Minuten später klinkten Buccaneer-Kampfflugzeuge schwere Sprengbomben aus, Mirage-Düsenjäger schossen Raketen ins Lager. Phosphorbomben setzten Gebäude und den Busch in Brand. Dann erschienen Transportmaschinen am Himmel, Fallschirmjäger gingen rund um das Lager nieder.

Der Überfall traf die Flüchtlinge unvorbereitet. Etwa 200 Menschen starben in den ersten Minuten des Angriffs. Panik brach aus, Überlebende flüchteten in Schutzgräben oder in den Busch rund um das Lager, viele starben dort an ihren Verletzungen.  

„Operation Reindeer“ verlief jedoch nicht so minutiös wie geplant. Ein Trupp Fallschirmjäger landete nicht im Zielgebiet und musste sich umgruppieren, um das Lager systematisch zu durchkämmen. PLAN-Kämpfer leisteten hartnäckigen, wenn auch chancenlosen Widerstand, angesichts der überlegenen Feuerkraft der Angreifer. An beiden Flakgeschützen, die im Erdkampf gegen die Fallschirmjäger eingesetzt wurden, wurde einer der Schützen nach dem anderen getötet und immer wieder ersetzt, bis das Feuer verstummte. Die Angreifer „säuberten“ die Schutzgräben und töteten systematisch Überlebende, auch Verwundete. Sie verminten Zufahrtswege und Gelände am und im Lager, so dass auch später Überlebende des Massakers und Hilfskräfte den Minen zum Opfer fielen. Eine angolanische Einheit auf dem Weg nach Cassinga erlitt durch Minen und Luftangriffe schwere Verluste.

Mittags war das Ziel der Militäroperation erreicht, Südafrikas Armeechef General Constand Viljoen besichtigte das „Schlachtfeld“. Im Laufe des Nachmittags wurden seine Truppen mit Hubschraubern ausgeflogen. Gefangene wurden nicht gemacht, für sie gab es keinen Platz in den Hubschraubern. Bei zeitgleichen Aktionen gegen kleinere Camps bei Chequetera und Dombondola wurden ca. 200 Gefangene auf dem Landweg nach Namibia transportiert, wo sie zum Teil gefoltert wurden.

Tage später bot sich ersten in Cassinga eintreffenden Journalisten ein Bild des Grauens. Eines der Massengräber mit 460 Toten war noch nicht geschlossen, überall im Lager, in den Ruinen der Schule, in den Schutzgräben fanden sich Spuren des Massakers. Überlebende standen zum Teil noch unter Schock. Einer der Angreifer, Leutnant Johan Frederic Verster, sprach Jahre später vom wahrscheinlich blutigsten Unternehmen seiner Truppen.

Es gibt unterschiedliche Opferzahlen. Angola listete 624 Tote auf, mehrheitlich Frauen, Kinder und Jugendliche bei etwa ebenso viel Verletzten. Andere Zahlen für die „Operation Reindeer“ insgesamt sprechen von 1000-1200 Toten. Cassinga und seine Opfer nehmen einen zentralen Platz in der Erinnerung an Namibias Befreiungskampf ein. Erde der Gräber von Cassinga wurde zum Heldenfriedhof bei Windhoek gebracht, der zentralen Gedenkstätte des namibischen Befreiungskampfes.

Südafrikas Armee bezeichnete „Operation Reindeer“, die größte Luftlandeoperation in der Geschichte Afrikas, als erfolgreiche Mission gegen eine wichtige SWAPO-Basis als legitimes militärisches Ziel und feierte noch bis 1996 jährlich diesen Sieg. Veteranen der Apartheid-Armee pflegen immer noch dieses Image.

Die Welt war schockiert. Pretoria konterkarierte mit dem Angriff damals auch Bemühungen des Westens um eine Lösung für Namibia. Am 6. Mai 1978 verurteilte der UN-Sicherheitsrat den Angriff auf das Flüchtlingslager. Die SWAPO sprach von kaltblütigem Mord an unschuldigen und unbewaffneten Zivilisten. Bilder vom Massengrab gingen um die Welt. Cassinga wurde zum Synonym für den Mord an unschuldigen Opfern. Der namibische Historiker Dag Henrichsen sieht die Strategie des Apartheid-Staates, der SWAPO militärisch und politisch das Rückgrat zu brechen, ins Gegenteil verkehrt – sie wurde zum internationalen Fiasko Südafrikas.

Cassinga löste eine Welle internationaler Solidarität aus, auch in der DDR. Schwerverletzte des Massakers kamen zur Behandlung ins Klinikum Berlin-Buch – damals entstand die Solidaritätsstation 303. Eine verletzte schwangere Frau brachte dort ihr Baby zur Welt, und die kleine Stefanie wuchs bei deutschen Pflegeeltern  auf. Waisen des Massakers von Cassinga waren die ersten von mehreren hundert namibischen Kindern, die danach in der DDR betreut wurden. Cassinga wurde so auch ein Synonym für Solidarität.