Geschichte / Afrika / Namibia


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Kolmanskop - Geisterstadt in der Wüste"

Vor 100 Jahren bemerkte der Bahnarbeiter Zacharias Lewato einen glitzernden Stein an seiner öligen Schaufel. Wenig später brach in "Deutsch-Südwest" das Diamantenfieber aus

in: "Neues Deutschland" vom 17./18.05.2008

Es ist warm, noch nicht heiß, ein leichter Wind macht die Sonne erträglich. Das wird sich ändern, wenn der Tag voranschreitet und die Schatten kürzer werden. Sonne und Wind haben die Landschaft geprägt - hier in der Namib, der ältesten Wüste der Welt. Schutz vor der gleißenden Sonne bieten nur die Schatten verlassener Gebäude, verfallener Ruinen, rostiger Maschinen - Zeugen der hundertjährigen Geschichte von Kolmanskop, die wie ein modernes Märchen anmutet: Entstehung über Nacht aus dem Nichts, kurze schillernde Blütezeit und nach wenigen Jahrzehnten das Ende.

Einer der wenigen Namibier unter den Besuchern ist Moses Shi-kongo, er kommt aus dem fernen Norden, der gerade eine sintflutartige Regenzeit erlebte. Für ihn ist auch deshalb die Sandwüste mit der Geisterstadt unwirklich.

Da ist ein lang gestrecktes Gebäude am Ende der Siedlung. Ein endloser Flur, Licht fällt aus mehr als 20 Zimmertüren links und rechts. Die Wände in freundlichem Grün, die Lampen scheinbar intakt, nur die Farbe bröckelt von der Decke. Wenn da nicht der Boden wäre - bedeckt mit einer dicken Sandschicht, die in Dünen aus den Seitentüren quillt. Die Türen sind seit Jahrzehnten nicht geschlossen worden, die Lampen seit Generationen ohne Strom. Ein Geisterhaus in einer Geisterstadt, einst ein Krankenhaus in der Wüste.

Andere Häuser sind teilweise schon vom Sand begraben, vereinzelt schieben sich Dünen bereits zum Dach hinauf. Die Fensterscheiben sind eingeschlagen, der Wind pfeift hindurch, eine Sanddüne ist das einzige Interieur im tapezierten Wohnzimmer. In einer Villa hat die Wüste das Erdge-schoss erobert und kriecht die Treppe zum Obergeschoss empor. Die Stufen verschwinden im Sand, das Geländer ist gebrochen. Irgendwann wird ganz Kolmanskop in der Wüste versinken.

Begonnen hatte die Geschichte des Ortes 1908 mit einem Zufallsfund. Die Eisenbahnstrecke nach Lüderitz musste ständig von Sandverwehungen freigehalten werden. Dabei bemerkte der Arbeiter Zacharias Lewala einen glitzernden Stein an seiner öligen Schaufel. Er gab ihn weiter mit der Bemerkung: »Ein schöner kleiner Stein, vielleicht ein Diamant.« Lewala hatte zuvor in Südafrikas Diamantenstadt Kimberley gearbeitet, und er hatte Recht. Es war ein Diamant. Der Afrikaner erhielt eine kleine Belohnung. Der deutsche Bahnmeister August Stauch suchte und fand noch mehrere Steine, sicherte sich eigene Schürfrechte und damit ein Vermögen, bevor er den Fund öffentlich machte.

Luxuriöses Leben unter sengender Sonne

Die nahe Hafenstadt Lüderitz geriet außer Rand und Band, alles zog hinaus in die Wüste - das Diamantenfieber brach aus. In Wirtshäusern wurde mit Glitzersteinen bezahlt. Im Juli 1908 traf der Staatssekretär im deutschen Reichskolonialamt Bernhard Dernburg auf Inspektionsreise ein. Dernburg sah große Gefahren in einem unkontrollierten Diamantenabbau. Die Deutsche Kolonial-Gesellschaft hatte bereits erste Einschränkungen verfügt. Nach der Rückkehr des Staatssekretärs erteilte Berlin strikte Weisungen: Das Areal zwischen Oranje-Fluss und 26. Breitengrad wurde in einer Tiefe von 100 Kilometer zum Sperrgebiet erklärt, das Monopol zur Erschließung erhielt die Deutsche Diamanten-Gesellschaft. Bereits 1908 wurden 40000 Karat im Werte von 1,1 Millionen Mark gefördert.

Unweit des Fundorts des ersten Diamanten entstand Kolmanskop (Kolmannskuppe), benannt nach dem Nama Kolman, der dort 1905 mit seinem Ochsenkarren im Sand stecken geblieben und verdurstet war. Kolmanskop wurde Zentrum der Diamantenförderung in »Deutsch-Südwest«. Nach nur zwei Jahren gab es für 300 bis 400 deutsche Bewohner Verwaltungs- und Dienstgebäude, Laden, Metzgerei, Kasino mit Ballsaal, Theater, Turnhalle und Kegelbahn sowie exklusive Wohnhäuser. 40 Kinder besuchten eine Schule. Es gab ein Elektrizitätswerk, eine Eisfabrik und ein Krankenhaus mit 250 Betten, das größte weit und breit mit der ersten Röntgenstation in ganz Afrika, wichtig auch, um Diamantenschmuggel zu verhindern.

Manche Gebäude atmen noch heute den verblichenen Glanz jener Zeit. Da ist das Waschbecken, zur Hälfte mit feinkörnigem Sand gefüllt. Porzellanisolatoren an der Hauswand sind von Wind und Sand dünn geschliffen, Ziegelsteine wie mit dem Sandstrahlgebläse bearbeitet oder ausgehöhlt. Im zweistöckigen Kasino hat man den Ballsaal und die angrenzende Turnhalle renoviert, um den Kontrast zu zeigen. Wie künstlich hier alles immer war, sehen wir nebenan, wo Sonne, Wind und Sand Gebäudeteile regelrecht skelettiert haben.

Es fällt schwer sich das luxuriöse Alltagsleben vorzustellen, das es hier für die weißen Bewohner Kolmanskops gab - mitten in der lebensfeindlichen Wüste ohne Wasser, ohne Regen, bei sengend heißer Sonne tagsüber und empfindlicher Nachtkälte im Winter. Da konnte nichts gut und teuer genug sein: moderne Haushaltseinrichtungen, Elektrogeräte, Freizeitanlagen, Kegelbahn und Schwimmbad (mit Salzwasser). Eine Eisfabrik produzierte Eisblöcke, eine Limonadenfabrik die notwendigen Erfrischungen. Fast alles wurde durch die Wüste herantransportiert. Trink- und Nutzwasser kam per Schiff über 1000 Kilometer aus Kapstadt nach Lüderitz und per Ochsenwagen nach Kolmanskop. Baumaterial, Maschinen und Einrichtungsgegenstände stammten meist aus Deutschland. Es heißt, Kolmanskop sei damals pro Einwohner die reichste Stadt Afrikas gewesen.

Und man hatte ein soziales Herz - für die weißen Einwohner. Jede Familie erhielt täglich kostenlos 20 Liter Wasser, einen halben Eisblock, einen Kasten Limonade und pro Person zwei frische Brötchen. Für Einkäufe in den Läden des Ortes fuhr eine Schmalspurbahn vormittags und nachmittags die Hauptstraße entlang, so dass die Damen auch in der Wüste ihre modischen Kleider zur Schau tragen konnten. Heute verlieren sich die Gleise dieser »Straßenbahn« im Sand, neben dem alten Ortsschild parken Reste ihrer Wagen.

Schwarze Arbeiter unter weißer Aufsicht

Soziales und geografisches Gefalle verliefen analog in Kolmanskop. Auf den Hügeln gab es Villen für das Management - Betriebsleiter, Quartiermeister, Architekt. Das Haus des Lehrers zur Ortsmitte hin, wo die Mehrzahl der Deutschen wohnte, ist schon bescheidener. Abseits in einer Senke sind lang gestreckte Baracken zu erkennen. Dort waren 800 schwarze Arbeiter untergebracht.

Moses Shikongos Blick schweift zu den Baracken hinüber. Er fragt nach: »Was waren das für Arbeiter, woher kamen sie?« Die Antwort der jungen Führerin überrascht nicht. Es waren Ovambos aus dem bevölkerungsreichen Norden, wo Shikongo zu Hause ist. Bereits damals gab es Wanderarbeit: Die Ovambos wurden für ein oder zwei Jahre auf Kontraktbasis geworben.

Oft kehrten sie danach nur für wenige Wochen zu ihren Familien zurück, bevor sie erneut zur Kontraktarbeit zogen. Ungefragt ergänzt die Führerin, ihr Großvater war früher einer der deutschen Angestellten, dass die Arbeiter in Schichten arbeiten mussten. Auch deshalb stand in den Baracken immer nur ein Bett für je zwei schwarze Arbeiter zur Verfügung, das wechselweise genutzt wurde. Auf Bildern im Museum sehen wir, wie schwarze Arbeiter unter weißer Aufsicht dicht an dicht in Reihen durch die Wüste krochen und Diamanten aus dem Sand klaubten. Nachts, im Licht der Stirnlampe, waren die Steine besonders leicht zu finden.

Ein Ehepaar aus Durban in Südafrika ist überrascht von der Vielzahl historischer Spuren aus deutscher Kolonialzeit. »Wo sind die Relikte der 75-jährigen südafrikanischen Herrschaft?« Die war nicht weniger nachhaltig, schließlich bedurfte es eines lang anhaltenden Befreiungskampfes, bis Namibia 1990 seine Unabhängigkeit errang. An der Diamantenförderung, seit dem Ersten Weltkrieg in südafrikanischem Mehrheitsbesitz, änderte sich zunächst nichts.

Bereits in den 30er Jahren waren die Diamantenfunde bei Kolmanskop erschöpft. Neue Fördergebiete wurden im Süden gesucht. Orte wie Elisabeth Bay, Pomona und Bogenfels erschienen auf den Karten. Schließlich verlagerte sich die Förderung nach Oranjemund an die südafrikanische Grenze, wo man inzwischen vor der Küste mit moderner Technik Diamanten aus der Tiefe birgt.

Die Geschichte Kolmanskops währte nur wenige Jahrzehnte. Nach und nach verließen die Bewohner den Ort. In den 50er Jahren kehrte die Wüste zurück. Die Häuser verfielen, Kolmanskop wurde zur Geisterstadt. Auch die Tiere der Wüste sind zurückgekehrt: Nager, Schlangen, Skorpione, Schakale, unlängst wurde auch eine Hyäne gesichtet.

1990 war Kolmanskop noch Sperrgebiet, für den Besuch benötigte man eine Genehmigung. Heute beginnt die verbotene Zone am Stacheldraht unmittelbar hinter der Geisterstadt. Unweit ist ein Kontrollpunkt, den zweimal täglich Arbeiter passieren, die beim 30 Kilometer entfernten Elisabeth Bay Diamanten mit neuen Methoden fördern - mitten im streng bewachten Sperrgebiet.

Kontrolliert wird der Diamantenabbau in Namibia mehrheitlich vom südafrikanischen Bergbauriesen De Beers, allerdings mit wachsendem namibischen Anteil. Namibia ist bekannt vor allem für Steine von höchster Schmuckqualität. Irgendwo dort draußen in der Wüste Namib gibt es sie immer noch … diamonds are forever.