Südafrika 


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Ons slaan toe!"

Vor 45 Jahren: Folgenschwere Polizeiaktion in Rivonia

in: "Neues Deutschland" vom 12.07.2008

Am 11. Juli 1963 stand das Tor der Lilliesleaf-Farm im Norden von Johannesburg wie üblich weit offen. Der weiße Lieferwagen einer Reinigungsfirma, der den lang gestreckten Weg vom Farmtor hin zum Farmhaus passierte, erregte kaum Aufsehen. Es war ein kühler Wintertag, das Anwesen mit dem stattlichen reetgedeckten Farmhaus und mehreren Nebengebäuden schien menschenleer. »Niemand zu Hause«, erklärte der einsame Wächter dem Fahrer des Lieferwagens. Die Männer in weißen Kitteln im Fahrerhaus zögerten kurz, dann kommandierte einer in Afrikaans: »Ons slaan toe!« Zugriff. Aus dem Fahrzeug stürmte ein Dutzend Bewaffneter mit einem Schäferhund. Am Nebengebäude gab es plötzlich Bewegung, drei Männer sprangen aus dem Fenster und rannten davon, wurden aber gestoppt und festgenommen. In den Gebäuden gab es weitere Verhaftungen, lediglich einem der Anwesenden gelang in dem Durcheinander die Flucht.

Schnell erkannten die Männer der Geheimpolizei, die mit dem Lieferwagen vorgefahren waren, welch Coup ihnen gelungen war. Einige der Festgenommenen, der eine oder andere malerisch verkleidet, standen auf ihren Fahndungslisten ganz oben - vor allem Walter Sisulu, langjähriger Generalsekretär des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), enger Vertrauter und Mentor Nelson Mandelas, sowie Govan Mbeki, ehemals nationaler ANC-Vorsitzender. Beide waren nach der Verhaftung Nelson Mandelas im Vorjahr die ranghöchsten ANC-Vertreter im Untergrund in Südafrika. Sisulu hatte erst kürzlich in einer Rundfunkrede über einen Geheimsender die Fortsetzung des Befreiungskampfes in der Illegalität angekündigt.

Die Lilliesleaf-Farm war 1961 insgeheim von der verbotenen Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) gekauft worden, nach außen trat der wohl situierte Arthur Goldreich als Eigentümer auf. Die Farm im Vorort Rivonia diente als geheimes Hauptquartier von Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation), kurz MK genannt, der von der SACP und ANC geschaffenen Militärorganisation, die mit Sabotageakten gegen das Apartheid-Regime operierte. Gleichzeitig war die Farm Zufluchtsort für Funktionäre beider Organisationen in der Illegalität. Nelson Mandela hatte hier einige Zeit als Gärtner getarnt Unterschlupf gefunden. Auch MK-Angehörige wurden nach Rückkehr von der Militärausbildung im Ausland dort zeitweilig untergebracht.

Diese vielfältige Nutzung der Farm wurde zum Problem und gefährdete die Sicherheit des MK-Hauptquartiers, das deshalb an einen anderen Ort verlegt werden sollte. Ironie der Geschichte - das Treffen am 11. Juli sollte das letzte in Rivonia sein. Rusty Bernstein, einer der Führer der SACP, fuhr auch deshalb mit einem unguten Gefühl dorthin. Im Unterbewusstsein registrierte er beim Passieren der Rivonia-Polizeistation dort einen weißen Lieferwagen, schenkte dem aber keine Aufmerksamkeit.

In MK wurde zu dieser Zeit der Übergang von Sabotageakten zum bewaffneten Guerillakampf erwogen, eine entsprechende »Operation Mayibue« war bereits vom MK-Oberkommando, aber noch nicht von ANC und SACP bestätigt und wurde kontrovers diskutiert. So auch auf diesem Treffen auf der Farm. Als Rusty Bernstein dann den weißen Lieferwagen vorfahren sah, war es zu spät. Es gelang nicht einmal, die Dokumente zu vernichten. Der Versuch, sie in letzter Minute in einem Ofen zu verbrennen, scheiterte. Mit dem Plan »Operation Mayibue« bekam die Polizei schwerwiegendes Beweismaterial für eine Hochverratsanklage in die Hände und Einsicht in Strukturen von MK. Auch Mandelas Schlüsselrolle in dieser Geheimorganisation war bis dahin nicht bekannt, er war 1962 nur wegen politischer Aktivitäten zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nun ging es um Hochverrat, ihm drohte die Todesstrafe. Das galt auch für Denis Goldberg, der ein erstes MK-Ausbildungslager bei Kapstadt geleitet hatte und bei seiner Verhaftung in Rivonia Unterlagen zur Herstellung von Sprengsätzen bei sich führte. Deswegen galt er - zudem als Weißer - als besonders gefährlich und wurde in der Rangfolge gleich nach Mandela und Sisulu geführt.

Die Verhaftungen in Rivonia waren der folgenreichste Schlag gegen die südafrikanische Befreiungsbewegung in dieser Phase des Kampfes. Strukturen des Widerstandes wurden weitgehend zerschlagen; der ANC benötigte Jahre, um im Exil wieder eine schlagkräftige Organisation aufzubauen. Im folgenden Rivonia-Prozess von Oktober 1963 bis Juni 1964 drohte den angeklagten Führern von ANC und SACP die Todesstrafe. Der Prozess löste eine internationale Solidaritätskampagne aus - auch in der DDR. Der Südafrikaner Harold Wolpe, der der Verhaftung in Rivonia entgangen war, trat auf einer Großkundgebung in Berlin auf. Es war vor allem die weltweite Solidarität, die Nelson Mandela und seine Freunde vor dem Galgen rettete, sie wurden »nur« zu lebenslanger Haft verurteilt.

Derzeit, 45 Jahre nach den Ereignissen von Rivonia, entstehen am historischen, Ort auf der ehemaligen Lilliesleaf-Farm eine Gedenkstätte und ein Museum.