Südafrika


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ Telefon: +49(0)30 2786353 ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                (die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren, Hinweise an die Autoren bzw. Meinungsäußerungen bitte per E-Mail an VorstandVIP@aol.com)

zur Homepage des VIP                                    zu weiteren Publikationen


Schleicher, Dr. Hans-Georg:

„Der magische Madiba des neuen Südafrikas“

Nelson Mandela vollendet heute sein neuntes Lebensjahrzehnt - zurückgezogen im Kreis der Familie

Zum 90. Geburtstag von Nelson Mandela am 18. Juli 2008

in: „Neues Deutschland“ vom 18.07.2008

Die Welt blickt nach Südafrika. Dort begeht heute ein Mann seinen Geburtstag, der kein offizielles Amt mehr innehat. Doch er ist nach wie vor weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt und populär. Nelson Mandela wird 90 Jahre alt.

Er veränderte sein Land wie kaum jemand vor ihm, setzte nicht nur dort neue politische und moralische Maßstäbe. Dabei verbrachte Nelson Mandela 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Er durfte damals in Südafrika nicht zitiert, kein Foto durfte von ihm veröffentlicht werden. Zu lebenslanger Haft verurteilt, sollte er aus dem Gedächtnis seines Volkes getilgt werden. Es kam bekanntlich anders. Heute ist sein Bild nicht nur in Südafrika, sondern weltweit bekannt.

Häftling mit Nummer 46 644

Öffentliche Auftritte Mandelas sind selten geworden. Ende Juni als Ehrengast eines Konzerts im Londoner Hyde-Park wirkte er körperlich angegriffen, aber geistig vital wie eh und je. 46 664 Zuschauer feierten ihn euphorisch, es war eine Veranstaltung mit nostalgischem Hauch. 46 644 war einst seine Häftlingsnummer. Zu seinem 70. Geburtstag hatte an gleicher Stelle ein großes Konzert die Freilassung des damals populärsten politischen Gefangenen der Welt gefordert. Auch deshalb machte sich der Jubilar noch einmal auf den Weg nach London.

Heute wird sein 90. Geburtstag weltweit gewürdigt, in Berlin mit einem »Nelson Mandela Festival«. Worin besteht das Geheimnis der Popularität dieses Mannes? Wie kein anderer verkörpert Nelson Mandela Ziele und Inhalt des südafrikanischen Befreiungskampfes. In der kritischen Phase des Kampfes Anfang der 60er Jahre übernahm er dessen Führung im Landesinnern. Auch in den schwersten Jahren auf der Gefängnisinsel Robben Island im Südatlantik gab er nicht auf, vermittelte Siegesbewusstsein. Er zeigte menschliche Größe, als er nach 27 Jahren Gefängnis seinen Unterdrückern die Hand der Versöhnung bot. 1994 führte er seine Organisation, den Afrikanischen Nationalkongress (ANC), zum überwältigenden Wahlsieg.

Eine solche Führungsrolle war dem Jungen nicht in die Wiege gelegt worden, als er am 18. Juli 1918 in der Transkei geboren wurde. In Südafrika schien damals die Frage der weißen Vorherrschaft entschieden. 1906 war die letzte militärische Rebellion der schwarzen Bevölkerung unter Zulu-Häuptling Bambata zerschlagen worden. Erst mit Gründung des ANC 1912 zeichnete sich neuer Widerstand gegen Rassismus und weiße Vorherrschaft ab.

Rolihlahla Mandela, so sein Geburtsname (Nelson wurde er erst in der Schule genannt), wuchs in den hierarchischen Strukturen der Thembu-Dynastie im Volk der Xhosa auf. Nach dem Tod seines Vaters kam der Zwölfjährige zu seinem Onkel, dem Obersten Häuptling der Thembu. Mandela schwärmte sein Leben lang von Kindheit und früher Jugend in den grünen Hügeln der Transkei am Ufer des Mbashe-Flusses, wo er mit Altersgenossen Schafe hütete und auf dem Feld arbeitete. Abends lauschte er Geschichten der Ältesten über Zeiten, als den Thembus noch das Land gehörte, und über den Widerstand gegen die weiße Expansion. Was wie ein Märchen klang, war die überlieferte Geschichte seines Volkes und seines Landes, die der Junge tief in sich aufsog. Dazu gehörten auch erste Erfahrungen mit Formen der Demokratie in der traditionellen Gesellschaft. Er sprach später von Ursprüngen revolutionärer Demokratie. Derart verklärte, teils visionäre Vorstellungen erhielten sich bei ihm lebenslang. Vielleicht auch deshalb erfüllte sich der alte Mandela einen lebenslangen Traum – ein eigenes Haus unweit seines Geburtsplatzes in der Transkei.

Sein Onkel ermöglichte Nelson Mandela ein Studium am Fort Hare College, wo auch spätere politische Führer aus anderen Ländern Afrikas ihre Ausbildung erhielten. In der Studentenbewegung sammelte er erste politische Erfahrungen. Hier begann eine lebenslange Freundschaft mit Oliver Tambo, mit dem gemeinsam er einen Vorlesungsboykott organisierte. Er wurde von der Hochschule verwiesen. Als sein Onkel ihn ungefragt auch noch traditionell verheiraten wollte, rebellierte der 22-Jährige und ging nach Johannesburg. Dort traf er den politischen Aktivisten Walter Sisulu, der ihn bewegte, sein Jura-Examen nachzuholen und sein Mentor und enger Freund wurde. 1944 trat Mandela dem ANC bei. In dessen Jugendliga gehörte er wie Sisulu und Tambo zu den jungen Wilden, die durch Massenmobilisierung und politische Aktionen den ANC radikalisierten. Mandela wurde 1950 Präsident der ANC-Jugendliga und Mitglied der ANC-Exekutive.

Inzwischen war mit dem Sieg der Nationalpartei 1948 die rassistische Apartheid zur Staatspolitik Südafrikas erhoben worden. Im Widerstand gegen diese Politik erlebte Mandela den brutalen Polizeiterror. Er war 1950 Mitorganisator eines ersten gemeinsamen nationalen Protesttages von ANC, Jugendliga, Kommunistischer Partei und Südafrikanischem Indischen Kongress und machte zwei Jahre später erstmals Bekanntschaft mit dem Gefängnis.

Nelson Mandela und Oliver Tambo eröffneten in Johannesburg die erste schwarze Anwaltskanzlei Südafrikas. Professionelles und politisches Engagement waren eng verknüpft, viele Kunden der Kanzlei waren Opfer der Apartheid. Das Regime reagierte mit Aufenthaltsbeschränkungen und politischen Restriktionen gegen Mandela. Doch sein politisches Engagement war nicht aufzuhalten. 1956 war er einer von 156 Angeklagten eines Hochverratsprozesses wegen Verschwörung zum gewaltsamen Umsturz des Staates, der nach Jahren kläglich scheiterte.

Die erste Ehe Mandelas ging in die Brüche. 1958 heiratete er die attraktive, 16 Jahre jüngere Winnie Madikizela. Für eine normale Ehe blieb beiden nicht viel Zeit. 1960 wurden der ANC und andere Oppositionsbewegungen verboten. Mandela wurde kurzzeitig verhaftet und ging später in den Untergrund. Sein gesamter weiterer Lebenslauf ist auch eine Geschichte des Widerstands und des ANC.

Er übernahm die Leitung der ANC-Untergrundorganisation im Lande: »Ich habe meine Wahl getroffen. Ich werde weder Südafrika verlassen noch werde ich mich stellen.« Im Untergrund bewegte er sich von einem illegalen Quartier zum anderen, immer in Gefahr, erkannt und verhaftet zu werden. Die Medien machten den steckbrieflich Gesuchten zum Mythos. Er selbst sprach davon, dass er zum Wesen der Nacht wurde, tagsüber versteckt und nachts aktiv – als Gärtner oder Fahrer verkleidet. Er war dabei, als der ANC und die bereits über zehn Jahre verbotene Kommunistische Partei im Juni 1961 beschlossen, eine Militärorganisation gegen den Terror des Regimes zu gründen – Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation), kurz MK. Nelson Mandela wurde ihr Oberkommandierender.

Am 16. Dezember 1961 explodierten in Johannesburg, Durban und Port Elizabeth Bomben, begannen Sabotageakte gegen Regierungseinrichtungen, Menschen wurden ausdrücklich verschont. Das Regime antwortete mit verschärftem Terror gegen jegliche Opposition. Im August 1962 wurde Mandela verhaftet, als er von Durban nach Johannesburg fuhr. Die Polizei, die seinen Wagen auf einsamer Straße stoppte, stellte schnell fest, dass der schwarze Chauffeur neben dem weißen Besitzer des Autos der von ihnen gesuchte ANC-Führer war. Sie kannten allerdings nicht seine Funktion an der Spitze von MK. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Im Jahr darauf gelang der Polizei ein Coup: Sie identifizierte das MK-Hauptquartier auf einer Farm im Johannesburger Vorort Rivonia und verhaftete dort einen Teil der Führung, darunter Walter Sisulu. Erbeutete Dokumente enthüllten Mandelas Schlüsselrolle. Im spektakulären Rivonia-Prozess war er der Angeklagte Nr. 1, es ging um Hochverrat, um Leben und Tod der Angeklagten. Es war vor allem internationaler Solidarität zu danken, dass sie nicht zum Tode, sondern »nur« zu lebenslänglich verurteilt wurden.

»Free Mandela« wurde zur globalen Losung

Die Haftbedingungen auf Robben Island waren menschenunwürdig, die Behandlung durch die Wärter entsprechend. Die unwirtliche Insel in Sichtweite des Tafelbergs bei Kapstadt wurde für Mandela zu einem prägenden Ort. Durch selbstbewusstes, kompromissloses Auftreten machte er seinen Kameraden Mut, zeigte Führungsstärke und trug dazu bei, die Haftbedingungen zu verbessern. Robben Island wurde auch zur »Mandela-Universität«, wo Gefangene Wissen erwarben, menschlich und politisch reiften. Als Südafrikas Präsident Botha die Freilassung Mandelas anbot, wenn der der politischen Gewalt absage, reagierte Mandela konsequent. Auf einer Kundgebung in Soweto ließ er durch seine Tochter Zindzi seine nachdrückliche Absage an alle Versuche des Regimes verkünden, ihn gegen den ANC auszuspielen. Bereits 1985 galt Mandela, damals 22 Jahre hinter Gittern, als Südafrikas berühmtester politischer Führer. »Free Mandela« wurde zur Losung der internationalen Solidarität mit den politischen Gefangenen Südafrikas. Mandela wurde in vielen Ländern stellvertretend für den Befreiungskampf Südafrikas geehrt, darunter schon frühzeitig in der DDR. Es ist bezeichnend, dass Mandela stärker noch als die Ehrendoktorwürde oder der »Stern der Völkerfreundschaft« Tausende von Geburtstagskarten von DDR-Kindern bewegten, die ihn im Gefängnis erreichten, wie seine Tochter Zindzi damals berichtete.

Internationaler Druck, Widerstand im Innern und der Kampf des ANC beschleunigten das Ende der Apartheid. 1990 verließ Mandela das Gefängnis – bedingungslos, erhobenen Hauptes, respektiert als moralischer und politischer Führer. Aber selbst er war bewegt, als er 1994 erstmals wählen konnte. Als Madiba, – so sein Klan-Name – kurz darauf als Präsident des neuen Südafrikas vereidigt wurde, war er, immer ein wenig der Symbolik verhaftet, sichtlich beeindruckt, als die Militärs vor ihm, dem Freiheitskämpfer, salutierten und ihre Loyalität bekundeten. Das war ganz im Sinne der Aussöhnung, die er zum zentralen Thema seiner Präsidentschaft machte, um das zerrissene Südafrika auf einen neuen Weg zu steuern.

Kaum jemand, der ihn erlebte, konnte sich seiner Ausstrahlung entziehen. Mit Charme und Humor vermittelte er Vertrauen, baute Brücken, gab Hoffnung und Selbstvertrauen – seine »Madiba Magic«.

Nach fünfjähriger Präsidentschaft übergab Mandela den Staffelstab an seinen Nachfolger Thabo Mbeki. Seit er sich 1999 aus der Politik zurückzog, konzentriert er sich vor allem auf soziale Aufgaben und insbesondere den Kampf gegen Aids.

Trotz des Abschieds von der politischen Bühne blieb der inzwischen zur lebenden Legende gewordene Politiker präsent – auch als Gewissen der Nation. Er erhob seine Stimme, wenn er das für nötig erachtete, so gegen den Irak-Krieg der USA, zuletzt gegen das autokratische System in Simbabwe und fremdenfeindliche Ausschreitungen im eigenen Land. Kritiker auch in Südafrika meinen, manchmal habe er damit jedoch zu lange gewartet.

Nelson Mandela bewahrte sich seine Autorität, im eigenen Lande und international – dank seiner Visionen, seines Charismas und seiner unübertroffenen Fähigkeit zur Versöhnung, auch wenn letztere manchem Mitstreiter schon zu weit ging. Er ist bei aller Berühmtheit bescheiden geblieben, ein Mensch auch mit Schwächen und Fehlern. Nach seinem Status als de-facto- Heiliger befragt, konterte er mit dem ihm eigenen Humor: »Nein, ich bin kein Heiliger. Ich bin ein kleiner Sünder, der immer wieder versucht, sich zu verbessern.« Bischof Desmond Tutu kommentierte: »Er ist ein gewöhnlicher Mensch mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.« Oliver Tambo erlebte ihn als leidenschaftlichen, emotionalen, empfindsamen Menschen, der natürliche Autorität ausstrahlt und Menschen in seinen Bann zieht, der geborene Führer der Massen.

Mandela ist aber auch für Sturheit und Zornesausbrüche bekannt. Ein Kampfgefährte auf Robben Island, Mac Maharaj, meint, Mandela habe dort die Fähigkeit erworben, seinen Zorn unter Kontrolle zu bringen, sich bewusst Selbstbeherrschung angeeignet – aus politischen und persönlichen Gründen.

Der Friedensnobelpreisträger hat in seinem Leben Schicksalsschläge erfahren, die nur schwer zu verkraften waren. Als seine Mutter und sein ältester Sohn kurz nacheinander starben, durfte der Gefangene Nr. 46 644 nicht zu den Beisetzungen. Sein Sohn Makgatho starb 2005 an Aids. Mandela ist sehr zurückhaltend, wenn es um sein Innenleben geht, selten offenbart er seine Gefühle. So auch bei der Trennung von seiner Frau Winnie 1992, die in der Haft für ihn wichtige Bezugsperson gewesen war, dann aber mit ihrer Exzentrik, mit Skandalen und Affären die Beziehung zerrüttete. An seinem 80. Geburtstag heiratete er Graça Machel, Witwe des ehemaligen mosambikanischen Präsidenten – eine gleichgesinnte, kluge und charmante Partnerin, an die er sich anlehnen kann.

Rastlos auf der Suche nach Verbesserung

So beeindruckend sein langer Weg von den grünen Hügeln der Transkei über die raue Gefängnisinsel Robben Island ins Präsidentenamt im Union Building Pretorias war – Mandela ist sich sehr wohl der fortbestehenden gewaltigen Probleme seines Landes bewusst. Südafrika ist frei von Apartheid und Minderheitsherrschaft, ein drohender Bürgerkrieg wurde abgewendet, das Land selbst ist politisch und ökonomisch weitgehend stabil. Geblieben sind die großen sozialen Probleme. Das Erbe der Apartheid, Gewalt und Vorurteile können erst allmählich überwunden werden. Nelson Mandela selbst hat sich diesen Problemen nie verschlossen, wohl wissend, dass in diesem Fall seine Madiba Magic nicht das Allheilmittel ist. Beim Londoner Konzert verkündete er: »Nach fast 90 Lebensjahren ist es Zeit für neue Hände, die Lasten zu schultern.« Aber seine Autorität und sein Rat werden auch weiterhin gefragt sein. Er wird ihn nicht verweigern, so wie er, der den heutigen Feiertag zurückgezogen im Kreise der Familie begehen will, seine Autobiographie ausklingen lässt: »Doch ich kann nur für einen Augenblick rasten, … ich wage nicht zu verweilen, denn mein langer Weg ist noch nicht zu Ende.«