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Kukuk, Klaus:

"Prag 68 - Unbekannte Dokumente"

Verlag Edition Ost, 2008, 288 Seiten, ISBN 978-3-360-01094-0

Buchvorstellung durch den Autor: "Entzauberte Mythen und Legenden von 1968"

Stenografische Niederschriften fast aller bi- und multilateralen Verhandlungen der KPTsch mit der KPdSU und den Parteiführungen weiterer vier sozialistischer Länder liegen in den Archiven im Wortlaut vor und wurden im August d .J. dem deutschen Leser in einer überschaubaren Auswahl zugänglich gemacht.

Die Niederschrift des jahrzehntelang mit spekulativen Mutmaßungen überladenen Treffens von Dresden im März 1968, hochstilisiert zum „Tribunal der Fünf“, enthält die frei gehaltenen Redebeiträge von Ulbricht, Dubček, Breshnew, Gomulka, Kádár, Lenárt, Kolder und Černík. (Der Beitrag Todorows wurde vom Herausgeber aus Platzgründen gestrichen).  In gleicher Ausführlichkeit werden die Niederschriften der Verhandlungen von Čierna nad Tisou im Juli 1968 und der Moskauer Verhandlungen im August 1968 wiedergegeben. Das Protokoll der Diskussion im Präsidium des ZK der KPTsch über die Meinungsfindung zur Einladung der KPTsch nach Warschau vermittelt einen Eindruck von den tatsächlichen Argumenten der Prager Parteiführung. Ausführliche Vermerke über bisher nicht bekannte Verhandlungen der Ersten Sekretäre der KPdSU, der BKP, der SED, der PVAP und der USAP am 18.August 1968 sowie vom 23. – 26.August 1968 in Moskau parallel zu den Verhandlungen zwischen der KPdSU und der KPTsch legen Details des Zusammenwirkens der Verbündeten offen. Eine aus offiziellen tschechischen Quellen (von 1991) ausgewählte Zeittafel internationaler Aktivitäten legt synoptisch Zusammenhänge offen, die in dieser Weise noch nicht nachlesbar waren.

Also kann sich nunmehr auch hierzulande der politisch interessierte Leser ein Bild davon machen, was in diesen Verhandlungen tatsächlich geschehen ist, was Breschnew, Ulbricht, Gomulka, Shiwkow, Kadar, Dubček und Genossen denn nun tatsächlich gesagt haben. Und er wird viele über 40 Jahre lang tradierte Zerrbilder entzerrt finden. Er wird vor allem – vielleicht mit einiger Verwunderung, weil das ja seit Jahrzehnten immer unterstellt wurde - feststellen, dass es in keiner der Verhandlungen gegen Reformen in der Tschechoslowakei ging. Und keine der zahlreichen vertraulichen Gespräche und Verhandlungen mit den Verbündeten wurden 1968 von der KPTsch-Führung genutzt, um Inhalte ihrer Reformvorstellungen zu erläutern und damit um das Verständnis der Verbündeten für ihre Vorhaben zu werben, obwohl sie – z.B. in Dresden (März 68) von Walter Ulbricht – dazu ausdrücklich aufgefordert worden sind. Das Für oder Wider von Reformen in der ČSSR war also In keiner bi- oder multilateralen Verhandlung der Verbündeten Gesprächsgegenstand. Man darf daraus mit vollem Recht die Schlussfolgerung ziehen, dass jene Teile der tschechoslowakischen Führung, die die sozialistische Entwicklung reformieren wollten, leider nur Absichtserklärungen abgegeben haben und keine Konzeptionen dafür hatten. Konzepte hatte nur die Gegenseite. Folglich konnten auch „keine Reformen von sowjetischen Panzern niedergewalzt“ werden, wie es im heutigen Sprachgebrauch heißt. Es ging immer vorrangig um die Auseinandersetzung mit dem imperialistischen Gegner im Kalten Krieg und um die ideologische und machtpolitische Auseinandersetzung mit den antisozialistischen und konterrevolutionären Kräften in der ČSSR in den Massenmedien und auf der Straße. Und man wird wohl oder übel anerkennen müssen, dass die Verbündeten aus den Bruderländern viel Geduld und viel Verständnis für die Probleme der tschechoslowakischen Genossen aufgebracht und sich sehr wohl zurückgehalten und es vermieden haben, sich in deren innerparteiliche und innerstaatliche Angelegenheiten einzumischen. Da löst sich beim Lesen so manches Klischee in Nichts auf. Und man wird nun mit Interesse beobachten können, wie manche Historiker, Politologen und Politiker den Krebsgang einzulegen versuchen werden, weil sie ihre mitunter abenteuerlichen Spekulationen nicht bestätigt finden werden.

Zum Beispiel gehörte W. Ulbricht nicht – wie bis heute gebetsmühlenartig behauptet - zu den Verfechtern eines „harten“ Kurses gegenüber der KPTsch. Er betonte die Notwendigkeit des ideologischen Kampfes unter den Bedingungen der von den USA und der BRD forcierten psychologischen Kriegführung gegen die sozialistischen Länder und die ideologische Auseinandersetzung nach innen. Während der Dresdner Beratung im März 1968 sagte er u. a.: „Der Imperialismus ist bestrebt, alle Probleme, die sich in einem sozialistischen Land zeigen, zur Führung des psychologischen Krieges gegen uns alle auszunutzen. Ich bin der Meinung, dass unsere Anstrengungen darin bestehen sollten, dass wir uns verständigen, wie wir das verhindern können, dass Probleme, die neu in diesem oder jenem sozialistischen Land auftauchen, durch den Imperialismus als Waffe in der Führung des psychologischen Krieges gegen uns alle ausgenutzt werden können.“

In keiner der multilateralen Verhandlungen ist W. Ulbricht für eine militärische Lösung in der ČSSR eingetreten. Für einen Politiker seines Formats war es nach den historischen Erfahrungen in der 1.Hälfte des 20.Jahrhunderts nicht denkbar, dass deutsche Soldaten an einer solchen militärischen Operation in einem sozialistischen Nachbarland teilnehmen könnten. Er hat gleichwohl deutlich gemacht, dass die DDR zu einer solchen Lösung solidarisch steht.

Die Archive haben auch eindeutige Belege dafür geliefert, dass der Plan zu einer Zuspitzung der zwingend notwendigen politischen Auseinandersetzung mit der opportunistischen Führungsriege um Dubček und deren Terminierung auf den 20.August 1968 von tschechoslowakischen Mitgliedern der Parteiführung und Regierung ausgearbeitet worden ist. Dieser Plan wurde zu einer der Entscheidungsgrundlagen der KPdSU und der Bruderparteien der VRB, der DDR, der VRP und der UVR. Leider haben nicht alle tschechoslowakischen Initiatoren des Plans zu ihren Verpflichtungen gestanden. Sie hatten es zu verantworten, dass die als politische Wende geplante Sitzung des Präsidiums des ZK der KPTsch am 20.August von den Rechten in ihr Gegenteil verkehrt werden konnte.

In Dokumenten, die von keinem Redenschreiber redigiert werden konnten, kann sich der Leser selbst ein authentisches Bild davon machen, dass der von westlichen (und heute auch östlichen) Medien verklärte Heros mit menschlichem Antlitz tatsächlich als um die Probleme herumredender, sich selbst bemitleidender, eitler politischer Traumtänzer ohne Führungsprofil wahrgenommen wurde.

Die in verschiedenen Dokumenten und in bilateralen Verträgen zwischen der ČSSR und der UdSSR ausdrücklich festgeschriebene Versicherung, dass sich die verbündeten Truppen nicht in die inneren Angelegenheiten der ČSSR einmischen werden, wurde eingehalten. Lediglich in der 1.Woche haben in Prag die sowjetischen Truppen mitgeholfen, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Strom, Gas und den Personen-Nahverkehr wieder in Gang zu setzen. Sie haben sich folglich „eingemischt“, um die von antisozialistischen Kräften betriebene und gewollte Zuspitzung der Lage in Ballungszentren zu unterbinden. Das wissen wir nicht nur aus den nun zugänglichen Dokumenten, darüber hatte auch schon Vasil Bilak authentisch berichtet.

Pünktlich zum 40.Jahrestag hat Klaus Kukuk als Herausgeber und Übersetzer mit einem Vorwort von Horst Schneider einen Dokumentenband vorgelegt, dessen Inhalt vielen bis heute gepflegten Mythen und Legenden über den frostigen Frühling im Nachbarland den Boden entzieht.

Kukuk, Klaus: "Prag 68 - Unbekannte Dokumente", Verlag Edition Ost, 2008, 288 Seiten, ISBN 978-3-360-01094-0, br. 14,90 €