Rezensionen


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ Telefon: +49(0)30 2786353 ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                (die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren, Hinweise an die Autoren bzw. Meinungsäußerungen bitte per E-Mail an VorstandVIP@aol.com)

zur Homepage des VIP                                    zu weiteren Publikationen


Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Entlarvung des Westens - Afrika zwischen Utopie und Verschwörung"

Rezension zu: Gerald Caplan: "Verschwörung gegen Afrika", Gerstenberg, Hildesheim 2008

in: "Neues Deutschland" vom 07.08.2008

"Für uns, die mit den Afrikanern sympathisierenden Außenstehenden, boten diese Auseinandersetzungen alles - einen gewaltigen Krieg gegen Rassismus, Privilegien, Unterdrückung, Ungleichheit, einen Kampf für Gleichheit, Demokratie, Sozialismus, Gerechtigkeit. Solidaritätsgruppen schossen in jedem Land der westlichen Welt wie Pilze aus dem Boden, voll freudiger Erregung, sich als Teil des Befreiungskampfes im südlichen Afrika zu fühlen... Wir haben für das Afrika gekämpft, das wir uns immer erträumt haben." So schreibt einer der Aktivisten der Solidaritätsbewegung im Westen, der das heutige Afrika analysiert, seine Geschichte, seine Entwicklung und vor allem seine Probleme.

Verschwörung gegen Afrika - ein provozierender Titel und ein provozierendes Buch. So ist es auch vom kanadischen Historiker Gerald Caplan gemeint. Das Elend Afrikas sei von Menschen gemacht, und der Autor benennt diese: europäische Kolonialherren, aber auch afrikanische Despoten sowie skrupellose Politiker und Geschäftemacher. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite er als Historiker und langjähriger politischer Aktivist steht.

Die westliche Welt sei nicht Rettungsanker für Afrikas Nöte, sondern Teil des Problems - und das schon seit Jahrhunderten. Caplan weist deshalb auch nachdrücklich Thesen von einer Re-Kolonisierung Afrikas zurück. Das Buch spricht in komprimierter Form Probleme Afrikas an und verweist auf ihre Ursachen wie beispielsweise mit der Entlarvung der Subventionspolitik des Westens im System der Handelsliberalisierung, dargestellt an konkreten Beispielen wie dem Geflügelexport nach Westafrika oder den verheerenden Auswirkungen auf die Baumwollproduktion in West- und Zentralafrika.

Hinzu kommt der latente Rassismus der Weißen. Es ist schon erschreckend, dass selbst primitive rassistische Vorurteile aus den 1960er Jahren noch heute im vollen Umfang aktuell sind. Caplan sucht die Ursachen des derzeitigen afrikanischen Dilemmas auch in Afrika selbst und hier insbesondere in der Rolle politischer Führer, der »Big Men«, die für ihn - allmächtig, niemandem Rechenschaft schuldig, überlebensgroß und lebenslang herrschend - zum Inbegriff der Tyrannei wurden und Schande über ihr Land brachten. Diese Einschätzung wird leider nicht vertieft. Und so bleibt die hier vorgenommene Zuordnung afrikanischer Politiker mehr als problematisch. Als Autokraten werden undifferenziert Mugabe, Swasilands Monarch Swati III., Malawis Mutharika, Ugandas Museveni, Gabuns Bongo, aber auch Nigerias Obasanjo und Südafrikas Mbeki aufgelistet, bei Letzteren eine mehr als fragwürdige Kategorisierung. Caplan wird nicht müde, die Versöhnungspolitik Mandelas hervorzuheben. Eng verknüpft mit dieser Politik war jedoch vor allem Mbeki. An seiner Politik ist sicher manches zu kritisieren. Aber er entspricht in keiner Weise den oben genannten Kriterien für die »Big Men«.

Das Buch präsentiert sich als politisches Sachbuch für Einsteiger. Scheinbar Selbstverständliches erhält in der Verdichtung seine eigentliche Bedeutung. Exkurse, die auf knappem Raum besonders wichtige Probleme lexikalisch darstellen, sind wichtig für den mit Afrika nicht so vertrauten Leser. Das Buch will beides sein - wissenschaftliche Analyse und parteiische, engagierte Streitschrift; das gelingt nicht immer. Der westlichen Unterstützung für korrupte Diktatoren werden unter Hinweis auf Äthiopien verallgemeinernd »kommunistische Regimes« gegenüber gestellt, die im Namen sozialistischer Solidarität und einer besseren Welt für Terror und Tod verantwortlich gewesen seien.

Offenbar unter dem Eindruck der massiven Propagandakampagne westlicher Medien zum wachsenden Einfluss Chinas in Afrika wirft der Autor Fragen auf, die er nicht beantworten kann, und die dann als Unterstellung im Raum stehen bleiben. Zu holzschnittartig werden manche Probleme dargestellt. Vereinfachte Bilder verführen zu simplifizierenden Thesen, die der Kompliziertheit der Probleme Afrikas nicht gerecht werden. Bei manchen aktuellen Problemen des schwarzen Kontinents vermisst man die Einordnung in globale Entwicklungen.

Dieses Buch, das viele interessante und wichtige Informationen zu Afrika enthält und den Finger auf viele offene Wunden legt, ist lesenswert, auch oder gerade weil es zu Widerspruch anregt, aber auch, weil es zu vielen Detailfragen immer wieder interessante Anregungen gibt.

Gerald Caplan: Verschwörung gegen Afrika. Gerstenberg, Hildesheim 2008.159 S., geb., 9,90 €.