Lebenserinnerungen


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

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Heft 20 der "Blauen Reihe" (September 2008)

Schriften zur Internationalen Politik,

herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin, 2008

(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Heft 20 ist leider vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden


Erich Wetzl

Vom Bauernsohn zum Botschafter

 Erinnerungen eines DDR-Diplomaten

Inhalt

 

Vorwort von Otto Pfeiffer, Präsident des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin

Über die Außenpolitik der DDR wurde in den letzten Jahren aus unterschiedlichem Blickwinkel nicht wenig publiziert. Das wissenschaftliche Interesse an diesem Forschungsgegenstand hat in jüngster Zeit weiter zugenommen. Auch die eigentlichen Akteure des Metiers, die Diplomaten der DDR, meldeten sich mit eigenen Beiträgen zu Wort. Der Sicht dieser Zeitzeugen auf entscheidende Etappen der Geschichte nach 1945 wurde dabei beachtliche Aufmerksamkeit zuteil.

Häufig erwuchsen daraus Fragen nach Herkunft, Ausbildung und beruflichem Werdegang der DDR-Außenpolitiker, nach ihrem persönlichen Anteil an den internationalen Aktivitäten der DDR und nach ihrer heutigen Bewertung der oft jahrzehntelangen Tätigkeit im Ausland - in den Botschaften, Konsulaten und Handelsvertretungen - sowie in der Zentrale in Berlin.

Der Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V., dem mehr als 200 frühere DDR-Diplomaten angehören, hat seine Mitglieder stets ermuntert, diese Fragen beantworten zu helfen. Die thematische Erweiterung der Reihe „Schriften zur Internationalen Politik“ um biografische Beiträge könnte die Verbandspublikationen, die sich bisher vor allem außenpolitischen Ereignissen und Entwicklungen der Vergangenheit und Gegenwart widmeten, sinnvoll bereichern.

Mit „Vom Bauernsohn zum Botschafter - Erinnerungen eines DDR-Diplomaten“ liegt ein erstes Heft dieser Art vor. Botschafter a. D. Erich Wetzl schildert darin nicht nur den eigenen, in vieler Hinsicht für seine Generation im Osten Deutschlands typischen Lebensweg, sondern lässt mit den Erfahrungen aus mehr als dreißig Jahren Tätigkeit im außenpolitischen Dienst die persönliche Sicht auf die Entwicklung der DDR und ihrer Außenpolitik erkennen.

Seine Erlebnisse und Erinnerungen können natürlich kein historisches Kompendium sein, doch sind sie untrennbarer Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte. Man muss seinen politischen Wertungen der Ereignisse nicht in jedem Fall zustimmen, doch die mit Ort und Datum belegten Fakten dieser Biografie sind nicht bestreitbar. Zudem gewähren Lebenserinnerungen aus jener Zeit den Blick auf die DDR von ihren Anfängen her, wie er heute nicht selten vernachlässigt, wenn nicht gar verdrängt wird.

Der Verfasser hatte den Vorteil, nicht nur im „normalen“ außenpolitischen Apparat, dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, tätig gewesen zu sein, sondern auch in der „Abteilung für Internationale Verbindungen“ des Zentralkomitees der SED, von dessen Politbüro bekanntlich alle wichtigen außenpolitischen Entscheidungen getroffen wurden. Seine persönlichen Kontakte zu Mitgliedern des höchsten Leitungsorgans der DDR und seine Kenntnisse über die Entwicklung der Beziehungen der SED zu kommunistischen Parteien in West- und Nordeuropa haben es ihm ermöglicht, eigene Bewertungen der Prozesse in der DDR und in der UdSSR, die zum Untergang des Realsozialismus führten, vorzunehmen.

Erich Wetzl kann aus einem sehr vielseitigen Erfahrungsschatz schöpfen: aus dem langen Mühen der DDR, die völkerrechtliche Anerkennung durch die gesamte internationale Staatengemeinschaft durchzusetzen, und aus ihrer gleichberechtigten Teilnahme am internationalen Leben – aus dem „Innenleben“ der DDR-Außenpolitik und aus der Wahrnehmung der „Außensicht“ durch Politiker anderer Staaten.

Die dargelegten persönlichen Erfahrungen sowie der kritische Umgang mit den Fakten, seine Auseinandersetzung mit den Fehlern und Schwächen „seines“ Staates DDR und später mit dem faktischen Berufsverbot für DDR-Diplomaten nach 1990 sowie das Festhalten an seinen Idealen - all das lässt die Persönlichkeit des Verfassers erkennen und macht die vorliegende Publikation nicht nur für den außenpolitisch Interessierten lesenswert.

Rezension:

Hitze, Franz-Karl:

"Offiziell nicht existent - Als DDR-Diplomat in einem NATO-Staat"

in: "junge Welt" vom 13.10.2008

Erich Wetzl hat unter dem Titel »Vom Bauernsohn zum Botschafter« seine Erinnerungen veröffentlicht. Der Autor wurde 1937 in Langenau im tschechischen Kreis Kadan geboren. Sein Großvater war Bauer, sein Vater sollte den Hof übernehmen, kam aber aus dem faschistischen Krieg nicht zurück. Der Sohn wurde im Sommer 1946 nach Sachsen-Anhalt umgesiedelt. Danach folgte eine DDR-typische Entwicklung: Oberschule, Abitur, Studium an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam-Babelsberg, Arbeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten seit Dezember 1959.

1961 wurde Wetzl zur Pekinger Botschaft delegiert, zwei Jahre später an die DDR-Handelsvertretung in Kopenhagen. Dort musste er seinen Dienst ohne Diplomatenstatus absolvieren. Mit Rücksicht auf Bonn und die NATO konnte sich das Land viele Jahre nicht zur Anerkennung der DDR durchringen. Wetzl oblag es, wichtige Kreise des Landes für die Normalisierung der Beziehungen zur DDR zu gewinnen. »Offiziell gab es die DDR und ihre Vertretung nicht, aber in der Praxis konnten wir ungestört politisch arbeiten und waren als DDR-Vertretung respektiert«, schreibt Wetzl.

Als typisches Beispiel für sein insgesamt gutes Verhältnis zu dänischen Persönlichkeiten führt Wetzl eine Bemerkung von Egon Weidekamp an, dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister von Kopenhagen. Der erklärte ihm 1972 bei der Verabschiedung: »Wetzl, du bist zwar ein richtiger Kommunist, aber ich kann dich gut leiden, unsere Gespräche waren immer interessant und konstruktiv. «

Nach fünfzehnjähriger Tätigkeit in der Abteilung Internationale Verbindungen im ZK der SED konnte Wetzl als Botschafter der DDR in Schweden (1988 bis 1990) auf reiche Erfahrungen zurückgreifen, bis er am 3.Oktober 1990 das Land verlassen musste. Seine autobiographische Skizze schildert einen wichtigen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte.