Afrika / Mosambik


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Flugzeugabsturz in den Lebombo-Bergen"

Neue Erkenntnisse zum Tod des mosambikischen Präsidenten Samora Machel im Oktober 1986

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 27.10.2008

Eine gut ausgebaute Straße windet sich auf lang gestreckte Bergrücken, die vom Monsun des nahen Indischen Ozeans reichlich Feuchtigkeit erhalten. Die Gegend um den kleinen Ort Mbuzini im Dreiländereck zwischen Südafrika, Mosambik und Swasiland gehörte früher zum Bantustan KaNgwane, vom Apartheid-Regime den in Südafrika lebenden Swasis als »Heimatland« zugewiesen. Auf dem flachen Gebirgskamm verläuft die Grenze Südafrikas zu Mosambik, dahinter fällt das Land zur dicht bewaldeten Küstenebene ab. Der Indische Ozean und Maputo, Mosambiks Hauptstadt, sind nur 70 Kilometer entfernt.

Inmitten der idyllischen Landschaft unterhalb des Lebombo-Kammes, ereignete sich in der Nacht des 19. Oktober 1986 ein rätselhafter Flugzeugabsturz. Die mosambikische Präsidentenmaschine, eine TU-134 mit sowjetischer Besatzung, kehrte mit Präsident Samora Machel und seiner Delegation aus dem sambischen Lusaka zurück. Sie befand sich im Anflug auf Maputo, änderte jedoch plötzlich den Kurs und zerschellte auf südafrikanischer Seite an einem Hang. 25 Menschen starben, unter ihnen Machel, neun Insassen überlebten den Absturz.

Die Absturzstelle ist bereits von weitem sichtbar: eine Narbe am grünen Berghang. Ein Denkmal erinnert an das Ereignis vor 22 Jahren. Wie der Bug eines Schiffes schieben sich zwei Betonwälle in den Hang, dahinter eine Plattform mit zwei Dutzend eiserner Masten. Der Flaggenwald ohne Flaggen erinnert an die Opfer des Absturzes. Einbezogen in das Denkmal sind Trümmer der zerschellten TU-134. Etwas abseits finden sich die Namen der Opfer auf zwei einfachen Stelen aus Ziegelsteinen.

Am Denkmal begegnen wir einer Gruppe von Besuchern aus Middelburg, immerhin 400 Kilometer entfernt. Einer von ihnen, Lehrer von Beruf, erklärt uns, Samora Machel sei eine Legende des antikolonialen Befreiungskampfes, der auch für die Überwindung der Apartheid in Südafrika große Bedeutung hatte.

Tatsächlich ist Machel als ein herausragender Führer des Befreiungskampfes in Afrikas Annalen eingegangen. Noch wenige Wochen vor seinem Tode hatte er mit seiner Ausstrahlungskraft auf der Gipfelkonferenz der Nichtpaktgebundenen im simbabwischen Harare beeindruckt.

Eine offizielle südafrikanische Untersuchungskommission gab damals einen Pilotenfehler als Ursache für den Absturz an. Sowjetische Experten vermuteten dagegen eine Fehlleitung der Maschine durch ein manipuliertes Funkfeuer. Als eine Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) nach dem Ende des Apartheidregimes dessen Verbrechen untersuchte, gab es Hinweise, die diese Vermutung bekräftigten. Die TRC selbst kam 1998 noch nicht zu endgültigen Schlussfolgerungen, bezweifelte aber die Version der offiziellen Untersuchungskommission von 1986, verwies auf Ungereimtheiten und auf Hinweise für geheimdienstliche und militärische Operationen Südafrikas.

1986 befanden sich die Beziehungen zwischen Südafrika und Mosambik auf einem Tiefpunkt. Ein Nichtangriffspakt von 1984 war gescheitert, Südafrika hatte seine militärischen Aktivitäten gegen Mosambik verstärkt. Als Wochen vor dem Absturz mehrere Südafrikaner bei einer Minenexplosion an der Grenze zu Mosambik getötet wurden, drohte Südafrikas Verteidigungsminister Magnus Malan dem mosambikischen Präsidenten ganz offen. Erst viel später wurde bekannt, dass es südafrikanische Geheimdienstoperationen auf dem Tower des Flughafens in Maputo wie auch auf dem Flughafen Matsaba in Swasiland gab. Und in der Nacht jenes Sonntags im Oktober 1986 hatte es eine Konzentration südafrikanischer Truppen im Gebiet Komatipoort – Mbuzini gegeben.

Bezeichnend war das Verhalten der Südafrikaner nach dem Absturz. Die Behörden in Maputo, die eine umfangreiche Suchaktion eingeleitet und auch die Südafrikaner kontaktiert hatten, wurden erst nach neun Stunden über den Absturz informiert. Einer der Überlebenden, der nach Hilfe gesucht hatte, stieß bei seiner Rückkehr an den Unglücksort bereits auf südafrikanische Sicherheitsoffiziere. Freiwillige Helfer wurden aus der Umgebung des Flugzeugwracks vertrieben, während Sicherheitsleute nach Dokumenten suchten. Überlebende erinnern sich zudem an Militärzelte in der Nähe.

Seit 1986 galt im südlichen Afrika als sicher, dass der Absturz in den Lebombo-Bergen kein Unglücksfall war. Immer wieder wurden neue Ermittlungen gefordert und auch angekündigt, doch sie zogen sich hin. Als 1999 das Denkmal errichtet wurde, versprach Südafrikas Präsident Nelson Mandela eine ernsthafte Untersuchung. Sein Nachfolger Thabo Mbeki bekräftigte 2006, der Absturz müsse aufgeklärt werden. Sicherheitsminister Charles Nqakula sprach von neuem Beweismaterial.

Nunmehr strahlte das südafrikanische Fernsehen die Dokumentation »Tod eines Präsidenten« aus – mit neuen Augenzeugenberichten. Hans Louw, ehemals Agent des Civil Cooperation Bureau, einer Killerorganisation der Apartheidzeit, der wegen anderer Verbrechen zu 28 Jahren Haft verurteilt worden war und kürzlich nach 11 Jahren freikam, gestand seine Beteiligung am Anschlag auf Machel. Anfang Oktober 1986 seien er und andere Agenten in entsprechende Pläne eingeweiht worden. Er bestätigte den Einsatz eines manipulierten Funkfeuers zur Fehlleitung der Maschine. Er selbst war Mitglied eines von zwei Trupps, die mit schultergestützten Flugabwehrraketen bereit standen, die Maschine abzuschießen, falls die Funkfeuervariante nicht funktionierte. Louw zeigte dem Fernsehteam seinen Einsatzort in den Lebombo-Bergen. Danach gehörte er zu den Sicherheitskräften, die sich nach dem Absturz vergewisserten, dass Machel tot war, und die Dokumente sicherstellten. Ein anderer Agent bestätigte, die Männer an ihre Einsatzorte transportiert zu haben. Louw erklärte seine Aussage so: Er wolle sein Gewissen erleichtern, um in Frieden als »Mann mit Ehre« sterben zu können.