Südafrika / Geschichte der DDR-Außenpolitik


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Südafrika in der Afrikapolitik der DDR"

Vortrag auf dem 12. Potsdamer Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg  und des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin zur Außen- und Deutschlandpolitik am 11.11.2008 in Potsdam

In meinen Ausführungen zu Südafrika in der Afrikapolitik der DDR will ich kurz auf diese Afrikapolitik eingehen,, die Rolle Südafrikas dort einordnen und am Beispiel der Haltung zu Südafrika typische Aspekte dieser Politik herausarbeiten, aber auch deren Entwicklung und Veränderungen bis hin zu neuen konzeptionellen Vorstellungen in den letzten Jahren der DDR behandeln.

Die DDR mit ihrem gesellschaftlichen Umbruch nach 1945 konnte und wollte nicht an deutsche Traditionen wirtschaftlicher Beziehungen zu Afrika aus der Vorkriegszeit anknüpfen. Sie entwickelte erst Anfang der 1960er Jahre mit der zunehmenden Anzahl unabhängiger afrikanischer Staaten eine eigenständige Afrikapolitik, die vor allem politisch-ideologisch determiniert war. Solidarität mit der "Nationalen Befreiungsbewegung" als eine der “revolutionären Hauptströmungen” in den internationalen Beziehungen und als "natürlicher Verbündeter" der sozialistischen Staaten wurde als Beitrag zum weltweiten Kampf gegen Kolonialismus und Rassismus und für sozialen Fortschritt verstanden. Diese „antiimperialistische Solidarität“ war in der DDR Verfassungsgrundsatz und wurde auf Traditionen der Arbeiterbewegung zurückgeführt. Sie wurde zum Markenzeichen der DDR-Afrikapolitik. Die Unterstützung des nationalen Befreiungskampfes war in starkem Maße durch den Kalten Krieg beeinflusst und traf sich besonders in Afrika mit dem Streben der DDR nach diplomatischer Anerkennung, die lange durch die Hallstein-Doktrin der Bundesrepublik verhindert wurde. Die politischen Veränderungen durch die Dekolonisierung Afrikas schienen hier beste Ansatzpunkte für die Durchbrechung der diplomatischen Blockade zu bieten. Afrika wurde so auch zum Austragungsort deutscher Systemkonkurrenz und ein wichtiges Feld der Auseinandersetzungen um die Hallstein-Doktrin.

Im Mittelpunkt der aktiven Afrikapolitik der DDR, deren Beginn man an einem SED-Politbürobeschluss im Januar 1960 festmachen kann, standen zunächst die neu entstandenen Nationalstaaten im subsaharischen Afrika wie beispielsweise Ghana und Guinea mit ihren charismatischen Führern Kwame Nkrumah und Sekou Touré. Die Afrikapolitik fokussierte damals auf Länder mit einer „nichtkapitalistischen oder sozialistischen Entwicklung“ sowie auf solche, die für den Durchbruch der diplomatischen Blockade wichtig waren. Nach der weltweiten diplomatischen Anerkennung 1972/73 stellte sich für die DDR-Außenpolitik die künftige Bedeutung Afrikas neu. Die Afrikapolitik erhielt stärker ein eigenständiges Profil, originär afrikapolitische Motive wie Entwicklungspolitik bzw. Solidarität gewannen an Raum, aber sie sie blieb in den 1970er Jahren weiterhin von der Konfrontation der Blöcke geprägt. Die deutschlandpolitische Determinierung der 1960er Jahre wurde abgelöst durch die globale Dimension des Ost-West-Konflikts.

Nach dem Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreiches 1974/75 und mit der sozialistischen Orientierung von Staaten wie Angola und Moçambique, auch Äthiopien, sowie mit dem Aufschwung des Befreiungskampfes im südlichen Afrika schien in der Region eine Veränderung des Kräfteverhältnisses möglich. Es gab die Vorstellung, dem Westen hier eine strategische Niederlage zufügen zu können. Afrika erhielt eine neue Dimension in der Außenpolitik der DDR. Man sprach vom atemberaubenden Tempo der “revolutionären Entwicklung“ und glaubte, der Sozialismus habe auf einem vierten Kontinent Fuß gefasst. Gleichzeitig wurde in Afrika aber auch eine westliche Gegenoffensive zur Rückgewinnung verlorener Positionen und zum Erhalt Südafrikas als Bastion des Imperialismus gesehen. Die DDR-Afrikapolitik machte ihre Schwerpunkte an diesen Konfliktgebieten fest, dazu gehörten die Befreiungsbewegungen im Süden Afrikas. Auch wirtschaftliche Interessen in Afrika gewannen sukzessive an Bedeutung. Illusionen über das Wirtschaftspotential einiger Schwerpunktländer in Afrika zerschlugen sich jedoch bald.

Der Handlungsspielraum der DDR-Afrikapolitik, zunächst durch die internationale Isolierung eingeschränkt, wurde aber auch bestimmt durch Bündnisinteressen, hier insbesondere die der Führungsmacht Sowjetunion. Allerdings wurde dieser Handlungsspielraum durch das eigene afrikapolitische Engagement erweitert, mit dem sich die DDR der UdSSR als Juniorpartner empfahl (wichtig blieb dabei immer die absolute Loyalität im Konflikt Moskaus mit Peking). Die Afrikapolitik genoss lange eine prioritäre Behandlung durch die DDR-Führung, das ermöglichte schnelle Entscheidungen in Krisensituationen u. a. zur wirksamen Unterstützung der Befreiungsbewegungen. Beziehungen zu den Befreiungsbewegungen des südlichen Afrika waren seit den 1970er Jahren in der DDR Chefsache und erfuhren dadurch auch eine deutliche protokollarische Aufwertung. Die Afrikapolitik der DDR fand ihren Höhepunkt 1979 mit zwei Afrika-Reisen Erich Honeckers, bei denen er im südlichen Afrika auch demonstrativ mit den Präsidenten der Befreiungsbewegungen SWAPO, ZAPU und ANC zusammen traf. Anfang der 1980er Jahre veränderte sich die Interessenlage der DDR in Afrika. Ernüchterung über politische und wirtschaftpolitische Illusionen, aber auch eigene innenpolitische Entwicklungen und ökonomische Zwänge sowie eine veränderte internationale Großwetterlage in Europa drängten Afrika an den Rand des außenpolitischen Interesses und ordneten die Afrikapolitik anderen Schwerpunkten unter. Dennoch blieb Afrika und hier vor allem der Süden Afrikas ein wichtiges außenpolitisches Thema.

Südafrika selbst hatte in der DDR schon lange, sogar schon vor der Formulierung einer Afrikapolitik, besondere Aufmerksamkeit gefunden. Das Land mit seiner für afrikanische Verhältnisse fortgeschrittenen sozio-ökonomischen Entwicklung schien langfristig günstige Voraussetzungen für gesellschaftliche Veränderungen zu bieten. Wichtig schienen die soziale Differenzierung mit einem Industrieproletariat, politische Organisationen wie die SACP als älteste kommunistische Partei und der ANC als älteste Befreiungsbewegung Afrikas sowie eine tradierte Gewerkschaftsbewegung. Andererseits hatte sich das Regime in Pretoria nicht ohne Erfolg dem Westen als Bollwerk gegen den Einfluss des Kommunismus in Afrika angeboten. Auch deshalb entwickelten sich Beziehungen der DDR zur südafrikanischen Befreiungsbewegung vergleichsweise früh. Die Interessenlagen des ANC, der in den 1960er Jahren ums Überleben kämpfte, und der DDR, die um den Nachweis ihrer Legitimität und die Überwindung der internationalen Blockade rang, förderten die auf politischen und ideologischen Prinzipien basierende Zusammenarbeit.

Eine wesentliche Rolle für die Entwicklung dieser Beziehungen spielten die Verbindungen zwischen SACP und SED. Kontakte zwischen deutschen und südafrikanischen Kommunisten aus der Zeit der Kommunistischen Internationale wurden nach dem zweiten Weltkrieg mit Hilfe der britischen Kommunistischen Partei neu geknüpft. Die ANC-nahe Gewerkschaft SACTU stand seit den 1950er Jahren in Verbindung mit dem FDGB der DDR. Partner für den ANC war zunächst vor allem das DDR-Solidaritätskomitee. Damals sah die DDR in den Beziehungen zu ANC und SACP zwei Hauptrichtungen:

-         Hilfe im Kampf gegen das Apartheid-Regime und

-         die Entlarvung der Bundesrepublik als Verbündeter des Apartheid-Regimes.

Die Verbindung beider Ziele war bedeutungsvoll bis zur internationalen diplomatischen Anerkennung der DDR Anfang der 1970er Jahre. Die DDR nutzte die Haltung der Bundesrepublik zum Regime in Südafrika aus, um „gemeinsame Interessen“ mit der Befreiungsbewegung Südafrikas gegenüber einem „gemeinsamen Feind“ zu betonen und „gegenseitige Solidarität“ anzumahnen.

ANC und SACP fanden in der DDR Partner, die aktiv am Widerstand gegen Faschismus und Rassenverfolgung während der NS-Diktatur teilgenommen hatten, die Illegalität und Emigration aus eigener Erfahrung kannten. Antifaschistischer Widerstand und Kampf gegen die Apartheid hatten in ihren Augen viel Vergleichbares, die Zustände in Südafrika wurden häufig mit denen in der Zeit des Faschismus in Deutschland verglichen, zumal Protagonisten der Apartheid Anleihen bei der NS-Rassenideologie aufgenommen, enge persönliche Verbindungen zu Nazi-Größen unterhalten und sich während des zweiten Weltkrieges auf die Seite Nazi-Deutschlands geschlagen hatten. Diese Konstellation führte zu einem auch emotional und persönlich engen Verhältnis zwischen deutschen Antifaschisten in der älteren Generation der Funktionselite der DDR und ihren südafrikanischen Partnern. Die historische Erfahrung der DDR mit der Überwindung des Faschismus und dem Aufbau einer neuen Gesellschaft war für den ANC ein weiterer wichtiger Anknüpfungspunkt. Später haben Aspekte der innerstaatlichen Entwicklung wie das Mehrparteiensystem oder die Sozialpolitik das Interesse des ANC an der DDR verstärkt. Insbesondere angesichts des Scheiterns vielfältiger Versuche einer sozialistischen Orientierung oder Entwicklung in afrikanischen Ländern schien die DDR für manche Vertreter des ANC das Modell einer gesellschaftlichen Alternative zu der von Kolonialismus und Rassismus diskreditierten kapitalistischen Marktwirtschaft für ein künftiges freies Südafrika zu bieten. Dabei ist die DDR unzweifelhaft von manchem ihrer ANC-Partner unkritisch und idealisiert gesehen worden.

Zurück zur Haltung der DDR gegenüber Südafrika und zu den Beziehungen zum ANC. Diese Haltung war durchaus nicht frei von Interessenkonflikten. Die von der Bundesrepublik international auch wirtschaftlich isolierte DDR hatte gerade das Land am Kap als interessanten Handelspartner entdeckt, als Anfang der 1960er Jahre die Frage ökonomischer Sanktionen gegen Südafrika international thematisiert wurde. Es bedurfte einigen Drucks seitens ANC und SACP, bis nach inneren Auseinandersetzungen zwischen Wirtschaftsverantwortlichen und den für internationale Beziehungen zuständigen Bereichen eine Entscheidung über umfassende Sanktionen der DDR getroffen wurde, aber immerhin bereits 1963. Diese Entscheidung implizierte für die wirtschaftlich schwache und selbst von westlichen Embargomaßnahmen betroffene DDR nicht unerhebliche ökonomische Defizite.

Seit 1963 betrieb die DDR offiziell eine Boykottpolitik gegenüber Südafrika. Dennoch existierende Handelsbeziehungen über Drittstaaten waren, wie auch Beobachter im Westen konstatieren, eher geringfügig, sie blieben ökonomisch wie politisch irrelevant. Dennoch waren sie angesichts des proklamierten Anspruchs einer prinzipiellen Politik im Kampf gegen Rassismus und Apartheid moralisch nicht zu rechtfertigen. Die Diskussion um den Handelsboykott verdeutlichte, dass es durchaus Konfliktpotential in den Beziehungen der DDR zur südafrikanischen Befreiungsbewegung gab, auch wenn gemeinsame ideologische und politische Anschauungen und Ziele eine stabile Grundlage für diese Beziehungen darstellten. Die Fronten waren eindeutig – auf der einen Seite das Apartheidregime Südafrikas, unterstützt oder toleriert vom Westen, auf der anderen die Befreiungsbewegung mit antiwestlichen Position, ein Verbündeter für die sozialistischen Staaten.

Der Apartheidkonflikt in Südafrika war frühzeitig Ansatzpunkt für eine aktive Solidarität der DDR. Auch deshalb hat die DDR die Südafrika-Frage zu einem wichtigen Thema ihrer internationalen Aktivitäten gemacht, nicht erst seit ihrer UN-Mitgliedschaft 1973. Die Vereinten Nationen wurden für die ostdeutsche Außenpolitik ein wichtiger Schauplatz gerade auch afrikapolitischer Aktivitäten. Die DDR unterstützte alle wesentlichen Resolutionen zur Dekolonisierung, war in entsprechenden UN-Gremien und Kommissionen sehr aktiv und konnte sich hier profilieren, u.a. als aktives Mitglied des Anti-Apartheidausschusses der UNO. Mit der vorbehaltlosen Unterstützung des ANC und ihrem aktiven internationalen Engagement gegen Rassismus und Apartheid befand sich die DDR in der vordersten Front der Gegner des südafrikanischen Regimes.

Der ANC sah die politisch-diplomatische Unterstützung durch die DDR als ein wichtiges Stück Solidarität - Isolierung des Apartheidregimes und die eigene internationale Anerkennung und Unterstützung waren entscheidende Aufgaben der Befreiungsbewegung. Teil dieser politischen Unterstützung waren auch Konsultationen auf hoher Ebene zwischen der DDR und dem ANC, ebenso wie seit den 1970er Jahren direkte Parteibeziehungen SED-ANC und die Eröffnung einer ANC-Vertretung mit semi-diplomatischem Status in Berlin. Das sowie der protokollarische und persönliche Umgang mit Vertretern der Befreiungsbewegung, wo man (in der Regel) tatsächlich miteinander auf gleicher Augenhöhe sprach, haben sich beim ANC tief eingeprägt.

Die materielle Hilfe für die Befreiungsbewegung, die Solidarität mit ihren inhaftierten politischen Führern und die Unterstützung bei der Reorganisierung von ANC und SACP nach den schweren Rückschlägen Anfang der 1960er Jahre vertieften die Beziehungen. Es wurden Formen der materiellen Unterstützung gefunden, die den Bedürfnissen des ANC entsprachen, aber auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Grenzen der DDR berücksichtigten. Dabei standen Ausbildung, materielle und humanitäre Hilfe, Unterstützung bei der politischen und Propagandaarbeit im Vordergrund. Das schloss auch die Finanzierung der ANC-Vertretung, Tickets zu internationalen Konferenzen u.a. mehr ein.

Schnell und nachhaltig hat die DDR auf politischem und humanitärem Gebiet ihre Unterstützung für den südafrikanischen Befreiungskampf demonstriert. Die Solidarität mit Nelson Mandela und seinen Mitangeklagten im Rivonia-Prozess 1963/64, danach mit allen politischen Gefangenen in Südafrika, hat viele Menschen in der DDR mobilisiert. Hier wurde auch demonstriert, wie man unter konkreten DDR-Bedingungen höchst wirksam Solidarität organisieren und ausgestalten konnte. Ein spezifisches Merkmal dieser wie auch anderer ähnlicher Kampagnen in der DDR war ihre starke Prägung durch den Kalten Krieg, insbesondere durch die deutsch-deutsche Auseinandersetzung. Die Solidarität mit den politischen Gefangenen in Südafrika wurde außen- und deutschlandpolitisch auch mit der Zielstellung instrumentalisiert, dem ostdeutschen Staat nach außen und innen Anerkennung zu verschaffen und damit das eigene Legitimationsbedürfnis zu bedienen. Die DDR wollte sich gegenüber den Völkern der Dritten Welt und im Bewusstsein der eigenen Bürger als progressive deutsche Alternative profilieren. Die Unterstützung des demokratischen Selbstbestimmungsrechts der Völker kontrastierte dabei mit eigenen innergesellschaftlichen Verhältnissen insbesondere hinsichtlich individueller und politischer Rechte.

Im Kampf gegen die Hallstein-Doktrin setzte die DDR dem Hauptinstrument zur Durchsetzung dieser Doktrin - dem ökonomischen Druck der BRD auf Drittländer - mangels eigener entsprechender Möglichkeiten die Propagandawaffe entgegen. Das Apartheid-Regime in Südafrika und die Verbindungen zwischen Bonn und Pretoria boten dabei geeignete Ansatzpunkte. In der Argumentation entsprechender Kampagnen wurde der sozio-ökonomische Hintergrund des Konflikts zwischen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit und der herrschenden weißen Minderheit in Südafrika hervorgehoben und das ambivalente Abstimmungsverhalten des Westens in der UNO zu Südafrika kritisiert. Gezielt wurden Fakten über Wirtschaftsbeziehungen sowie die offizielle und halboffizielle Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Südafrika im kulturellen und politischen Bereich zusammengestellt und argumentiert, dass an der „westdeutschen neokolonialistischen Expansion nach Südafrika die wahren Ziele der westdeutschen Imperialisten in Afrika“ erkennbar seien. 1964 begann eine Kampagne zur Entlarvung der „Unterstützung Westdeutschlands für das Apartheidregime und die portugiesische Kolonialpolitik“, es folgten Denkschriften über die atomare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Südafrika 1964 und 1967. Das deutschlandpolitische Paradigma prägte die Afrikapolitik in den 1960er Jahren in ihrer Gesamtheit. Es war latent auch später vorhanden, verlor aber an Bedeutung.

In dieser propagandistischen Auseinandersetzung gab es ein enges Zusammenwirken mit der südafrikanischen Befreiungsbewegung. ANC und SACP betrachteten alles, was zur internationalen Isolierung des Apartheidregimes beitrug, als willkommene Unterstützung ihres Kampfes. Die Bundesrepublik rangierte wegen ihrer Zusammenarbeit mit Südafrika in der Kritik der südafrikanischen Befreiungsbewegung jedoch bis Mitte der 1960er Jahre hinter Großbritannien, Frankreich und den USA. Erst danach, nachdem das DDR-Solidaritätskomitee die Denkschrift „Das Bündnis Bonn - Pretoria“ veröffentlicht hatte, erreichte die Zusammenarbeit mit dem ANC bei der „Entlarvung“ der Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit Südafrika die von der DDR-Führung angestrebte Qualität.

Damit verbunden waren für die DDR auch innenpolitische Aspekte. Die Gegenüberstellung der Haltung beider deutschen Staaten zu Kolonialismus und Apartheid vermittelte einem Teil der ostdeutschen Bevölkerung das Gefühl, dass die DDR international für eine gerechte Sache einsteht und förderte so eine Identifikation mit diesem Staat. Für diejenigen, die sich des Widerspruchs zwischen internationalem Anspruch der DDR und innergesellschaftlicher Realität bewusst waren, besaß die offizielle Solidarität wenig Anziehungskraft. Auch heute noch wird über den Charakter der Solidarität in der DDR diskutiert.

In der praktischen Solidarität standen Ausbildung, materielle Hilfe für Flüchtlingslager und ANC- Ausbildungszentren in Afrika sowie die Unterstützung propagandistischer Aktivitäten im Vordergrund. Sechaba, die Zeitschrift des ANC (und auch The African Communist) wurden in der DDR gedruckt und von dort versandt, ebenso Bücher, Broschüren und andere Schriften, darunter auch Tarnschriften für die Untergrundarbeit. Als seit 1969 wiederholt an zentralen Plätzen südafrikanischer Großstädte Tausende Flugblätter und parallel dazu Lautsprecherdurchsagen vom Kampf des ANC kündigten, war die DDR nicht unbeteiligt. Solidarität war aber auch die Aufführung einer südafrikanischen Oper in der Berliner Staatsoper oder eines Schauspiels im Deutschen Theater. Es gab Kunstausstellungen, Poster und Kalender thematisierten den Kampf gegen die Apartheid – weit über die DDR hinaus. Die Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche wurde zu einem wichtigen Forum der Solidarität.

Neben umfangreichen Lieferungen von Hilfsgütern an die Flüchtlingszentren des ANC in Tansania waren dort Lehrer, Berater, Techniker und Jugendbrigadisten aus der DDR tätig. Schwerverwundete ANC-Mitglieder erhielten im Klinikum Berlin-Buch eine medizinische Behandlung, oft künstliche Gliedmaßen und eine anschließende Rehabilitation. Die Bereiche Bildung und Ausbildung spielten in der Solidarität eine wichtige Rolle. In den 1980er Jahren befanden sich ständig 150 bis 200 Südafrikaner zur fachlichen Ausbildung in der DDR. Das ging bis hin zu einem Sonderkurs für künftige Diplomaten des ANC.

Entsprechend marxistisch-leninistischen Auffassungen über militärische Gewalt und der daraus folgenden Unterscheidung von gerechten und ungerechten Kriegen betrachtete man in der DDR antikoloniale Kriege als legitime Form des Befreiungskampfes. Die Legitimität des bewaffneten Kampfes der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika zur Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker der Region wurde international zunehmend, in den 1970er Jahren dann auch von der Mehrheit der Mitgliedstaaten der UNO anerkannt. Trotzdem gab es in der DDR in realistischer Einschätzung des Kräfteverhältnisses in Südafrika Skepsis gegenüber einer Überbetonung der Bedeutung des bewaffneten Kampfes. In der DDR wurde deshalb mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, dass der ANC seine militärischen Aktionen der späten 1960er Jahre, die unter den gegebenen Umständen wenig Erfolg versprachen, aufgab und sich verstärkt der Wiederbelebung des Widerstandes in Südafrika selbst, nicht zuletzt mit den Mitteln der politischen Propaganda, zuwandte. Für die Befreiungsbewegung blieb der bewaffnete Kampf als „armed propaganda“ ein Schlüsselelement des politischen Kampfes.

In den 1970er Jahren wurde die Zusammenarbeit der DDR mit dem ANC auf militärischem und Sicherheitsgebiet intensiviert. Als nach dem Soweto-Aufstand 1976 Tausende südafrikanischer Jugendlicher ihr Land verließen und dem ANC und seiner Armee (MK) zuströmten, wurde ihre Unterbringung und Ausbildung zum Problem für die Befreiungsbewegung. Der ANC wandte sich in dieser Notsituation auch an die DDR um Hilfe und erhielt umgehend Unterstützung. Seit 1976/77 wurden jährlich zwei Gruppen von etwa 40 MK-Rekruten aus Lagern in Angola mit Sonderflugzeugen in die DDR geflogen. In einem Camp beim mecklenburgischen Teterow wurden in den nächsten 12 Jahren über 1.000 Mann ausgebildet. Hinzu kam die Vorbereitung einzelner Kämpfer und kleinerer Gruppen, unter ihnen durchaus prominente Namen im ANC, für den Einsatz im Untergrund in Südafrika. Im ANC wurde die hohe Effizienz dieser Ausbildung gewürdigt. In späteren Interviews mit ehemaligen hochrangigen Militärs des südafrikanischen Regimes spürte ich, welcher Mythos, aber auch welche Spekulationen dieses DDR-Engagement umgaben. Militärische und Sicherheitskooperation war ein wichtiger, jedoch nicht der umfangreichste Bereich der Zusammenarbeit mit dem ANC. Für seinen bewaffneten Kampf erhielt der ANC nicht von allen seinen Kooperationspartnern, beispielsweise eben nicht von den ansonsten in der humanitären Hilfe sehr aktiven nordischen Ländern, Unterstützung. Die gab es von den sozialistischen Staaten, insbesondere auch von der DDR.

Berücksichtigt werden musste allerdings auch die Einordnung der Unterstützung des Befreiungskampfes in Südafrika in die Außenpolitik der DDR insgesamt. Die Umsetzung von Solidarität in praktische Politik gestaltete sich angesichts prinzipieller Positionen des Antikolonialismus und Antirassismus, eigener Bündnisverpflichtungen, aber auch wegen der Kompliziertheit der Konflikte oft schwierig. Die auf Friedenssicherung, Entspannung und Abrüstung orientierte Dialogpolitik der DDR in den 1980er Jahren zeigte Auswirkungen auf die Afrikapolitik, u.a. mit dem Bedeutungs- und Substanzverlust dieser Politik, aber auch durch inhaltliche Veränderungen mit der Abkehr von der konfrontativen Systemauseinandersetzung. In diesem Kontext gewann die politische Regelung regionaler Konflikte in Afrika an Relevanz.

Prinzipiell wurde auf eine friedliche Entwicklung in der Region des südlichen Afrika gesetzt. Die dezidierte Friedenspolitik der DDR hinsichtlich der Konflikte im südlichen Afrika entsprach nicht nur den grundsätzlichen Positionen Ost-Berlins zur Entspannung und Friedenssicherung. Realistisch wurde eingeschätzt, dass fortgesetzte militärische Konflikte in der Region angesichts der Dominanz Südafrikas weder im Interesse der befreundeten Staaten Angola und Moçambique, noch im Sinne einer Lösung der Konflikte in Namibia und Südafrika selbst liegen konnten. Im Falle der Abkommen von Lusaka und Nkomati (1984) zwischen Südafrika und Angola bzw. Moçambique wurde einerseits die Notwendigkeit von Verhandlungen der beiden Verbündeten der DDR mit dem Regime in Pretoria gesehen, andererseits die Vertragstreue Südafrikas bezweifelt - wie sich herausstellte zu Recht.

Die neue Einordnung Afrikas in die Außenpolitik der DDR erleichterte Prozesse „neuen Denkens“, die sich in der DDR-Afrikapolitik bereits vor der gleichnamigen Politik Gorbatschows schrittweise entwickelten und durch diese beschleunigt wurden. Sie waren bestimmt durch den Abbau konfrontativer Denkschemata und vereinfachter sozioökonomischer Modellvorstellungen für Afrika, durch die Hervorhebung globaler Probleme, die weitgehend ideologiefreie Gewichtung von Schwerpunkten der bilateralen Beziehungen und die Unterstützung politischer Konfliktregelungen. „Neues Denken“ implizierte Realismus hinsichtlich der Situation und Entwicklungsmöglichkeiten in Afrika. Konkret zeigte sich das in der Haltung zu Konfliktregelungen. Die stark vom Kalten Krieg geprägten Regionalkonflikte in Afrika, die teilweise den Charakter von Stellvertreterkriegen angenommen hatten, wurden jetzt als Hindernis bei der Lösung der Entwicklungsprobleme für Afrika, noch stärker aber im Kontext der internationalen Friedenssicherung gesehen - nicht mehr primär als Schlachtfeld des internationalen Klassenkampfes. Ohne die aggressive Politik Südafrikas als Hauptursache der Konflikte im südlichen Afrika zu negieren, wurde selbst dort einer politischen Regelung mit Interessenkompromissen das Wort geredet.

Honecker befürwortete öffentlich die friedliche Regelung strittiger internationaler Fragen in Konfliktgebieten wie im Süden Afrikas, wo er Gefahren für den Weltfrieden sah. So unterstützte die DDR Verhandlungsergebnisse zu Namibia und Angola Ende 1988 als Voraussetzung zur Verwirklichung des UN-Unabhängigkeitsplans für Namibia. Ein Sprecher des MfAA, des DDR-Außenministeriums, bezeichnete die Vereinbarungen als wichtigen Schritt zur politischen Lösung des Konflikts im südlichen Afrika und als Beweis für die Möglichkeit der Lösung komplizierter Fragen bei Realismus und Respektierung der legitimen Interessen aller Beteiligten. Die bewusst implizierte Anerkennung legitimer Interessen auch Südafrikas zeigte, wie weit sich „neues Denken“ durchgesetzt hatte.

Das schloss auch Überlegungen hinsichtlich einer grundsätzlich veränderten Haltung zu Südafrika ein. Angesichts der Entwicklungen im südlichen Afrika wurde bereits Mitte der 1980er Jahre von den Afrikaexperten im Zentralkomitee der SED und im MfAA eingeschätzt, dass eine Konfliktregelung in der Region unter aktiver Beteiligung Südafrikas auch mit dem bisherigen bzw. einem nur geringfügig reformierten Regime möglich sei. Dementsprechend wurden interne Überlegungen angestellt, wie einer solchen Entwicklung Rechnung zu tragen ist, ohne die prinzipielle Position der Ablehnung der Apartheid aufzugeben. Bereits seit 1985 war der DDR-Botschafter in Simbabwe beauftragt, Kontakte zu südafrikanischen Kreisen über die bisherigen Partner aus dem Umfeld des ANC hinaus zu suchen und zu pflegen. Überlegungen schlossen auch die Bereitschaft und das Interesse zu ersten inoffiziellen Kontakten zu Vertretern des südafrikanischen Establishments ein.

Im Verlauf und Ergebnis der Verhandlungen zum Südwesten Afrikas wurde eingeschätzt, dass – angesichts einer relativ konstruktiven Rolle Südafrikas in diesem Prozess - der Regierung in Pretoria signalisiert werden sollte, dass bei einer Fortsetzung dieser Entwicklung die Aufnahme von Beziehungen nicht auszuschließen sei. Ausdrücklich wurde aber die Fortsetzung der Unterstützung für den ANC betont. Erste direkte Kontakte des Leiters der Diplomatischen Beobachtermission der DDR in Namibia mit dem südafrikanischen Außenministerium wurden im August 1989 hergestellt, sie wurden in den nächsten Monaten fortgesetzt und bis auf Staatssekretärsebene angehoben. Durch den schnellen Zusammenbruch der DDR hatte das jedoch keine Auswirkungen auf die Beziehungen mehr. Südafrika, das der DDR eine aktive und besonders aggressive Politik gegenüber Pretoria unterstellte, erwiderte diese Kontakte zunächst zurückhaltend, dann aber interessiert, offenkundig mit der Hoffnung verbunden, auf diesem Wege Einfluss auf eine moderatere Haltung des ANC zu nehmen.

1988/89 erarbeitete eine Arbeitsgruppe des Afrikabereichs des MfAA und des Instituts für Internationale Beziehungen Potsdam-Babelsberg eine langfristige Konzeption „Die Bedeutung Afrikas in den internationalen Beziehungen am Ende des 20. Jahrhunderts“, die als Zusammenfassung von Elementen „neuen Denkens“ faktisch den Versuch einer Reform der Afrikapolitik darstellte. Weitgehend ideologiefrei wurden eine eigenständige Rolle und Entwicklung der afrikanischen Staaten aus einer distanzierten Haltung zu Ost wie West heraus analysiert. Betont wurden globale Probleme wie Unterentwicklung, Hunger, Massenelend, Bevölkerungszuwachs, Verschuldung und Zerstörung natürlicher Ressourcen, die Dominanz kapitalistischer (marktwirtschaftlicher) Tendenzen in Afrika mit einem noch beträchtlichen Entwicklungspotential für den Kontinent und das Fehlen objektiver und subjektiver Voraussetzungen für sozialistische Entwicklungen. Schlussfolgernd wurde die Lösung der grundsätzlichen Entwicklungsprobleme - nicht mehr gesellschaftliche Veränderungen - in den Vordergrund gestellt. Sie sollte auch durch systemübergreifende Zusammenarbeit zwischen Ost und West angestrebt werden. Eine aktive Afrikapolitik der DDR sollte fortgesetzt und Beziehungen zu afrikanischen Staaten unabhängig von deren ideologischer Orientierung gestaltet werden. Die bisherigen Schwerpunktländer wurden durch andere Staaten, darunter auch Südafrika ergänzt. Unterstrichen wurde die Notwendigkeit eines realistischen Afrikabildes in den Medien der DDR. Die Bedeutung dieser Afrikakonzeption von 1989 liegt trotz aller Unzulänglichkeiten (Demokratisierungsprozesse in Afrika wurden z.B. nicht thematisiert) darin, dass ein erstes derartiges langfristiges Regionalkonzept mit strategischen Aussagen auf der Grundlage „neuen Denkens“ erstellt wurde. Die Konzeption wurde im MfAA bestätigt und bei der Außenpolitischen Kommission des SED-Politbüros eingereicht, ist aber dort offensichtlich nicht mehr behandelt worden.

Als in den späten 1980er Jahren "neues Denken" in der Afrikapolitik der DDR auf politische Konfliktregelungen im südlichen Afrika orientierte, führte das nicht zu Irritationen beim ANC, wie im Falle der Gorbatschowschen Politik. Das war auch deshalb so, weil es der DDR weitgehend gelungen war, ein enges Vertrauensverhältnis zum ANC herzustellen. Obwohl man in der DDR vom Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Befreiungsbewegungen ausging, konsequent vermied man z.B. jede Parteinahme bei inneren Auseinandersetzungen, war auch immer ein wichtiges Ziel, die Partner ideologisch zu beeinflussen und sie für die Auseinandersetzung mit dem Westen zu motivieren. Gleichwohl kann nicht von einer Einflussnahme nur in eine Richtung gesprochen werden. Meinungen, Analysen und Zielstellungen der Befreiungsbewegungen fanden Eingang in ostdeutsche Einschätzungen und die Formulierung der Politik der DDR. ANC-Vertreter haben mir in vielen Interviews mehrheitlich bestätigt, dass sie mit ihren DDR-Partnern in der Regel einen wirklichen Dialog geführt haben. Das war im Falle der Sowjetunion nicht immer so. Als die DDR ihre Afrikapolitik in den 1980er Jahren modifizierte, wurde darüber auch mit dem ANC gesprochen. Vor allem aber führte die relative Marginalisierung Afrikas weder zur Einschränkung der umfangreichen Hilfe für die Befreiungsbewegungen, noch belastete sie das Verhältnis zu diesen Organisationen.

Im südlichen Afrika, insbesondere bei den Befreiungsbewegungen, erzielte die Afrikapolitik der DDR eine relativ große Wirksamkeit. Diese Einflusstiefe findet ihre Ursachen u. a. in einer frühen und dann kontinuierlichen Unterstützung, ebenso durch schnelle und wirksame Hilfe in Krisensituationen. Das Dilemma ihrer begrenzten Mittel versuchte die DDR durch deren gezielten, konzentrierten und oft komplexen Einsatz besonders in kritischen Situationen zu kompensieren. Die Partner ahnten oft nicht, welche politischen und ökonomischen Kraftakte hinter dieser Hilfe standen, die sie als schnell, unbürokratisch und damit besonders effektiv empfanden. Vor allem in der frühen Phase der Afrikapolitik waren das oft Krisenentscheidungen. Beim ANC war das so, als dieser nach der Zerschlagung seiner Strukturen im Lande im Exil ums Überleben kämpfte, oder unmittelbar nach dem Soweto-Aufstand. Existentielle Hilfe in schwieriger Lage ist von den Partnern hoch geschätzt worden.

Aus der Perzeption der Befreiungsbewegungen hat bei ihnen ganz offensichtlich das persönliche Engagement ihrer ostdeutschen Partner mehrheitlich einen tiefen Eindruck hinterlassen und die Wirksamkeit der Unterstützung durch die DDR erhöht. Ich werde im südlichen Afrika immer wieder gezielt nach Personen, ehemaligen DDR-Partnern, gefragt, mit denen die Befreiungsbewegungen zusammen gearbeitet haben. Enge persönliche Beziehungen auf verschiedensten Ebenen haben in der Solidarität überall eine wesentliche Rolle gespielt. Neben einer internationalistischen Solidarhaltung, persönlichem Interesse und Engagement für Entwicklungsprozesse in Afrika war dabei ein kameradschaftliches und gleichberechtigtes Auftreten ganz wichtig. Vielen Ostdeutschen ist das – nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen in den schwierigen Zeiten internationaler Blockade – nicht schwer gefallen, aber es gab natürlich auch schwarze Schafe. Nicht zuletzt hat die DDR bei ihren Kontakten die Führer der Befreiungsbewegungen protokollarisch faktisch den Vertretern unabhängiger afrikanischer Staaten gleichgestellt. Und natürlich profitierte die DDR von der Konstellation im Ost-West-Konflikt. Als die Fahne des ANC bereits seit Jahren über einer offiziellen Vertretung im Ost-Berliner Diplomatenviertel in Wilhelmsruh wehte und Oliver Tambo in der DDR wie ein Staatsgast empfangen wurde, wurde der ANC in Washington offiziell immer noch als terroristische Vereinigung gelistet, und auch in Bonn blieb man lange bei einer Politik des „kritischen Dialogs“ mit dem Regime in Pretoria.

Vertreter der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika betrachten die Unterstützung sozialistischer Staaten für ihren Befreiungskampf, hier wird auch immer wieder besonders die DDR hervorgehoben, als existentiell für den letztendlichen Erfolg ihres Kampfes. Auch deshalb wurde der Kollaps der DDR 1989/90 von Vielen im ANC als tiefer Schock empfunden. Die Frage nach den Ursachen dafür hat sie noch lange beschäftigt und war für manchen Anlass zum kritischen Nachdenken über Entwicklungsprozesse innerhalb der eigenen Bewegung. Die Erinnerung an die DDR war nicht frei von Nostalgie und historischer Verklärung. Manche sahen die DDR als das best organisierte, das disziplinierteste aller sozialistischen Länder, scheinbar ein Erfolgsmodell. Da werden eine sozial gerechte, zudem scheinbar effiziente und erfolgreiche Gesellschaftsordnung, mit Vollbeschäftigung und Fürsorge für alle Menschen, mit beeindruckender Solidarität und Wärme genannt. Es gibt aber auch Vertreter des neuen Südafrika, die Defizite an Demokratie, Menschenrechten und kritischem Umgang in der DDR ansprechen. Solche Fragen spielten jedoch vor 1989 kaum eine Rolle. Umso wichtiger ist es mit unseren Freunden und Partnern in Südafrika gerade auch über die Probleme zu sprechen, an denen letztendlich die DDR gescheitert ist, aber auch über aktuelle Entwicklungen. Heute werden nämlich auch Fragen gestellt, wie es in jüngster Zeit zu ausgeprägten Erscheinungen von Ausländerfeindlichkeit gerade im Osten Deutschlands kommen konnte.

Zeitgleich zum Ende der DDR und zur Vereinigung Deutschlands begannen in Südafrika wichtige Entwicklungsprozesse, die letztendlich zur Überwindung der Apartheid führten. Als der ANC 1994 die politische Macht übernahm, gab es die DDR schon nicht mehr. Bereits damals, aber auch später ist die Solidarität, die der ANC durch die DDR erfahren hat, bei unterschiedlichsten Gelegenheiten nachdrücklich gewürdigt worden. In jüngster Zeit haben die südafrikanischen Botschaften in verschiedenen Ländern, darunter auch hier in Deutschland, Aktivisten des Anti-Apartheid-Kampfes zu Veranstaltungen eingeladen, mit denen der Kontakt zu den alten und neuen Freunden in Ost und West wieder hergestellt und die Zusammenarbeit fortgeführt werden soll. Auch in der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine Reihe von Publikationen zu dieser Frage. Dabei kommt einer sachlichen und kritischen, aber auch selbstkritischen Beschäftigung mit diesem Thema besondere Bedeutung zu.

Wenn heute über die vielfältigen historischen Beziehungen zwischen Deutschland und Südafrika gesprochen wird, so kommt dabei der DDR-Solidarität eine eigene Bedeutung zu. Afrikapolitische Überlegungen über die langfristige Einflusstiefe mit Wirkung auf die bilateralen Beziehungen zu einem Post-Apartheid-Südafrika waren 1990 für die DDR hinfällig geworden. Die in den Jahrzehnten zuvor geleistete Unterstützung für den Befreiungskampf Südafrikas gehört dennoch mit zu den positiven Wurzeln der deutsch-südafrikanischen Beziehungen.