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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Ein Morgen in Darfur - Daoud Hari klagt an"

Rezension zu: Daoud Hari: "Der Übersetzer. Leben und Sterben in Darfur", Karl Blessing Verlag, München 2008

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 27.12.2008

»Es war ein schöner Morgen am Ende der Regenzeit. Die Vögel sangen, und ich schloss daraus, dass wir noch für mindestens eine Stunde in Sicherheit waren. Dann aber hörte ich ein seltsames Geräusch ... ein dumpfes Rattern wie von einer großen Trommel, dann heftiges, sehr schnelles Schlagen dieser Trommel.« Es ist das Rattern von Hubschraubern, mit dem für Daoud Hari der Angriff sudanesischer Regierungstruppen auf sein Heimatdorf beginnt, das bald vom Rattern der Geschosse übertönt wird. Frauen und Kinder fliehen, treiben ihr Vieh vor sich her. Männer beziehen Verteidigungsstellungen, Hütten gehen in Flammen auf.

Daoud Hari berichtet vom grausamen Alltag im sudanesischen Darfur, wo eine Regierung Krieg gegen das eigene Volk führt. Hari ist in Darfur aufgewachsen und nach Aufenthalten in Libyen, Ägypten, Israel und Tschad zurückgekehrt. Als Übersetzer geht er vom Tschad aus mit Hilfsorganisationen und Journalisten in seine vom Krieg geplagte Heimat. Da ist die Realität eines Flüchtlingslagers - »eine weitläufige Siedlung der Verzweiflung ..., als hätte sich sämtliches in der Welt angestautes Elend, sämtliche Armut hier zusammengefunden ... Notdürftig flatterten überall Dächer im Wind ... Zeltbahnen aus Ruanda und Sierra Leone und anderen vorausgegangenen Tragödien, die nun mit Zweigen und Lumpen zu einem neuen armseligen Nestchen für dreißigtausend Zugvögel zusammengewoben wurden.«

Als Übersetzer steht Hari als Mittler zwischen unterschiedlichen Welten - der traditionellen seiner ethnischen Gruppe der Zaghawa, die in den Flüchtlingslagern zur Welt der Heimatlosen, Entwurzelten wird. Ähnlich sind die Strukturen jener ethnisch verwandten, aber doch fremden Welt im Tschad, die man nutzen kann und vor denen man sich hüten muss. Schließlich ist da die feindliche Welt sudanesischer Regierungstruppen und ihrer Reitermilizen, der Dschandschawid. Und dann gibt es noch die Welt der internationalen Helfer und Journalisten.

Daoud Hari stellt geografische, historische und soziale Zusammenhänge vor. Differenziert zeichnet er das Bild der von ethnischen Konflikten, Krieg, Hass und Misstrauen geprägten Atmosphäre in Darfur. Das gilt für die verschiedenen Rebellengruppen, aber auch für die Beziehungen zwischen Tschad und Sudan - der tschadische Präsident Idriss Deby etwa ist ein Zaghawa, ein Angehöriger von Haris ethnischer Gruppe. Daoud Hari selbst tarnt sich als Bewohner des Tschad. Sodann wird hier auch der internationale Kontext sichtbar: die Bedeutung sudanesischen Öls für China ebenso wie die »Interessen bestimmter westlicher und anderer Nachbarstaaten bei der Ausrüstung der Rebellen«.

Hier spricht ein Augenzeuge und Opfer der schrecklichen Ereignisse in Darfur. Mehrfach hat er dem Tod ins Auge gesehen. Er lebt jetzt im Exil und wirbt um die Heimkehr seines Volkes.

Daoud Hari: Der Übersetzer. Leben und Sterben in Darfur. Karl Blessing Verlag, München 2008. 255 S., geb. 19,95 €.