Lateinamerika / Chile


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Möbus, Karlheinz:

"Der Putsch, an den keiner hatte so recht glauben wollen - Erinnerungen zum 30. Jahrestag des Militärputsches in Chile"

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Disput", Heft 8/2003

Zur Zeit des Militärputsches gegen die Regierung von Salvador Allende befand ich mich als Mitarbeiter der Botschaft der DDR in Santiago de Chile. Die Wochen vor diesem 11. September 1973 waren für unsere Botschaft von viel Arbeit geprägt gewesen. Es war die Zeit der Vorbereitung der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin, wo die Solidarität mit Chile eine große Rolle spielen sollte und demgemäß bereits in Chile selbst große Aktivitäten entwickelt wurden, bei denen die Botschaft natürlich präsent zu sein hatte. Bei einer der vielen Veranstaltungen aus diesem Anlass lernte ich auch den bekannten Sänger und Liedermacher Victor Jara persönlich kennen. Niemand ahnte damals, dass er wenige Wochen später von Pinochets Henkern auf bestialische Weise umgebracht würde.

Große Aktivitäten für unsere Botschaft löste die Ankunft von drei DDR-Schiffen im Juni und Juli 1973 aus, die Solidaritätsgüter aus der Heimat brachten. Diese Güter waren von den Geldspenden der Bevölkerung gekauft worden. Höhepunkt dieser Aktion war der Besuch von Präsident Allende auf einem dieser Schiffe, dem sich eine Großveranstaltung im Hafen von Valparaiso mit kurzen Ansprachen Allendes und des DDR-Botschafters anschloss. Bei einem Mittagessen, das Salvador Allende in seiner Residenz in Vina del Mar gab, war der soeben ernannte Verteidigungsminister Carlos Prats mein Tischnachbar. Auch Carlos Prats gehörte später zu den Mordopfern Pinochets, als im argentinischen Exil ein Attentat auf ihn und seine Frau verübt wurde.

Zu all diesen besonderen Aktivitäten kam für uns in der Botschaft die tägliche Routinearbeit, deren Umfang in den mehr als zwei Jahren des Bestehens der Botschaft beträchtlich angewachsen war. Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern hatten sich langsam aber kontinuierlich entwickelt, nachdem die Allende-Regierung im März 1971 - ein halbes Jahr nach ihrem Amtsantritt - beschlossen hatte, dem westdeutschen Alleinvertretungsanspruch zu trotzen und als zweites Land Lateinamerikas nach Kuba diplomatische Beziehungen zur DDR aufzunehmen. Damals war es zunächst darum gegangen, die Gebiete herauszufinden, auf denen eine Zusammenarbeit möglich und sinnvoll ist. Im Ergebnis entsprechender Sondierungen kristallisierten sich dann einige Gebiete heraus, auf denen die DDR für Chile nützlich sein konnte: Leitung und Lenkung von Industriebetrieben, die entsprechend dem Regierungsprogramm der Unidad Popular verstaatlicht worden waren, Weiterentwicklung der Kupferindustrie durch Auffinden neuer Lagerstätten, Entwicklung der Landwirtschaft nach Durchführung der Bodenreform, Vorbereitung eines einheitlichen Systems der Bildung und Erziehung und andere. Chile seinerseits, als zweitgrößter Kupferproduzent der Welt, bot natürlich in erster Linie dieses Produkt an.

Die Verwirklichung dieser Hauptlinien der Beziehungen erforderte für die DDR vor allem die Entsendung von Technikern, Spezialisten und Beratern, deren Auswahl und - vor allem auch fremdsprachliche - Vorbereitung Zeit brauchte. Auf diese Weise war die Zahl von DDR-Bürgern, die zu mehrjährigen Einsätzen nach Chile gekommen waren, allmählich angewachsen, so dass wir auch eine eigene vierklassige Schule und einen Kindergarten einrichten durften.

Dabei hatten wir unsere Arbeit in Chile immer in einer guten politischen Atmosphäre verrichten können. Die Sympathie breiter chilenischer Volksschichten für die Regierung Allende schien sich teilweise auch auf die DDR zu übertragen, und überall begegnete man uns auf freundschaftliche Art.

Erst mit Beginn des Jahres 1973 waren zunehmende Aktionen feststellbar, die gegen die Volksregierung gerichtet waren. Salvador Allende hatte in seiner Amtszeit keine Institution, keine Zeitung, keine Rundfunkstation und keinen Fernsehsender angerührt, die ihm kritisch oder gar feindlich gegenüberstanden. Er war der festen Überzeugung, dass - so wie er - sich alle an die demokratischen Spielregeln halten würden und die Machtverhältnisse nur durch freie Wahlen bestimmt oder verändert werden dürften. Sowohl im Parlament als auch in den Medien wurden jedoch die Anfeindungen zu jener Zeit immer lauter und verleumderischer. Es war, als hätte jemand zum großen Angriff gegen die Regierung Allende geblasen. Plötzlich kam es massiv zu Versorgungslücken bei wichtigen Nahrungsmitteln wie Brot, Fleisch und Butter. Razzien der Polizei ergaben, dass Händler diese Waren in Kellern versteckten, um sie der Versorgung zu entziehen. »Hungerdemonstrationen« gab es jedoch nicht in den Arbeitervierteln, sondern in den Wohngegenden der Wohlhabenden und Reichen, wo sich die Frauen nach Einbruch der Dunkelheit auf ihre Balkons stellten und stundenlang auf ihre »leeren Töpfe« einschlugen.

Insgesamt breitete sich eine Atmosphäre der Feindseligkeit aus. Bei einem Besuch im Stadtzentrum machte ich das erste Mal in meinem Leben Bekanntschaft mit Tränengas, und ein fein gekleideter Herr meinte beim Blick auf das Schild an unserem Botschaftsgebäude »die Ratten!«. Immer öfter fiel bei Unterhaltungen das Wort »Militärputsch«, vor allem bei den ausländischen Diplomaten.

Die Chilenen hingegen waren mehrheitlich davon überzeugt, dass es keinen Militärputsch geben werde. »In Chile ist das anders«, war ihr Argument, und sie erläuterten, dass Chile die große Ausnahme Lateinamerikas sei, weil es hier noch niemals einen Militärputsch gegeben habe, was wiederum auf die demokratischen Traditionen des Landes und die ungebrochene Verfassungstreue des Militärs zurückzuführen sei. Nur die Kommunistische Partei schien sich in dieser Frage nicht auf diese Verfassungstreue des Militärs zu verlassen und hatte offenbar ihre Mitglieder auf die Möglichkeit militärischer Aktionen vorbereitet - zumindest psychologisch. Noch am Vorabend des Putsches, auf dem Empfang zum bulgarischen Nationalfeiertag, sagte mir der für Sicherheitsfragen zuständige Funktionär der Partei, dass man »alles unter Kontrolle« habe und dem Versuch eines Putsches maximaler Widerstand entgegenschlagen werde. Letzteres stellte sich jedoch später als Irrtum heraus.

Auf dem Empfang traf ich übrigens den ehemaligen Generalsekretär der Sozialistischen Partei, Aniceto Rodríguez, wieder, den ich früher einmal bei einem DDR-Besuch betreut hatte. Gemeinsam verließen wir spät in der Nacht die Festivität und liefen ein Stück des Weges nach Hause. Es war für mehr als zwanzig Jahre das letzte Mal, dass ich ihn sah: Aniceto Rodríguez gehörte zu den Spitzenfunktionären, die nach ihrer Gefangennahme auf die unwirtliche Insel Dawson gebracht wurden und in dem dortigen Konzentrationslager mehrere Monate zubringen mussten. Er wurde später des Landes verwiesen und ging ins Exil nach Venezuela.

Der 11. September begann für mich damit, dass früh am Morgen der Verwaltungsleiter der Botschaft in meiner Wohnung anrief mit der dringenden Empfehlung, das Radio einzuschalten, denn »etwas« sei im Gange. Ich war jedoch in Eile, da ich pünktlich zur Arbeit erscheinen wollte, vorher aber noch meine beiden Kinder in Schule und Kindergarten abgeben musste. Außerdem hatte ich Zweifel an den Spanisch-Kenntnissen des Kollegen und war ziemlich sicher, dass er etwas falsch verstanden haben müsste, denn noch stand ich unter dem Eindruck der Gespräche vom Vorabend auf dem bulgarischen Empfang. In meinem Dienstzimmer angekommen, versuchte ich, aus den vielen Sendern - die einen regierungsfreundlich, die anderen schon strotzend vor Hass gegen Allende - etwas herauszuhören, was uns konkrete Informationen vermittelte. Schließlich hörte ich zum ersten Mal das Wort von einer »Junta«, die angeblich die Macht im Lande übernommen habe. Ich ging zum Botschafter, um ihn von der Sachlage zu informieren. Es wurde immer klarer, dass sich eine gefährliche Situation herauszubilden begann und als Wichtigstes alle DDR-Bürger - soweit erreichbar - in Sicherheit gebracht werden mussten.

Als erstes fuhr ich mit meinem Fiat in das Gebäude, wo Schule und Kindergarten untergebracht waren, nahm alle anwesenden neun Kinder in den Pkw und fuhr sie in die Botschaft. Der Botschafter ordnete die Bildung mehrerer Arbeitsgruppen an, die sowohl die ständige Information über die Lage im Lande zu sichern als auch die praktischen Maßnahmen zur längerfristigen Unterbringung aller DDR-Bürger im Botschaftsgebäude einzuleiten hatten. Nach und nach begann sich die Botschaft zu füllen, alle brachten die wichtigsten Utensilien persönlichen Bedarfs sowie Lebensmittel mit.

Gegen Mittag verdichteten sich die Informationen, wonach sich Präsident Salvador Allende im Regierungspalast »La Moneda« befinde, dort vom Militär aufgefordert worden sei, sich zu ergeben und den Palast zu verlassen. Allende weigere sich jedoch, das ihm in freien und demokratischen Wahlen übertragene Mandat aufzugeben. Daraufhin sei es zu Schießereien gekommen.

Als der seit jeher regierungsfeindliche Fernsehsender der Katholischen Universität am frühen Nachmittag seine Sendung aufnahm, wurde allmählich das ganze Ausmaß der militärischen Operationen sichtbar: Dies war der Militärputsch, an den keiner hatte so recht glauben wollen. Die Straßen füllten sich allmählich mit Militärs der verschiedenen Waffengattungen, vor unserer Botschaft wurden zwei Posten stationiert, Hubschrauber kreisten permanent über der Stadt, und schließlich wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, demzufolge sich niemand auf den Straßen aufhalten durfte. Es war uns gelungen, nahezu alle DDR-Bürger rechtzeitig in die Botschaft zu rufen.

Auch am nächsten Tag wurde der Ausnahmezustand aufrechterhalten, lediglich am frühen Nachmittag wurde er für drei oder vier Stunden aufgehoben. Wir nutzten die Zeit, um alle DDR-Bürger in ihre Wohnungen zu schicken, damit sie von dort die restlichen Lebensmittel und wichtige Gegenstände holen.

Inzwischen hatte es im Fernsehen einen Auftritt der selbsternannten Militärjunta mit den Oberbefehlshabern der drei Waffengattungen und der Polizei gegeben, wo unter anderem der Tod Allendes offiziell vermeldet wurde. Bei den Begründungen für den Putsch wurde besonders auch auf »ausländische Extremisten« verwiesen, die Allende angeblich ins Land geholt habe und die sich nach wie vor in Chile aufhielten. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, den Aufenthaltsort dieser Personen ausfindig zu machen und sie dem Militär zu melden.

Dieser Aufruf war offensichtlich der Hintergrund dafür, dass fünf Techniker vom Traktorenwerk Schönebeck, die in verschiedenen landwirtschaftlichen Zentren Chiles die Einführung und den technischen Service der gelieferten Traktoren zu sichern hatten, beim Militär angezeigt wurden, als sie in dem ihnen für Aufenthalte in der Hauptstadt zur Verfügung gestellten Haus ihre restlichen Sachen abholen wollten. Plötzlich hielt ein Militärbus, schwer bewaffnete Soldaten stürmten schießend das Haus, die DDR-Bürger wurden auf brutale Weise geknebelt und anschließend verhört. Um von ihnen Geständnisse über eine angebliche »extremistische Tätigkeit« zu erpressen, wurden sie einzeln in den Keller des Gebäudes geführt, in dem dann ein Schuss zu hören war. Später wurden sie gefesselt in die nahe gelegene Militärakademie gebracht, wo der Konsul der DDR-Botschaft sie nach langen Verhandlungen auslösen konnte. Dies war ein erster Vorgeschmack auf die Brutalität, mit der das chilenische Militär von Anfang an gegen die Bevölkerung vorging und deren ganzes Ausmaß erst langsam bekannt wurde; manchmal brauchte es Jahre, und in unzähligen Fällen sind Chilenen und Ausländer noch heute dabei, die Umstände des Todes ermordeter Angehöriger herauszufinden.

Unmittelbar nach Bekannt werden des Todes von Salvador Allende und der Machtübernahme durch das chilenische Militär brach die DDR, zusammen mit den anderen sozialistischen Ländern, als Zeichen des Protestes und der Nichtanerkennung dieses diktatorischen Regimes die diplomatischen Beziehungen zu Chile ab. Dies bedeutete die Schließung der Botschaft und die Heimreise zunächst aller diplomatischen Mitarbeiter und danach fast aller übrigen DDR-Bürger.

Auf der Fahrt zum Flugplatz Ende September kam unser Bus an der »Moneda« vorbei. Ich sah die Zerstörungen, hunderte von Einschüssen an den Mauern des Gebäudes und die verrußten Fenster, Folgen der Bombardierungen am 11. September und der Kämpfe um die Einnahme des Palastes, bei denen Salvador Allende sein Leben opferte. Dort war er gestorben. Und mit ihm die Hoffnungen eines Volkes auf ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Würde.