Peter Steglich: "Die DDR und Nordeuropa - Versuchte Erinnerung"


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ Telefon: +49(0)30 2786353 ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

zurück zur Startseite                                    zu weiteren Publikationen

Informationen zu weiteren Heften der "Blauen Reihe"


Heft 22 der "Blauen Reihe" (März 2009)
Schriften zur Internationalen Politik,
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin, 2008
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Heft 22 ist leider vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden


 

Peter Steglich

 

"Die DDR und Nordeuropa - Versuchte Erinnerung"

 

Inhalt

Statt eines Vorworts 

Nordeuropa aus Sicht der DDR 

DDR – Finnland.

Das Ringen um eine Botschaft   

Der Weg zu diplomatischen Beziehungen mit Schweden. Ein „interner Wettlauf“      

Der Anerkennung folgt die intensive Zusammenarbeit  

Biografische Angaben des Autors 

 

Statt eines Vorworts

Die Zeit als ein Maßstab des Seins hat dem Anfangsjahrzehnt dieses Jahrtausends auch die Endzahl 9 zugeordnet. Für die deutsche Geschichte, wie es scheint, eine Ziffer mit Ausrufezeichen. Interpreten von Vergangenheit und Gegenwart fühlen sich aufgerufen zum Streit über Recht und Unrecht, Demokratie und Diktatur, Freiheit und Unterdrückung. Im illustren Reigen mehr oder minder ernstzunehmender Erinnerungszeremonien im zusammengefügten Lande wird dabei dem nicht mehr existierenden deutschen Staat eine Aufmerksamkeit besonderen Ausmaßes zuteil. Die Öffentlichkeit ist Zeuge lebhafter Debatten über Charakter, Rolle und historischen Stellenwert eines Landes geworden, dass auch unter den Farben Schwarz, Rot, Gold, aber mit dem Zusatz eines Symbols der Arbeit, für sich in Anspruch genommen hat, die sozialistischen Ideen seiner gedanklichen Vorväter eine ebensolche Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Intensität dieses „geistigen Waffenganges“ ist beachtlich. Ihr Bogen spannt sich von ehrlicher und ernsthafter, weil begründeter, Kritik bis zu scheinheiliger Empörung, deren Ausmaße bis zu opportunistischer Anpassung reichen. Begleitet wird das Ganze von einem medialen Getöse ohnegleichen, was eine unaufgeregte und sachliche Betrachtung der Vergangenheit nicht eben erleichtert. Die Stimmgewalt der streitenden Seiten ist dabei mehr als ungleich verteilt und deshalb ungleich wahrnehmbar. Dem aufmerksamen Beobachter sollte auffallen, dass der verblichene „andere deutsche Staat“ vielfach mit der Optik einer gewollt geistigen Selbstgefälligkeit, Überheblichkeit und Oberflächlichkeit betrachtet wird. Oft gebricht es bei der umfassenden Aufarbeitung deutscher Geschichte –auch die vergangene DDR ist Teil von ihr- am notwendigen Maß des Vermögens, ernsthaft zu differenzieren, und dem Mut, gewonnene Erkenntnis ehrlich zu bewerten.

Vielleicht ist all das gerade ein Beweggrund dafür, sich dem Erinnern zuzuwenden. Gegenstand der Betrachtung ist nur ein Abschnitt im außenpolitischen Wirken des kleineren der beiden deutschen Staaten, nämlich Nordeuropa. Selbst diese in ihrem Ausmaß begrenzte Sicht dürfte beweisen, dass die mannigfaltigen Facetten seiner internationalen Aktivitäten trotz offenkundiger Fehlleistungen in hohem Maße zu dessen politischem Aktiv und damit auch dem beträchtlichen Ansehen in seiner Lebenszeit beigetragen haben.

Mitarbeiter des außenpolitischen Dienstes der DDR, denen es oblag, die Interessen ihres Staates in Nordeuropa wahrzunehmen, haben das mit hohem Respekt vor den Menschen, deren Leben und Arbeit in jedem Land des europäischen Nordens getan. Sehr oft entstanden aus sachlichen tief empfundene Beziehungen persönlicher Achtung. Generationen diplomatischer Vertreter haben mit innerer Freude und großer Bereitschaft am Geflecht vielseitiger Beziehungen und Kontakte in Richtung der Nachbarn im Bereich der Ostsee mitgewirkt. Zu ihnen gehörte sowohl jene, die nach Widerstand, Gefängnis, KZ oder Exil die erste Reihe von Vertretern einer neuen deutschen Außenpolitik bildeten, aber auch die „Jugend“ der zweiten oder dritten Generation. Sie hatten ihr Wissen in neuer Zeit erworben und gehörten zum Kreis derer, die in einer Zeit härtester politischer Auseinandersetzungen Zeugen und Beteiligte im Kalten Krieg wurden, aber auch die für sie glückliche Stunde der Einrichtung „ihrer“ Botschaft in einer der Hauptstädte des Nordens miterlebten. Im außenpolitischen Gefüge des sich entwickelnden Staates wurde relativ schnell verstanden, für die Gestaltung einer neuen Nachbarschaft zum Norden Europas die dafür notwendigen inneren und äußeren Strukturen zu schaffen. Im Außenministerium bildeten sich erste Formen einer entsprechenden Länderabteilung heraus. Die Kammer für Außenhandel fühlte sich ebenfalls wie das Ministerium für Verkehrswesen in die Verantwortung genommen.

Diese Rückschau auf eine spannende Zeit in den Augen des Betrachters ist lückenhaft und nicht selten oberflächlich. Anspruch auf Vollständigkeit oder absolute Genauigkeit wird nicht erhoben. Sie ist lediglich ein Versuch, sowohl die Anfänge als auch die Fortführung einer anderen Art deutscher Außenpolitik nicht ins „schwarze Loch des Vergessens“ verschwinden zu lassen. Vergangenheit darf nicht zu einem trüben historischen Nebel werden. Sie bleibt Teil der Geschichte. Das Erinnern sollte zum Bemühen gehören, Fragen zu stellen, Erfahrungen zu vermitteln und möglicherweise daraus etwas zu lernen.

Quellen dieser Erinnerungen sind nicht Akten, sondern Gespräche mit Beteiligten und damit das Wiederausgraben von Gedankensplittern. Vorwürfen einer gewissen Einseitigkeit, Unvollkommenheit oder Ungenauigkeit wird mit Hinweis auf Historiker, deren akribischen Umgang mit Dokumenten, Archiven und dergleichen begegnet.

Das Zurückdenken an manche, vielleicht interessante Episode rief auch wieder die Erinnerung wach an einen aufrichtigen und innigen Freund des sozialistischen deutschen Staates, den schwedischen Schriftsteller, Pädagogen und Politiker Dr. Stellan Arvidson. Stets waren ihm enge Bindungen zwischen seiner Heimat und der DDR, insbesondere der Hansestadt Greifswald, ein ganz besonderes und persönliches Anliegen

 

Peter Steglich                                                    Berlin, März 2009

Rezension zu Heft 22 der "Blauen Reihe":

Hitze, Franz-Karl:

"Neu erschienen - DDR und Nordeuropa"

in: "junge Welt" vom 11.05.2009

Das mediale Getöse mit dem die DDR im Jubiläumsjahr 2009 bedacht wird, gleicht in seiner Intensität einem »geistigen Waffengang«. Das führe zu opportunistischer Anpassung schreibt Peter Steglich, einer der ersten DDR-Diplomaten in Skandinavien, in »Die DDR und Nordeuropa«, einem neuen Heft der »Blauen Reihe« des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht. Um die andere Art deutscher Außenpolitik nicht ins »schwarze Loch des Vergessens« verschwinden zu lassen, notierte er seine Erinnerungen, die nicht Akten, sondern Gespräche mit Beteiligten wiedergeben. Steglich behandelt speziell die Beziehungen zu Finnland, das Ringen um eine DDR-Botschaft dort sowie den »internen Wettlauf« zwischen den in Skandinavien tätigen DDR-Diplomaten auf dem Weg zur Herstellung offizieller Beziehungen zu »Südschweden«, wie schwedische Politiker den ostdeutschen Staat gern nannten. Zu diesem Thema äußerten sich bereits die Exbotschafter Joachim Mitdank und Erich Wetzel in ihren Erinnerungen. Steglich beleuchtet u. a. die Wirksamkeit der »Liga für Völkerfreundschaft« sowie des Kulturzentrums der DDR in Helsinki beim Zustandekommen diplomatischer Beziehungen zu Finnland. Aufschlussreich sind seine Einlassungen zu Problemen im Außenhandel und zur beträchtlichen Konkurrenz aus der Bundesrepublik Deutschland. Das skurrile Verhalten des Repräsentanten der BRD zu Anfang der 60er Jahre in Helsinki veranlasst heute noch zu Kopfschütteln. Der verließ empört einen Empfang des sowjetischen Botschafters, weil er die Anwesenheit des »sowjetzonalen Vertreters« nicht akzeptieren wollte. Großen Raum nimmt das Interesse Finnlands am Bildungs- und Gesundheitswesens der DDR ein. Die Besuche des damaligen finnischen Staatspräsidenten Urho Kekkonen, des Parlamentspräsidenten Johannes Virolainen und des Außenministers Ahti Karjalainen in der DDR zeugten von der Aufwertung der Beziehungen zu Berlin. Diplomatischen Pannen verschweigt der Autor nicht.