Südostasien / Vietnam


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Geschichtsstunde in Dien Bien Phu - Ein Teilnehmer der historischen Schlacht in Vietnam erinnert sich"

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 07.05.2009

Vor 55 Jahren, am 7. Mai 1954, endete die Schlacht von Dien Bien Phu mit dem Sieg der Vietnamesischen Volksarmee über Frankreichs Kolonialtruppen. Damit war der französische Versuch gescheitert, Indochina wieder unters Kolonialjoch zu zwingen. Dien Bien Phu wurde zum Signal für viele unterdrückte Völker. Auf dem einstigen Schlachtfeld im Nordwesten Vietnams ist der Atem der Geschichte noch heute spürbar.

Der alte Mann zögert, sieht sich um, als suche er etwas. Dabei kennt er sich hier sehr gut aus. Er ist oft hier gewesen seit den dramatischen Wochen vor 55 Jahren, als der Kampf um Dien Bien Phu in die entscheidende Phase trat. Als Hoang Ngoc Tue zu sprechen beginnt, wird sein Zögern verständlich. Es sind die Erinnerungen, die den Veteranen der Vietnamesischen Volksarmee eingeholt haben. Erst stockend, dann lebhafter lässt er das historische Geschehen vor unseren Augen abrollen.

Lange bleiben wir nicht allein, bald schließen sich uns einige Schüler an, die eben noch zwischen Laufgräben und Drahtverhau herumgeklettert sind, und hören zu. Für sie ist das wie eine lebendige Geschichtsstunde hier auf dem Hügel A 1 der ehemaligen Festung Dien Bien Phu.

General Navarre verrechnete sich

Bereits beim Landeanflug auf Dien Bien Phu nach dem Überfliegen der mächtigen Bergketten war uns der braune Hügel aufgefallen: eine Narbe im Grün der nahen Stadt und der umliegenden Reisfelder. Hier ist das historische Schlachtfeld erhalten, sorgsam gepflegt und – wo nötig – mit großer Akribie rekonstruiert: Festungsanlagen, Bunker und Schützengräben, Stacheldrahtverhaue, Granattrichter und ein gewaltiger Krater auf einer markanten Höhe unmittelbar an der Hauptstraße.

Der Hügel A 1, dem die Franzosen den Namen »Eliane 2« gaben, war eine Schlüsselstellung im Festungsring, der aus einem Dutzend größerer und kleinerer Stützpunkte rund um die zentrale Landebahn bestand. Im entlegenen, aber für die Verbindung zu Laos und China strategisch wichtigen Nordwesten Vietnams hatten die Franzosen bei Dien Bien Phu 1953/54 diese moderne Festung aus dem Boden gestampft. Die Kolonialarmee, die vertragsbrüchig das ehemalige indochinesische Kolonialgebiet erneut besetzt hatte, sah sich dem zunehmenden Druck vietnamesischer und laotischer Befreiungskräfte ausgesetzt. Hier an dieser Festung, auf einem von ihm ausgesuchten Gelände, wollte der französische Oberbefehlshaber General Henri Navarre die Vietnamesische Volksarmee zur offenen Feldschlacht herausfordern und ihr eine strategische Niederlage beibringen. Die waffentechnische Überlegenheit glaubte er durch die absolute Lufthoheit und die Blockade der Straßenverbindungen zweifach absichern zu können. Und seine Rechnung schien aufzugehen: Ende 1953 wurden umfangreiche vietnamesische Truppenbewegungen in Richtung Dien Bien Phu bemerkt. Die Festung bereitete sich auf den Angriff großer Infanterieverbände vor, die Stützpunkte wurden mit weit reichender schwerer Artillerie und Panzern bestückt und durch Grabensysteme und Minenfelder geschützt. Mehr als 150 französische und US-amerikanische Kampfflugzeuge sollten eingesetzt werden.

Als der vietnamesische Angriff am 13. März 1954 begann, wurden die Verteidiger der Festung jedoch von der Wucht schweren Artilleriefeuers überrascht. Entgegen allen Erwartungen hatte der vietnamesische Oberbefehlshaber General Vo Nguyen Giap – heute als 97-Jähriger in Vietnam hoch verehrt – in einer logistischen Meisterleistung schwere Haubitzen und sowjetische Katjuscha-Raketenwerfer durch das unwegsame Gebirge heranschaffen lassen. Manche waren demontiert worden und auf den Schultern von Soldaten oder mit einfachster Hebeltechnik über Gebirgskämme transportiert worden. Die bewaldeten Hänge rund um den Talkessel der Festung waren auf diese Weise mit sorgfältig getarnten Artilleriestellungen und Flakbatterien gespickt worden. Aus einem spartanischen Gefechtsstand in den Bergen steuerte Giap den Angriff. In Laufgräben und Stollen arbeiteten sich seine Truppen unaufhaltsam an die Festungswerke heran, nachdem sie bei anfänglichen massierten Sturmangriffen schwere Verluste erlitten hatten. Ihnen stand immerhin die Elite der französischen Kolonialarmee gegenüber, insbesondere Fremdenlegionäre, darunter viele Deutsche.

36 Tage Kampf um einen Hügel

Am Abend nach unserer Ankunft in Dien Bien Phu hatten wir mit dem Veteranen Hoang Ngoc Tue in seinem kleinen Haus zusammen gesessen. Mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts berichtete er über die historischen Ereignisse. Der damals 22-Jährige, er war mit 16 Jahren als Freiwilliger in die Volksarmee eingetreten, hatte mit seinem Regiment nach 20 Tagen Gewaltmarsch bereits Anfang Dezember 1953 die Gegend von Dien Bien Phu erreicht. Der Marsch mit Waffen und Ausrüstungen, deren Gewicht bisweilen das des eigenen Körpers übertraf, führte von der Provinz Thanh Hoa über 250 Kilometer durch teils unwegsames Gebirge und hatte den jungen Soldaten alles abverlangt. Doch die eigentliche Herausforderung stand noch bevor: der Angriff auf die stark befestigten Stellungen von Dien Bien Phu. Nach der Eroberung der nördlichen Außenforts »Beatrice«, »Gabrielle« und »Anne-Marie« wurde der Gegner im inneren Stützpunktring der Festung eingeschnürt. Dort kam der Verteidigungsstellung »Eliane« besondere Bedeutung zu.

Bei unserem Ortsbesuch zeigt sich Hoang Ngoc Tue gegenüber dem Vortag verändert. In seiner einfachen Uniformjacke scheint er zurückversetzt in die Geschichte. Mit jedem Schritt über das Schlachtfeld versetzt er sich mehr in jene ferne Zeit. Zunächst führt er uns dorthin, wo sein Regiment Nr. 174 zum Sturm antrat. Bereits Ende März 1954 hatten vietnamesische Sturmtrupps Teile von »Eliane 2« erobert, doch ein nächtlicher Gegenangriff warf sie wieder zurück. Beim Anstieg auf der Ostseite des Hügels weist Tue auf Schützengräben, Unterstände und Bunker, um die oft tagelang gekämpft wurde. Wiederholt gingen bereits gewonnene Positionen wieder verloren. Der Kampf um den Hügel dauerte 36 Tage.

Tue zeigt auf einen Stolleneingang, den wir fast übersehen hätten. Hier trieben Pioniere der Volksarmee einen langen Stollen in den Hügel, während über ihnen Angriffswelle um Angriffswelle rollte. Bei einem Treffen vor Jahren hatte Tue einen ihm unbekannten Veteranen nach seinem Einsatzort in der Schlacht gefragt. Der wies auf den Stollen: Er gehörte zu den Mineuren, die damals unter der Erde agierten.

Und dann ist da plötzlich dieser Riesenkrater. Am 6. Mai vor 55 Jahren waren in dem Stollen unter der Erde 960 Kilo Sprengstoff gezündet worden. Ein zentraler Teil der Befestigungen wurde dadurch zerstört. Damit war »Eliane 2« nicht mehr zu halten. Ein eroberter französischer Panzer oben auf dem Hügel und ein schlichtes Denkmal künden von der Einnahme des Stützpunkts. Am Tage darauf kapitulierte auch der Festungskommandant, der zuvor noch zum General ernannte Christian de Castries.

Von Tue erfahren wir, dass er selbst hier oben auf dem Hügel in der Endphase des Kampfes schwer verletzt wurde. Im Lazarett lernte er seine Frau kennen, auch ein Ergebnis der Schlacht, wie er am Vorabend in ihrem Beisein schelmisch bemerkte. Bescheiden vergisst er zu erwähnen, dass er nicht nur Zeuge und Akteur des Indochinakrieges war: Hoang Ngoc Tue wurde zweimal als Held Vietnams ausgezeichnet.

Die Schüler, die sich uns auf dem Schlachtfeld angeschlossen haben, hingen die ganze Zeit an den Lippen des 77-jährigen Veteranen. Einer von ihnen, Tung, spricht leidlich Englisch. Auf die Frage nach seinem Berufswunsch zögert er ein wenig und sagt dann: »Vielleicht ist ja Geschichte auch sehr interessant.«

Namenlose weiße Grabsteine

Vom Hügel blickt man hinunter auf den Friedhof für die vietnamesischen Gefallenen. Allein die Eroberung von »Eliane 2« kostete 2500 Menschenleben. Die weißen Grabsteine sind fast alle namenlos. Für Tue verbinden sich freilich Namen und Schicksale mit ihnen. Der Veteran wird schweigsam, er entzündet einige Räucherstäbchen zum Gedenken an seine Kameraden. Dien Bien Phu, das »Stalingrad« der französischen Kolonialarmee, war ein großer Sieg des jungen Vietnam, doch er wurde teuer erkauft.

Tue ahnte nach diesem Sieg nicht, dass Frieden, Einheit und wahre Unabhängigkeit für sein Land noch in weiter Ferne lagen. Der US-amerikanische Aggressionskrieg der 60er und 70er Jahre verlangte seinem Volk noch einmal alles ab. Der Veteran lächelt, als er erfährt, dass Freunde von damals heute am 17. Breitengrad helfen, explosive Hinterlassenschaften dieses zweiten Krieges beiseite zu räumen, damit sie nicht weitere Opfer kosten. Auch dort im Zentrum des Landes erinnern Schlachtfelder und Gedenkstätten ähnlich wie der Hügel A 1 bei Dien Bien Phu an Vietnams langen Weg zum Frieden.