Geschichte der Außenpolitik der DDR


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Pfeiffer, Otto:

Erfahrungen im 1. Vierjahreslehrgang 1955 – 1959 am Institut für Internationale Beziehungen der DDR

Quelle: Erhard Crome (Hrsg.): "Die Babelsberger Diplomatenschule. Das Institut für Internationale Beziehungen der DDR" , Potsdamer Textbücher, Band 12, WeltTrends, Potsdam 2009

Anfang 1955 – ein knappes halbes Jahr vor dem Schulabschluss - rief mich mein Klassenlehrer plötzlich aus dem Unterricht. Im kleinen Lesesaal der Schule erwarteten mich zwei Mitarbeiter der Kaderabteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten, um mir den Vorschlag zu unterbreiten, an der „Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft Walter Ulbricht“ in Potsdam-Babelsberg ein vierjähriges Studium der Außenpolitik mit dem Ziel des Eintritts in den diplomatischen Dienst der DDR aufzunehmen. Sie waren auf Rundreise von Oberschule zu Oberschule und ließen sich vom jeweiligen Rektor Abiturienten für diese Studienrichtung empfehlen, die in den einschlägigen öffentlichen Verzeichnissen der Hochschulen nicht zu finden war. Das zu erwartende sehr gute Abitur und meine Funktion als Vorsitzender der Schulgruppe der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft mögen Motive gewesen sein, mich vorzuschlagen.

Eigentlich hatte ich mich für ein naturwissenschaftliches Studium beworben und nach dem eingereichten Zeugnis auch gute Aussichten, an der Leipziger Universität immatrikuliert zu werden. Das neue Angebot überraschte mich und faszinierte mich zugleich. Es erschien mir als eine ungewöhnliche und reizvolle Aufgabe. Anfängliche Bedenken, ob denn die Vorbildung im altsprachlichen Zweig der Landesschule Pforta die geeignete Grundlage für diese Laufbahn wäre, zerstreute mein Altgriechisch-Lehrer: Mit humanistisch gebildeten Politikern wie dem britischen Außenminister Macmillan würde man dadurch interessanten Gesprächsstoff haben. Ich bin Macmillan nie begegnet, und Latein spielte außer gelegentlich in der Konversation mit Diplomaten des Heiligen Stuhls in meiner gesamten Laufbahn nur noch einmal eine Rolle, nämlich als der zu einem offiziellen Besuch in Caracas weilende Stellvertretende DDR-Außenminister Klaus Willerding – ein Absolvent des Gymnasiums der Franckeschen Stiftungen in Halle - im Simón-Bolívar-Museum Caesars „De Bello Gallico“ im dort ausgestellten Marschgepäck des Befreiers von der spanischen Kolonialherrschaft entdeckte und das erste Kapitel zu deklamieren begann.

So gelangte ich in den 1. Vierjahreslehrgang der Außenpolitik in Potsdam – in eine von zwei Seminargruppen mit zu Beginn 23 Studentinnen und Studenten. Da ich über den weiteren Weg der Angehörigen meiner Seminargruppe den besseren Überblick habe, möchte ich mich im Einzelnen hauptsächlich auf ihre Geschichte beschränken.

Wir waren eine für die bevorstehenden Aufgaben hoch motivierte und kameradschaftlich zusammenarbeitende Gruppe, ihrer sozialen Herkunft nach ein Abbild der Jugend, die die besondere Förderung beim Eintritt in die Bildungseinrichtungen der DDR genoss: Kinder aus Arbeiter-, kleinen Angestellten- und Bauernfamilien, darunter etliche, die wie ich den Vater im Krieg verloren hatten. Die Idee, daraus einen neuen diplomatischen Dienst zu formieren, beeindruckte uns. So nahm man denn manche Beschwernisse in Kauf, z. B. das Verbot, Westberlin zu betreten oder mit der von der Deutschen Reichsbahn verwalteten S-Bahn auch nur zu durchfahren. Jeder „normale“ DDR-Bürger hatte mehr Reisefreiheit als wir angehenden Diplomaten. Das Benutzungsverbot der durch Westberlin führenden S-Bahn-Linien wurde 1956 aufgehoben, aber nur für kurze Zeit. Dem überzogenen Sicherheitsdenken der DDR entsprach auch der noch von der Sowjetarmee übernommene Zaun um Hochschule und Internatsgelände, das diese zuvor genutzt hatte. Als er 1956 fiel, zeigte sich, wie überflüssig er gewesen war.

Unser Lehrgang war nicht nur wegen seiner erstmalig vierjährigen Dauer eine Neuerung, sondern auch wegen seiner altersmäßigen Zusammensetzung: allein 13 Studienanfänger hatten eben erst das Abitur an einer Oberschule hinter sich, 6 an einer Arbeiter-  und Bauernfakultät und nur 4 waren aus anderen Berufen geworben worden, vor allem junge Lehrer. 4 von 23 waren Frauen.

Das Studienprogramm begann mit dem obligatorischen marxistisch-leninistischen Grundstudium für Juristen, die die übergroße Mehrheit des Lehrgangs ausmachten. Es schloss Staats- und Rechtstheorie, Staats- und Verfassungsrecht der DDR, der BRD und der Sowjetunion und Zivilrecht (damals noch das BGB) ein - in den höheren Semestern verstärkt Völkerrecht. Von der vorherrschenden ideologischen Überfrachtung hoben sich die Vorlesungen des damaligen Präsidenten der Akademie, Prof. Dr. Dr. Arthur Baumgarten, zur Geschichte der Philosophie und des österreichischen Völkerrechtsprofessors Dr. Heinrich Brandweiner sympathisch ab.

Weitere Säulen der Ausbildung waren ökonomisch geprägte Fächer: Politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus sowie politische und ökonomische Geographie, sodann Geschichte der internationalen Beziehungen, internationale Wirtschaftsbeziehungen, deutsche Geschichte und die Geschichte wichtiger Länder Ost- und Westeuropas sowie der USA.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 erlebten wir einen zwischengeschalteten, etwas kuriosen Zyklus von Vorlesungen im Fach Philosophie zur Korrektur früherer Standpunkte, die sich vor allem auf Stalin berufen hatten. Die Dozenten mühten sich redlich ab, uns klar zu machen, dass man jetzt manches anders sehen müsse, ohne dass das Alte eigentlich völlig falsch gewesen sei.

Einen breiten Raum nahm der Fremdsprachenunterricht ein. Man musste sich für eine Schwerpunktsprache entscheiden (damals Russisch, Englisch, Französisch oder Spanisch) und eine weitere belegen (für die „Westsprachler“ immer Russisch). Spanisch, für das ich mich wegen meiner sechsjährigen Lateinvorkenntnisse entschied, war von den Mitstudenten nicht sehr gefragt. In dem nur sechsköpfigen Zirkel lernte es sich dafür umso intensiver und angenehmer. Der Sprachunterricht war von guter, aber nicht überragender Qualität, methodisch konventionell, ohne moderne technische Mittel. Muttersprachler standen uns nur einige wenige zur Verfügung. Spanisch unterrichtete die damalige Leiterin des akademieeigenen Instituts für Fremdsprachen und Literatur, Charlotte Baumgarten, mit zwölfjähriger Erfahrung aus ihrer Emigrationszeit in Mexiko.

Da es sich um den ersten Vierjahreslehrgang handelte, wurde in einigen Fragen noch experimentiert. Zeitweilig gab es eine Aufteilung in einen „politisch-ökonomischen“ und einen „konsularischen“ Zweig. Mittels verstärkter zivil- und konsularrechtlicher Ausbildung sollte hier Personal für die Tätigkeit in Konsulaten ausgebildet werden. Das wurde aber bereits nach einem Jahr verworfen.

Hart traf es die Studentinnen. Am Ende des fünften Semesters befand man plötzlich, dass Frauen keine Perspektive in diplomatischen Dienst hätten. Die Argumente waren dürftig. Am ehesten konnte noch gelten, dass die DDR einen Durchbruch in der internationalen Anerkennung zunächst in den arabischen Ländern erwarte, wo die diskriminierte Stellung der Frau einen Einsatz weiblicher Diplomaten nicht ratsam erscheinen lasse. In der Praxis traf man das später ganz anders an. Hinsichtlich des Frauenanteils am diplomatischen Personal blieb die DDR später hinter vielen Entwicklungsländern zurück, akkreditierte aber selbst eine Botschafterin in Marokko.

Die Frauen wechselten – unter Verlust mindestens eines Studienjahres – in andere Studienrichtungen über, meist zum Außenhandels- oder zum Jurastudium. Die Alternative, das Außenpolitikstudium mit der Perspektive eines späteren Einsatzes in den internationalen Abteilungen anderer Ministerien fortzusetzen, war mit der Begründung verworfen worden, dass es dort schon ein großes Frauenübergewicht gebe.

Abgänge gab es auch aus anderen Gründen. Frühzeitig wechselten ein Student auf eigenen Wunsch zum Außenhandel und ein anderer zur Filmhochschule in Babelsberg. Ein weiterer Weggang aus meiner Seminargruppe war weniger freiwillig. Doch dazu weiter unten.

Die Fachrichtung Außenpolitik wurde damals an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft oft als eine Art Anhängsel zur dortigen schwerpunktmäßigen Ausbildung von Juristen behandelt. Die Außenpolitiker waren nur eine Minderheit und außerdem sehr jung und galten als „führungsbedürftig“. Im Kreise der Studentenmehrheit an der Akademie, den angehenden Juristen meist mit mehrjähriger Erfahrung im Staatsapparat, waren Parteilose oder Angehörige der Blockparteien die absolute Ausnahme. 4 Parteilose und ein Mitglied der LDPD allein in meiner 23köpfigen Seminargruppe waren da schon etwas Außergewöhnliches, widerlegen aber das verbreitete Pauschalurteil, die SED-Mitgliedschaft sei von Anfang an eine unabdingbare Voraussetzung für die Tätigkeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, ja schon für die Aufnahme des Außenpolitikstudiums gewesen.

Die „Anhängselfunktion“ hatte zur Folge, dass auch die Außenpolitikstudenten zu solchen politischen Praxiseinsätzen „an der Basis“ herangezogen wurden, die eigentlich ein angemessenes Berufspraktikum für die Juristen darstellten, mit der Außenpolitik aber nichts zu tun hatten: mehrwöchige Aktionen z. B. zur Durchsetzung eines neuen Gesetzes über die örtlichen Organe 1958 oder zur Vorbereitung und Durchführung von Kommunalwahlen. So sollte zugleich der Gefahr der „Abgehobenheit“ der künftigen Diplomaten vorgebeugt werden.

Hinzu kamen die für alle Studenten üblichen Ernteeinsätze auf den arbeitskräfteschwachen LPG und VEG. Im Herbst 1958 – wenn ich mich richtig erinnere – überraschte uns außerdem ein „FDJ-Aufgebot“ in den Zehdenicker Ziegeleien bei Berlin, wo wegen der Amnestierung von Häftlingen, die dort vorher tätig gewesen waren, die Produktion von Mauersteinen zusammenzubrechen drohte.

Die Babelsberger Akademie war wohl auch die erste Hochschule, an der die Studenten zu sechs- bis achtwöchigen Reservistenlehrgängen bei der NVA herangezogen wurden. Uns traf es 1956 und 1958.

Das alles hatte zu Studienausfällen in einem Umfang geführt, der ein zusätzliches neuntes Semester vom September bis November 1959 erforderlich machte.

Die Einsicht in die außenpolitische Praxis kam dagegen viel zu kurz. Ganz selten hielten Botschafter, leitende Ministeriumsmitarbeiter oder Teilnehmer an Delegationsreisen ins Ausland Vorträge. 1958 wurde ein einziges mehrwöchiges Praktikum im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten absolviert. Mich hatte man dem Sektor Ungarn zugeteilt.

Die o. g. politischen Einsätze waren nicht jedermanns Sache. Ein Mitglied meiner Seminargruppe kam 1957 mit einer sehr kritischen Beurteilung aus Mecklenburg zurück. Seine Flucht nach vorn, nämlich der Antrag, als Kandidat in die SED aufgenommen zu werden, hatte gegenteilige Wirkung. Die Parteiorganisation beschied, wie mir als Parteilosem mitgeteilt wurde, dass diesem Schritt nach ihrer Auffassung karrieristische Motive zugrunde lägen und der Antragsteller ein einjähriges Arbeitspraktikum im Lokomotivbau Babelsberg zu absolvieren habe, um „seine Verbindung zur Arbeiterklasse zu festigen“. Zwei Mitstudenten wurden als Betreuer benannt. Eines Tages, als diese wieder einmal Verbindung zu ihm hatten aufnehmen wollen, kamen sie mit der Nachricht zurück, der Betreffende studiere bereits wieder, und zwar in Heidelberg. Wir hatten nie wieder Kontakt zu ihm. Gerüchteweise hieß es, er habe später – allerdings vergeblich – versucht, eine Diplomatenausbildung in der Bundesrepublik aufzunehmen.

Einen anderen Verlauf nahm ein vergleichbarer Fall in der Nachbarseminargruppe. Nach dem gleichen Einsatz im Norden der DDR befand die Parteigruppe, dass einer der Studenten ebenfalls kein klares Verhältnis zur Arbeiterklasse habe. Noch Ende 1956 war er für seine Arbeit als FDJ-Gruppenorganisator und im Kreisverband seiner Partei mit einer für einen Studenten immer willkommenen Geldprämie ausgezeichnet worden. Man warf ihm nun vor, dass er sich die marxistisch-leninistische Weltanschauung nur formal aneigne und sie nicht verinnerliche. Wie auch! Er war Mitglied der CDU und praktizierender Katholik. Wenn die anderen nach sonnabendlichen Vergnügungen ausschliefen, ging Hans-Joachim Meyer in aller Frühe zur Messe.

Meyer brauchte seine Lokomotivbauertätigkeit nicht bis zum Ende durchzustehen. Mit Hilfe seiner Partei gelang ihm, was für ein einfaches SED-Mitglied oder für einen Parteilosen unmöglich gewesen wäre, nämlich aus einer „Disziplinarmaßnahme“ heraus in das Studium der Anglistik an der Berliner Humboldtuniversität zu wechseln, wo die Zahl der Bewerber Legion war. Selbst der zeitweilige Austritt aus der CDU tat seiner späteren akademischen Karriere in der DDR keinen Abbruch, die ihn von seiner Professur an der Humboldt-Universität schließlich auf den Stuhl des Hochschulministers der Regierung de Maiziére und nach 1990 auf den des Wissenschaftsministers im Freistaat Sachsen brachte. In der Biographie, die im Zusammenhang mit seiner Wahl zum Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken medial verbreitet wurde, kam allerdings weder das begonnene Außenpolitikstudium noch die „Deutsche Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften Walter Ulbricht“ vor. Dort hieß es, die SED habe ihm ein Jurastudium verwehrt.

Das Außenpolitikstudium wurde mit einer Diplomarbeit abgeschlossen. Ich war nicht der einzige, dessen selbst gewähltes Thema nicht akzeptiert wurde. Gerne hätte ich ein auf Spanien bezogenes bearbeitet. Das erschien der Institutsleitung zu abseitig. Beziehungen zu Franco-Spanien waren damals wohl auch jenseits jeden Vorstellungsvermögens. Ich musste auf die Beziehungen zwischen der DDR und Ungarn ausweichen. Diese Arbeit war für meine spätere Tätigkeit völlig bedeutungslos.

Schließlich erwarben 16 von ursprünglich 23 Immatrikulierten, d. h. eigentlich 16 von 19 männlichen Studenten, im Jahre 1959 den akademischen Grad „Diplomgesellschaftswissenschaftler in der Fachrichtung Außenpolitik“; das offiziell eigentlich erst 1960 eingeführte Diplom wurde uns nachgereicht. 14 Absolventen waren für den diplomatischen Dienst vorgesehen, einer nahm eine Tätigkeit in der internationalen Abteilung des Verkehrsministeriums auf, einer im Ministerium für Staatssicherheit.

Dem Arbeitsbeginn im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten sahen wir mit großer Spannung entgegen. Die Hoffnung auf den Einstieg in ein festes Arbeitsgebiet erfüllte sich zunächst nur für wenige, vor allem für jene, die vor Studienbeginn oder vor der Arbeiter- und Bauernfakultät schon im Berufsleben gestanden hatten. Für einige der Jüngeren wurde, angelehnt an chinesisches Vorbild, erst noch ein halbjähriger Einsatz in einem Produktionsbetrieb vorgeschaltet. Das Ministerium konnte diese Verzögerung des Kadernachschubs damals durchaus verschmerzen. Die anderen wurden gleich als „außerplanmäßige Referenten“ eingestellt. Das bedeutete de facto eine zweijährige Volontärzeit, davon ein Jahr in verschiedenen Abteilungen (bei mir im damaligen Sektor Lateinamerika, in der Protokoll- und in der Presseabteilung sowie ein Einarbeitungsmonat im Sektor Tschechoslowakei). Dann folgte ein „Rundlauf“ durch die Botschaft Prag: Protokoll-, Presse-, Politische und Konsularabteilung. Diese beiden Jahre haben mir unverzichtbare praktische Erfahrungen vermittelt und die Praxisferne des Studiums doch etwas kompensiert.

Mit dem Eintritt ins Ministerium waren aber nicht alle Hürden überwunden. 1960 waren drastische Personaleinsparungen vorgesehen. 10 % der Mitarbeiter sollten aus dem gesamten Staatsapparat ausscheiden, um den chronischen Arbeitskräftemangel in der Volkswirtschaft zu mindern. Tatsächlich verließen von den ehemaligen Mitgliedern meiner Seminargruppe fünf das Ministerium, wechselten aber nur in andere Verwaltungsdienststellen oder den Kulturbereich. Sie taten das nicht ungern, war es doch durchweg mit einer höheren Bezahlung verbunden als die 700 Mark Einstiegsgehalt im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Es handelte sich durchweg um die älteren Absolventen, die meist schon eine Familie zu versorgen hatten und denen es auch wegen ihrer früher absolvierten beruflichen Ausbildungen leichter fiel, andernorts Fuß zu fassen.

Letztlich haben neun ehemalige Mitglieder meiner Seminargruppe die außenpolitische Laufbahn durchgehalten und ihre Tätigkeit erst mit dem Untergang der DDR und ihres diplomatischen Dienstes nach 31 Jahren meist im Botschafter- oder Gesandtenrang - bzw. einer von ihnen im internationalen Bereich des ZK der SED - beendet. Paradoxerweise waren dies fast ausschließlich die oft geschmähten „unerfahrenen Jungen“, die von der Schulbank weg das Studium der Außenpolitik aufgenommen hatten.

Rückblickend erfüllt es mich doch mit Befriedigung, in einer anderen Tradition der Diplomatie gestanden zu haben als ein anderer Absolvent meiner Landesschule Pforta: Werner von Bargen, während des 2. Weltkrieges als Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Militärbefehlshaber im okkupierten Belgien an der Deportation von Juden beteiligt, später Botschafter der BRD im Irak.

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