Geschichte der DDR-Außenpolitik / Afrika / UNO


Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP)

Mohrenstr. 63 ~ 10117 Berlin ~ E-Mail: VorstandVIP@aol.com - Homepage: http://www.vip-ev.de

Publikationen von Mitgliedern des VIP

                (die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren, Hinweise an die Autoren bzw. Meinungsäußerungen bitte per E-Mail an VorstandVIP@aol.com))

zurück zur Startseite                                    zu weiteren Publikationen


Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Vor 60 Jahren: Gründung der DDR - "Die erste und letzte UN-Mission"

Blauhelmeinsatz in Namibia

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in:"Neues Deutschland" vom 07.10.2009 (Beilage: Gründung der DDR: Auferstanden aus Ruinen)

In der Dritten Welt ist die Erinnerung an die DDR noch nicht verblasst. Das hat seine guten Gründe. Man erinnert sich an" die vielfältige Unterstützung des ostdeutschen Staates für den nationalen Befreiungskampf gegen die alten Kolonialmächte. Von DDR-Bürgern aufgebaute Fabriken und Schulen sind in einigen afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Ländern noch heute in Betrieb. Auch die kulturellen Kontakte waren mannigfaltig. Das ist alles bekannt. Weniger hingegen sicher der UN-Blauhelmeinsatz von DDR-Bürgern.

Als die DDR in ihr letztes Jahr eintrat, sollte sich für das bis dato von Südafrika besetzte Namibia das Tor zur Unabhängigkeit öffnen. Wahlen unter UN-Aufsicht entließen 1989 nach jahrzehntelangem Befreiungskampf die letzte Kolonie in die Unabhängigkeit. Beteiligt war die DDR.

Nach zehnjähriger Verzögerung des UN-Unabhängigkeitsplans für Namibia durch das von der Reagan-Administration in Washington gestützten Südafrika sollte dieser am 1. April 1989 endlich in die Realität umgesetzt werden. Der UN-Plan beinhaltete Rückzug der südafrikanischen Truppen, Rückkehr der Flüchtlinge sowie Wahlen unter Kontrolle der UN-Übergangshilfsgruppe UNTAG und die Proklamierung von Namibias Unabhängigkeit im Verlauf eines Jahres. Streit in den Vereinten Nationen um das UNTAG-Budget verzögerte jedoch deren Einsatz. Der UN-Sonderbeauftragte für Namibia, Martti Ahtisaari, verfügte am 1. -April nur über einen Bruchteil der vorgesehenen Polizeikräfte. An jenem Tag meldete Südafrika das Eindringen von Kämpfern der Befreiungsbewegung SWAPO aus Angola, forderte den Einsatz der eigenen Truppen zur »Wiederherstellung der Ordnung« und drohte mit dem Scheitern des gesamten UN-Plans. Ahtisaari musste ohnmächtig zähneknirschend einem begrenzten südafrikanischen Einsatz zustimmen.

Tatsächlich waren SWAPO Kämpfer in Nordnamibia einmarschiert, wo die UN noch nicht präsent war. Südafrika nahm dies zum Vorwand für einen massiven Militärschlag mit Hunderten von Toten auf Seiten der SWAPO. Der UN-Namibiaplan war akut gefährdet und damit die politische Konfliktlösung in der Region insgesamt be­droht. Nach einer Woche hektischer diplomatischer Verhandlungen zwischen Vertretern von Angola, Kuba, Südafrika, der USA und Sowjetunion konnte ein Ende der Kämpfe erreicht werden. Ahtisaari kam nun erst wieder zum Zuge. Er etablierte UNTAG landesweit, hatte es aber nicht leicht, die Vertrauenskrise seiner Einheiten angesichts der blutigen April-Ereignisse zu überwinden. Schließlich gelang es ihm jedoch, die Intentionen der UN gegenüber Südafrika durchzusetzen, unterstützt durch diplomatische Beobachtermissionen aus 40 Ländern, darunter der DDR.

42 000 Flüchtlinge kehrten nach Namibia zurück, auch mit Interflug-Sondermaschinen, die zudem dringend benötigte Zelte und Hilfsgüter aus der DDR ins Land brachten. SWAPO-Präsident Sam Nujoma führte kurz vor der Rückkehr in seine Heimat noch Konsultationen in Berlin. Die DDR hatte den von westlichen Staaten erarbeiteten UN-Namibiaplan 1978 noch als einen Versuch abgelehnt, eine Machtübernahme der SWAPO zu verhindern. Inzwischen wurde der Plan als realistischer Kompromiss für eine politische Konfliktlösung aktiv unterstützt. Auch deshalb wurde die DDR-Beobachtermission trotz sowjetischen Widerspruchs nach Windhoek entsandt.

Bei der Verwirklichung des UN-Plans kam der Polizei-Funktion der UNTAG eine Schlüsselrolle zu. Mitte 1989 wurde beschlossen, ihre Stärke zu verdreifachen. Hier kamen nun auch beide deutsche Staaten zu ihrem ersten Blauhelmeinsatz - 50 Mann vom Bundesgrenzschutz und 30 Polizeibeobachter aus der DDR. Da patrouillierten an der angolanischen Grenze auch schon mal Volkspolizei und Bundesgrenzschutz gemeinsam im UN-Schützenpanzer. Die UNTAG-Polizeibeobachter trugen dazu bei, latente Konflikte zu entschärfen und unter Kontrolle zu halten. Die Verleihung der UN-Friedensmedaille war dann auch mehr als nur eine Geste.

Zu den Wahlen vom 7. bis 11. November reisten weitere 1200 internationale Beobachter nach Namibia, wiederum auch aus der DDR. Die internationale Präsenz trug zum Erfolg der Wahlen bei, an denen sich beeindruckende 95 Prozent der Bevölkerung beteiligten. Während auf Windhoeks Straßen der Wahlsieg der SWAPO gefeiert wurde, bilanzierte die UNO eine ihrer erfolgreichsten Missionen. UNTAG-Stabschef Cedric Thornberry erwähnt in seinen Erinnerungen an Namibia lobend auch explizit die DDR-Mission.