Südafrika / Transformationsprozess


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Transformationsprozess in Südafrika

Vortrag auf der Konferenz „Widerstand und Aufbruch. 125 Jahre Berliner Afrikakonferenz. 50 Jahre unabhängiges Afrika“ am 30.01.2010 in Berlin

Quelle: Autor

Ich werde in meinen Ausführungen nach einer historischen Einordnung der Entwicklung Südafrikas auf den Charakter des derzeitigen Transformationsprozesses im Lande mit sich daraus ergebenden Problemen und Herausforderungen eingehen und dann die jüngsten Entwicklungen im politischen Spektrum insgesamt und im ANC selbst thematisieren. Das schließt auch einen Blick in die Region ein. Ich werde einige dieser Fragen vertiefen, werde sie aber nicht umfassend beantworten können, sondern wohl eher noch weitere hinzufügen.

Einleitend ein kurzer Blick in die Geschichte. Als vor 125 Jahren die Berliner Konferenz stattfand, schien das Schicksal des heutigen Südafrika hinsichtlich seiner kolonialen Beherrschung bereits entschieden, wenngleich sich danach noch erhebliche Verschiebungen ergaben. Die schwarze Bevölkerung in Südafrika war damals trotz ihres bemerkenswerten Widerstandes über viele Jahrzehnte hinweg bereits weitgehend kolonialer Herrschaft unterworfen. Neben den englischen Kolonialgebieten Cape Province und Natal gab es zwei selbständige Burenrepubliken in Transvaal und im Oranje Freistaat im Landesinneren. Aus den vier Gebieten wurde – auch im Ergebnis des Burenkrieges 1899-1902 schließlich 1910 die Südafrikanische Union, später ein Dominion im britischen Commonwealth. In Südafrika fanden Kolonialismus und Rassismus eine besondere Ausprägung, deren Höhepunkt schließlich das Apartheid-System darstellte.

Der südafrikanische Befreiungskampf im 20. Jahrhundert war der Beginn und dann ein wichtiger Bestandteil des anti-kolonialen Befreiungskampfes auf dem afrikanischen Kontinent, der ANC ist die älteste Befreiungsorganisation Afrikas. Schließlich fand der Befreiungskampf in Afrika mit der Überwindung der Apartheid und mit der Mehrheitsherrschaft in Südafrika 1994 dort auch seinen Höhepunkt und krönenden Abschluss. Ich habe also keine Schwierigkeiten damit, auch im Kontext Südafrika seither von einer postkolonialen Entwicklung zu sprechen.

Nach jahrzehntelangem harten Kampf des ANC und seiner Bündnispartner sowie eines breiten Spektrums von Anti-Apartheidkräften gelang die Überwindung des institutionalisierten Rassismus schließlich nicht durch einen revolutionären Wandel sondern durch eine Verhandlungslösung mit weitreichenden Kompromissen. Diese betrafen u.a. die Integration von Teilen der alten Elite einschließlich von Sicherheitskräften, die Garantie von Eigentumsrechten und eine liberale Steuer- und Finanzpolitik. Die Erarbeitung und Annahme einer demokratischen Verfassung eröffnete dennoch die Chance, eine demokratische Mehrheitsherrschaft zu errichten und durch einen längerfristigen Transformationsprozess die Ziele des Befreiungskampfes zu verwirklichen. Diese verbinden im Selbstverständnis des ANC die Überwindung von rassistischer Unterdrückung und Ausbeutung mit dem Bemühen um soziale Gerechtigkeit und Überwindung der Armut.

Zum Transformationsprozess in Südafrika

Der Übergang von der Apartheid zu einem demokratischen Südafrika veränderte zunächst die politischen Strukturen und die politischen Machtverhältnisse. Letzteres allerdings in begrenztem Maße, denn Besitzverhältnisse und sozioökonomische Strukturen blieben zunächst unangetastet. Die ehemalige Befreiungsbewegung ANC stellt seit 1994 mit absoluter, zeitweise sogar mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament die Regierung.

Die Schaffung einer neuen demokratischen politischen Ordnung ist eine bedeutende Leistung. Die nachfolgende Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse, die schrittweise Umgestaltung soziökonomischer Strukturen und Besitzverhältnisse in der Wirtschaft und die Überwindung der gravierenden sozialen Unterschiede sind nur in einem langwierigen Prozess zu realisieren, der nicht ohne Widersprüche verläuft. Neben dem Wechsel der politischen Elite war er bislang vor allem durch den Versuch gekennzeichnet, eine Balance zwischen ökonomischer Stabilitätspolitik und Armutsbekämpfung herzustellen – mit ambivalenten Ergebnissen. Diese Kompromisse in der Regierungspolitik sind vielen Südafrikanern schwer zu vermitteln.

Zum bisherigen Transformationsprozess gehören Bemühungen um eine Restrukturierung und Modernisierung der unter dem Apartheid-Regime stark zentralisierten und auf die Bedürfnisse der weißen Minderheit ausgerichteten Wirtschaftsstrukturen und um eine Landreform. Gleichzeitig sollen mit der Affirmative Action die in der Vergangenheit unterprivilegierten Bevölkerungsschichten (Nichtweiße, Frauen, Behinderte) gezielt gefördert werden. Im Rahmen der angestrebten sozioökonomischen Veränderungen gehört dazu auch das Black Economic Empowerment, die Wirtschaftsförderung für schwarze Unternehmer. Es gibt Kritiker, die darin eine neue Apartheid sehen, andere sprechen – wohl nicht zu Unrecht – von einem Black Economic Enrichment, der Bereicherung einer relativ kleinen Gruppe der Bevölkerung.

Die mit der Überwindung der Apartheid verbundenen Erwartungen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit auf eine grundlegende Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse wurden erst in Ansätzen erfüllt. Erfolge wie der Bau von 2 Millionen Häusern im sozialen Wohnungsbau, Elektrizität für 7,4 Millionen Haushalte, Trinkwasser für 10 Millionen Menschen und dabei eine kostenfreie Basisversorgung mit Strom und Wasser für Arme sind nicht gering zu schätzen. Hinzu kommen freie Schulspeisung für 4,5 Millionen Kinder, die Einführung von Kindergeld und eine Art Sozialhilfe. 11 Millionen Menschen sind in dieses Sozialsystem integriert. Das ist enorm wichtig für die Armutsminderung, hat aber die sozialen Kontraste nicht grundsätzlich verändert.

Die tiefe soziale Spaltung Südafrikas besteht fort und verläuft  nach wie vor im wesentlichen entlang der Bevölkerungsgruppen. Die Hälfte der Bevölkerung ist arm, das Pro-Kopf-Einkommen eines Schwarzen liegt im Durchschnitt bei 13 Prozent von dem eines Weißen. Infolge des Strukturwandels stieg die Arbeitslosigkeit auf 40 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei 50 Prozent. Besonders schwer wiegt auch die Verbreitung von HIV/Aids, 5,5 Millionen Südafrikaner sind HIV positiv. Während die neu entstandene schwarze Mittelschicht von zwei auf zehn Prozent angewachsen ist und 500.000 Schwarze als wohlhabend gelten, ist das Einkommen der ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung weiter gesunken. 23 Prozent, das sind 2,4 Millionen Familien, leben noch in Slums. Die enormen sozialen Probleme sind mit einer anhaltend hohen Kriminalität verbunden.

Bei alledem ist nicht zu übersehen, dass sich der Transformationsprozess in Südafrika nicht im luftleeren Raum vollzieht. Er begann, als sich international die Dominanz neoliberaler Politik und Denkens weltweit durchgesetzt und der Globalisierung ihren Stempel aufgedrückt hatte. Die ursprünglichen Ziele der Befreiungsbewegung schienen in weite Ferne gerückt. Davon blieben auch die Strategen des ANC und seiner Bündnispartner in der regierenden Dreier-Allianz, der Kommunistischen Partei SACP und des Gewerkschaftsdachverbandes COSATU, nicht unbeeinflusst. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sind die Konflikte der letzten Jahre in der Dreier-Allianz zu sehen. Wenn in jüngster Zeit insbesondere in der Jugendliga des ANC und in den Gewerkschaften Forderungen nach der Nationalisierung von Banken und Bergwerken erhoben werden, so sind sie angesichts der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise in der Welt durchaus nicht mehr einsame Rufer in der Wüste.

Es verwundert nicht, dass neben den und natürlich beeinflusst durch die objektiven Probleme bei der Überwindung der Apartheid, neben den sozialen Problemen und mit den Verwerfungen durch gesellschaftliche Veränderungen auch in Südafrika typisch postkoloniale Erscheinungen wie Korruption und Machtmissbrauch auftreten, wie wir sie aus anderen Ländern kennen. Die Politik und eine in Südafrika vergleichsweise politisierte Öffentlichkeit sind diesbezüglich hoch sensibilisiert. Medien und Zivilgesellschaft spielen dabei eine große Rolle. Die Auseinandersetzungen mit solchen Erscheinungen bestimmen den politischen Diskurs, auch im ANC, und stehen durchaus im Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Offenheit und Transparenz spielen in zunehmendem Maße eine wichtige Rolle und sind von einigen Politikern bereits zu ihrem Credo erhoben worden.

Die Signale, die von einem im Transformationsprozess befindlichen Südafrika ausgehen, sind sehr widersprüchlich:

 Dem Land wird politische Stabilität bescheinigt, es befand sich zuletzt, bis zur jüngsten internationalen Krise, in der längsten wirtschaftlichen Expansionsphase seit 50 Jahren.

Das Land hat ein hohes internationales Ansehen wie seit Jahrzehnten nicht.

Die Dominanz des ANC im Parteienspektrum hält auch nach vier Wahlen an.

Noch vor zwei Jahren, vor den Krisenwirkungen, sprachen repräsentative Umfragen von Vertrauen in die Zukunft, vor allem auch unter schwarzen Jugendlichen.

Gleichzeitig mehren sich aber auch Stimmen der Enttäuschung:

Da sind die erwähnten anhaltenden sozialen Probleme und Verwerfungen, es gibt Unzufriedenheit über mangelnde Effizienz der neuen Strukturen, vor allem im öffentlichen Dienst.

Der Lebensstandard der Masse der Bevölkerung ist unzureichend; Forderungen nach sozialen Veränderungen münden inzwischen wiederholt in lokale Unruhen.

Die Freude in den 1990er Jahren über die Mehrheitsherrschaft bei der schwarzen und über den friedlichen Wandel bei der weißen Bevölkerung hat vielfach Unzufriedenheit Platz gemacht – bei den Schwarzen über nicht erfüllte Erwartungen, bei den Weißen über verloren gegangene Privilegien.

Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen 2008 unterstreichen den latenten sozialen Zündstoff im Lande.

Das innenpolitische Klima verschärft sich – auch innerhalb der regierenden Dreier-Allianz von ANC, COSATU und SACP sowie im ANC selbst.

Zu jüngsten politischen Entwicklungen

Der Transformationsprozess mit all seinen Verwerfungen reflektiert sich auch im politischen Leben. Die Konsolidierung des politischen Spektrums, wie sie sich mit den Wahlen 1999 und 2004 vollzog, hat in den letzten Jahren Risse erhalten. Es schien das einzutreten, was Beobachter schon lange erwartet hatten, dass die Parteienlandschaft durch Differenzierungsprozesse innerhalb des ANC und in der Dreier-Allianz neu gestaltet wird. Doch der 2008 vor allem aus Dissidenten des ANC entstandene Congress of the People COPE konnte bisher nicht den Beweis erbringen, dass er dem Anspruch einer neuen starken Opposition als potentielle Alternative zum ANC gerecht wird. COPE muss erst noch seine Identität finden. Gegenwärtig sind vier Parteien relevant: der ANC, die Democratic Alliance DA als offizielle Opposition, COPE und die Inkatha Freedom Party IFP, letztere als eine Regionalpartei. Die Opposition hatte in der Vergangenheit weder programmatisch noch politisch-taktisch überzeugt. Während die bisherigen Oppositionsparteien ethnisch geprägt waren, entstand mit COPE nun neben dem ANC eine weitere inklusive Partei mit Zulauf aus allen Bevölkerungsgruppen, die sich durchaus als Partei der schwarzen Mittelschicht konsolidieren könnte, was ihr aber bisher nicht gelungen ist.

Die Wahl 2009 konsolidierte und stabilisierte die Opposition, die im Wahlkampf bewies, dass sie eine größere Rolle spielen kann. Die neue Konstellation lässt Spekulationen über langfristige Entwicklungen der Opposition und gfs. auch unterschiedliche Allianzen zu. Es gibt bereits Gespräche der Oppositionsparteien über eine taktische Zusammenarbeit, beispielsweise bei den nächsten Kommunalwahlen. Allerdings sind gerade auf dieser Ebene die Gegensätze zwischen den Parteien nicht zu unterschätzen. Hoffnungen der Oppositionsparteien auf potentielle Koalitionspartner, die aus einem Differenzierungsprozess im ANC hervorgehen könnten, haben sich, abgesehen von COPE, als verfrüht erwiesen.

Der ANC hat bei der Wahl 2009 seine Dominanz bekräftigt, wenn er auch knapp unter der Zwei-Drittel-Mehrheit blieb. Offenbar ist es Zuma gelungen, den im Vorfeld der Wahl in der Auseinandersetzung mit Mbeki zerstrittenen ANC wieder stärker zusammen zu führen. Dann gab es noch ein weiteres Phänomen. Die neue Konkurrenz durch COPE erzeugte im ANC einen Mobilisierungseffekt, förderte Diskussionsprozesse und wirkte Verkrustungstendenzen entgegen. Der ANC ist weiterhin jedoch eher eine breite Bewegung als eine Partei in (unserem) klassischen Verständnis, ein Sammelbecken frei von einer ideologischen oder dezidiert gesellschaftlichen Festlegung. Aber worin liegt seine Stärke?

Der ANC ist für eine Mehrheit der schwarzen Bevölkerung (die 80 Prozent der Südafrikaner umfasst), weiterhin vor allem die Befreiungsbewegung, die die Apartheid überwunden hat;

die Loyalität zum ANC ist tief verwurzelt, für viele gab es bisher keine akzeptable politische Alternative dazu;

der ANC kann sich auf tatsächliche Erfolge auf sozialem Gebiet berufen, die sich vor allem in steten, wenn auch bescheidenen sozialen Verbesserungen ausdrücken;

der ANC verfügt über ein breites Führungspotential und hat nicht zuletzt in den jüngsten Auseinandersetzungen bewiesen, dass es eine innerparteiliche Demokratie gibt, wie selbst Thabo Mbeki erfahren musste;

der ANC verstand es letztendlich immer wieder – wenn es darauf ankam – sich den Problemen Südafrikas zu stellen und sie zu thematisieren. Im Wahlmanifest im Vorjahr waren das Arbeitsplätze, Kampf gegen die Kriminalität, Verbesserungen in Gesundheitswesen und Bildung, Landreform und ländliche Infrastruktur.

Mit dem Führungswechsel von Mbeki zu Zuma veränderte sich der ANC. Die unter Mbeki eingeschränkte Diskussionskultur im ANC wurde wiederbelebt. Die Organisation öffnete sich, auch für kontroverse öffentliche Diskussionen. Ein Höhepunkt war unzweifelhaft der Parteitag von Pholokwane 2007, der Mbeki als Parteichef abwählte, den ANC allerdings auch auf eine echte Belastungsprobe stellte. Den Geistern, die Zuma damals rief, muss sich der neue Präsident nun allerdings auch selbst stellen. Die gerade auch in jüngster Zeit sehr heftigen Auseinandersetzungen innerhalb des ANC und erneut auch innerhalb der Regierungsallianz reflektieren die Heterogenität der Bewegung. Die Allianz des ANC mit COSATU und SACP hat eine weit größere Überlebensfähigkeit bewiesen, als die meisten Beobachter vor anderthalb Jahrzehnten angenommen haben. Sie wird aber weiterhin durch erhebliche Spannungen auf ihre Belastbarkeit getestet. Natürlich geht es da auch Rechts gegen Links, Nationalisten gegen Kommunisten, aber beispielsweise attackieren sich SACP und ANC-Jugendliga, oder COSATU befindet sich in der Auseinandersetzung um die Plankommission plötzlich in einem Boot mit der oppositionellen Democratic Alliance. Es kommen latente rassische und ethnische Probleme hoch, die politische Vergangenheit spielt eine Rolle, persönliche Animositäten und Machtkämpfe. Aber offenbar sind Politiker auch lernfähig. Jacob Zuma hat es sorgfältig vermieden, sich auch als neuer Staatspräsident zu sehr vom Volk zu entfernen. Er schuf nicht nur eine telefonische Hotline zum Präsidentenbüro, ging selbst in Gebiete sozialer Unruhen, bekräftigte das Recht auf Streik und soziale Proteste, verurteilte aber scharf dabei aufgetretene Gewalt.  

Unzweifelhaft hat der Zuma-Faktor beim jüngsten Wahlsieg des ANC eine Rolle gespielt. Seine Botschaft „Ich bin einer von Euch“ kam bei den Menschen an. Ohne die von Mbeki selbst zugespitzte Kontroverse mit Zuma wäre dieser jedoch möglicherweise überhaupt nicht Präsident geworden, andere aussichtsreiche Kandidaten waren zur Hand. Die Entscheidung im ANC für Zuma war vor allem eine Entscheidung gegen Mbeki. Die negative Perzeption Zumas durch internationale und zum Teil auch südafrikanische Medien spiegelte in keiner Weise die Stimmung in der Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung wider. Zumas Populismus, Traditionalismus, sein demonstratives Selbstbewusstsein, die von den Medien kritisiert oder belächelt wurden, machten ihn für viele Südafrikaner zu ihrem Mann. Das betraf auch die Offenheit und den kritischen Geist, mit der er Unzulänglichkeiten ansprach. In der politischen Auseinandersetzung mit Mbeki ging Zuma auf die sozialen Probleme der Menschen ein und versprach Verbesserungen. Armutsbekämpfung hatte Priorität im Wahlkampf. Jetzt nehmen die Südafrikaner ihn beim Wort, ihre Erwartungshaltung ist groß. Doch zunächst einmal punktete Zuma nach den Wahlen. Die Veränderung seiner negativen Perzeption in den Medien und auch bei Politikerkollegen war ein erster Erfolg. Selbst Führer der Oppositionsparteien, die einst durch ein Aktionsbündnis diesen Präsidenten um jeden Preis verhindern wollten, gaben plötzlich eine ausgewogene, erstaunlich positive Bewertung Zumas. Und Zuma überraschte weiter, ging auf politische Gegner zu und integrierte sie in die Transformationsbemühungen.

Dabei war die Konstellation beim Amtsantritt Zumas denkbar ungünstig. Seine persönliche Rechtschaffenheit war durch Anklagen und Beschuldigungen beschädigt, um so erstaunlicher sein inzwischen etabliertes Image eines konsequenten Gegners der Korruption. Angesichts der sozialen Probleme des Landes sieht er sich großen Herausforderungen gegenüber. Die globale Krise hat auch Südafrika erreicht. Streiks und soziale Unruhen unterstrichen bereits den Ernst der Lage. Zuma stellte sich den Problemen, sprach sie offen an und scheute auch nicht die Konfrontation mit wichtigen Verbündeten wie den Gewerkschaften. Nunmehr werden von ihm Taten erwartet, die auch nicht durch Gesten wie demonstrative Besuche in Townships zu ersetzen sind. Aber solche Gesten waren natürlich wichtig. Zuma vermittelt den Eindruck, er sei bereit, den Menschen zuzuhören und sich beraten zu lassen.

Südafrikas Transformation befindet sich in einer kritischen Phase. Der charismatische Bischof Tutu, man mag über die Ausgewogenheit seiner Urteile unterschiedlicher Auffassung sein, reflektiert die Meinung vieler Südafrikaner, wenn er sagt, dass sie sich um die Früchte des Befreiungskampfes betrogen fühlen, während eine kleine Schicht neuer Reicher davon profitiert. Es ist allerdings eine Illusion zu glauben, dass angesichts der komplizierten Gemengelage dieses Landes nach einer so langen Geschichte von Rassismus, Unterdrückung und Gewalt alle Probleme in wenigen Jahren überwunden werden können. Vielleicht wurden – in Südafrika selbst, aber auch von vielen Beobachtern - angesichts des Wunders einer relativ friedlichen Überwindung der Apartheid und mit der Lichtgestalt Mandela die Erwartungen an die postkoloniale Entwicklung des Landes sehr hoch gesetzt, und sie werden nunmehr auf den Boden nüchterner Tatsachen zurück geführt. Die von den Medien in jüngster Zeit so massiv hervorgehobenen Probleme gab es bereits, als die Wahrnehmung Südafrikas von Regenbogennation und Versöhnung bestimmt wurde. Auch der demokratische Wandel ist ein langwieriger Prozess. Der friedliche Systemwechsel 1994, regelmäßige freie Wahlen und ein reibungsloser Präsidentenwechsel von Mandela zu Mbeki waren wichtige Kriterien, aber dieser Wandel ist damit noch nicht abgeschlossen. Gesellschaftliche Veränderungen, wie sie in Südafrika anstehen, erfordern Zeit, ein hohes Maß an politischem Geschick und ein sehr breites Engagement.

Die Legitimität des neuen Südafrika leitet sich wesentlich aus dem Kampf um Demokratie und Menschenrechte her. Die demokratische Transformation in Südafrika hat großen Einfluss auf andere Länder der Region. Das betrifft auch die internationale und regionale Rolle Südafrikas. Die Ambivalenz dazu in Südafrika selbst und in der Region ist außerordentlich groß – man weiß um die regionale Führungsrolle Südafrikas, aber auch um die damit verbundene historische Hypothek und entsprechende Befindlichkeiten der Nachbarstaaten. Sehen diese Nachbarn die Politik Südafrikas in der Region als Partnerschaft oder als Hegemonie? In der großen weiten Welt, auch in Europa, werden solche Befindlichkeiten oft vergessen und unrealistische Erwartungen an Südafrika gestellt. Die inzwischen schon regelmäßige Einladung des südafrikanischen Präsidenten zum Gipfel der G 8 mindert die Entwicklungsprobleme des Landes noch nicht. Südafrika ist dort im Vergleich mit anderen Staaten seiner „Kategorie“ - China, Indien, Brasilien - weder von der Größe noch vom ökonomischen Gewicht auch nur annähernd ebenbürtig. Und die regionale ordnungspolitische Rolle, die man dem Land am Kap gern zuordnen will, zeugt nur von historischer und interkultureller Ignoranz. Südafrika – das war noch vor 20 Jahren für die Nachbarn in der Region ein aggressives Regime mit einer Politik der Destabilisierung, der Aggression und des Terrors. Da verwundert es nicht, dass ein Einsatz südafrikanischer Truppen bei friedenserhaltenden Maßnahmen mit zunehmender Entfernung von der unmittelbaren Subregion einfacher wird. Das Negativbeispiel des Truppeneinsatzes in Lesotho 1998 ist nicht vergessen. Noch ein anderer Aspekt - auch heute ist die Wirtschaft Südafrikas so dominant in der Region und auf dem gesamten Kontinent, das damit schon wieder Alpträume verbunden sind. An Stelle des Vergleichs der Wirtschaftsmacht Südafrika mit einer Lokomotive für die ökonomische Entwicklung des Kontinents hört man auch schon mal das Wort von der Dampfwalze. Politiker in Südafrika sind sich der damit verbundenen Gefahren für die eigene Regionalpolitik wohl bewusst.

Ein Blick in die Region zeigt auch, dass das Phänomen einer dominanten Rolle der Befreiungsbewegung an der Macht wie im Falle des ANC keine Ausnahme im südlichen Afrika ist. Alle Organisationen, die einen lang anhaltenden, zumeist auch bewaffneten Befreiungskampf geführt und sich letztendlich durchgesetzt haben, befinden sich dort noch an der Macht, unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Das ist so in Angola, Mosambik, Namibia, Südafrika, und auch in Simbabwe, wo ungeachtet der (instabilen) Regierung der nationalen Einheit die ZANU-PF die Macht nicht aus der Hand gegeben hat. Diese Befreiungsbewegungen dominieren teilweise bereits 35 Jahre in ihren Ländern. Das ist in anderen Staaten der Region nicht unbedingt der Fall. Zumindest im Falle Südafrikas muss man festhalten, dass diese dominante Position des ANC nicht etwa einem Mangel an Demokratie und Pluralismus geschuldet ist.

Abschließend doch noch ein Wort zur bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft. Während in Kapstadt und anderen Spielorten derzeit die neuen Stadien eingeweiht werden, bereitet sich mancher in Südafrika bereits auf das nächste große politische Ereignis vor - das ist 2012 der 100. Jahrestag des ANC. Der ANC will bis dahin seine Mitgliedschaft auf eine Million verdoppeln. Viel wichtiger scheint jedoch die Frage, welchen Charakter die Partei dann haben wird – denn bei den derzeitigen Auseinandersetzungen um Personen geht es nicht nur um Machtfragen, sondern auch um die inhaltliche Orientierung. Generalsekretär Gwede Mantashe warnte gerade auf einer Lekgotla, einer internen Beratung der ANC-Führung, vor der Gefahr, der ANC könne sich von einer Bewegung, die von den Massen kontrolliert wird, in eine solche verwandeln, die von einflussreichen, kapitalstarken Kreisen beherrscht wird. Er kritisierte Machtkämpfe und fraktionelle Auseinandersetzungen in der Partei. Die politische Entwicklung innerhalb des ANC und der Dreier-Allianz, aber auch darüber hinaus, sollte weiterhin aufmerksam verfolgt werden. Es gibt viel Bewegung in Südafrika, der Transformationsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen.