Südafrika / Mandela


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Mahner Mandela – das Gewissen der Nation"

Aus dem politischen Ruhestand meldet sich Südafrikas Legende selten, aber wirkungsvoll zu Wort

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 10.02.2010

Seit der Amtsübergabe an Thabo Mbeki 1999 übt Nelson Mandela keine offizielle Funktion mehr aus. Trotz seines demonstrativen Rückzugs aus dem politischen Alltag blieb Mandela in Südafrika und darüber hinaus präsent – auch als Gewissen der Nation.

Wenn der alte Mann sich zu Wort meldet, geht es ihm um das Land Südafrika, seine Probleme und seine Menschen. Seine Führungspersönlichkeit ist bis ins hohe Alter spürbar. In einem der seltenen Interviews erklärte er nach seinem Rücktritt, sein größter Erfolg als Präsident sei es gewesen, die Nation zu einen sowie Würde und Selbstrespekt wiederherzustellen. Den ANC mahnte er, die Streitkultur der ehemaligen Befreiungsbewegung zu erhalten. Zentralistische Führungslinien im ANC verteidigte er unter Hinweis auf traditionelle afrikanische Demokratieformen: Nach ausführlichen Beratungen, einer Lekgotla oder Imbizo, verkündet der Häuptling die Mehrheitsentscheidung. Aus solcher empirischer Prägung durch afrikanische Traditionen hatte Mandela nie einen Hehl gemacht. Scharf verurteilte er Korruption und Bereicherung in Südafrika, nannte Arbeitslosigkeit eines der größten Probleme und eine extreme Verletzung der Menschenwürde.

Mandela hat sich seine Würde und Autorität auch im politischen Ruhestand erhalten, ebenso seine Visionen und sein Charisma. Er versteht es meisterlich, Hartnäckigkeit, manchmal sogar Sturheit, mit persönlichem Charme, Selbstironie und Humor zu verbinden, vielleicht das Erfolgsrezept für seine Madiba Magic, die nach seinem Clannamen benannte Ausstrahlung und Überzeugungskraft.

Wenn Mandela sich einmischt, dann zumeist zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Er erhob seine Stimme, als es um den Umgang mit HIV/Aids ging, und forderte weltweit eine offensive, verantwortungsbewusste Politik. Der eigene Sohn war an Aids gestorben, Mandela engagierte sich national und international. Die Nelson-Mandela-Stiftung leistet Aufklärungsarbeit zu HIV/Aids. 2008 verurteilte Mandela die fremdenfeindlichen Ausschreitungen im Lande.

Allerdings meinen Kritiker, manchmal habe er zu lange geschwiegen. Das galt auch für Simbabwe. Seine späte Kritik am »tragischen Regierungsversagen« dort ging manchen nicht weit genug. Andererseits hatte er sich bei der Lösung afrikanischer Konflikte engagiert. Nicht nur dort. Unmissverständlich kritisierte er die Irak-Politik von George W. Bush und Tony Blair und weigerte sich, Bush bei dessen erstem Südafrika-Besuch zu treffen. Es ist wohl auch der Madiba Magic zu verdanken, dass Südafrika die Fußball-WM 2010 erhielt. Zur FIFA in Zürich brachte er jedenfalls Vuvuzelas mit: Die durchdringenden Plastiktröten sollten das Engagement südafrikanischer Fußballfans bekräftigen.

Seit seinem Rückzug aus der Politik engagiert sich Mandela verstärkt für soziale und humanitäre Projekte, unter anderem zur Unterstützung von Kindern und von Aids-Opfern, aber auch für die Ausbildung Jugendlicher. Auch hier setzte er Autorität und seinen oft nachdrücklichen Charme ein. Einen Ruhestand im wörtlichen Sinne gab es nicht für ihn. An seinem 86. Geburtstag kündigte Mandela schließlich an, kürzer zu treten. Das war ernst gemeint und gesundheitlichen Gründen geschuldet. Aber der alte Mann, inzwischen schon ein lebender Mythos, ist immer noch da – und macht sich bemerkbar, wenn er es für nötig erachtet.

Sicher passte er besser in den Nimbus Südafrikas von der Regenbogennation der 90er Jahre als in die rauen Winde des jüngsten politischen Alltags. Dennoch stellt er sich auch diesem Klima. Aus machtpolitischen Querelen im ANC hielt er sich jedoch weitgehend heraus, mahnte nur nachdrücklich zu politischer Kultur. Es mag Madiba deshalb gefreut haben, dass Jacob Zuma bei seinem Machtantritt 2009 ausdrücklich eine Wiederbelebung der Aussöhnungspolitik Mandelas ankündigte.