Vietnam / Geschichte DDR-Außenpolitik


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Schleicher, Ilona:

"Kehrt zurück nach Deutschland!"

Vor 60 Jahren: Aufruf der DDR-Regierung an die deutschen Fremdenlegionäre in Vietnam

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 13.02.2010

»Kämpft nicht gegen den Freund des deutschen Volkes, Vietnam, kommt nach Hause, kehrt zurück nach Deutschland, hier wartet auf Euch ein ehrenhaftes und sinnvolles Leben.« – Mit diesem Aufruf wandte sich die damals noch provisorische Regierung der DDR vor 60 Jahren, am 2. Februar 1950, an die deutschen Soldaten in der französischen Fremdenlegion. Die DDR-Regierung erklärte ihre »Sympathie und Freundschaft für den heldenhaften Kampf der Demokratischen Republik Vietnam um Freiheit und nationale Unabhängigkeit«. Die deutschen Legionäre wurden aufgefordert, zur vietnamesischen Volksarmee überzulaufen – bei Garantierung einer vollständigen Amnestie, von Arbeit und Ausbildungsmöglichkeiten in der Heimat. Diese Erklärung galt sowohl in Vietnam als auch in der DDR offiziell als Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Historisch korrekt ist jedoch, dass die formelle Aufnahme dieser Beziehungen erst fünf Jahre später erfolgte.

Die Demokratische Republik Vietnam befand sich bald nach der Proklamierung ihrer Unabhängigkeit am 2. September 1945 in einem harten Abwehrkampf gegen wortbrüchige Versuche Frankreichs, seine Kolonialherrschaft mit militärischer Gewalt wiederzuerrichten. Mit der Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949 schienen endlich günstige Bedingungen für einen baldigen Erfolg des vietnamesischen Unabhängigkeitskampfes herangereift zu sein. Ho Chi Minh wandte sich aus den Bergen des Viet Bac, der Basis der vietnamesischen Befreiungsfront Viet Minh, an alle Regierungen. Er erklärte die Bereitschaft der DRV, diplomatische Beziehungen zu allen Ländern aufzunehmen. China, die Sowjetunion und einige osteuropäische Länder folgten diesem Ruf.

Für die gerade vier Monate alte DDR erschien ein solcher Schritt damals jedoch nicht opportun. Auch wenn im Außenministerium die Vorbereitungen für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen Anfang 1950 anliefen, blieb es bei der Erklärung an die deutschen Fremdenlegionäre. Wie der Kenner der Materie Joachim Krüger hervorhebt, zeigte sich im Vorgehen der DDR die Berücksichtigung ihrer besonderen nationalen und internationalen Position. Diese gebot, die Siegermacht Frankreich nicht zu provozieren. Sie erlaubte aber, so Krüger, das Herausfinden eines solidarischen Ansatzes und einer entsprechenden symbolhaften Handlung gegenüber Vietnam, das seinerseits diese Haltung der DDR respektierte.

Die Erklärung vom 2. Februar 1950 entsprach ganz konkreten Bedürfnissen der vietnamesischen Befreiungsbewegung, die Partei der Werktätigen Vietnams hatte den Parteivorstand der SED zuvor auf die Frage der deutschen Fremdenlegionäre aufmerksam gemacht. Und es blieb nicht bei Worten. Im Frühjahr 1951 wurde ein erster Transport von 67 ehemaligen Söldnern in die DDR organisiert, die Angaben über die Gesamtzahl der bis Ende 1954 Zurückgeführten schwanken zwischen 1000 und 3000. Für viele Ostdeutsche ist Vietnam durch die vielfältigen propagandistischen und kulturellen Aktivitäten zu diesem Thema erstmals zu einem Begriff, für nicht wenige zum Ausgangspunkt einer dauerhaften solidarischen Verbindung geworden.

Freilich wurden die Rückführung der deutschen Soldaten sowie die sie begleitende Propaganda auch für die deutsch-deutsche Auseinandersetzung eingesetzt. Verwundern kann dies nicht, wurde die Mehrzahl der deutschen Legionäre nach Ende des Zweiten Weltkrieges doch von der französischen Armee in den westlichen Besatzungszonen bzw. in der Bundesrepublik mit Billigung der dortigen Behörden geworben. Erst am 3. Februar 1953 beschloss der Bundestag, die Anwerbung von Deutschen für die Fremdenlegion unter Strafe zu stellen.

Etwa 55 Prozent aller im ersten Indochina-Krieg eingesetzten 19 000 Fremdenlegionäre sollen deutscher Abstammung gewesen sein. In keinem Kolonialkrieg Frankreichs sollen so viele Deutsche ihr Leben gelassen haben wie in Vietnam. Und auch in der Schlacht bei Dien Bien Phu, die 1954 die Niederlage der französischen Kolonialarmee besiegelte, waren von den neben Soldaten der französischen Armee eingesetzten 3500 Legionären etwa 1600 Deutsche. Ihnen gegenüber stand der Antifaschist und Sozialist Erwin Borchers. Er kämpfte wie einige andere Deutsche nach einer Odyssee vom französischen Exil über Internierungslager und die Fremdenlegion seit 1945 aus tiefer innerer Überzeugung in der vietnamesischen Volksarmee – vor allem mit Flugblättern, Lautsprechern, Zeitungen. Auch bei Dien Bien Phu bemühte sich Borchers, seine Landsleute zum Seitenwechsel zu bewegen. 140 Männer folgten seinem Aufruf.

Mit dem Sieg der Viet Minh und den Verträgen der nachfolgenden Genfer Indochina-Konferenz veränderte sich die internationale Position der DRV grundlegend. DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl kabelte anlässlich der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens vom 22. Juli 1954 an Ho Chi Minh, dass das vietnamesische Volk beim Aufbau seiner Friedenswirtschaft auf die Hilfe der DDR zählen kann. Am 8. Dezember 1954 schließlich unterschrieben die Botschafter der DDR und der DRV in Peking ein Kommunique, in dem festgelegt wurde, die »bestehenden engen freundschaftlichen Beziehungen weiter zu festigen und gegenseitige diplomatische Vertretungen auszutauschen«.

Die Solidarität blieb ein herausragendes Merkmal der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Sie begleitete den unsäglich schweren Weg Vietnams zur endgültigen Sicherung seiner nationalen Unabhängigkeit, zu Einheit und Frieden und schließlich auch den Wiederaufbau. Der beim Nationalrat der Nationalen Front seit 1950 bestehende Korea-Hilfsausschuss wurde auf Beschluss der SED-Führung 1954 in den »Solidaritätsausschuss für Korea und Vietnam« umgewandelt, der bis 1957 Hilfsleistungen organisierte. Während des Aggressionskrieges der USA wurde der 1965 gebildete Vietnam-Ausschuss beim DDR-Solidaritätskomitee Motor einer breiten Solidaritätsbewegung. Vietnam blieb ein Schwerpunkt der Arbeit des Solidaritätskomitees auch nach Kriegsende.

Nach 1990 knüpfte der Solidaritätsdienst-international e.V. (SODI), Rechtsnachfolger des DDR-Solidaritätskomitees, an die Vietnam-Solidarität der Vergangenheit, die vielen Ostdeutschen zur Herzenssache geworden war, an. Gemeinsam mit den vietnamesischen Partnern werden unter veränderten Rahmenbedingungen viele Entwicklungsprojekte realisiert.