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Kukuk, Klaus:

Vorwort zum Buchtitel: Jitka Gruntová: "Die Wahrheit über Oskar Schindler - Weshalb es Legenden >>über gute Nazis<< gibt (Verlag edition-ost 2010)

Übersetzt und herausgegeben von Klaus Kukuk

Quelle: Autor

Als Hollywood Oskar Schindler (1908-1974) auf die Leinwand brachte, wurde der sudetendeutsche Fabrikant binnen weniger Jahre weltberühmt. Steven Spielbergs Film »Schindlers Liste« bekam 1994 sieben Oscars und der Regisseur 1998 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In diversen internationalen Hitlisten rangiert der Streifen ganz vorn: Platz 3 bei den besten Leinwand-Epen aller Zeiten, Platz 9 der 100 besten Filme aller Zeiten, Platz 3 der 100 am meisten inspirierenden Filme aller Zeiten. In der Top-250-Liste der bestbewerteten Filme der Internet Movie Database befindet sich »Schindlers Liste« auf Platz 6 …

Der Hollywood-Film spielte weltweit 321 Millionen Dollar ein.

Auch daran ist ersichtlich, dass es sich primär um ein kommerziell-künstlerisches Ereignis handelte, obgleich doch bei dieser Literaturverfilmung – nach Thomas Keneallys Roman »Schindler’s List« (1982) – stets die politische Botschaft herausgestellt worden war. Nämlich jene, die der Bundespräsident bei der Ehrung Spielbergs im Berliner Schloss Bellevue formulierte: »Und je mehr uns die Gegenwart lebendiger Zeitzeugen abhanden kommt, desto wichtiger wird es, andere Formen zu finden, die uns unsere Geschichte sinnlich erfahren lassen. Mit Ihrem Film ›Schindlers Liste‹ haben Sie dem Grauen und der Hoffnung Gesichter gegeben. Und Ihr Film hat gezeigt, dass die persönliche Verantwortung des einzelnen niemals erlischt – auch nicht in einer Diktatur. Wir müssen keine perfekten Helden sein, aber wir haben die Pflicht zu handeln, selbst wenn es scheint, dass wir mit einem Löffel den Ozean ausschöpfen. ›Wer nur einem Menschen das Leben rettet, rettet die ganze Welt.‹ Das ist die Botschaft des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts an die kommenden Generationen.«

Roman Herzog gab mit dieser Bemerkung die falsche Lesart vor, nämlich ein »Kunstwerk« als die Wirklichkeit zu nehmen. Spielbergs Film ist das eine, die Geschichte das andere. Indem man aber beides absichtsvoll miteinander vermischt, entstehen Bilder von der Vergangenheit, wie man sie gern hätte, nicht wie sie tatsächlich war. Kunst und Realität sind zwei verschiedene Dinge. Das eine reflektiert, das andere dokumentiert. Reflexion gestattet nicht nur, sondern verlangt nach Überhöhung, Zuspitzung, Übertreibung, Vereinseitigung, subjektiver Interpretation – all das, was dem Historiker, mit Recht, ein Gräuel ist.

Es stellt sich also die Frage nach dem Warum. Warum wurde dieser Film-Figur soviel Aufmerksamkeit zuteil etwa durch die hiesige Politik? (Übrigens wie Jahre später der, gleichfalls Oscar-gekrönte, Spielfilm »Das Leben der Anderen«.) Oder wie beim Film »John Rabe« (2009), dessen Held als »Schindler von China« ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden sollte. Der aber blieb, wider Erwarten, nur ein nationales Ereignis. Vielleicht schien die Fabel ein wenig maßlos: Schindler wurde die Rettung von 1.200 Menschen zugeschrieben, Rabe gleich einer Viertelmillion. Eventuell lag es aber auch an deren Herkunft. Rabe rettete Chinesen.

Zu Beginn des Jahres 2010 strahlte das ZDF in seinem »Montags-Kino« den »spannenden Widerstandsthriller ›Das schwarze Buch‹« aus, eine holländisch-deutsch-belgisch-britische Gemeinschaftsproduktion. »Basierend auf einer wahren Begebenheit wird die Geschichte der jüdischen Sängerin Rachel Stein erzählt, die sich nach der Ermordung ihrer Eltern holländischen Widerstandskämpfern anschließt und als Spionin auf die deutschen Besatzer angesetzt wird. Dabei verliebt sie sich in den hochrangigen SS-Offizier Müntze und gerät in schwere Loyalitätskonflikte«, so die deutsche Sendeanstalt in der Eigenwerbung.

Der sehr teure Film des Hollywood-Regisseurs Paul Verhoeven (»Basic Instinct«) ist derart abstrus und ahistorisch, dass man darüber sehr viel oder besser nichts sagen sollte. Wenn er nicht eben dieses bekannte Muster vom »guten Nazi« bediente: Der hochrangige SD-Chef in einer namenlosen holländischen Stadt Ludwig Müntze (gespielt von Sebastian Koch, der in »Das Leben der Anderen« das prominente »Stasi-Opfer« gab, sic!) wird im April 1945 (!) durch die Macht der Liebe geläutert und zum Widerstandskämpfer, weshalb ihn ein deutsches Mordkommando vor den Augen der kanadischen Befreier hinrichtet. Ein hochrangiger Nazi, verantwortlich für die Ermordung unzähliger Menschen, vollzieht also die wundersame Wandlung vom Saulus zum Paulus. Das ZDF gab die Lesart vor (der europaweit gefolgt wurde: 73.700 Einträge bei Google): »›Es ist ein Thriller, der auf einer wahren Geschichte beruht. Alle Erzählstränge basieren auf wahren Begebenheiten, die Hauptfiguren beruhen auf realen Personen‹, erzählt der niederländische Regisseur zu seinem ambitionierten Filmprojekt ›Das schwarze Buch‹, das zu einem großen Teil mit deutschem Geld zustande kam.«

Solche Kunstwerke erfüllen einen Zweck: Sie kreieren und verbreiten Legenden, keineswegs Geschichte. Man möchte, dass sich die Geschichte so zugetragen hat. Mit »guten«, »menschlichen« Nazis. Unausgesprochen schwingt die Botschaft mit: Wenn es in einem solchen verbrecherischen System solche edlen Charaktere gab, kann das ganze System nicht so kriminell gewesen sein: »ein bewegendes Zeugnis aktiver Menschlichkeit in einer unmenschlichen Umgebung«, wie es im »Lexikon des Internationalen Films über »John Rabe« heißt. »Nicht ohne stilistische Mängel und stilistische Zugeständnisse an Hollywood, doch insgesamt auf hohem Niveau und von großer Eindringlichkeit.« Oder TV Spielfilm über »Das schwarze Buch« und den Regisseur: »Seine kolportagehaft inszenierte Geschichte, in der schnell geschossen und viel nackte Haut präsentiert wird, zeigt die Grauzonen zwischen Gut und Böse.«

Nachts sind eben alle Katzen grau.

Lassen wir jedoch einmal die bei solchen Kunstwerken mitschwingende politische Absicht beiseite und versuchen der tatsächlichen Geschichte nahe zu kommen. Wir fragen nicht: Wozu und zu welchem Zweck gibt es Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Diktatur und dem Ende des von ihr verübten Völkermordes solche Filme? Sondern wir wollen wissen: Wer war dieser Oskar Schindler, der die Vorlage für einen solchen Film lieferte? Wie und wo lebte er, was tat oder unterließ er? Ist es gerechtfertigt, ihn auf einen Denkmalsockel zu heben?

Jitka Gruntová stammt aus dem gleichen Ort wie Schindler. Sie arbeitete in Svitavy/Zwittau im Museum und beschäftigte sich mit den dort und in vielen Archiven vorhandenen Unterlagen.

Oskar Schindler wurde am Ende des Krieges in Polen und in der Tschechoslowakei als mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesucht. Sein Strafregister aus den 30er Jahren belegt kriminelle Energie. Er war seit 1935 – als Staatsbürger der Tschechoslowakei – Agent der nazideutschen Abwehr von Admiral Canaris, ab 1944 gehörte er sogar dem faschistischen Sicherheitsdienst (SD) an.

1935 hatte sich Schindler der Henleinpartei angeschlossen, der 5. Kolonne der reichsdeutschen Nazipartei in den Sudeten, und 1938 trat er der NSDAP bei. 1938, vor der Besetzung Zwittaus durch die Wehrmacht am 10. Oktober, wurde wegen militärischen Verrats gegen Schindler ermittelt: Er wurde von den tschechoslowakischen Justizorganen verhaftet. Das Münchener Abkommen vom 30. September 1938 rettete ihn vielleicht vor dem Galgen.

Sein während des Krieges angehäuftes Vermögen resultierte ausschließlich aus der Ausbeutung jüdischer Arbeitssklaven in Polen und der Tschechoslowakei.

Die tschechische Autorin, studierte Historikerin und promovierte Pädagogin, orts- und landeskundige Landsfrau von Oskar Schindler, hat es in nahezu zwei Jahrzehnten akribischer Nachforschungen in nationalen und internationalen Archiven vermocht, Schritt für Schritt jenes Geflecht von Legenden und Tatsachen, das Schindler und seine Lobby um dessen Wirken während der letzten zwei Kriegsjahre gewoben haben, zu entwirren und auf belegbare rationale Grundlagen zu stellen, soweit das die Akten- und Quellenlage heute noch zulässt. Dabei ist sie nicht selten auf mangelnde Sorgfalt bei Journalisten und Autoren wie auf verständliche sowie vermutlich bewusste Gedächtnislücken von Zeitzeugen gestoßen, die in mühsamer Kleinarbeit zu schließen und zu verifizieren waren.

Jitka Gruntová stellte die künstlerische Freiheit von Romanautoren und Filmregisseuren nie in Frage. Sie nahm allerdings daran Anstoß, dass – flankiert von Medien und »Zeitzeugen« – eine Legende aufgebaut und genährt wurde, die als historische Wirklichkeit wahrgenommen werden sollte.

Schindler selbst war bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit schon nach Kräften bemüht, mit umtriebigen PR-Aktivitäten ein Image zu pflegen, das seine Rolle als Sklavenhalter und Kriegsgewinnler in eine Wohltäterfigur umzuwidmen erleichtern sollte.

Das Interesse des weltbekannten, vor den Nazis 1935 geflohenen Filmregisseurs mit jüdischem Hintergrund, Fritz Lang 1 an Schindlers Geschichte geht offenbar auf Schilderungen von Leopold Pfefferberg alias Paul Page 2 und andere zurück, die ganz im Sinne der Legendenbildung Schindlers und der Verklärung ihrer eigenen Rolle in der Nachkriegszeit auch international aktiv geworden sind.

Ein 17-seitiger Brief Oskar Schindlers aus Buenos Aires an Fritz Lang vom Juli 1951 war erkennbar von dem Bestreben diktiert, die eigene Vita in möglichst günstiges Licht zu tauchen und sie dem Regisseur als Filmstoff anzutragen. So darf man eine Reihe seiner Darstellungen als eher untertriebene Sichtweisen ansehen, auf die er allerdings größten Wert legt: »Erst will ich feststellen, dass ich nicht Altreichs-Deutscher, sondern Sudetendeutscher bin, also Beutegermane, und gehöre heute in die Millionenarmee der Heimatvertriebenen. (Mir sind die Bilder meiner Flucht und Erniedrigung mit all dem blutigen Gräuel der sadistischen Meute der

Tschechei genauso lebhaft in Erinnerung wie die Untaten deutscher ›Übermenschen‹ gegen wehrlose Juden, Polen, Frauen und Kinder).

Als zweites Moment, das richtig zu stellen ich für wichtig halte, ist, dass ich kein hohes Pateimitglied war, ich verfügte nicht einmal über ein Parteibuch, sondern eine Zahlkarte als Anwärter. […] Auch erkannten wir bald den Segen der Besetzung resp. späteren Anschluss. Waren schon nach dem Tode Masaryk[s] 3 unter dem Scharlatan Benesch 4 unsere Rechte klein geworden (was Lord Runciman 5 u. Chamberlain 6 als völkerrechtswidrig erkannten und so den Anschluss legalisieren halfen), so waren wir nach dem Anschluss wieder nicht vollwertig, nur unsere Pflichten wurden ungeheuer.« 7

Schindler knüpfte schließlich die Erwartung an den Adressaten, dass der weltberühmte Regisseur aus Schindlers Geschichte einen »Großfilm Sudetia« erschaffen möge.

Man geht sicher nicht fehl in der Annahme – zumindest ist es nicht auszuschließen –, dass ein Mann wie Lang, Gründe sah, sich einem solchen Stoff, wie ihn Schindler ihm angeboten hatte, zu verweigern. Der deutsche Antifaschist Fritz Lang hatte nicht nur Filmgeschichte geschrieben – er war in den USA Mitbegründer der »Anti Nazi League« und hatte gemeinsam mit Bertolt Brecht 1943 den antifaschistischen Film »Hangmen also die« (»Auch Henker sterben«) geschaffen.

Es musste ein Vierteljahrhundert Gras über das historische Geschehen wachsen, ehe die Bemühungen der Schindler-Lobby nach dessen Tod 1974 erfolgreich waren und das hässliche Bild des gerichteten Judenmörders Adolf Eichmann 8 durch die Legende des Judenretters Oskar Schindler zu verdrängen begannen.

Zwei Jahrzehnte später erschienen die »Erinnerungen einer Unbeugsamen« von Emilie Schindler 9 und »Ich, Oskar Schindler – die persönlichen Aufzeichnungen, Briefe und Dokumente«: Sie verliehen der Legende Authentizität.

Damit keine Missverständnisse entstehen: jedes gerettete Leben von Naziopfern – aus welchen Motiven dies auch geschehen sein mag – war eine Tat, die Beachtung und Würdigung verdient. Selbst wenn sie als Alibi gedient haben sollte, um angesichts des verlorenen Krieges die eigene Haut zu retten. Selbst wenn sie das Ergebnis (später) Einsicht war, ist auch sie zu würdigen. Es ist schon eine spannende Frage zu klären, wie fließend die Grenze war zwischen Profitstreben mittels Sklavenarbeit, zaghaft wachsenden moralischen Skrupeln und der Chance für eine Lebensversicherung nach dem verlorenen Kriege. Das zu bewerten würde die vorliegende historische Dokumentation sprengen. Es war auch nicht die Absicht der Autorin, dies zu untersuchen.

Aber dass die Überlebenden von Schindlers Konzentrationslager wie Hunderttausende andere ihre Freiheit 1945 der Befreiungstat der Roten Armee zu verdanken haben und sie ihr Leben vor allem mit ihrem Lebenswillen, ihrem Schweiß, ihrem Mut erkämpft und manche von ihnen in nicht geringem Maße mit ihrem Vermögen erkauft haben, steht außer Frage und bleibt im historischen Gedächtnis der zivilisierten Welt.

Im April 2009 versuchte eine Agenturmeldung aus Australien die Schindler-Legende neu zu beleben. In der New South Wales State Library in Sidney hatten Bibliothekare Schindlers Liste »entdeckt«. Ein Jahrzehnt zuvor hatte Thomas Keneally, der Autor von »Schindler’s Ark«, dieser Bibliothek eine Kopie jener Liste vom 18. April 1945 zusammen mit anderen archivwürdigen Unterlagen übergeben. Yad Vashem Jerusalem und andere Archive bewahren mehrere Kopien davon seit Jahrzehnten auf. Also eigentlich nichts Neues. Oder doch? Wenn seit April 2009 über 3.000 neue (zu den bereits vorhandenen 1,6 Millionen) Einträgen in der Internetsuchmaschine Google hinzukamen, die die Mumie der Schindler-Legende im öffentlichen Gedächtnis halten sollen, so war dies doch eine (erhoffte) Wirkung auf diese Meldung. Aber vielleicht hatte nur ein sensationsgieriger Journalist eine Ente flattern lassen. Wir werden ja auch regelmäßig über den Fund des »Schießbefehls« aus den diversen Dependancen der Birthler-Behörde überrascht.

Die Schindler-Legende mit den Fakten in ihrem historisch konkreten Umfeld zu konfrontieren, das Gedenken an die Opfer zu bewahren und damit der historischen Wahrheit zu dienen – das macht den Wert dieses Buches aus. Es ist das Verdienst der Autorin Jitka Gruntová.

Dabei ist es ein nicht hoch genug zu würdigender Vorzug ihrer authentischen Untersuchungen, dass die tschechische Historikerin ein Stück Zeitgeschichte ihrer engeren Heimat, die auch die Heimat Oskar Schindlers war, kompetent erforscht hat.

Die im Titel enthaltene Fragestellung mag jeder Leser für sich selbst beantworten.

Berlin, im Winter 2010

 

Anmerkungen

1 -Fritz Lang (1890-1976), österreichisch-deutscher-amerikanischer Filmregisseur von Weltruf (»M - eine Stadt sucht einen Mörder«, »Metropolis«, »Das Cabinet des Dr. Caligari«, »Dr. Mabuse«, »Die Nibelungen«). 1935 vor den Nazis in die USA emigriert, Mitbegründer der »Anti Nazi League« in den USA. 1943 drehten Lang (Regie) und Brecht (Szenarium) einen Film über das Heydrich-Attentat »Hangman also die« (»Auch Henker sterben«).

2 -Leopold Pfefferberg, Angehöriger der jüdischen Lagerpolizei im KZ Brünnlitz (Brněnec) bei Zwittau (Svitavy), nach dem Kriege unter dem Namen Paul Page in Amerika u. a. mit Lobby-Arbeit für Oskar Schindler beschäftigt, überredete den australischen Schriftsteller Keneally zu dessen Roman über Oskar Schindler.

3 -Tomás Garrigue Masaryk (1850-1937)war Gründer und erster Staatspräsident der Tschechoslowakei, Philosoph und Schriftsteller. Nach seinem Rücktritt am 14. Dezember 1935 folgte ihm Edvard Beneš nach.

4 -Edvard Beneš (1884-1948) war Mitbegründer, Außenminister, Regierungschef und Präsident der Tschechoslowakei. Nach ihm sind die Beneš-Dekrete benannt. Als Beneš-Dekrete werden oft jene 143 Präsidialdekrete bezeichnet, die von der tschechoslowakischen Exilregierung in London, während und in Folge des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besetzung des Landes, in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur Ernennung der vorläufigen Nationalversammlung am 21. Oktober 1945 erlassen und später nachträglich von der provisorischen tschechoslowakischen Nationalversammlung im März 1946 gebilligt wurden. Acht der 143 Dekrete betrafen deutsche Personen und deutsches (zum Teil »arisiertes«) Eigentum. Insgesamt wurden bis 1947 etwa 2,9 Millionen Personen auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung pauschal zu Staatsfeinden erklärt und ausgebürgert – wobei die Zahlen je nach Quelle und Sichtweise schwanken. Die Enteignungen wurden mit den Dekreten (nachträglich) gerechtfertigt, aus deren Wortlaut sich kaum auf eine geplante massenweise und systematische Abschiebung (tschech. odsun) schließen ließ; es gab weder ein ausdrückliches »Vertreibungsdekret« noch ein »Vertreibungsgesetz«. Die Dekrete sind seit Jahrzehnten der Hauptstreitpunkt zwischen Vertriebenenverbänden in Deutschland und Österreich einerseits und der Tschechoslowakei beziehungsweise deren Nachfolgestaaten Tschechien und Slowakei andererseits, bleiben aber gleichwohl Bestandteil der tschechoslowakischen, tschechischen und slowakischen Rechtsordnung. Die bis heute umstrittensten Erlässe sind die Dekrete Nr. 5/1945, Nr. 12/1945, Nr. 33/1945, Nr. 71/1945 und Nr. 108/1945, welche den Entzug der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft und die soziale Stellung (Enteignung des Vermögens) der deutschen wie der ungarischen Minderheiten regelten. Von tschechischer Seite wird darauf hingewiesen, dass die Dekrete eine direkte Folge der deutschen Verbrechen während der Okkupation des Landes waren und »aufgebraucht« seien, also nicht mehr angewendet werden. In der Vergangenheit hatte man die Aufhebung der Dekrete stets von einer Nichtigerklärung des Münchener Abkommens von 1938 ex tunc (also von Anfang an) abhängig gemacht. Dies wurde seinerseits von der BRD, nicht aber der DDR und dann nach der deutschen Wiedervereinigung auch nicht mehr von der Bundesregierung abgelehnt. Hauptgrund dafür sind vor allem die dann möglicherweise beiderseits zu erhebenden erheblichen Entschädigungsforderungen. Als Folge dieser Situation verbleiben beide Seiten, insbesondere nach dem EU-Beitritt Tschechiens, im Status quo.

5 -Lord Sir Walter Runciman übergab am 16. September 1938 dem britischen Premier Chamberlain nach einer Prag-Reise einen Bericht über die Lage der Sudetendeutschen. Er war die Basis für Chamberlains Treffen mit Hitler.

6 -Arthur Neville Chamberlain (1869-1940), britischer Premier von 1937 bis 1940. Exponent der Appeasement-Politik (Beschwichtigungspolitik) gegenüber Nazideutschland, Mitunterzeichner des Münchner Abkommens.

7 -Der Brief an Fritz Lang ist veröffentlicht in: »Ich, Oskar Schindler – die persönlichen Aufzeichnungen, Briefe und Dokumente, Hrsg. Erika Rosenberg, München 2000, S. 23-40.

8 -Adolf Eichmann (1906-1962) war als SS-Obersturmbannführer (= Major) Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) zentral mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen. In Israel 1962 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

9 -Emilie Schindler (1907-2001), Witwe Oskar Schindlers. Ihre »Erinnerungen einer Unbeugsamen«, ebenfalls von Erika Rosenberg herausgegeben, erschienen erstmals 2001 in München