Geschichte der Außenpolitik der DDR


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Bock, Prof. Dr. Siegfried:

Ausführungen bei der Vorstellung des Buches: Siegfried Bock, Ingrid Muth, Hermann Schwiesau (Hg): "DDR-Außenpolitik - Ein Überblick. Daten, Fakten, Personen" (III) auf einer Veranstaltung des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. am 18.05.2010 in Berlin

(das Buch ist erschienen im LIT VERLAG Dr. W. Hopf Berlin 2010 - ISBN 978-3-643-10559-2)            (mehr zum Buch lesen)

Quelle: Autor

 Der 3. Band des Rückblicks auf die DDR-Außenpolitik ist das Ergebnis mehrjähriger Debatten sowohl in der Arbeitsgruppe „Geschichte der Außenpolitik der DDR“ als auch in anderen Gremien des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht. Die einzelnen Beiträge des Buches geben die persönliche Sicht der Autoren vorrangig auf das letzte Jahr der DDR aus unterschiedlichen Ebenen und Perspektiven wieder – aus der Tätigkeit in der Zentrale einerseits und in den Auslandsvertretungen und auf internationalen Konferenzen andererseits.

 Bekanntlich befasste sich der 2004 erschienene 1. Band dieser Reihe mit Grundproblemen der Außenpolitik dieses Staates und dem Weg bis zur weltweiten Anerkennung Anfang der 70er Jahre. Der 2. Band erschien 2006, enthielt – darauf beruhend – eine Wertung der Beziehungen zu einzelnen Staaten und den wichtigsten internationalen Institutionen und Organisationen. Offen geblieben war die Behandlung des letzten Jahres der Existenz der DDR und der Versuch einer Bilanz der über vier Jahrzehnte praktizierten Außenpolitik. Der jetzt vorgelegte 3. Band soll diese Lücke schließen. Er enthält außerdem eine Zeittafel der außenpolitischen Aktivitäten der DDR, einen Überblick über alle Auslandsvertretungen der DDR und deren Leiter sowie biografische Angaben der Minister, Staatssekretäre und Botschafter. Dass zwischen dem Erscheinen des 2. und des 3. Bandes vier Jahre vergingen. macht deutlich, wie kompliziert die Bewertung dieses Abschnittes – des Untergangs der DDR – war.

 Bei der Erarbeitung des vorliegenden Buches haben sich die Herausgeber und die Autoren von der Erkenntnis leiten lassen, dass die Darstellung und Bewertung der Geschichte der deutschen Zweistaatlichkeit nicht allein deren Gegnern überlassen und die DDR nicht auf Grenzregime und Staatssicherheit reduziert werden darf. Zu der Geschichte der DDR gehört auch ihre Außenpolitik, die man nicht selten bestrebt ist, aus der Betrachtung auszuklammern. Die Begehung des 20. Jahrestages des Anschlusses der DDR an die BRD hat deutlich gemacht, dass die Auseinandersetzung über die Periode der deutschen Zweistaatlichkeit und die historische Rolle der DDR an Intensität und Schärfe zunimmt. Schließlich rücken auch angesichts der Probleme, mit denen sich heute die Gesellschaft des vereinigten Deutschland konfrontiert sieht, Vergleiche mit der Vergangenheit wieder stärker in den Vordergrund. Bemerkenswert ist auch, dass junge deutsche und ausländische Wissenschaftler wachsendes Interesse an der Politik der DDR, an ihrem Aufstieg und den Gründen ihres Unterganges zeigen und dazu nicht nur Archive, sondern auch Äußerungen von Zeitzeugen als Quelle ihrer Bewertung heranziehen.

 Wir, die Herausgeber und Autoren dieses Bandes, haben uns die Bewertung der verschiedenen Felder der Außenpolitik der DDR nicht leicht gemacht. Ausarbeitungen aus DDR-Zeiten waren, insbesondere wegen ihrer oft unkritischen Herangehensweise und einseitigen Darstellung, als Grundlage für eine objektive Betrachtung wenig geeignet. Erschwerend wirkte sich auch die für staatliche Archive geltende Sperrfrist von 30 und teilweise sogar von 60 Jahren aus. Der Vorteil für die Autoren bestand darin, dass sie aus ihrem unmittelbaren Erleben schöpfen konnten und nicht selten über aussagekräftige Privatarchive verfügen. Ich habe mich immer gewundert, wie sie diese angesichts der damals geltenden Geheimhaltungsregeln anlegen konnten.

 Wir haben in der Arbeitsgruppe in vielen Diskussionsrunden um die Bewertung der verschiedenen Phasen und Bereiche der Außenpolitik ernsthaft gerungen. Ich möchte einige Probleme nennen, die uns besonders beschäftigt haben. Dazu gehören u. a. folgende Fragen

-         Welche Rolle hat die Außenpolitik in den einzelnen Phasen der DDR-Entwicklung gespielt?

-         Welchen Beitrag hat die Außenpolitik geleistet, um das deutsche Volk nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in die internationale Gemeinschaft zurückzuführen?

-         Wie hat die Außenpolitik zur weltweiten Anerkennung der DDR beigetragen?

-         Welche Grenzen waren ihr aus der Einbindung der DDR in die Systemauseinandersetzung und in Bündnisverpflichtungen gezogen?

-         Wie weit reichte die Selbständigkeit und Souveränität der DDR?

-         Wie beeinflusste die Außenpolitik das Zusammenwirken im Bündnissystem?

-         War die Fixierung der Außenpolitik einerseits auf die UdSSR und andererseits auf die BRD unvermeidlich?

-         Wie entwickelte sich die Position der DDR zur so genannten deutschen Frage?

-         Welch positiven und negativen Einfluss hatten der Grundlagenvertrag und die KSZE-Schlussakte auf die DDR und ihre Politik?

-         Welchen Einfluss hatte die permanente Konfliktsituation zwischen den außenpolitischen Herausforderungen und der Innenpolitik auf das internationale Ansehender DDR?

-         Welche Aktionsmöglichkeiten blieben der Modrow-Regierung in der Außenpolitik? Welche Wirkung hatte der Vorschlag „Deutschland, einig Vaterland“?

-         Worin bestand die Rolle der Außenpolitik unter der Regierung de Maizière?

 Bei der Bewertung der Außenpolitik im letzten Jahr der DDR kamen wir zu der Einschätzung, dass alle Bemühungen unter der Modrow-Regierung, die positiven Aspekte der Vorgängerregierung fortzuführen, früheres Fehlverhalten zu korrigieren und in der Deutschlandpolitik neue Wege mit dem Ziel der Herbeiführung der Einheit Deutschlands auf gleichberechtigter und vernünftiger Basis herbeizuführen, zu spät kamen. Unter der Regierung de Maizière ging es auch in der Außenpolitik nur noch um Abwicklung. Von einer Außenpolitik im eigentlichen Sinne konnte nicht mehr die Rede sein.

 Die Autoren haben sich auch die Frage nach der Verantwortung an der sich in so mancher Hinsicht unbefriedigenden Entwicklung des Staates DDR gestellt. Wollte man der DDR und ihren Diplomaten etwas anlasten, dann ist es nicht ihr Eintreten für einen zweiten deutschen Staat, dessen Entstehen eine Folge der damaligen internationalen Verhältnisse war und der einen legitimen Versuch darstellte, Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit zu ziehen und eine alternative Außenpolitik zu entwickeln, um diesem Staat Zugang zur internationalen Gemeinschaft zu verschaffen. Anlasten könnte man ihnen höchstens, nicht genügend darauf gedrängt zu haben, dem Realitätsverlust der Führung zu begegnen und die sich aus der internationalen Entwicklung abzeichnenden Trends und den eingegangenen internationalen Verpflichtungen ergebenden Konsequenzen in der Innenpolitik umzusetzen. Dass dies unter den damaligen Bedingungen für den außenpolitischen Apparat allerdings schwierig war, bedarf keines Beweises.

 Die Herausgeber sind überzeugt, im vorliegenden Buch die positiven Aspekte der Außenpolitik der DDR dargelegt zu haben, ohne kritikwürdige Aspekte auszulassen. Sie beanspruchen mit dem Buch nicht die alleinige Deutungshoheit über die Geschichte der Außenpolitik der DDR, sehen darin vielmehr einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte. Möge das Buch dem Leser Anregung sein, eigene Überlegungen in die Diskussion einzubringen, sich zu den getroffenen Aussagen eine Meinung, die durchaus kritisch sein kann, zu bilden. Das würde dazu betragen, noch stärker Einfluss auf die allgemeine Debatte zu nehmen und könnte Anstoß sein zu einem eventuellen 4. Band über die Geschichte der Außenpolitik der DDR.