Geschichte der Außenpolitik der DDR / Afrika


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

Vom Höhepunkt zum Ende der Afrikapolitik der DDR

Vortrag im Rahmen einer Vorlesungsreihe Deutsche Afrikapolitik der Deutschen Afrika Stiftung und der Humboldt-Universität zu Berlin am 01.06.2010

Der Vortrag ist auch in der Publikation "Deutsche Afrikapolitik. Akteure und Konzepte" veröffentlicht. DAS Schriftenreihe, herausgegeben von der Deutschen Afrika-Stiftung e.V., Heft 82, Berlin 2012

Quelle: Autor

Zu den Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der Unabhängigkeit Namibias 2005, 15 Jahre nach dem Ende der DDR, erregte Aufsehen, dass auf der Tribüne in Windhoek als einer der Ehrengäste die ehemalige First Lady der DDR, Margot Honecker, saß. Sicherlich ging es den namibischen Gastgebern nicht ausschließlich um Frau Honecker. Sie personifiziert für die Generation der Befreiungskämpfer wohl vielmehr die DDR, von der die SWAPO Namibias kontinuierlich Unterstützung und Solidarität erhalten hatte. Ich kenne zahlreiche weitere Beispiele im Süden Afrikas, die eine Affinität einflussreicher politischer Kräfte zum untergegangenen ostdeutschen Staat widerspiegeln – als Reflektion ehemaliger enger Beziehungen zu diesem Staat. Auch deshalb ist es interessant, einen Blick auf die Afrikapolitik der DDR zu werfen. Ich werde eingangs auf Ursachen und Spezifika für diese Afrikapolitik eingehen, deren Entwicklung bis zu ihrem Höhepunkt Ende der 1970er Jahre und die folgende Marginalisierung Afrikas in der Außenpolitik der DDR verfolgen, bis hin zum Kollaps der DDR 1989/90.

Zwei kleine Episoden aus dem Jahr des Beginns einer Afrikapolitik der DDR, es war nicht zufällig das Afrika-Jahr 1960. Der spätere Staatssekretär im Bonner Auswärtigen Amt, Paul Frank, beschreibt in seinen Erinnerungen, wie er 1960 als Sonderbotschafter nach (Belgisch-) Kongo kurz vor der Unabhängigkeit dieses Landes mit dem dringenden Auftrag entsandt wurde, eine Einladung der DDR zu den Unabhängigkeitsfeiern sowie diplomatische Beziehungen Kongos mit der DDR zu verhindern. Frank, der diese delikate Aufgabe nicht ohne Zusagen westdeutscher Finanzhilfe letztendlich löste, sprach von Peinlichkeiten und Problemen seiner Mission. Nur drei Monate zuvor waren bereits vereinbarte diplomatische Beziehungen zwischen Guinea und der DDR auf massiven Druck der Bundesrepublik durch den Präsidenten des westafrikanischen Staates rückgängig gemacht worden.

Die DDR hatte seit ihrer Gründung die Bestätigung ihrer völkerrechtlichen Legitimität und die diplomatische Anerkennung in den Mittelpunkt ihrer Außenpolitik gestellt. Die Bundesrepublik hatte demgegenüber bereits 1949 ihren deutschen Alleinvertretungsanspruch postuliert und ihn Mitte der 1950er Jahre durch die Hallstein-Doktrin bekräftigt. Eine Anerkennung der DDR durch Drittstaaten wurde als unfreundlicher Akt betrachtet und sollte mit dem Abbruch der Beziehungen durch die Bundesrepublik beantwortet werden. Mit dem Entstehen zahlreicher neuer Staaten in Afrika sah die DDR dort die reale Möglichkeit, ihre diplomatische Isolierung zu durchbrechen. Anfang 1960 hatte das SED-Politbüro auch deshalb ein komplexes Programm politisch-diplomatischer Maßnahmen gegenüber Afrika beschlossen, unterfüttert durch Festlegungen zur Entwicklung kultureller, wissenschaftlich-technischer, propagandistischer und wirtschaftlicher Beziehungen. Dieser Beschluss markierte den Beginn einer Afrikapolitik der DDR.

Wie die Außenpolitik der DDR insgesamt waren auch die Beziehungen zu Afrika in hohem Maße politisch-ideologisch bestimmt. Den Verfassungsmaximen Sozialismus, Frieden und Sicherheit sowie Völkerverständigung entsprachen außenpolitische Grundprinzipien des proletarischen bzw. sozialistischen Internationalismus, der antiimperialistischen Solidarität sowie der friedlichen Koexistenz. Ein angenommener "revolutionärer Weltprozess" sollte in der Auseinandersetzung mit dem Imperialismus des Westens schließlich zum weltweiten Übergang zum Sozialismus führen. Daraus wurden die enge Bindung an die UdSSR und die Einbindung in das sozialistische Lager sowie das Bündnis mit der nationalen Befreiungsbewegung (hier als ein zusammenfassender Begriff für Befreiungsbewegungen und vom Kolonialismus befreite Staaten) abgeleitet. Vorstellungen über sozialen Fortschritt mussten dabei allerdings genauso eng und dogmatisch ausfallen wie die Weltsicht, in die sie eingepasst wurden. Die Außenpolitik der DDR wurde zudem durch ihre jeweilige historisch-konkrete Stellung in der Entwicklung der internationalen Beziehungen geprägt. Dazu gehörten die exponierte Position im Ost-West-Konflikt, der deutsch-deutsche Gegensatz und das innen- und außenpolitische Legitimationsdefizit der DDR. Mehr als die Hälfte ihrer 40jährigen Existenz musste die DDR um eine gleichberechtigte internationale Stellung ringen - stets in der Auseinandersetzung mit dem westdeutschen Alleinvertretungsanspruch. Die Außenpolitik wurde entscheidend durch diese Konstellation beeinflusst. Gleichzeitig waren innenpolitische und wirtschaftliche Entwicklungen wichtige Bestimmungsfaktoren für ihre Gestaltung. Opportunistische Erwägungen erhielten in dieser Politik durchaus Vorrang, wenn innenpolitische und ökonomische Zwänge, aber auch Bündnispflichten gegenüber der UdSSR oder deutschlandpolitische Erwägungen mit den erklärten Grundprinzipien der Außenpolitik kollidierten.

Die Aufgaben der Afrikapolitik der DDR wurden damals folgendermaßen definiert: Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegung; konsequentes Auftreten gegen jede Form des Kolonialismus, Neokolonialismus und Rassismus; Entwicklung und Festigung solidarischer Beziehungen zu national befreiten Staaten, besonders zu Ländern mit sozialistischer Orientierung; Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zu den nichtpaktgebundenen (blockfreien) Staaten als natürliche Verbündete im antiimperialistischen Kampf. Wirtschaftliche Interessen, die immer eine Rolle spielten, erhielten in den 1970er Jahren besonderes Gewicht.

Die DDR unterstützte von Anfang an das Recht der afro-asiatischen Völker auf Selbstbestimmung und nationale Unabhängigkeit. Sie befand sich damit in Übereinstimmung mit völkerrechtlichen Prinzipien aus der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte oder der UN-Deklaration über die Gewährung der Unabhängigkeit an die kolonialen und abhängigen Gebiete von 1960. Andererseits war zu konstatieren, dass die inneren Verhältnisse der DDR mit völkerrechtlichen Verpflichtungen hinsichtlich der individuellen Menschenrechte kollidierten. Mit ihren afrikapolitischen Positionen knüpfte die DDR in den 1960er und 1970er Jahren an wichtige Entwicklungen in Afrika an - den antikolonialen Unabhängigkeitskampf, das Streben nach politischer und ökonomischer Selbständigkeit und Überwindung der Dominanz ehemaliger Kolonialmächte und den Kampf gegen rassistische Regimes. In dieser Phase des Dekolonisierungsprozesses liegen die Wurzeln der besonderen Rolle Afrikas für die DDR. Dort schien damals ein gewisser Spielraum für die auf diplomatische Anerkennung orientierte Außenpolitik der DDR gegeben, der anderenorts infolge der westlichen Solidarität mit Bonn bei der Isolierung der DDR sehr viel enger begrenzt war. Die DDR hatte frühzeitig den Befreiungsbewegungen Ausbildungsplätze, materielle Solidarität und politische Unterstützung gewährt. Seit 1968 war Solidarität mit der nationalen Befreiungsbewegung sogar in der DDR-Verfassung verankert.

Die DDR-Afrikapolitik gliedert sich in drei wesentliche Perioden, in denen folgende Charakteristika besonders hervorstachen:

-         eine starke deutschlandpolitische Determinierung 1960-1972 und der Kampf um diplomatische Anerkennung;

-         die in besonderem Maße von der Systemauseinandersetzung geprägte Phase 1972-1981/82, in der die Afrikapolitik ihren Höhepunkt erreichte;

-         und die Marginalisierung der Afrikapolitik 1982-1989/90, als aber auch Ansätze eines stärker an den Realitäten orientierten Denkens erkennbar sind.

Die frühzeitigen Beziehungen der DDR zu antikolonialen Bewegungen Afrikas trugen damals durchaus altruistische Züge. Sie entsprachen dem ideologischen Selbstverständnis der SED und der Herleitung antikolonialer Traditionen aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Nicht immer konnte dabei kurz- oder mittelfristig politischer oder ökonomischer Gewinn erwartet werden. 1951 kamen erste afrikanische Studenten in die DDR, zumeist von Befreiungsorganisationen oder Gewerkschaften delegiert. Konflikte wie der Suez-Krieg 1956, der Befreiungskrieg in Algerien, die Ereignisse in Kongo 1960/61 und die Kämpfe in den portugiesischen Kolonien gaben der DDR Gelegenheit, ihre Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen zu unterstreichen und sich deutlich von westlichen Positionen, vor allem denen der Bundesrepublik, abzuheben. In besonderem Maße galt das für die Haltung zu Südafrika.

Die Bemühungen der DDR um die Entwicklung offizieller Beziehungen zu afrikanischen Staaten waren zielstrebig auf die Herstellung diplomatischer Beziehungen gerichtet. Die drastische Veränderung der Landkarte Afrikas 1960, als dort 17 Staaten ihre Unabhängigkeit erhielten, gab der DDR Hoffnung in ihren Bemühungen um diplomatische Anerkennung. Im gleichen Jahr erhob Walter Ulbricht als neues Staatsoberhaupt der DDR in seiner Antrittsrede vor dem diplomatischen Korps die Unterstützung für die afrikanischen Völker im Kampf um politische und ökonomische Befreiung zum Grundsatz der Afrikapolitik der DDR.

Die Bemühungen der DDR um internationale diplomatische Anerkennung führten gerade auch in Afrika zu harter Konfrontation mit der Bundesrepublik. Während es Bonn mit Hilfe der Hallstein-Doktrin gelang, eine diplomatische Anerkennung der DDR lange Zeit zu verhindern, entwickelte die DDR in dieser Auseinandersetzung Formen und Methoden, um durch ein breites Spektrum nichtstaatlicher und staatlicher Beziehungen unterhalb der diplomatischen Anerkennung die Hallstein-Doktrin zu umgehen bzw. fehlende offizielle Beziehungen durch solche inoffiziellen Charakters zu kompensieren. Afrika erwies sich dafür als besonders wichtiges und erfolgreiches Zielgebiet. 1965 waren dort mehr als die Hälfte aller staatlichen Auslandsvertretungen der DDR in Entwicklungsländern zu finden. Aus der Not, ein weites Spektrum an Kontakten unterhalb diplomatischer Beziehungen zu knüpfen, machte die DDR schließlich eine Tugend: Diese Kontakte und Beziehungen waren Voraussetzung und auch Anreiz für die ehrgeizigen politischen Pläne späterer Jahre in Afrika. Rückschläge blieben allerdings nicht aus – wie im Falle Guineas, Kongos, aber auch in Ghana nach dem Sturz Präsident Kwame Nkrumahs 1966. Die Umwandlung der 1964 im unabhängigen Sansibar eröffneten ersten DDR-Botschaft in Afrika nach der Vereinigung Sansibars mit Tanganjika (April 1964) in ein Generalkonsulat in Daressalam und ein Konsulat in Sansibar entsprach zwar den Hoffnungen der DDR nicht optimal, brachte ihr jedoch eine relativ hochrangige Präsenz im vereinigten Tansania.

1969 gelang ein Durchbruch zur internationalen Anerkennung der DDR in der Dritten Welt. In Afrika waren Sudan und Ägypten die ersten Staaten, denen andere folgten. Bevor mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages zwischen beiden deutschen Staaten im November 1972 der Damm für die breite internationale Anerkennungswelle schließlich geöffnet wurde, hatten knapp 20 Dritte-Welt-Staaten diplomatische Beziehungen mit der DDR vereinbart - mehr als die Hälfte von ihnen waren afrikanische.

Bis 1969 hatte Bonn mit der Hallstein-Doktrin erfolgreich eine diplomatische Anerkennung der DDR in Afrika verhindert, Ausnahme waren die kurzlebigen Beziehungen zu Sansibar. Das erwies sich jedoch als ein Pyrrhussieg, denn in diesen Auseinandersetzungen war es der DDR gelungen, einflussreiche politische Kräfte in Afrika für die Unterstützung ihrer Anerkennungskampagne zu gewinnen. Zudem hatte die DDR ihre staatlichen und nichtstaatlichen Beziehungen in Afrika in einem Maße ausbauen, deren Niveau erhöhen und damit die Hallstein-Doktrin aushöhlen können, dass deren Aufrechterhaltung gegen Ende der 60er Jahre schwierig wurde. Die Hallstein-Doktrin wurde auch durch die internationale Entwicklung und die sich anbahnende Entspannungspolitik in Frage gestellt. Die Bewertung ihrer Wirksamkeit hängt von der Interpretation ihrer Zielstellung ab. Ging es darum, die formale diplomatische Anerkennung der DDR zu verhindern, so war die Doktrin bis 1969 erfolgreich. Sollte jedoch der Ausbau der Positionen der DDR in Afrika und eine faktische Anerkennung auch unterhalb der Schwelle diplomatischer Beziehungen verhindert werden, so ist dies fehlgeschlagen. Androhung und Anwendung der Hallstein-Doktrin auf der einen, der Kampf um ihre Durchlöcherung auf der anderen Seite waren in diesem Zeitraum ein determinierender Faktor der Afrikapolitik beider deutscher Staaten, dem oft andere wesentliche Elemente wie entwicklungspolitische und manchmal sogar ideologische Maximen untergeordnet wurden. Mein westdeutscher Kollege in Harare, Werner Kilian, hat später eine exzellente Analyse zur Hallstein-Doktrin veröffentlicht  - ein empfehlenswertes Buch.

Auch nach der weltweiten diplomatischen Anerkennung der DDR blieb Afrika ein wichtiger Bereich ostdeutscher Außenpolitik. Die Suche vieler afrikanischer Staaten nach sozio-ökonomischen Alternativen zum kolonial diskreditierten Kapitalismus schien die marxistische Theorie von der nationalen Befreiungsbewegung als "natürlichem Verbündeten" des Sozialismus und als einen "Hauptstrom im revolutionären Weltprozess" zu bestätigen. Afrika wurde zu dieser Zeit als schwächstes Kettenglied im Einflussbereich des Westens betrachtet. Intern wurde eingeschätzt, dass dort die Möglichkeit bestünde, dem Imperialismus langfristig eine strategische Niederlage zuzufügen. Es entsprach der marxistischen Theorie vom Hinüberwachsen der nationalen in die soziale Befreiungsrevolution, dass einzelne Staaten dieser Region einen nichtkapitalistischen bzw. sozialistischen Entwicklungsweg proklamierten. Die Hoffnung, das "sozialistische Weltsystem" könne hier seinen Einfluss ausdehnen und den Westen zurückdrängen sowie das fortbestehende Legitimationsbedürfnis der DDR waren Hauptgründe für die Fortsetzung der aktiven Außenpolitik gegenüber Afrika.

In den 1970er Jahren stellte der Zerfall des portugiesischen Kolonialreiches eine entscheidende Zäsur für das Streben der Sowjetunion und ihrer Verbündeten um die Ausweitung ihres Einflussbereiches in Afrika dar - mit dem Machtkampf in und um Angola 1975/76 als Kulminationspunkt. In den Beziehungen zu Angola und Mosambik, zu Äthiopien sowie zu den kämpfenden Befreiungsbewegungen Simbabwes, Namibias und Südafrikas fand die DDR-Afrikapolitik neue Schwerpunkte. Die ideologische Orientierung der MPLA und der FRELIMO auf den Marxismus-Leninismus, von der DDR mit Freude gefördert, weckte besonders große Hoffnungen. Die Beziehungen zu Angola und Mosambik wurden ebenso wie jene zu Äthiopien komplex gestaltet; sie waren durch eine rege und hochrangige Besuchsdiplomatie, Parteibeziehungen, den Einsatz von Beratern und Experten, teilweise in Schlüsselbereichen, und durch die Zusammenarbeit im Militär- und Sicherheitsbereich gekennzeichnet. Außenwirtschaftsbeziehungen zu diesen Staaten entwickelten sich nach einer eher gemächlichen Anfangsphase geradezu stürmisch.

Mit der Unabhängigkeit Angolas und Mosambiks und dem damit verbundenen Schub für den Befreiungskampf in Simbabwe, Namibia und Südafrika wurde die Unterstützung der DDR für die Befreiungsbewegungen ANC (Südafrika), ZAPU (Simbabwe) und SWAPO (Namibia) seit 1976/77 deutlich verstärkt und schloss Parteibeziehungen mit der SED, die Eröffnung von Vertretungen in Berlin mit quasi-diplomatischem Status ein - eine für Befreiungsbewegungen in dieser Art in Osteuropa einmalige Repräsentanz. Ebenso wichtig wie die politische Unterstützung, die die DDR den Befreiungsorganisationen insbesondere auch in internationalen Organisationen gewährte, waren die materielle und Ausbildungshilfe sowie die Unterstützung des bewaffneten Kampfes.

Die ostdeutsche Außenpolitik gegenüber unabhängigen afrikanischen Staaten schloss hochrangige Delegationen, ein Netz von Verträgen und Abkommen, expandierende Wirtschaftsbeziehungen, Kulturaustausch und Experteneinsatz ein. Seit 1977 gaben sich SED-Politbüromitglieder auf dem schwarzen Kontinent die Klinke in die Hand. Allein 1977-1979 wurden mehr als drei Dutzend derartiger Besuche registriert. Die DDR-Afrikapolitik stand in ihrem Zenit. Ausdruck dafür waren 1979 Reisen Erich Honeckers nach Libyen, Angola, Sambia und Mosambik sowie nach Äthiopien. Freundschaftsverträge mit Angola, Mosambik und Äthiopien, die ersten derartigen Abkommen außerhalb der "sozialistischen Staatengemeinschaft", leiteten der offiziellen Diktion zufolge eine neue Etappe in den Beziehungen der DDR zu Afrika ein.

Im Rahmen der ideologisch determinierten Schwerpunktbestimmung der DDR-Afrikapolitik folgte nach Angola, Mosambik und Äthiopien mit ihrer "sozialistischen Entwicklung" eine Gruppe von Ländern "sozialistischer Orientierung", die sich nicht explizit zum Marxismus-Leninismus bekannten. Zu ihnen gehörten - abhängig von der Interpretation dieser Kategorisierung - Algerien, Benin, Guinea, Guinea-Bissau, Kongo, Libyen, Madagaskar, Sao Tomé und Principe, Tansania und Sambia, zeitweilig auch Somalia. Die fortgesetzte DDR-Unterstützung für die Befreiungsbewegungen erzielte hohe politische und propagandistische Wirkung. Es war vor allem dieser Aspekt, den der damalige OAU-Generalsekretär Edem Kodjo betonte, als er bei Honeckers Besuch im OAU-Hauptquartier in Addis Abeba 1979 die Afrikapolitik der DDR nachdrücklich würdigte.

Gemessen an damaligen Maßstäben war die Außenpolitik der DDR gegenüber Afrika in den 1970er Jahren unzweifelhaft erfolgreich. Ihre Wirksamkeit beruhte auch auf der Fähigkeit schnell und wirksam auf afrikanische Wünsche zu reagieren, nicht zuletzt aufgrund fehlender demokratischer Entscheidungsstrukturen. Die handschriftliche Marginalie „Einverstanden E.H.“ genügte. Einschränkend wirkte die mangelnde wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die teilweise kompensiert wurde durch das persönliche Engagement von Experten, Diplomaten, Beratern, Entwicklungshelfern. Rückschläge wie der zeitweilige Abbruch diplomatischer Beziehungen durch die Zentralafrikanische Republik, Zaire und Marokko waren zwar schmerzhaft, jedoch in ihrer Wirkung begrenzt. Mittlerweile unterhielt die DDR diplomatische Beziehungen zu fast allen Staaten des Kontinents und war in mehr als 20 Ländern mit Botschaften präsent; in Berlin gab es zwölf afrikanische Vertretungen. Umfang und Intensität der Beziehungen zu afrikanischen Staaten mussten seit Ende der 1970er Jahre die Frage provozieren, ob sich die DDR eine solche Afrikapolitik leisten konnte - insbesondere angesichts ernster Krisenerscheinungen in der eigenen Ökonomie.

Die Afrikapolitik der DDR in den 70er Jahren war ideologisch motiviert, prestigeorientiert und von Klassenkampfdenken geprägt. Globale Probleme wie Hunger, Armut, Krankheit und Unterentwicklung wurden allein der Verantwortlichkeit des Kapitalismus zugewiesen und ihre Relevanz für die eigene konkrete Politik nur ungenügend berücksichtigt. Seit Anfang der 1980er Jahre verdrängten andere außenpolitische Prioritäten Afrika aus den Schlagzeilen der DDR-Medien. Die angesichts der Gefahren eines atomaren Konflikts einsetzende Friedens- und Dialogpolitik der DDR zielte vorrangig auf Europa. Afrika wurde in seiner Bedeutung für die Außenpolitik marginalisiert, damit auch die überdimensionierte Afrikapolitik der DDR abgebaut. Nicht nur deshalb konnten sich Nüchternheit und Realismus in bezug auf den afrikanischen Kontinent stärker durchsetzen. Dazu hatte vor allem die kritische Analyse der Lage in den Ländern "sozialistischer Entwicklung" beigetragen. Während in der offiziellen Propaganda Erfolgsmeldungen dominierten, wurde intern auch in Ost-Berlin das Scheitern der sozialistischen Experimente in Angola, Mosambik und Äthiopien konstatiert. Die Ursachen dafür sah man durchaus nicht mehr allein in der Destabilisierung durch "konterrevolutionäre Kräfte" im Innern dieser Länder und in deren Unterstützung durch den Westen. Wenngleich zögernd, wurde nun auch das von der DDR unterstützte Entwicklungskonzept dieser Länder kritisch hinterfragt.

Im Einklang mit den neuen Schwerpunkten betrachtete die Außenpolitik der DDR Afrika nicht mehr primär als Schauplatz der Systemauseinandersetzung, als Testgelände für sozialistisch orientierte Entwicklungen, sondern als potentiellen Verbündeten für die Unterstützung der eigenen Friedensinitiativen. Sicherung von Unterstützung für die Friedens- und Dialogpolitik der DDR dominierte zunehmend die Aufgabenstellung für DDR-Botschaften in Afrika.

Es gab jedoch keinen abrupten Bruch oder ein allgemeines Disengagement in Afrika. Trotz ihrer Marginalisierung in den 1980er Jahren blieb  die Afrikapolitik noch immer bedeutend, auch wegen ihrer Tradition, dem Ansehen der DDR in Afrika und den bestehenden umfangreichen Beziehungen. Die DDR nutzte weiterhin ihre Mitarbeit in internationalen Organisationen für die Afrikapolitik, insbesondere in den Vereinten Nationen beispielsweise im Dekolonisierungsausschuss, als Mitglied des Anti-Apartheid-Ausschusses und zur Namibia-Frage. Ausgehend von den erklärten Prinzipien ihrer Außenpolitik und der Situation in Afrika befand sich dort die DDR in weitgehender Übereinstimmung mit der Mehrzahl der afrikanischen und der blockfreien Staaten insgesamt. Offensiv wurden die Kontakte zur OAU, der Blockfreienbewegung, zurückhaltender die zu Regionalorganisationen wie z.B. der SADCC entwickelt. Schwerpunkte in der Gestaltung der bilateralen Beziehungen blieben Kaderausbildung, Experteneinsatz, kulturell-wissenschaftliche Zusammenarbeit und Wirtschaftsbeziehungen sowie gezielt mit einigen Partnern die Sicherheitszusammenarbeit. Trotz deutlich verringerter Aktivitäten wurden bestehende bilaterale Beziehungen nicht abrupt abgebaut oder gar abgebrochen, auf bestimmten Gebieten jedoch eingeschränkt. Eine geplante weitere Reise Honeckers ins südliche Afrika kam nicht mehr zustande. Auf unverändert starke Hilfe konnten sich jedoch die Befreiungsbewegungen dieser Region stützen. Während z.B. die Hilfe des Solidaritätskomitees an Schwerpunktländer der DDR-Afrikapolitik spürbar reduziert wurde, blieb der Umfang der materiellen Solidarität für die Befreiungsbewegungen ANC und SWAPO damals uneingeschränkt erhalten.

Zwar postulierte die SED auch weiterhin die "aktive antiimperialistische Solidarität mit allen um ihre nationale und soziale Befreiung kämpfenden Völkern" als eine der außenpolitischen Hauptaufgaben. Dem aufmerksamen Beobachter entging jedoch nicht, dass sich die Aussagen des XI. SED-Parteitages 1986 von jenen des X. Parteitages fünf Jahre zuvor unterschieden. 1981 war noch hartnäckig und realitätsfern davon gesprochen worden, die "sozialistische Alternative des Entwicklungsweges" gewinne immer mehr an Anziehungskraft und Einfluss, sein sozialer Inhalt vertiefe sich und die revolutionären Kräfte dieser Länder würden sich dem "wissenschaftlichen Sozialismus" zuwenden. Fünf Jahre später ging es um die krisenhafte Entwicklung des Kontinents. Es fiel kein Wort mehr über sozialistische Orientierung. Ernüchterung über die Aussichten einer "sozialistischen Entwicklung" in Afrika und die deutlich verringerte Bedeutung dieser Staaten für die DDR waren unverkennbar.

In der DDR hatte sich Anfang der 1980er Jahre die Einsicht vertieft, dass auch für politisch und ideologisch nahestehende afrikanische Staaten an einer Zusammenarbeit mit dem Westen - sowohl bilateral als auch mit IWF, Weltbank, EG und anderen Institutionen - kein Weg vorbeiführe, wenn deren gravierende wirtschaftliche Probleme gelöst werden sollten. Dies bedeutete nicht den Rückzug der DDR aus diesen Staaten, eher den Versuch, sich auf ökonomisch Machbares zu beschränken. Solche Erkenntnisprozesse bewirkten bereits in den frühen 1980er Jahren ein Überdenken grundsätzlicher Positionen der DDR-Afrikapolitik, die es schließlich - allerdings mit Zeitverzug - ermöglichten, konfrontative Denkschemata und vereinfachte sozio-ökonomische Modellvorstellungen für Afrika abzubauen und der systemübergreifenden Lösung globaler Probleme stärkere Bedeutung beizumessen. Gorbatschows "neues Denken" war nicht der Auslöser, hatte aber Einfluss auf diese Entwicklung. Die Ablehnung seiner "Perestroika“ und das in Teilen der SED- und Staatsführung tief verwurzelte Misstrauen gegenüber der "reformistischen" Politik Moskaus haben diesen Prozess jedoch nicht gerade erleichtert.

Die Umorientierung in der Afrikapolitik zeigte sich in der außenpolitischen Praxis der letzten Phase der DDR. Die Bedeutung afrikanischer Staaten wurde nicht mehr ausschließlich von deren politisch-ideologischer Ausrichtung bestimmt. Die Neuorientierung war an der Unterstützung politischer Konfliktlösungen sowohl im südlichen Afrika als auch in anderen Regionen erkennbar. Die Beurteilung der Auseinandersetzungen in Angola, Äthiopien und auch in Mosambik trug Realitäten stärker Rechnung. Die DDR unterstützte die Verhandlungen zum Südwesten Afrikas und den Unabhängigkeitsprozess in Namibia. Sie richtete frühzeitig eine Beobachtermission in Namibia ein und beteiligte sich bei der Rückführung der Flüchtlinge sowie mit Polizei- und zivilen Beobachtern am namibischen Unabhängigkeitsprozess.

Ich möchte an dieser Stelle die Einordnung der DDR-Afrikapolitik in das Koordinatensystem der internationalen Beziehungen noch etwas vertiefen. Es wurde bereits dargestellt, dass die DDR-Außenpolitik stark durch den Kalten Krieg, aus dem heraus der ostdeutsche Staat entstanden ist und in dessen Konstellation er sich an exponierter Stelle befand, geprägt war. Die Fixierung auf und die Konfrontation mit der Bundesrepublik einerseits und die feste Anbindung an die Sowjetunion andererseits waren für die DDR-Außenpolitik stets in hohem Maße relevant.

Die Beziehungen zur UdSSR stellten die erste Hauptachse ostdeutscher Außenpolitik dar, sie waren von existentieller Bedeutung für die DDR und entsprangen einer weitgehenden politisch-ideologischen Übereinstimmung. Die DDR betonte stärker noch als andere Ostblockstaaten ihre Treue zur Sowjetunion und hatte diese staatsrechtlich sogar in der Verfassung verankert. Dabei ist vielen wohl erst nach der Wende und mit der Haltung der Sowjetunion zur Gestaltung der deutschen Vereinigung bewusst geworden, wie sehr die DDR in die sowjetische Globalstrategie ein- und ihr untergeordnet war. Dies alles traf durchaus auch auf die Zusammenarbeit in der Afrikapolitik zu. Vereinfachende Darstellungen der DDR als Satellit oder als Stellvertreter Moskaus in Afrika verkennen die ideologisch motivierte Interessenidentität. beider Staaten in strategischen Fragen und unterschätzen konkrete Eigeninteressen der DDR. Es bedurfte keiner Weisung aus Moskau, um die DDR für Afrika zu motivieren. Gareth Winrow sprach völlig zu Recht von der DDR als wichtigem Juniorpartner der Sowjetunion in Afrika mit zunehmendem politischen Freiraum. Wie weit dieser teilweise ging, fand ich bei meinen Forschungen heraus. So waren es 1977 nämlich die DDR und Kuba, die auf ein aktiveres Engagement in Afrika, insbesondere durch die Unterstützung Mosambiks und Äthiopiens drängten und gemeinsam auf die Sowjetunion einwirkten – mit Erfolg.

Natürlich gab es keine eigenständigen DDR-Entscheidungen zu Fragen, die wesentliche Interessen der UdSSR berührt hätten. Konflikte waren die Ausnahme. Wenn es intern dazu kam, so 1979 wegen beabsichtigter Kontakte der DDR zur ZANU Simbabwes, erlebte ich selbst, wie der Juniorpartner in Moskau harsch zu zurechtgewiesen wurde. Der Handlungsspielraum konnte dann sehr eng sein.

In den Augen nicht weniger afrikanischer Politiker hob sich die DDR in einigen Fragen wohltuend von der Sowjetunion ab. Zwar fehlte ihr das politische und militärische Gewicht einer Weltmacht, deren Einfluss man in der bipolaren Welt gegen den Westen ausnutzen konnte. Dies kompensierte die DDR jedoch durch den Umgang mit dem Partner auf gleicher Augenhöhe und vermied in der Regel bewusst jede Bevormundung oder Einmischung und den Eindruck machtpolitischer Ambitionen. Die Führer afrikanischer Parteien und Befreiungsbewegungen erfuhren in der DDR eine protokollarische und partnerschaftliche Behandlung, wie sie das in Moskau nicht annähernd erwarten konnten. Führer afrikanischer Befreiungsorganisationen trafen bereits Anfang der 70er Jahre in Berlin mit Honecker persönlich zusammen; solche offiziellen Treffen waren später die Regel. Im Vergleich dazu: ANC-Präsident Tambo wurde erstmals 1986 vom sowjetischen Parteichef empfangen.

Eine besondere Rolle spielte der ideologische und machtpolitische Konflikt zwischen der UdSSR und China. Er tangierte auch die Afrikapolitik der DDR. Die DDR stand hinsichtlich der Zurückweisung der chinesischen These, dass sich der Kampf um nationale und soziale Befreiung und eine Politik der friedlichen Koexistenz zwischen den beiden feindlichen Gesellschaftssystemen ausschließen, voll hinter Moskau – nicht zuletzt im eigenen Interesse an der Erhaltung des Friedens. Als Staat an der Trennlinie zwischen den feindlichen Systemen in exponierter Position konnte sie diese Haltung gegenüber afrikanischen Partnern überzeugend vertreten. Die Haltung zu China war auch eine Gretchenfrage in der Gestaltung von Beziehungen zu afrikanischen Staaten und Befreiungsbewegungen.

Das enge Bündnis mit der Sowjetunion war für die DDR-Außenpolitik eine feste Maxime - bis die Führung der SED ihre Schwierigkeiten mit Gorbatschows Politik von Perestroika und Glasnost bekam, aus ihrer prinzipiellen Ablehnung grundlegender Reformen heraus auf Distanz zu Moskau ging, zugleich jedoch mit dem Wegfall der Breshnew-Doktrin ihren außenpolitischen Handlungsspielraum in einzelnen Fragen erweitern konnte. Als die sowjetische Führung von ihrer ideologisch und machtpolitisch determinierten Afrikapolitik abging, der Kontinent seinen Platz in der Prioritätenskala sowjetischer Politik verlor und Befreiungskämpfe als Störfaktor in den Beziehungen zwischen Moskau und Washington betrachtet wurden, hielt die DDR trotz ihrer Befürwortung regionaler politischer Konfliktlösungen an der Unterstützung für SWAPO und ANC uneingeschränkt fest. Es kam nicht zu Irritationen in den Beziehungen zu diesen Bewegungen, wie das bei der UdSSR damals der Fall war. Für manche afrikanische Politiker erschien die DDR in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre deshalb zunächst als ein Hort alter stabiler "Werte". Sowjetunion und DDR stimmten auch weiterhin zur Frage der politischen Beilegung regionaler Konflikte, z.B. im südlichen Afrika, überein. Die DDR fühlte sich jedoch in Einzelfragen nicht mehr unbedingt an Moskauer Positionen gebunden. Als man dort Anfang 1989 vor der Entsendung einer Beobachtermission nach Namibia warnte, ging die DDR ihren eigenen Weg.

Stärker noch als die Bündnisbeziehungen mit der UdSSR hat die Konfrontation mit der Bundesrepublik die Afrikapolitik der DDR beeinflusst. Wie bereits gesagt, war die DDR-Afrikapolitik durch den Kampf um internationale Anerkennung und gegen die Hallstein-Doktrin in den 1960er Jahren stark auf die Bundesrepublik fixiert. Diese Doktrin traf die DDR nicht nur politisch an einer verwundbaren Stelle, dem Streben nach staatlicher Souveränität und völkerrechtlicher Legitimation. Die diplomatische Blockade hatte auch wirtschaftliche und finanzielle Konsequenzen beträchtlichen Ausmaßes. Auch daraus erklärt sich die überdimensionierte Bedeutung, die in Ost-Berlin außenpolitischen Fragen beigemessen wurde. Den Druck Bonns auf afrikanische Staaten, mit der Hallstein-Doktrin wertete die DDR als "neokolonialistische Bevormundung des westdeutschen Imperialismus" gegenüber jungen Nationalstaaten - ein Argument, das bei afrikanischen Politikern auf offene Ohren stieß. Die DDR ihrerseits ging in Afrika ebenfalls offensiv gegen die Bundesrepublik vor. Afrikanische Partner hatten oft Schwierigkeiten, die deutsch-deutschen Querelen zu verstehen. Die ökonomische Stärke der Bundesrepublik versuchte die DDR vor allem mit der Propagandawaffe zu kompensieren. Ansatzpunkte boten sich ausreichend. Die Bonner Afrikapolitik geriet wiederholt in das Kreuzfeuer internationaler, vor allem afrikanischer Kritik, beispielsweise wegen ihrer Beziehungen zu Südafrika und zur Kolonialmacht Portugal sowie wegen ihrer Haltung zu Befreiungsbewegungen. Die DDR ließ solche Chancen für propagandistische Angriffe gegen die Bundesrepublik nicht ungenutzt.

Nach der weltweiten diplomatischen Anerkennung der DDR 1972/73 blieb die deutsch-deutsche Konfrontation in Afrika bestehen, verlor jedoch deutlich an Schärfe. Im Zuge der Politik des Dialogs und wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Bonn und Ost-Berlin in den 1980er Jahren gab es solche Kooperation vereinzelt auch in Afrika, wie z.B. beim Bau von Fabriken in Äthiopien und Sudan. Das Verhältnis hatte sich insgesamt entspannt.

Die Zurückstufung Afrikas in der Außenpolitik der DDR in den 1980er Jahren aufgrund neuer politischer Prioritäten - flankiert durch ökonomische Zwänge - machte Schritte zum Abbau der überdimensionierten Afrikapolitik erforderlich. Das und die damit eng verbundene kritische Analyse der gescheiterten Sozialismuskonzepte einer Reihe afrikanischer Staaten, insbesondere in Schwerpunktländern der DDR-Afrikapolitik, schuf objektiv Möglichkeiten für eine kritische Neubewertung der eigenen Außenpolitik gegenüber Afrika. Während Prestigedenken und mangelnde Flexibilität in der DDR-Führung die Reduzierung der diplomatischen Präsenz in Afrika auf ein politisch und ökonomisch realistisches Maß erheblich erschwerten, gab es in Fragen wie der politischen Regelung von Konflikten im südlichen Afrika deutlich neue Entwicklungen. Das spiegelte sich auch im konzeptionellen Bereich wider. Ende 1988/Anfang 1989 erstellte eine Arbeitsgruppe aus dem Afrikabereich des Außenministeriums und Mitarbeitern des Instituts für Internationale Beziehungen Potsdam-Babelsberg eine Konzeption zur Bedeutung Afrikas in den internationalen Beziehungen am Ende des 20. Jahrhunderts mit Schlussfolgerungen für die Außenpolitik der DDR.

Das Papier betrachtete die Entwicklungsprobleme Afrikas erstmals losgelöst von einer durch den Ost-West-Konflikt geprägten Sicht und definierte globale Probleme in ihrer in Afrika zugespitzten Form. Es wurde nicht nur die Dominanz der kapitalistischen Entwicklung in Afrika konstatiert, sondern auch betont, dass diese Entwicklung für den Kontinent durchaus noch beträchtliches Potential sozialen Fortschritts besaß und für tiefgreifende soziale Veränderungen in Afrika sehr lange Zeiträume veranschlagt werden müssen. Kurzfristig wurden grundsätzliche Entwicklungsprobleme in den Vordergrund gestellt, deren Lösung eine systemübergreifende Zusammenarbeit erfordere. Beziehungen sollten unabhängig von der ideologischen Orientierung des Partners gestaltet, den Afrikanern selbst die Verantwortung für den gesellschaftlichen Fortschritt und die ökonomische Entwicklung ihrer Länder überlassen und bei Berücksichtigung der begrenzten eigenen Möglichkeiten eine multilaterale Zusammenarbeit mit dem Westen angestrebt werden. Daraus ergaben sich auch neue Schwerpunkte für die DDR-Afrikapolitik.

Heute mutet vieles aus dieser Konzeption selbstverständlich, einiges bereits überholt an, doch damals stieß sie an die Grenzen herrschender Dogmen und eigener Befangenheit. Wichtig war die Herauslösung der Afrikabetrachtung aus dem Korsett der Klassenkampf-Sicht bis hin zur angestrebten systemübergreifenden Zusammenarbeit Ost-West sowie die realistische Einschätzung gesellschaftlicher Perspektiven. Es war eine erste derartige langfristige Regionalkonzeption im Außenministerium, die "neues Denken", aber auch Erfahrungen aus mehr als drei Jahrzehnten DDR-Afrikapolitik reflektierte. Sie wurde im Ministerium bestätigt, kam aber nicht mehr zum Tragen, da sie 1989/90 von den innenpolitischen Entwicklungen in der DDR überholt wurde. Elemente neuen Denkens waren in der Unterstützung des UN-Unabhängigkeitsplans für Namibia immerhin auf Grundlage der ehemals ungeliebten Resolution 435 zu erkennen. Die aktive Beteiligung an der Implementierung des UN- Namibiaplans und die Eröffnung einer DDR-Botschaft in Windhoek 1990 gehörten dann jedoch auch zu den letzten signifikanten Aktivitäten der DDR-Afrikapolitik. Die DDR-Botschaft in Namibia war die weltweit letzte, die von der DDR eingerichtet wurde.

Auch ich persönlich musste im Herbst 1989 erkennen, wie gravierend die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der DDR waren, wie sie sich auch in der aktiven Afrikapolitik einerseits und ökonomischen und innenpolitischen Realitäten der DDR andererseits auftaten. Während der Dialog mit nahezu allen internationalen Partnern gesucht wurde, verweigerte man sich dem Dialog im eigenen Land. Schmerzlich war die Erkenntnis, wie viele Verbündete dort ausgegrenzt worden waren. Dabei zeigte die basisgestützte Solidarität mit afrikanischen Befreiungsbewegungen, welch politisches Potential diesbezüglich in der DDR vorhanden war. Auch daraus erklärt sich, welche Spuren der untergegangene Staat beispielsweise in Afrika hinterlassen hat. Der designierte namibische Präsident sagte mir im November 1989: wenn das (er meinte den Umbruch in der DDR) früher passiert wäre, wären wir jetzt nicht hier - am Vorabend der Unabhängigkeit Namibias. Das erklärt die Sicht manches afrikanischen Politikers – natürlich immer in der Konstellation des damals dominierenden Kalten Krieges. Es war diese Konstellation, die die Afrikapolitik der DDR, wie auch der Bundesrepublik stark geprägt hat. Ein nüchterner Blick auf die Afrikapolitik der DDR lässt mich zu der Schlussfolgerung kommen, dass es vor allem die aktive Solidarität der DDR und ihrer Bürger in Afrika bei der Überwindung des Kolonialismus und der Apartheid war, mit der diese Politik sich in die Geschichtsbücher eingeschrieben hat. Darin, und nicht primär als ( zudem gescheitertes) staatsozialistisches Gesellschaftsmodell besteht die historische Rolle der DDR in Afrika.

Es war für mich denn auch ein persönliches Anliegen, gemeinsam mit dem damaligen Afrikabeauftragten des Auswärtigen Amtes, Botschafter Harald Ganns, auf einem Afrikaforum des Evangelischen Kirchentages 1997 in Leipzig für einen kritisch-konstruktiven Umgang mit dem Erbe der Afrikapolitik sowohl der alten Bundesrepublik als auch der DDR zu plädieren.