Lebenserinnerungen


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Heft 30 der "Blauen Reihe" (September 2010), Schriften zur internationalen Politik,
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Edgar Röder

"Herr Botschafter, Sie haben noch einen Tag..."

Erinnerungen und Gedanken eines DDR-Diplomaten

 

Inhalt

Vorwort                                                                                                   
Einleitung                                                                                               
Kindheit und Jugend, Krieg und Frieden                                                     
Tätigkeit im Handel                                                                                 
Bei den Luftstreitkräften                                                                          
Krisenmanagement                                                                            
Auf der Babelsberger Diplomatenschule                                                   
Streiflichter aus 25 Jahren im diplomatischen Dienst                               
Die Jahre in Mali – eine Schule für das Leben                                               
-         Der Militärputsch                                                                                  
-         Der Eid des Hippokrates                                                                        
Die weltweite Anerkennung                                                                    
Zur Arbeit in der Länderabteilung                                                           
Beziehungen zu Angola wurden zur Herzenssache                                     
Horst Sindermann in São Tomé und Príncipe                                            
Erich Honecker in Angola, Sambia und Moçambique – Krönung der Afrika-Politik der DDR
Als Botschafter in Algerien                                                                     
-         Zu den Wirtschaftsbeziehungen                                                      
-         Eine Delegation der Volkskammer in Algerien                                  
-         Eine Instruktion aus dem ZK der SED                                              
-         Randnotizen und Begebenheiten aus dem diplomatischen                  
Alltag
-         Die „Völkerfreundschaft“ in Algier                                                   
-         Brand in der Botschaft                                                                    
-         Zur Arbeit in der Botschaft                                                              
-         Abschied von Algerien                                    
Zurück im Ministerium                                                                                
Anekdoten aus dem diplomatischen Alltag                                                   
Der Anfang vom Ende                                                                                
Als „nichtakkreditierter Botschafter“ in Tunis – Beendigung meiner diplomatischen Karriere
Als ehemaliger DDR-Diplomat im US-Konzern American Express                
Zur Weltgeschichte                                                                                    
Biografische Daten des Autors                                                             

Vorwort

Mit Edgar Röder meldet sich der letzte in der DDR noch ernannte und ins Ausland entsandte Botschafter zu Wort, der allerdings – ein Kuriosum in der Geschichte der Diplomatie - angesichts des unmittelbar bevorstehenden Untergangs seines Staates auf die Akkreditierung beim Staatsoberhaupt des Empfängerlandes verzichtete.

Der Verfasser ist ein echtes Kind seiner Zeit. In frühester Jugend noch geprägt durch den II. Weltkrieg und seine Folgen, hineingewachsen in die gesellschaftlichen Umbrüche der Nachkriegszeit im Osten Deutschlands, sucht er seinen Weg und ergreift - aus einfachsten Verhältnissen kommend - die sich ihm bietende Entwicklungschance, Berufsdiplomat zu werden. Mit seinen biografischen Notizen steht er für eine ganze Gruppe von Mitarbeitern im auswärtigen Dienst, die nach mehrjähriger erfolgreicher Tätigkeit auf anderen Gebieten am Institut für Internationale Beziehungen in Potsdam-Babelsberg eine gründliche Ausbildung erhielten. Sie konnten im Zuge der so genannten Anerkennungswelle nach dem endgültigen Scheitern der Hallstein-Doktrin ab Ende der 1960er Jahre aktiv tätig werden und die internationalen Beziehungen der DDR mitgestalten. Zu Recht kann Edgar Röder für sich in Anspruch nehmen, eine bedeutende Epoche der Weltgeschichte auf dem afrikanischen Kontinent miterlebt zu haben – sowohl die mühevollen Anfänge der Entwicklung der Beziehungen in Mali als auch die stürmische Etappe des Zusammenbruchs des portugiesischen Kolonialreichs in Afrika und den vielseitigen Ausbau der Beziehungen zu Algerien, einem für die DDR außenpolitisch und außenwirtschaftlich wichtigen Land – nicht zu vergessen die Ausübung von Leitungsfunktionen für diesen Regionalbereich im Außenministerium.

Auch in den Notizen Edgar Röders verflechten sich Allgemeines und Besonderes, gerade Linien und Brüche, historische Determination und individuelle Entscheidung. Nicht alles Erlebte mag typisch und allgemeingültig sein, doch es bleibt deshalb nicht weniger aufschlussreich und bezeichnend. Die Widersprüche zeigen die lebendige Wirklichkeit viel bunter und facettenreicher als die platte, ideologisch simplifizierte Darstellung der Geschichte, die die veröffentlichte Meinung heute weitgehend beherrscht. Der Leser möge sich am praktischen Beispiel ein Urteil über die nicht zu leugnenden Leistungen der Außenpolitik der DDR und zugleich ihre Defizite bilden. Deutlich wird das Ansehen, das DDR-Vertreter bis zum letzten Tag im Ausland genossen. Sichtbar wird aber auch, wie der Geist des Kalten Krieges gerade im deutsch-deutschen Verhältnis in manchen Köpfen bis zum Tag der Einheit und darüber hinaus lebendig blieb. Die berufliche Laufbahn Edgar Röders war natürlich nicht frei von Problemen und Reibungen im Innern des Apparats. Noch in den letzten Monaten der Existenz der DDR drohte er Opfer lügnerischer Instrumentalisierung des „Stasiproblems“ zu werden. Ob allerdings die Einsichtnahme in die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit immer den erhofften psychologischen Befreiungsschlag bringt, mag dahingestellt bleiben.

Der Verfasser schied 1990 aus dem Diplomatenberuf mit langjährigen Erfahrungen und einem Schatz von Kenntnissen und Fertigkeiten. Seine Frage, warum es ausländische Unternehmen sein mussten, in deren Diensten er dieses Potential in der Folgezeit zum Einsatz bringen konnte, mögen die deutschen Firmen beantworten, die, wie er sagt, „diese Chance nicht wahrgenommen haben oder nicht wahrnehmen durften“ – und natürlich diejenigen, die die rigorosen Modalitäten der „Abwicklung“ des diplomatischen Dienstes der DDR und des Umgangs mit seinem Personal bestimmten.

Otto Pfeiffer                                                     Berlin, im September 2010

 

Einleitung

Zu Weihnachten 2009 auf der spanischen Insel Fuerteventura entschloss ich mich nach langjährigem Zögern, Erinnerungen aufzuschreiben. Am schier endlosen Sandstrand von Corralejo, wo die Sahara in den Atlantischen Ozean zu münden scheint, fand ich dafür Zeit und Ruhe. Es soll ein bescheidener Beitrag gegen den wahrheitsfernen Umgang durch Politik und Medien mit der DDR sein. Wie kleine Mosaiksteinchen werden sich die Erinnerungen in die jeweilige Zeit einfügen lassen. Ich will objektiv sein, werde dabei aber subjektive Betrachtungen nicht völlig vermeiden können.

Tagebücher hatte ich zu keiner Zeit geführt, wohl aber Kalender, Notizbücher und Niederschriften von besonders interessanten Gesprächen aufgehoben. Neben den Erinnerungen waren sie mir wichtige Nachschlage-werke.

Nach der Beendigung des Arbeitslebens konnte ich darauf zurückblicken, verschiedene Gesellschaftssysteme mit all ihren Licht- und Schattenseiten kennengelernt zu haben. Es waren in den Kinderjahren der Faschismus, danach der Sozialismus nach dem Modell der Sowjetunion, die postkoloniale Gesellschaft in afrikanischen Ländern und zuletzt der Kapitalismus am Ausgang des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Jenseits ideologischer Kontroversen bleibt festzustellen, dass diese Erkenntnisse und Erfahrungen und das daraus entspringende soziale Verhalten ein intellektuelles Kapital darstellen, über das alle diejenigen nicht zu verfügen scheinen, die bis heute alles verteufeln, was aus dem Osten kommt.

Besonders nachhaltig hat auf mich eingewirkt, dass ich im diplomatischen Dienst der DDR im vorigen Jahrhundert eine bedeutende Epoche der Weltgeschichte auf dem afrikanischen Kontinent hautnah miterleben konnte. Eine große Lehre war nach 1990 das Kennenlernen der Marktwirtschaft und das Mitwirken in ihr in einem weltweit agierenden amerikanischen Konzern im Zeitalter einer ungebremsten Globalisierung.

Geprägt haben mich mein Elternhaus und viele kluge Menschen, denen ich begegnet bin.

Am 1. Oktober 1990 verließ ich, von meiner letzten Mission in Tunis kommend, im Hafen von Marseille das französische Fährschiff „Liberté“. Der junge Grenzbeamte lächelte, als er meinen Diplomatenpass betrachtete. Er sagte sehr freundlich: „Herr Botschafter, Sie haben noch einen Tag. Viel Glück!“ Ich fuhr nach Hause in einen mir noch fremden Staat.

Das welthistorische Experiment der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung im Sinne von Karl Marx hatte mein Leben und mein Denken in hohem Maße beeinflusst. Schon in früher Jugend begriff ich den Sozialismus als Chance, soziale Gerechtigkeit zu schaffen und Kriege für alle Zeiten zu verbannen. Die Nichtbewältigung der faschistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik war ein Grund mehr, in der DDR dazu eine Alternative zu sehen.

Umso bitterer empfand ich das Scheitern des Sozialismus. Die herrschende politische Klasse in der Sowjetunion und in den anderen sozialistischen Ländern hatte es nicht vermocht, den Menschen das Gefühl von Freiheit und Demokratie nachhaltig zu vermitteln und dauerhaften Wohlstand durch wirtschaftliche Überlegenheit zu sichern. Eine einmalige historische Chance wurde für lange Zeit vertan.

Fuerteventura heißt aus dem Spanischen übersetzt „starkes Glück“. Das hatte ich fast immer. An den Weggabelungen des Lebens lenkte es mich auf den richtigen Weg. Er führte immer über Hindernisse und Widerstände. Am Ende überwogen nützliche Arbeitsergebnisse und Erfolge. Für meine persönliche Entwicklung trugen neben den eigenen Anstrengungen auch glückliche Umstände bei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Leute kennen gelernt zu haben.

Ich danke dem Verband für Internationale Politik und Völkerrecht für die wohlwollende Unterstützung meines Vorhabens.

Edgar Röder

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Rezensionen:

Franz-Karl Hitze schreibt im "Neuen Deutschland" vom 09.12.2010:

"Der letzte Botschafter - Erinnerungen von Edgar Röder an sein diplomatisches Leben"

Weihnachten 2009: Am Sandstrand von Corralejo, auf der spanischen Insel Fuerteventura, entschließt sich Edgar Röder, Jg. 1936, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Er begann im 12. Lebensjahr, als Dorfschüler in Saubach (Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt), privat Englisch zu lernen. Seine Mathematiklehrerin hatte ihm kostenlosen Unterricht angeboten, doch Edgars Vater bestand auf ein Entgelt; er »bezahlte« die Privatstunden seines Sohnes vierteljährlich mit einem selbstgezogenen Kaninchen. Diese Investition sollte sich lohnen.

Im September 1960 begann Edgar Röder sein Studium am Institut für Internationale Beziehungen, Fachrichtung Außenpolitik, in Potsdam-Babelsberg. Vier Jahre darauf nahm er seine Tätigkeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA) auf. Er wurde Länderreferent in der 4. Außereuropäischen Abteilung und befasste sich anfangs mit Tanganjika und Sansibar. Im Frühjahr 1968 wurde er als Stellvertreter des Leiters an die Wirtschafts- und Handelsmission der DDR nach Mali entsandt. Eine Schicksalsentscheidung, wie er schreibt. Afrika blieb er über 25 Jahre verbunden. Nach leitenden Tätigkeiten in der Afrikaabteilung des MfAA folgten seine Berufungen als Botschafter in Algerien (1979-1983) und noch im Mai 1990 nach Tunesien. Er war der letzte Botschafter, der in der DDR ernannt und ins Ausland entsandt wurde. Angesichts des unmittelbar bevorstehenden Untergangs seines Staates verzichtete er auf eine Akkreditierung beim Staatsoberhaupt in Tunis. Im Vorwort bezeichnet Otto Pfeiffer, Präsident des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., diesen Vorgang als ein Kuriosum in der Geschichte der Diplomatie.

Röder beschreibt eingehend die Politik der DDR in Afrika. Dabei stützt er sich auf eigene Erfahrungen und vor allem auf das »Wie« in der praktischen Diplomatie. Neben vielen Beispielen seiner Arbeit in Mali und in Algerien geben dazu Anekdoten aus dem diplomatischen Alltag Auskunft.

Das Buch belegt die fachlichen Qualitäten der DDR-Diplomaten, die es ihnen ermöglichten, nach ihrer Abwicklung auch noch in der Marktwirtschaft eine Tätigkeit zu finden. Ihr Wissen war in großen Konzernen begehrt. Röder hat 1991 an einem Wirtschaftstraining für Akademiker teilgenommen und einem Kurs in Unternehmensführung absolviert. Er wurde Bereichsleiter bei einem deutschen Tochterunternehmen des italienischen Olivetti Konzerns, Gebietsgeschäftsleiter bei dem englischen Unternehmen »Thomas Cook« und schließlich Manager und Generalbevollmächtigter in der Geschäftsleitung von American Express in Frankfurt am Main (1997-2003). Es ist bedauerlich, dass diese Möglichkeiten deutsche Unternehmen nach der Vereinigung nicht nutzten, das Potenzial ehemaliger Botschafter der DDR nicht wahrgenommen haben oder nicht wahrnehmen durften.

Franz-Karl Hitze schreibt in "Leipzigs Neue" am 10.11.2010

"Der letzte Botschafter"                                                       

Der Satz im Titel des Buches stammt von einem französischen Grenzoffizier im Hafen von Marseille. Edgar Röder war der  letzte Botschafter der in der DDR ernannt und ins Ausland entsandt wurde.

Angesichts des unmittelbar bevorstehenden Untergangs seines Staates verzichtete er auf eine Akkreditierung  beim Staatspräsidenten Tunesiens. Nach diesem Kuriosum verließ er am 1. Oktober 1990 eine französische Fähre in Marseille und musste sich die vielsagenden Bemerkungen von dem sehr freundlichen Offizier anhören.

Röder (Jahrgang 1936) hatte schon im zwölften Lebensjahr in der Dorfschule Saubach (Sachsen-Anhalt) Englisch gelernt. Nach dem Studium befasste er sich 25 Jahre  mit der  Politik der DDR zu  afrikanischen Länder - anfangs mit Tanganjika und Sansibar. 1968 wurde  Röder  als Stellvertreter des Leiters  an die Wirtschafts- und Handelsmission der DDR nach Mali entsandt. Nach leitenden Tätigkeiten in der Afrikaabteilung des MfAA folgten Berufungen als Botschafter nach Algerien (1979 – 1983) und wie oben gesagt 1990  nach Tunesien. Röder  gehörte zu den Mitarbeitern des DDR-Außenministeriums die von Bonn nach der Vereinigung sofort „abgewickelt“ wurden. Er  gab sich damit aber nicht zufrieden, sondern ließ sich  an einem mehrmonatigen  Wirtschaftstraining  für Akademiker und einem  Zyklus für Unternehmensführung   weiterbilden. Schließlich fand er Beschäftigungen  bei einem Tochterunternehmen des italienischen Olivetti Konzerns, bei dem englischen Unternehmen „Thomas Cook“  und von 1997 bis 2003  als Manager und Generalbevollmächtigter von American Express in Frankfurt am Main. Röder ist es gelungen den Nachweis  zu führen, dass  Ex-DDR-Diplomaten über ausreichende Qualitäten verfügen auch in der Marktwirtschaft in großen Konzernen zu arbeiten. Heute lebt er als Rentner  nahe Berlin.