DDR-Außenpolitik, Südafrika


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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Spurensuche im Süden Afrikas: - Die Zusammenarbeit mit den Befreiungsbewegungen wirkt nach"

 Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in:  Thomas Kunze, Thomas Vogel (Hrg.): "Ostalgie international. Erinnerungen an die DDR von Nicaragua bis Vietnam"  Ch. Links Verlag, Berlin 2010

Bei den Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der Unabhängigkeit Namibias 2005 in Windhoek rieben sich einige Journalisten überrascht die Augen: Auf der Tribüne saß neben der Gattin von Staatspräsident Pohamba die ehemalige First Lady der DDR Margot Honecker als Ehrengast der Regierung Namibias. In den letzten 20 Jahren sind Vertreter unterschiedlicher Institutionen der DDR, teilweise auch auf hoher Ebene, von früheren Partnern in Südafrika, Namibia, Simbabwe und anderen Ländern des südlichen Afrika eingeladen und teilweise auch persönlich geehrt worden. So würdigte beispielsweise die mosambikanische Regierung die Unterstützung des Unabhängigkeitskampfes durch den Berater Herbert Graf, den Lehrer Joachim Kindler, den Journalisten Peter Spacek und andere noch nach der Wende von 1989 mit hohen Auszeichnungen. Insider überrascht das nicht, die DDR hat im Süden Afrikas Spuren hinterlassen – nicht nur in der Erinnerung einstiger und heutiger Funktionsträger.

Die DDR war in dieser Region über Jahrzehnte als Verbündeter in der Auseinandersetzung von Befreiungsbewegungen und neuen Staaten mit Kolonialismus und Rassismus präsent, ihr diesbezügliches Engagement ist bei vielen Afrikanern nicht vergessen. In einem umfangreichen Werk zur Geschichte des Befreiungskampfes Südafrikas findet sich im Band über internationale Solidarität auch ein 80-Seiten-Kapitel über die Unterstützung der DDR.[1] Ich selbst habe im südlichen Afrika in den letzten 20 Jahren bei Forschungsprojekten ca.200 Interviews geführt. Kontakte aus meinen Jahren im diplomatischen Dienst der DDR erwiesen sich dabei als sehr hilfreich. Aber auch dort, wo es keine persönlichen Kontakte gab, öffnete mir allein die Tatsache dieser früheren Tätigkeit Türen zu wichtigen Gesprächspartnern.

Das sollte nicht verwundern, war doch der Süden des Kontinents ein Schwerpunkt ostdeutscher Afrikapolitik. Mit dem antikolonialen Aufbruch der sechziger Jahren, als sich die DDR Hoffnung auf internationale diplomatische Anerkennung und die Durchbrechung der Hallstein-Doktrin machte, gewann Afrika an Gewicht in der Außenpolitik der DDR. Die DDR-Afrikapolitik unterstützte den Kampf um nationale Unabhängigkeit in Afrika, die – so die Hoffnung – den Einfluss des „real existierenden Sozialismus“ in der Dritten Welt vergrößern würde. Der Ost-West-Konflikt und die deutsch-deutsche Konfrontation prägten diese Politik. Die DDR stimmte in vielen internationalen Fragen mit afrikanischen Staaten weitgehend überein und trat prononciert als deren politischer Partner und Verbündeter auf.

Die Entwicklung im Süden Afrikas fand besondere Aufmerksamkeit in der DDR-Führung. Das begünstigte eine schnelle und wirksame Unterstützung von Befreiungsbewegungen oder befreundeten Saaten in kritischen Situationen. Solidarität mit dem Befreiungskampf in Südafrika, Namibia und Südrhodesien war ein Schwerpunkt der Afrikapolitik, gleichrangig mit den Beziehungen zu politisch und ökonomisch determinierten Schwerpunktländern wie Angola, Mosambik und Äthiopien. Die DDR konzentrierte sich auf Bereiche von strategischer und für Befreiungsbewegungen bzw. neu etablierten Regimes teilweise auch existentieller Bedeutung - Aufbau von Staatsapparat und Parteistrukturen, Bildung und Ausbildung sowie Militär- und Sicherheitspolitik. Eine große Zahl Ostdeutscher war in entsprechende Aktivitäten involviert. Eine Konferenz der Evangelischen Akademie Wittenberg 2004 stellte fest, dass allein in Mosambik zwischen 1977 und 1990 weit über 7 000 DDR-Bürger längerfristig tätig waren und im gleichen Zeitraum 21 .000 Mosambikaner in der DDR arbeiteten. Es habe im gesamten Ostblock keine vergleichbare Kooperation derartiger Intensität gegeben.[2] „Wir haben Spuren hinterlassen!“, so melden sich einstige Akteure dieser Kooperation in einem gleichnamigen Sammelband selbstbewusst, aber durchaus kritisch zu Wort.[3]

Begrenzte ökonomische Möglichkeiten der DDR waren ein latentes Problem für die Afrikapolitik, auch gegenüber den Schwerpunktländern Angola und Mosambik. Die unzureichende Mittelausstattung wurde oft durch den Einsatz von Spezialisten und die verstärkte Konzentration auf den Ausbildungsbereich kompensiert. In den 1980er Jahren gab es durch die zunehmend krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung in der DDR sowie durch außenpolitische Neugewichtungen und die Erkenntnis vom Scheitern sozialistischer Entwicklungsmodelle in Afrika einen Rückgang des afrikapolitischen Engagements. Dennoch hielt die DDR an der Hilfe für die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika unvermindert fest, teilweise wurde die Unterstützung sogar noch verstärkt.

Bei afrikanischen Partnern haben ostdeutsche Spezialisten auch heute noch einen guten Ruf. Viele blieben ihren Partnern als aufrechte Menschen, als fähige und engagierte Experten in Erinnerung. Sie waren – wie auch das diplomatische Personal - oft regional spezialisiert, ausgebildet und vorbereitet worden. Durch wiederholte Einsätze konnten sie so in ihrem Bereich langfristig Erfahrungen sammeln und dauerhafte persönliche Verbindungen aufbauen. Die ansonsten für die Sicherung des Personalbedarfs eher hinderliche komplizierte, ideologisch und sicherheitspolitisch beeinflusste Auswahl von "Auslandskadern" in der DDR hatte den Nebeneffekt, dass dadurch ein durchaus motivierendes Eliteverständnis befördert wurde. Das propagierte und vielfach auch verinnerlichte Prinzip „Solidarität“ sowie die Bewertung der "nationalen Befreiungsbewegung" als einer der „Hauptströme des weltrevolutionären Prozesses“ orientierte auf gleichberechtigte und partnerschaftliche Zusammenarbeit. DDR-Spezialisten sollten sich so von der westlichen Konkurrenz abheben. Der mit der marxistisch-leninistischen Weltanschauung verbundene Wahrheitsanspruch stand dazu freilich in deutlichem Kontrast. Dessen wurden sich zunehmend vor allem jene bewusst, die mit offenem Blick und großem persönlichen Einsatz die Sache der Partner zu ihrer eigenen gemacht hatten.

Einflusstiefe erzielte die Afrikapolitik der DDR vor allem gegenüber den Befreiungsbewegungen, durch deren frühzeitige Unterstützung, als diese noch um internationale Akzeptanz bemüht waren, aber auch durch die schnelle und wirksame Hilfe in Krisensituationen. Tiefen Eindruck hinterließ auch hier das persönliche Engagement. Selbst Persönlichkeiten wie der bekannte südafrikanische Publizist Allister Sparks mit einer eher kritischen Sicht auf die DDR erwiesen der Kompetenz und dem Verantwortungsbewusstsein ihrer Vertreter Reverenz. Sparks nennt es eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der DDR-Wissenschaftler Gerhard Wittich den ANC vor Nationalisierungen im Post-Apartheid- Südafrika warnte. Wittich argumentierte mit Erfolg, Südafrika werde schon Schwierigkeiten haben, die bereits bestehenden Parastatals zu managen, geschweige denn noch weitere Staatsbetriebe.[4] Wittich war in den 1980er Jahren an der Universität in Simbabwe als Ökonomieprofessor tätig. Er war es auch, der dann 1992 in Berlin einer von der südafrikanischen Nichtregierungsorganisation IDASA organisierten Studiendelegation mit breitem politischen Spektrum aus seiner Sicht die Ursachen für das ökonomische Scheitern der DDR und problematische Entwicklungen im Vereinigungsprozess erläuterte. Ähnlich wie Wittich haben andere DDR-Experten schon in den 1980er Jahren ihre Vertrauenspositionen bei Befreiungsbewegungen dazu genutzt, vor „sozialistischem Übereifer“ zu warnen und Realitätssinn anzumahnen. Johannes Pilz, Berater beim SWAPO-Hauptquartier in Luanda, legte seinen namibischen Partner nahe, eigene Vorstellungen zu entwickeln und nicht die DDR zu kopieren. Er entwickelte sogar Ideen einer künftigen sinnvollen ost-westdeutschen Kooperation im unabhängigen Namibia.[5]

Begegnungen Ostdeutscher mit ehemaligen und neuen Partnern und Freunden im südlichen Afrika nach dem Ende der DDR sind so vielfältig wie zahlreich. Dies betrifft sowohl ehemalige Akteure im staatlichen Bereich der Beziehungen von der Kultur bis zur Außenwirtschaft als auch aus der kirchlichen Zusammenarbeit oder der solidarischen Hilfe. 1993 fand in Johannesburg eine große internationale Solidaritätskonferenz statt. Der Präsident des ANC, Oliver Tambo, hatte ausländische Vertreter von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen eingeladen, um ihnen für ihre Unterstützung bei der Befreiung von der Apartheid zu danken. [6] Unter den Gästen befanden sich aus Ostdeutschland sowohl Aktivisten der „offiziellen“ DDR-Solidarität als auch solche aus kirchlichen Anti-Apartheid-Gruppen. Während seines ersten Staatsbesuches in Deutschland 1996 hatte Namibias Präsident Sam Nujoma auf eigenen Wunsch ein Treffen mit alten (ostdeutschen) Freunden. Er bezeichnete diesen Abend später als einen der Höhepunkte seines Besuches.[7] Die Botschafter Südafrikas und Namibias in Berlin haben wiederholt zu Treffen mit jenen Freunden eingeladen, die früher den Befreiungskampf ihrer Völker unterstützt hatten. 2007 traf der Mitbegründer der FRELIMO, Mitglied des Staatsrates von Mosambik, Marcelino dos Santos, in Berlin alte Freunde aus der DDR, die sich besonders für und in Mosambik engagiert hatten – als Berater, Diplomaten und Wirtschaftspartner, aber auch als Vertreter von Kirchen und nichtstaatlichen Organisationen.[8]

Bemerkenswert ist, dass diese Begegnungen nicht allein vom Austausch alter Erinnerungen leben. Hier findet eine beachtliche kritische Reflektion der gemeinsamen Vergangenheit statt, hier werden aber auch auf gleicher Augenhöhe heutige Entwicklungen in Afrika, in Deutschland, in der Welt diskutiert – mit Gewinn für alle Beteiligten. Ich erlebte das auf einem wissenschaftlichen Kolloquium zur postkolonialen Entwicklung im südlichen Afrika im Dezember 2007 in Harare, zu dem ich – ehemals Botschafter der DDR in Simbabwe – eingeladen worden war. Der Gastgeber Ibbo Mandaza, Exekutivvorsitzender der Southern Africa Political and Economic Series, erinnerte die Teilnehmer bei der Vorstellung des deutschen Gastes daran, dass er selbst einst Generalsekretär der Freundschaftsgesellschaft Simbabwe-DDR war.

Es hat mich gefreut, in Simbabwe auch auf andere Spuren einstigen DDR-Engagements ganz anderer Art zu stoßen – zunächst im Telefonbuch: Das Mashayamombe Training Centre, ein Berufsausbildungszentrum, existiert noch. Welche Mühe hatte es seinerzeit gekostet, eine Jugendbrigade der Freien Deutschen Jugend der DDR ins Land zu holen! Die jungen Leute erbauten das Zentrum in den 1980er Jahren mit viel Enthusiasmus und Eigeninitiative. Es wurde 1990 vom Deutschen Entwicklungsdienst positiv evaluiert und zunächst in seiner Regie weitergeführt, ehe es von simbabwischen Partnern übernommen wurde. Ganz sicher sind derartig greifbare Spuren der Entwicklungszusammenarbeit in Mosambik und Angola in größerer Zahl zu finden, und auch solche der wirtschaftlichen Kooperation mit der DDR – erfreuliche und auch weniger erfreuliche. Von den jungen Namibiern, die in der DDR aufgewachsen sind und seit 1990 ihren Weg in Namibia gehen, will ich gar nicht reden. Sie werden häufig als Kronzeugen nachhaltigen ostdeutschen Engagements im südlichen Afrika aufgerufen. Auf solches Engagement verweisen jedoch auch scheinbar nebensächliche Details. Im Mayibuye Centre der University of the Western Cape traf ich Barry Feinberg, einen Veteranen des ANC und Filmemacher. Die Wand hinter seinem Schreibtisch war verziert mit Urkunden der Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche, wo der Künstler mehrfach mit Auszeichnungen bedacht wurde.

Erfreulich ist auch immer wieder zu entdecken, wie Nichtregierungsorganisationen mit ostdeutscher Biographie ihr Engagement fortführen und unter völlig neuen Bedingungen mit afrikanischen Partnern gemeinsames Lernen sowie Selbsthilfeprojekte zur Überwindung von Armut und Ungerechtigkeit entwickeln. Zu ihnen gehören der Solidaritätsdienst-international e.V. (SODI), Rechtsnachfolger des DDR-Solidaritätskomitees, genauso wie die kirchlich angebundene Organisation INKOTA, die Gossner Mission oder die Deutsch-Afrikanische Gesellschaft. Es entspricht gewachsenen Traditionen und Erfahrungen, dass SODI partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit in Afrika auf den Süden des Kontinents konzentriert. Das betrifft Landwirtschaftsprojekte, Kindergärten, kleine Produktionseinrichtungen und ein Wohnungsbauprojekt moderner Lehmbautechnologie in Namibia ebenso wie Schulen in Mosambik oder Kinder- und Frauenprojekte in Südafrika. Das integrierte Naluyanda-Projekt der Gossner Mission in Sambia als Missions- und Solidaritätsprojekt existiert auch noch 20 Jahre nach dem Ende der DDR. Diese und andere zivilgesellschaftliche Akteure haben das Erbe ostdeutscher Solidarität „dialektisch aufgehoben“.

Gegenwärtig setzt man sich im südlichen Afrika verstärkt mit der Geschichte des Befreiungskampfes auseinander. Sich der eigenen Wurzeln vergewissern, um Antworten auf die enormen Herausforderungen von heute und morgen zu finden – darum geht es. Ein Geschichtswerk dazu in Südafrika wurde bereits erwähnt. Die Regionalorganisation SADC hat ein Projekt zur Geschichte des Befreiungskampfes im gesamten südlichen Afrika beschlossen, das internationale Solidarität einschließt und dabei auch der DDR ein gesondertes Kapitel widmet. [9] In Namibia entstand mit deutscher Unterstützung ein Spezialarchiv zum antikolonialen Widerstand und nationalen Befreiungskampf. Ein Komitee deutscher und Schweizer Historiker unterstützt dieses Archiv und hat Dokumente, Fotos, Poster und Nachlässe, darunter sehr viele ostdeutscher Provenienz, dem Archiv in Windhoek zur Verfügung gestellt und einen gesonderten Bestand zur Solidarität mit Namibia beim Bundesarchiv in Berlin eingerichtet. Die SWAPO entsandte für den Aufbau ihres eigenen Archivs 2002 eine Delegation nach Deutschland, die sich auch auf Spurensuche begab. Sie wurden u.a. beim Internationalen Institut für Journalismus Berlin-Brandenburg und bei SODI, deren Vorgänger in der DDR aktiv mit der Solidarität verbunden waren, fündig. In Unterlagen und Fotos identifizierten sie ehemalige namibische Teilnehmer von Ausbildungslehrgängen, die heute in staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen Namibias tätig sind, deren damalige Ausbildung in Berlin ihre berufliche und politische Entwicklung entscheidend geprägt hat.[10]

Ohnehin war die Ausbildung von Studenten und Facharbeitern der insgesamt wohl bedeutendste und nachhaltigste Bereich des DDR-Engagements in Afrika. Die breite Palette reichte von der akademischen über die Berufsausbildung bis zur Absolvierung spezialisierter Einrichtungen von DDR-Institutionen und Organisationen. Militär- und Sicherheitsausbildung spielte ebenfalls eine große Rolle. Ich selbst habe inzwischen wiederholt Südafrikaner getroffen, die ich damals als Diplomat auf ihren Weg zur Ausbildung in der DDR gebracht habe. Erst kürzlich besuchte mich Südafrikas Botschafter in Schweden bei einem Aufenthalt in Berlin, ihn hatten wir in den 1970er Jahren von Lusaka aus zur Filmhochschule nach Potsdam geschickt.

Angehörige von Befreiungsbewegungen wurden an Universitäten, Hoch- und Fachschulen, in Betrieben, an Schulen der SED, des Gewerkschaftsbundes und anderer Organisationen und nicht zuletzt auch an Militäreinrichtungen ausgebildet. Allein der ANC Südafrikas schickte seit 1976 mehr als tausend Militärs zu speziellen halbjährigen Weiterbildungskursen in ein streng abgeschirmtes Lager bei Teterow in Mecklenburg. Ronnie Kasrils, nach 1994 stellvertretender Verteidigungs- und später einige Jahre Sicherheitsminister in Südafrika, bewertete die Qualität dieser Ausbildung höher als die eigene in der Sowjetunion.[11] Der langjährige Stabs- bzw. Armeechef Südafrikas, General Siphiwe Nyanda, seit 2009 ist er Minister für Kommunikation, wurde in Teterow ausgebildet. Eine Reihe „Teterow-Absolventen“ wurden als Oberstleutnante, Oberste und Brigadegeneräle in die südafrikanischen Streitkräfte übernommen.[12] Insgesamt vier Kabinettsminister in Südafrika erhielten eine Ausbildung in der DDR, andere DDR-Absolventen sind in Parlamentsausschüssen oder einflussreichen Beraterpositionen zu finden, stehen an der Spitze staatlicher Institutionen, besetzen Leitungsfunktionen in Ministerien oder vertreten Südafrika als Botschafter im Ausland.

Angesichts dieser intensiven Beziehungen der DDR zu den Befreiungsbewegungen ging es bei der Einladung Margot Honeckers nach Namibia sicher nicht ausschließlich um sie selbst. Sie personifiziert für die Generation der Befreiungskämpfer wohl vielmehr die DDR, von der die SWAPO Namibias über Höhen und Tiefen hinweg Unterstützung und Solidarität erhalten hatte. Ähnliches erfuhr eine ostdeutsche Delegation am Rande einer Konferenz in Südafrika vom damaligen Präsidenten Nelson Mandela, der erzählte, dass man in der Führung des ANC gesammelt habe, um die Honeckers in Chile zu unterstützen – Solidarität für Solidarität.

Der Zusammenbruch der DDR 1989/90 war für viele im südlichen Afrika, gerade auch für die Befreiungsbewegungen ANC und SWAPO, ein Schock. Die Zeitschrift des ANC „Sechaba“, sie wurde - wie Publikationen anderer Befreiungsbewegungen auch - in der DDR gedruckt und von dort aus vertrieben, erschien im Dezember 1990, drei Monate nach dem Ende der DDR, mit einem Titelfoto von der Eröffnung der ANC-Mission in Ost-Berlin 1978. Der Leitartikel kommentierte den Verlust, den die Befreiungsbewegung mit der DDR erlitten habe und würdigte deren uneingeschränkte Solidarität für das südafrikanische Volk.[13] Die DDR war für nicht wenige Führungskräfte wie Geraldine Fraser-Moleketi aus Südafrika - unter Mandela und Mbeki langjährige Ministerin - „eine Art Vorbild, um nicht das Wort ‘Modell’ zu benutzen, für eine scheinbar erfolgreiche sozialistische Gesellschaft.”[14] Max Sisulu, heute Parlamentspräsident Südafrikas, schätzte an der DDR besonders die von ihm und anderen wahrgenommene Stabilität, ihr Sozialsystem und die Wärme unter den Menschen: „Wir waren zutiefst getroffen durch den Kollaps der DDR.“[15]

Das Scheitern der DDR bewegte viele ihrer Freunde und Partner sehr, es fiel ihnen schwer das zu verstehen. Der designierte namibische Präsident Nujoma erklärte mir 1989 in Windhoek: „Wenn die DDR früher zusammengebrochen wäre, dann wären wir jetzt nicht hier.“ Ich hielt es damals und halte es auch weiterhin für wichtig, einer unkritischen Verklärung der DDR zu widersprechen und auf ihre systemischen Schwächen und Fehler hinzuweisen. Ich selbst habe das in vielen intensiven Diskussionen mit Freunden sowohl in Deutschland als auch im südlichen Afrika getan.[16] Gleichzeitig ist in aller Fairness festzuhalten: Die DDR und ihre Bürger haben durch aktive Solidarität einen Beitrag zur Überwindung des Kolonialismus und der Apartheid geleistet. Vor allem darin, und nicht als staatssozialistisches, zudem noch gescheitertes Gesellschaftsmodell besteht die historische Rolle der DDR in Afrika. Für viele Menschen im Süden des Kontinents wird das Bild der DDR noch heute durch diese Solidarität bestimmt, sie entspricht ihrer Erfahrung. In der damals bipolaren Welt galten Nelson Mandela und seine Gefährten im Westen lange als Terroristen und Handlanger Moskaus, während die DDR ihren Befreiungskampf bereits frühzeitig unterstützte. Eine objektive und kritische Würdigung des Afrika-Engagement des Staates DDR und seiner Bürger fernab nostalgischer Verklärtheit und pauschalierender Negativurteile liegt ganz sicher im Interesse der Beziehungen des vereinigten Deutschland zu Afrika.

Für einen kritisch-konstruktiven Umgang mit dem Erbe der Afrikapolitik sowohl der alten Bundesrepublik als auch der DDR plädierten der Afrikabeauftragte des Auswärtigen Amtes, Botschafter Harald Ganns, und der Autor gemeinsam auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1997 in Leipzig.[17] Wie ich in Gesprächen mit deutschen Botschaftern im südlichen Afrika feststellen konnte, gibt es unterschiedlich erfolgreiche Bemühungen, Elemente des DDR-Erbes in die Gestaltung der bilateralen Beziehungen einzubeziehen, dazu gehören auch die „DDR-Kinder“ in Namibia. Aus der Sicht der Partner ist ein solches Herangehen ohnehin selbstverständlich. Der erste Außenminister Namibias, Theo-Ben Gurirab, bezeichnete die engen Beziehungen zwischen der SWAPO und der DDR als eine der Grundlagen für die besonderen Beziehungen seines Landes zum vereinigten Deutschland.[18] Akzeptieren wir doch diese afrikanische Sicht einfach unverkrampft als Aufforderung an die Deutschen in Ost und West, auf die sozioökonomischen, politischen und ökologischen Herausforderungen, vor der wir alle stehen, gemeinsam mit den Partnern in Afrika Antworten zu finden.


 

[1] South African Education Trust (ed.), The Road to Democracy in South Africa, Volume 3, Part 2, Unisa Press, University of South Africa 2008.
[2] Döring, Hans-Joachim/Rüchel, Uta (Hrsg.), Freundschaftsbande und Beziehungskisten. Die Afrikapolitik der DDR und der BRD gegenüber Mosambik, Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt/Main 2005, S. 14.
[3] Voß, Matthias (Hrsg.): Wir haben Spuren hinterlassen! Die DDR in Mosambik; Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse aus drei Jahrzehnten, Lit-Verlag, Münster 2005.
[4] Allister Sparks, Beyond the Miracle. Inside the New South Africa, Jonathan Ball Publishers Johannesburg & Cape Town 2003, p.179.
[5] Schleicher, Hans-Georg, DDR-Solidarität mit dem Befreiungskampf. Ein besonderes Kapitel deutsch-namibischer Beziehungen, in: Klaus A. Hess/Klaus J. Becker (Hrsg.), Vom Schutzgebiet bis Namibia 2000, Göttingen/Windhoek: Klaus Hess Verlag/Publishers 2002, S. 96 f.

[6] Callinicos, Luli, Oliver Tambo, Beyond the Engeli Mountains, Claremont: David Philip Publishers 2004, p. 626.

[7] Schleicher, a.a.O., S. 99.
[8] Neues Deutschland, Berlin 25.6.2007.
[9] SADC Secretariat Research, Hashim Mbita Project, Dar es Salaam.
[10] Journalistentraining made in Brandenburg: Zur Arbeit des Internationalen Instituts für Journalistik Berlin-Brandenburg (IIJB) e.V., Brandenburgische Entwicklungspolitische Hefte 43(2002), S. 24 f.
[11] Kasrils, Ronnie, Armed and Dangerous: My Undercover Struggle against Apartheid, Oxford: Heinemann Educational, 1993, 125 ff.
[12] Interview mit Hermanus Loots (James Stuart), Johannesburg 22. November 1995.

[13] Sechaba, December 1990, 1.

[14] Interview mit Geraldine Fraser-Moleketi, Pretoria, 1. Dezember 1995.

[15] Interview mit Max Sisulu, Cape Town, 5. Januar 1996.

[16] Democracy in Action. Journal of the Institute for a Democratic Alternative for South Africa, July/August 1991, p. 24.
[17] Kirchentag ‚97: gesehen-gehört-erlebt, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1997, S. 149 f.
[18] Interview mit Theo-Ben Gurirab, Windhoek 8.2.1996.