Geschichte der Außenpolitik der DDR / Polen


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Van Zwoll, Jürgen:

Interview für die Mitarbeiterzeitschrift des Auswärtigen Amtes "internAA" Ausgabe 10 - Oktober 2010

 „Karriereende in Warschau - Interview mit Jürgen van Zwoll, dem letzten DDR-Botschafter in Polen“

Quelle: Autor

internAA: Welche Erinnerungen haben Sie an den 3. Oktober 1990?

Jürgen van Zwoll: Ich denke zunächst an den 2. Oktober 17 Uhr, als wir die Botschaft der DDR in Warschau für immer geschlossen haben. Alle Angelegenheiten waren bereits der Deutschen Botschaft übergeben. Anschließend haben wir im Kreis der verbliebenen Mitarbeiter noch ein Glas Sekt getrunken. Am 3. Oktober bin ich nach Berlin geflogen. Noch gegenwärtig ist das Gefühl, in ein schwarzes Loch zu fallen. Es entstand aus der Sorge darum, wie ich den Lebensunterhalt für meine Familie verdienen sollte. Alles andere kam danach.

internAA: Von 1988 bis 1990 waren Sie Botschafter der DDR in Warschau. Mit der Solidarnosc - Bewegung war Polen ja im Prinzip Ausgangspunkt der Reformen innerhalb des Ostblocks. Die DDR Führung wollte aber von Veränderungen lange Zeit nichts wissen. Was haben Sie dem MfAA über die Reformen in Polen berichtet?

Jürgen van Zwoll: Die DDR-Führung sah bereits seit 1980/81 eine von der Solidarnosc ausgehende existenzielle Bedrohung für die DDR, daher die Angst vor jeglichen Reformen. Als ich im Frühjahr 1988 nach Warschau kam, schien das Land ruhig zu sein. Bald aber musste ich feststellen, dass die Unzufriedenheit der Menschen, die Ablehnung der Macht in Polen viel tiefer reichten, als in Berlin angenommen. Dann kam die neue Streikwelle, die Aufnahme des Dialogs mit Solidarnosc, der Runde Tisch, später die Wahlen, die Regierung Mazowiecki und die vorübergehende Machtteilung mit Präsident Jaruzelski. Eine äußerst spannende, von den politischen Akteuren sehr klug geführte und – was besonders wichtig ist – friedliche Entwicklung. Für mich stellten sich zwei Fragen: Wo führen die Veränderungen hin, und was bedeuten sie für die DDR? Zugegeben, meine Berichte waren so abgefasst, wie das in der DDR üblich war: die Schlussfolgerungen wurden nahe gelegt, nicht ausdrücklich gezogen. Aus heutiger Sicht bin ich damit nicht zufrieden.

internAA: Wie waren die Reaktionen?

Jürgen van Zwoll: Sie blieben zumeist aus. Ich hatte die allgemeine Direktive, um ein gutes Verhältnis mit der polnischen Regierung bemüht zu sein und um Verständnis für die DDR zu werben. Kontakte mit der Opposition gehörten anfangs keinesfalls zu meinem Auftrag. Wohl aber gehörte dazu, die Einhaltung wirtschaftlicher Verpflichtungen einzumahnen. Das betraf damals auch solche Fragen wie die Lieferung polnischer Kohle.

internAA: Wann war Ihnen klar, dass die DDR als Staat aufhören wird zu existieren?

Jürgen van Zwoll: Nach dem Auftritt von Helmut Kohl in Dresden. Eine Mehrheit der DDR-Bürger wollte die Einheit. Da war klar, sie musste relativ schnell kommen. 

(Nicht abgedruckt: internAA: Hätten Sie sich vorstellen können, noch länger in einer reformierten, liberalen DDR ihren Dienst zu versehen?

Jürgen van Zwoll: Die Zeit zwischen dem 7. Oktober 1989 und dem 3. Oktober 1990 war auch in Warschau prall gefüllt: der 40. Jahrestag der DDR - Jaruzelski in Berlin und Mazowiecki in der DDR-Botschaft, in Warschau die DDR-Flüchtlinge, der Besuch Bundeskanzler Kohls, die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze, der Besuch Modrows und später Außenminister Meckels in Warschau oder die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen und Polens Einbeziehung. Damit verband sich eine intensive, äußerst interessante Arbeit.)

 internAA: Wie wurde man eigentlich Botschafter in der DDR?

Jürgen van Zwoll: In der Aufbauzeit der DDR wurden Menschen mit internationalen Kontakten und einem antifaschistischen Hintergrund gesucht, wie der Schriftsteller Friedrich Wolf, der erste Botschafter der DDR in Polen. Es kam keinesfalls in Frage, jemanden aus dem NS-Außenamt zu übernehmen. Schrittweise wurde ein diplomatischer Dienst aufgebaut. Eine der zwei Schulen für diesen Dienst war das Institut für Internationale Beziehungen IMO in Moskau. Dort studierte ich, spezialisierte mich auf Polen und lernte Polnisch. Die andere Schule war in Potsdam-Babelsberg.

internAA: In Ihrer Laufbahn waren Sie sowohl für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten als auch für das Zentralkomitee der SED tätig. Wie war das Verhältnis von MfAA und ZK in außenpolitischen Fragen? Wo wurden welche Entscheidungen gefällt?

Jürgen van Zwoll: Strategische Entscheidungen wurden durch das MfAA und die Abteilung im Zentralkomitee vorbereitet, getroffen wurden sie zumeist vom Generalsekretär oder dem zuständigen ZK-Sekretär. Bei wichtigen Personalentscheidungen hatte das ZK das letzte Wort.  

internAA: Die DDR schickte ihre Diplomaten in alle Welt. Die Reisefreiheit der DDR-Bürger war dagegen stark eingeschränkt. Wie haben Sie diesen Widerspruch persönlich empfunden?

Jürgen van Zwoll: Das entschieden zu lange Festhalten an den restriktiven Reisebeschränkungen war ein großer Fehler, der zum raschen Ende der DDR beigetragen hat. Am Ende wurde sogar der visafreie Reiseverkehr mit Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn aufgehoben.

internAA: Was für ein Verhältnis hatten Sie im Ausland zu den westdeutschen Kollegen?

Jürgen van Zwoll: Wir wurden bis 1989 nicht gerade ermuntert, den Kontakt zu unseren westdeutschen Kollegen zu suchen. Beginnend mit dem Auftrag, zusammen mit dem  Botschafter der Bundesrepublik an einer Lösung für die DDR-Flüchtlinge in Warschau zu arbeiten, gab es Absprachen und gute, auch persönliche Begegnungen.

internAA: Ein wichtiger Teil der Außenpolitik der DDR und Ihrer Arbeit als Botschafter war ja, die Existenz der DDR als eigenständigen Staat zu rechtfertigen. Hätten Sie sich vorstellen können, nach der Wende auch das vereinigte Deutschland im Ausland zu repräsentieren?

Jürgen van Zwoll: Mir war prinzipiell wichtig, dass die Bundesrepublik die Oder-Neisse-Grenze vorbehaltlos anerkennt. Nachdem der Grenzvertrag vom November 1990 unterzeichnet war, da hätte ich mir das vorstellen können.

internAA: Nur eine sehr geringe Zahl von DDR-Diplomaten wurde in den Auswärtigen Dienst des vereinigten Deutschlands übernommen. War das aufgrund der politischen und ideologischen Gegensätze zwischen der BRD und der DDR gerechtfertigt? Wie haben Sie die Entscheidung persönlich empfunden?

Jürgen van Zwoll: Es war eine politische Entscheidung, die der deutsche Außenminister traf. Für mich und meine Kollegen bedeutete sie den Verlust des Berufs. Uns war klar, dass wir weder in der ersten noch in der zweiten Reihe stehen würden, aber man verzichtete gänzlich auf unsere Kenntnisse und Fähigkeiten. Das tat weh und war aus unserer Sicht unverständlich. Zum Glück fand ich eine neue Arbeit in Polen und konnte dort 14 Jahre lang vorwiegend deutsche Unternehmen in den Bereichen Steuern und Bilanzen betreuen.

Das Gespräch führten Ralf Reusch und Peter Reik