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Thielicke, Dr. Hubert:

"Im Schatten der Bombe"

Rezension zu: Cooke, Stephanie: Atom, Die Geschichte des nuklearen Zeitalters. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010

Quelle: "WeltTrends - Zeitschrift für internationale Politik", Nr. 76, Januar/Februar 2011

Die Obama-Initiative für eine Welt ohne Kernwaffen hat das nukleare Problem wieder in den Fokus internationaler Verhandlungen gerückt. Mit ihrem Buch will die amerikanische Autorin, die seit mehr als zwei Jahrzehnten über die Nuklearbranche berichtet, „im Einzelnen beleuchten, auf welche Weise und aus welchen Gründen sich die Kernenergie nicht den Hoffnungen der Planer gemäß entwickelt hat“ (S. 32). Dabei betont sie das Verhältnis zwischen dem militärischen und dem zivilen Aspekt und arbeitet die mit der Kernenergie verbundenen Gefahren heraus. Es geht ihr eigentlich nicht um eine umfassende Darstellung der Entwicklung des nuklearen Problems in allen seinen Aspekten. Insofern ist der deutsche Titel gegenüber dem amerikanischen „In Mortal Hands“ nicht ganz zutreffend.  

Von Anfang an sahen maßgebende amerikanische Politiker und Militärs die im Zuge des Manhattan-Projekts entwickelte Atombombe als wichtiges Mittel der Machtpolitik an. Projektleiter General Leslie R. Groves bezeichnete es bereits 1944 als Hauptzweck des Unternehmens, „die Russen zu bändigen“ (S. 40). Als der erste sowjetische Test 1949 erfolgte, waren beide Seiten, der Logik des Wettrüstens folgend, bereits auf dem Wege zur bedeutend stärkeren Wasserstoffbombe. Zur Zurückhaltung mahnende Wissenschaftler, Politiker und Diplomaten erwiesen sich als Rufer in der Wüste. Mit der Kuba-Krise stand die Welt schließlich an der Schwelle eines Kernwaffenkrieges. Die Zurückhaltung beider Seiten ermöglichte eine Deeskalation und schließlich 1963 den Abschluss des Moskauer Vertrages über den teilweisen Teststopp. Seine Ratifizierung im US-Kongress wurde nur durch massive Zugeständnisse an die Rüstungslobby möglich. Die Ausgaben stiegen weiter, riesige Mittel wurden der produktiven Nutzung entzogen. Insgesamt stellten die USA von 1945 bis 1990 etwa 70.000 Gefechtsköpfe her; ihr Atomprogramm verschlang zwischen 1940 und 1996 knapp 5,5 Billionen Dollar. 

Als wesentlich für die Nutzung der Kernenergie durch weitere Staaten und die damit verbundene Gefahr der Weiterverbreitung von Kernwaffen sieht die Autorin das 1953 von Präsident Eisenhower verkündete Programm „Atome für den Frieden“ an. Nach den bis 1964 etablierten fünf Atommächten streckten auch andere Staaten die Hand nach der Bombe aus. Besonders eingehend analysiert wird das israelische Atomprogramm, das zunächst mit französischer Hilfe in Gang kam. Versuchte Israel anfangs noch, die USA über seine Ziele im Unklaren zu lassen, so tolerierten diese spätestens ab der Nixon-Administration die israelische Bombe. Dies wie auch die Proliferationsfälle Indien und Pakistan verdeutlichen das Dilemma, vor dem die USA im Hinblick auf den 1968 abgeschlossenen Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT) standen: „Einerseits wollten sie die Weiterverbreitung von Kernwaffen verhindern, andererseits den Regimes, die sich trotzdem welche beschafften, zumindest soweit entgegenkommen, dass sie in Ruhe nach Wegen suchen konnten, die Arsenale hinreichend zu sichern“ (S. 267).         

Aber auch die zivile Kernenergienutzung ist nicht ohne Gefahr. Davon zeugen insbesondere die Reaktorunfälle von Three Mile Island und Tschernobyl, denen spezielle Kapitel gewidmet sind. Ungelöst ist nach wie vor die Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls; immense Folgekosten sind mit dem Abbau veralteter Atommeiler verbunden. Die Frage, ob die Kernenergie einen wesentlichen Beitrag zur Senkung der Kohlenstoffemissionen leisten kann, wird von der Autorin verneint. Dazu wären Hunderte neuer Reaktoren erforderlich, was angesichts logistischer, finanzieller und politischer Hindernisse ausgeschlossen sei. Mit einem Anteil von weltweit 15 Prozent am Strom- und sechs Prozent am Gesamtenergieverbrauch habe die Kernenergie die Erwartung ihrer frühen Anhänger nicht erfüllt (S. 506).    

Die Stärke des Buches liegt in der faktenreichen Darstellung. Abgesehen von den Teststoppverträgen und dem NPT kommt die Abrüstungsproblematik allerdings zu kurz. Auch ist das Buch hier nicht immer widerspruchsfrei. Während den Verträgen einerseits bescheinigt wird, für eine gewisse Stabilisierung gesorgt zu haben, wird andererseits behauptet, dass „Institutionen und Abkommen nur einen Anschein von Sicherheit erwecken“ (S. 476). Etwas unrealistisch muten Folgerungen an, der NPT sei nicht mehr zeitgemäß und das System der Nichtverbreitung stehe vor dem Zusammenbruch. Massive Zweifel werden am Kontrollsystem der Internationalen Atomenergie-Agentur geäußert, ohne jedoch näher seine Weiterentwicklung, z.B. in Form des Zusatzprotokolls von 1997, zu beleuchten. Neben den Verweisen auf Wissenschaftlerbewegungen wie Pugwash wäre auch ein Eingehen auf die Aktivitäten anderer Nichtregierungsorganisationen von Vorteil gewesen; immerhin genießt z.B. in Großbritannien die Forderung nach Verzicht auf Kernwaffen seit Jahren eine breite Unterstützung, von der nuklearen Abrüstungskampagne CND bis hin zu ehemals führenden Militärs. Der an einigen Stellen latente Pessimismus mag auch damit zusammenhängen, dass das umfangreiche Buchprojekt bereits in der Endzeit der Administration von Präsident George W. Bush abgeschlossen wurde.