Lebenserinnerungen


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Heft 33 der "Blauen Reihe" (März 2011), Schriften zur internationalen Politik,
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Heft 33 ist vergriffen und kann nicht mehr bestellt werden

Franz Tallowitz

"Dunkelstunde. Ein Leben zwischen Sudeten- und Saterland"

Erinnerungen eines DDR-Diplomaten

Vorwort

Als ich vor Jahren diesen Text zum ersten Mal in der Hand hielt, als Privatdruck und nur für die eigene Familie bestimmt, dachte ich, dass es eigentlich schade sei, ihn nicht einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er hatte mich mit seiner Aufrichtigkeit berührt, mit seiner Ernsthaftigkeit. Hier hatte ein Kollege und Mitstreiter von mir den Versuch unternommen, seine Biographie aus dem persönlichen Erleben und dem Wechselspiel historischer Ereignisse zu durchdenken, zu ordnen und zu hinterfragen. Umso mehr freue ich mich, dass Franz Tallowitz nun seine Lebenserinnerungen, überarbeitet und um die letzten Jahre ergänzt, in der „Blauen Reihe“ des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht einer größeren Öffentlichkeit zugänglich macht.

Ich kenne Franz Tallowitz aus fast zwanzig Jahren gemeinsamer Arbeit in der Hauptabteilung Presse im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Obwohl ich einige Jahre jünger bin, ähneln sich unsere Lebensläufe und unsere Lebensstationen bis 1990. Zeitgenossen, die diesen Band in die Hand nehmen, werden sich – wie ich – an vielen Stellen des Textes wiederfinden, haben sie doch ähnlich gedacht und gehandelt. Und die Jüngeren werden vielleicht besser verstehen, warum wir die DDR als unseren Staat betrachteten und trotz wachsender Sorge und zunehmender Kritik ihm bis zum Ende verbunden blieben.

Nach 1990 verloren wir uns aus den Augen, jeder hatte mit sich zu tun, in dem nun wieder vereinten Deutschland seinen Platz zu suchen und dabei die Vergangenheit nicht aus den Augen zu verlieren. Ab und an stoße ich in der Leserbriefspalte der Tageszeitung „Neues Deutschland“ auf den Namen Tallowitz und freue mich über seine zutreffenden Bemerkungen – kurz, präzise und noch immer links.

Franz Tallowitz hat seine Erinnerungen „zwischen Sudeten- und Saterland“ eingebettet. Geboren 1934 in einem Vorort von Reichenberg im damaligen Sudentenland, seit 1996 im Saterland in Niedersachsen lebend, widerspiegelt auch sein Leben eine Epoche europäischer Geschichte, die durch Kriegs- und Nachkriegszeit, durch die Spaltung Deutschlands in zwei Staaten mit unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Ausrichtung, durch den Kalten Krieg und eine beginnende Normalisierung, durch den Niedergang der DDR und schließlich durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten gekennzeichnet war. Franz Tallowitz ist es in beeindruckender Weise gelungen, sein Leben in die historischen Abläufe einzubetten und zu reflektieren, welchen Einfluss das gesellschaftliche Umfeld auf sein Denken und Handeln hatte. Diese Zwiesprache mit der Geschichte – der eigenen und der Weltgeschichte – macht für mich den eigentlichen Wert dieser Erinnerungen aus. Der Zeitgenosse ertappt sich beim Lesen an so mancher Stelle, dass er „damals“ ebenso gedacht und gehandelt hat.

Und die Jüngeren und Unbeteiligten entnehmen – vielleicht  dem Text die Erkenntnis, dass es auch heute nicht einfacher geworden ist, im Ablauf der Ereignisse in der großen und kleinen Politik den rechten Weg zu finden.

Dieses Heft der „Blauen Reihe“ wird, so hoffen Autor und Herausgeber, nicht nur bei den ehemaligen Mitarbeitern des Diplomatischen Dienstes der DDR seine Leser finden, sondern auch bei jenen, die einfach nur wissen wollen, wie die Menschen in jenem zweiten deutschen Staat gelebt, gedacht und gehandelt haben. Es ist bereits die vierte Autobiographie ehemaliger Diplomaten der DDR, die der Verband für Internationale Politik und Völkerrecht in der „Blauen Reihe“ vorstellt. Es wäre zu begrüßen, wenn noch mehr Kollegen diese Möglichkeit nutzen würden, ihre Erinnerungen an ihr Leben in der DDR und ihre Tätigkeit im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten sowie in den Auslandsvertretungen aufzuschreiben beziehungsweise für eine Drucklegung aufzubereiten.

„Die Geschichte wird vom Sieger geschrieben. Das war und das bleibt so“, schreibt Franz Tallowitz im letzten Teil seiner Lebensgeschichte. Dem wird sicher niemand widersprechen. Aber wir sollten den Freiraum nutzen, neben der offiziellen Geschichtsschreibung auch die Sicht der Zeitzeugen festzuhalten, die den Staat DDR und seine Außenpolitik mitgetragen und mitgestaltet haben – soweit dies damals in den engen Grenzen möglich war.

Ingrid Muth                                                           Februar 2011

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