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Langer, Heinz:

"Es geht um die Stärkung des Peso"

Heinz Langer, ehemaliger Botschafter der DDR in Kuba, über die Wirtschaftsreformen auf der Karibikinsel

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 16./17.04.2011

Heinz Langer kam 1964 als Attaché an die DDR-Botschaft nach Havanna. Später vertrat er den sozialistischen deutschen Staat sieben Jahre lang als Botschafter in Kuba. Mit ihm sprach in Berlin ND-Mitarbeiter Harald Neuber.

ND: In Kuba werden derzeit wirtschaftspolitische Veränderungen diskutiert. Eine vergleichbare Debatte gab es schon in den 80er Jahren mit der DDR. Worum ging es damals?

Langer: Grade bei der Frage der wirtschaftlichen Effizienz, die gegenwärtig in Kuba absoluter Schwerpunkt ist, gab es eine enge Kooperation zwischen Havanna und der DDR. Das betraf die Ebenen der Partei, der staatlichen Organisationen und der Ökonomen. Es ging um die konkrete betriebswirtschaftliche Organisation und Leitung der Betriebe sowie die Nutzung der ökonomischen Gesetze in der Planwirtschaft.

Havannas Verbindungen zur DDR waren enger als zu Moskau?

Ja, vor allem in der Landwirtschaft. Die Kooperation zum Beispiel zwischen der Vereinigung der Gegenseitigen Bauernhilfe aus der DDR und der Organisation der Kleinbauern Kubas war sehr ausgeprägt. Dabei ging es vor allem um den Aufbau landwirtschaftlicher Genossenschaften in Kuba, die bis heute effektiv arbeiten. Die DDR hatte zudem mit Investitionen bei der industriellen Entwicklung Kubas geholfen. Sie hat etwa mit dem kubanischen Bauwesen Betriebe und Anlagen geschaffen, die noch heute produzieren.

Das Hauptproblem Kubas heute ist das doppelte Währungssystem. Nur für den Peso convertible (CUC) gibt es ein umfassendes Warenangebot, während es für den Peso cubano nur ein begrenztes Angebot gibt. Zum CUC haben nur etwa 60 Prozent der Bevölkerung Zugang. Wie kann dem begegnet werden?

Das wurde von Raúl Castro schon 2006 und auch bei seiner Antrittsrede 2007 sehr offen angesprochen. Kuba musste in den 90er Jahren den US-Dollar legalisieren. Allerdings hat die kubanische Führung es besser gemacht als wir damals, denn sie hat von Beginn an einen offiziellen Wechselkurs zwischen dem US-Dollar und dem kubanischen Peso etabliert. 1994 wurde zusätzlich der Peso convertible als einheimische Devisenwährung eingeführt. Die Abschaffung des doppelten Währungssystems hängt nun unmittelbar von der Stärke der nationalen Wirtschaft ab.

Es geht jetzt auch um den Ausbau der privaten Wirtschaft?

Nein, es geht um die generelle Stärkung der Wirtschaft. Dabei spielen die Veränderungen vom September 2010 eine entscheidende Rolle. Im Westen wurde dieser Schritt als Öffnung zur Marktwirtschaft interpretiert. Das stimmt nur bedingt. Das Hauptziel – und das wurde von Raúl Castro immer wieder betont – ist die Stärkung der staatlichen Wirtschaft. Die so genannte verdeckte Arbeitslosigkeit, also untätige Angestellte im staatlichen Sektor, war ja auch ein Problem der DDR. Nun müssen die aus dem Staatsdienst Entlassenen in Kuba natürlich neue Arbeit finden. In der Landwirtschaft, im Bauwesen und in neu zu erschließenden Bereichen wie der Erdölwirtschaft und der Petrochemie. Die selbstständige Arbeit wird wohl kein eigener, bedeutender Wirtschaftszweig.

Nach der kubanischen Revolution wurden zunächst Dutzende ausländische Großunternehmen verstaatlicht, Ende der 60er Jahre allerdings auch tausende kleine und mittelständische Unternehmen. Ein Fehler?

Diesen unnötigen Fehler haben wir ja auch in der DDR gemacht. Aber die große Stärke der kubanischen Führung war und ist, dass sie Lehren aus ihren Fehlern zieht. In der DDR wollte Honecker am Ende noch nicht mal mehr die Berichte der Staatssicherheit über die innere Lage lesen. Das ist bei den Kubanern ganz anders.

Welche Chancen bietet die regionale Integration Kubas in der aktuellen Phase?

Nach dem Zusammenbruch des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe musste Kuba neue Partner suchen. Unlängst wurde der zehnte Jahrestag der Kooperation zwischen Kuba und Venezuela begangen. Etwas Entscheidendes geschah aber Ende 2004: Damals waren die Staatschefs von Venezuela und China in Havanna. Bei diesem Treffen wurden ganz entscheidende Weichen gestellt. Zumal die Chinesen auf das kubanische Nickel angewiesen sind. Wenig später wurde übrigens der auf solidarischem Handel basierende lateinamerikanisch-karibische ALBA-Staatenbund gegründet, in dem Kuba seine Partner auf gleicher Augenhöhe hat.

Was kann der kommende Parteitag in Kuba leisten?

Der Parteitag hat mit der gesellschaftlichen Debatte im Grunde ja schon begonnen. Die Diskussion um das Grundsatzpapier hat tausende Leute geschult, die dann maßgeblich an der Realisierung der zu beschließenden Leitlinien für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Kubas arbeiten werden. Aus der Debatte wurden die Kandidaten für den Parteitag und auch für die möglichen künftigen Mitglieder des Zentralkomitees gewählt. So kann die Umsetzung der Neuerungen gewährleistet werden, zumal die Entwicklungen zu einer neuen Qualität der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft auf einen langen Zeitraum angelegt sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Parteitag dafür – nach den in der Geschichte der Revolution schwersten Jahren nach 1990 – einen sehr wichtigen Markstein setzt.

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