DDR-Außenpolitik / Vietnam


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Informationen zu weiteren Heften der "Blauen Reihe"


 
Heft 34 und 35 der "Blauen Reihe" (April 2011), Schriften zur internationalen Politik,
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)
 
Hefte 34 und 35 sind leider vergriffen und können nicht mehr bestellt werden
 

Ilona Schleicher (Hrsg.)

"Die DDR und Vietnam. Berichte - Erinnerungen - Fakten"

Teil I und II

Inhalt der Hefte 34 und 35:

Teil I (Heft 34):

Einleitung

 von Ilona Schleicher

2010 wurde mit Kulturveranstaltungen, Dialogbegegnungen, Wirtschafts- und wissenschaftlichen Foren in Vietnam ein „Deutschland-Jahr“ und in Deutschland ein „Vietnam-Jahr“ organisiert. Ziel der Aktivitäten war es, die ganze Bandbreite der bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern darzustellen.[1] Anlass war der 35. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialistischen Republik Vietnam nach Beendigung des Vietnamkrieges im Jahre 1975.

Die bilateralen Beziehungen, so wird auf der Website des Auswärtigen Amtes eingeschätzt, besitzen eine besondere Qualität. Begründet wird dies mit der Tatsache, dass in Deutschland 83.000 Vietnamesen registriert sind und schätzungsweise 100.000 Menschen in Vietnam Deutsch sprechen.[2] Die Verfasser geben an, dass Deutschland seine Position als größter EU-Handelspartner Vietnams 2009 stärken konnte: „Trotz Wirtschaftskrise konnte ein Handelsvolumen von 4,6 Mrd. USD (3,3 Mrd. Euro) erzielt werden, was gegenüber dem Vorjahr (gut 4 Mrd. USD) eine beachtliche Steigerung darstellt. Erneut wies der bilaterale Handel einen deutlichen Überschuss zugunsten Vietnams auf: Vietnam hat 2009 Waren im Gesamtwert von 3,2 Mrd. USD nach Deutschland exportiert, umgekehrt betrug der Wert der nach Vietnam ausgeführten deutschen Produkte lediglich 1,4 Mrd. USD.“[3]

Vietnam wurde auch ein wichtiges Partnerland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Seit 1990 hat Deutschland Vietnam über 1 Mrd. Euro Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen die deutschen Beiträge zu internationalen Organisationen (Weltbank, Asiatische Entwicklungsbank, Vereinte Nationen) und zur Entwicklungszusammenarbeit der Europäischen Union. Unter den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes derzeit Frankreich und Deutschland die größten Geberländer.[4]

Die Kulturbeziehungen entwickeln sich nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes seit dem Abschluss des Kulturabkommens 1990 ebenfalls positiv. Auf seiner Website wird darauf verwiesen, dass ca. 100.000 Vietnamesen, die in Deutschland gearbeitet, studiert oder sich dort fortgebildet haben, eine in Asien einzigartige Brücke zwischen Deutschland und Vietnam bilden, die das Interesse an Deutschland wach hält.[5]

Auf der Website des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wird dies etwas genauer erklärt: „Bereits vor der Wiedervereinigung Vietnams existierten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Republik Südvietnam sowie zwischen der ehemaligen DDR und Nordvietnam. Von der DDR wurden die Kontakte nach der Gründung der Sozialistischen Republik Vietnam aufrechterhalten.“[6] Hier ist auch nachzulesen, dass mehr als 70.000 vietnamesische Bürger in der DDR eine Ausbildung erhielten, studiert oder gearbeitet haben. „Viele von ihnen“, so die Verfasser, „leben inzwischen wieder in Vietnam. Sie sprechen deutsch und haben weiterhin Verbindungen zu deutschen Firmen, wissenschaftlichen Instituten oder sind eingebunden in die Entwicklungszusammenarbeit. […] Damit besteht eine einzigartige Brücke zwischen den beiden Ländern, was sich auch in zahlreichen wissenschaftlichen und kulturellen Kooperationsvereinbarungen widerspiegelt.“[7]

Die erfreuliche Entwicklung der deutsch-vietnamesischen Beziehungen hat also – dies legen selbst diese knappen Hinweise nahe eine Geschichte, die nicht erst vor 35 Jahren beginnt. Sie ist mit einem ganz besonderen Kapitel der auswärtigen Beziehungen der DDR verbunden, der Solidarität und Zusammenarbeit mit Vietnam.

Dieses Kapitel begann Anfang 1950, nur wenige Monate nach der Gründung der DDR. Begünstigt durch den Sieg der chinesischen Revolution im Oktober 1949 hatte die vietnamesische Befreiungsbewegung ihren Kampf um Freiheit und nationale Unabhängigkeit verstärkt. Ihr Ruf nach internationaler Unterstützung fand auch in der jungen DDR ein positives Echo. Nach der Niederlage der französischen Kolonialarmee bei Dien Bien Phu im Mai 1954 und dem Abschluss der Genfer Abkommen über Indochina im Juli des gleichen Jahres, welche das Ende der französischen Kolonialherrschaft besiegelten, entwickelten sich Beziehungen der Freundschaft und Solidarität mit der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) im Norden Vietnams. Die für Vietnam vorgesehenen freien Wahlen in Nord- und Südvietnam als Schritt zur Vereinigung der durch eine Demarkationslinie am 17. Breitengrad getrennten beiden Teile des Landes waren von den USA und dem Regime in Südvietnam verhindert worden.

Als die USA das unverminderte Streben der Vietnamesen nach Selbstbestimmung und nationaler Einheit mit eskalierender Gewalt beantworteten und nach dem durchsichtigen Täuschungsmanöver im Golf von Tonking im August 1964 den offenen Krieg gegen die DRV vom Zaun brachen, stand die DDR wie alle Länder des Ostblocks, China und die meisten Länder der so genannten Dritten Welt an der Seite des vietnamesischen Volkes. Neben der umfassenden staatlichen Unterstützung auf politischem, diplomatischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet entstand in der DDR eine Solidaritätsbewegung, die alle Bevölkerungsschichten erfasste. Sie war Teil einer weltumspannenden Bewegung für Frieden und Solidarität, wie es sie bis zu diesem Zeitpunkt niemals zuvor gegeben hatte.

Hieß es während des Krieges „Solidarität hilft siegen“, so wurde die solidarische Unterstützung Vietnams nach der siegreichen Beendigung des Krieges und der Herstellung der nationalen Einheit des Landes im Jahre 1975 seitens der DDR in der Überzeugung fortgesetzt, dass „Solidarität jetzt erst recht“ notwendig war, um das zerstörte Land wiederaufzubauen und menschenwürdige Lebensverhältnisse für das vietnamesische Volk zu schaffen. Ob in der staatlichen Zusammenarbeit in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Bildung und Kultur oder bei der Umsetzung der solidarischen Hilfe der ostdeutschen Bevölkerung – viele Menschen waren daran beteiligt. Sie sind auch mit dem heutigen Abstand und bei differenzierten und kritischen Bewertungen damaliger Ereignisse zu Recht stolz auf ihre Leistungen, die Teil ihres Lebens sind.

Erstaunlich wenig darüber hat nach 1990 Eingang in die gesamtdeutsche Medienlandschaft und Literatur gefunden, obwohl diese Leistungen ganz wesentlich zu der „einzigartigen Brücke“ zwischen Vietnam und Deutschland, von der die Bundesregierung spricht, beigetragen haben. Mit Ausnahme des Aufent­halts der vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in der DDR, ihrer Lebensverhältnisse und ihrer Perspektiven ist kein anderes Thema der umfangreichen Beziehungen zwischen der DDR und Vietnam eingehender und jenseits der üblichen Klischees über die Geschichte der DDR bearbeitet worden.

Anliegen dieser Publikation ist es deshalb, zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Zusammenarbeit zwischen der DDR und Vietnam anzuregen. Dazu haben sich Autoren zusammengefunden, die auf unterschiedlichen Gebieten mit den Beziehungen zu Vietnam befasst waren bzw. noch immer sind – als Wissenschaftler, Diplomaten, Wirtschaftsfachleute, Militärs, Journalisten, als Beauftragte für die Integration vietnamesischer Bürger in Deutschland oder als Experten in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie befragten ihre persönlichen Erfahrungen und brachten die Ergebnisse auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu Papier. Neben historischen Analysen stehen Zeitzeugnisse ehemaliger Akteure der Solidaritätsbewegung, Erfahrungsberichte und Dokumentationen.

Einige der hier aufgenommenen Texte waren verstreut bereits zuvor als Konferenzbeiträge oder Artikel veröffentlicht worden. Ihre Zusammenführung in dieser Publikation lässt die Vielfalt und Intensität der Beziehungen zwischen der DDR und Vietnam erahnen – hochoffizielle und menschliche Verbindungen gleichermaßen. Rudolf Oelschlägel, einer der Mitautoren, verwies bei der Übermittlung seines Beitrags darauf, dass Geschichte immer ein Werk von Millionen Menschen ist. „Diese werden von ganz verschiedenen Ideen, Zielen, Wünschen, Überzeugungen und damit verbundenen Gefühlen beherrscht und geleitet. Jeder Einzelne erlebt die Geschichte also auf seine Weise. Und er wertet das Geschehene nachfolgend auch so. Das ist sein gutes Recht. Doch aus eben diesem Grunde kann auch keiner der Beteiligten seine jeweilige individuelle Sichtweise und Deutung zu der einzig und allein Richtigen erklären.“

Das erste Heft der vorliegenden Publikation umfasst den Zeitraum von der Herausbildung der Beziehungen zwischen der DDR und der DRV Anfang 1950 bis zum Ende des Vietnamkrieges und bis zur Herstellung der Einheit Vietnams 1975.

Joachim Krüger analysiert auf der Grundlage eines intensiven Quellenstudiums die erste Phase der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern Anfang 1950 bis Mitte der 1950er Jahre. Das Problem der korrekten Datierung der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen und die Skizzierung der ersten Schritte der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit untersucht der Autor im Kontext der damaligen internationalen Konstellationen und des durch diese und die sowjetische Besatzungsmacht begrenzten Handlungsspielraums der DDR. Zur Nutzung dieses Spielraums gehört das heute fast vergessene Kapitel der Rückführung deutscher Angehöriger der französischen Fremdenlegion aus Vietnam in die DDR.

Eine Reportage von Franz Faber, erster Korrespondent des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) in Vietnam, die 1954 wenige Monate nach der Niederlage der französischen Kolonialarmee bei Dien Bien Phu entstand, vermittelt einen Eindruck von der Dramatik des Befreiungskampfes. Faber hat mit seinen Berichten in der DDR viel zur wachsenden Sympathie und Unterstützung für das vietnamesische Volk beigetragen. Für ihn selbst wurden die damaligen Erfahrungen bestimmend für sein ganzes Leben, für seine Liebe zu Vietnam, seinen Menschen und ihrer Kultur.

Rudolf Oelschlägel erzählt von einer herausragenden Leistung des Journalisten Faber und seiner Frau Irene der Übersetzung des vietnamesischen Nationalepos „Das Mädchen Kieu“ in die deutsche Sprache. Diese Übersetzung war auf Anregung von Ho Chi Minh entstanden, bis heute ist sie im deutschen Sprachraum unübertroffen.

Jochen Schröter (gest. 2007), ehemaliger Militärattaché der DDR in Peking, hebt in seinem Beitrag hervor, dass der Vietnamkrieg die strategischen Interessen und die zwischenstaatlichen Beziehungen der UdSSR, der VR China und der USA in komplexer Verflechtung tangierte. Er verweist auf die Abhängigkeit der Staaten, die den Bündnissystemen der Sowjetunion bzw. der USA angehörten, von den Entscheidungen ihrer Führungsmächte. Dies betraf nicht zuletzt auch die Haltung der DDR in dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen den Partei- und Staatsführungen der UdSSR und Chinas, der sich auch auf den Krieg in Vietnam auswirkte. Schröter nennt interessante Details der militärischen Unterstützung Vietnams durch die DDR besonders hinsichtlich der Luftverteidigung und der Abwicklung dieser Unterstützung.

Günter Wernicke befasst sich mit der in der Geschichte des Kalten Krieges hinsichtlich ihrer Vielfältigkeit und Intensität einzigartigen internationalen Solidaritäts- und Antikriegsbewegung, die sich über die Grenzen der verfeindeten Blöcke hinweg entwickelte. Er setzt sich insbesondere mit dem Agieren des von der Sowjetunion dominierten Weltfriedensrates und dem Verhältnis von Friedens- und antiimperialistischer Solidaritätsbewegung vor dem Hintergrund des sowjetisch-chinesischen Gegensatzes auseinander. Der Friedensrat der DDR und seine Zusammenarbeit mit dem Vietnam-Ausschuss des Solidaritätskomitees erfahren in diesem Zusammenhang eine kritische Würdigung.

Der Vorsitz des Vietnam-Ausschusses war 1965 Willi Zahlbaum (gest. 2002) übertragen worden. Geprägt durch seine Erfahrungen als Kreuzberger Arbeiterjunge, durch sein Engagement im Jugendverband der linkssozialistischen Sozialistischen Arbeiterpartei und schließlich durch die Teilnahme am antifaschistischen Widerstandskampf, war Solidarität für ihn ein hohes Gut. Bis 1975 widmete er sich mit Hingabe der Solidarität mit dem vietnamesischen Volk. Das hier aufgenommene autobiografische Dokument „Solidarität hilft siegen“ (1989) spiegelt den Geist jener Zeit wider und macht die Quellen, welche die Solidarität der Bevölkerung der DDR speisten, sichtbar.

Ilona Schleicher und Wilfried Lulei widmen sich ebenfalls dieser Solidarität, die von allen Bevölkerungsschichten der DDR getragen wurde. Sie verdeutlichen, welch bedeutenden Platz die solidarischen Leistungen Tausender Menschen – stets als eigenständiger Beitrag ausgewiesen im Rahmen der Zusammenarbeit des Staates DDR mit Vietnam innehatten. Der Beitrag enthält detaillierte Übersichten über Solidaritätsaktionen von 1965 bis 1975 und für die Zeit nach Kriegsende sowie umfangreiches Faktenmaterial über Leistungen von Wissenschaftlern, Publizisten und Kulturschaffenden zugunsten des vietnamesischen Volkes.

Das zweite Heft enthält Beiträge, in denen einige wichtige Fragen der bilateralen Zusammenarbeit zwischen der DDR und Vietnam nach 1975 aufgegriffen und mit Blick auf die Zukunftsträchtigkeit ihrer Ergebnisse bearbeitet werden.

Hermann Schwiesau schreibt über eine schwierige Aufgabe, der er sich von 1982 bis 1986 als Botschafter in Vietnam zu stellen hatte. Es ging – nicht zuletzt infolge der schwindenden Leistungskraft der DDR-Wirtschaft um die schrittweise Verringerung des Umfangs vor allem der staatlichen Solidaritätsleistungen und der Konzentrierung der Solidarität der Bevölkerung auf Schwerpunkte, die für die Überwindung der Kriegsfolgen besonders wichtig waren und die Entwicklung beiderseitig vorteilhafter Wirtschaftsbeziehungen unterstützten. Ungeschminkt beschreibt er Entwicklungsprobleme Vietnams nach 1975 und Schwierigkeiten, auf die er bei der Erfüllung seiner Aufgaben stieß. Die Offenheit in Begegnungen mit seinen vietnamesischen Gesprächspartnern trug dazu bei, das für die anstehenden Probleme notwendige gegenseitige Verständnis herauszubilden.

Dieter Knöfel erläutert die Entwicklung und Funktionsmechanismen der wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit. Er stellte eine detaillierte Dokumentation der seit Ende der 1950er Jahre bis 1990 erzielten Ergebnisse bei der Errichtung von Industriebetrieben in Vietnam, bei Investitionsbeteiligungen, in der Industriekooperation, im gegenseitigen Warenaustausch, bei der Errichtung von Werkstätten und in der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit zusammen. Bemühungen, diese Ergebnisse für die deutsch-vietnamesische wirtschaftliche Zusammenarbeit nach 1990 unverzüglich nutzbar zu machen, stießen auf erhebliche Schwierigkeiten.

Siegfried Kaulfuß stellt in seinem Beitrag ein spezifisches Projekt der Zusammenarbeit DDR-Vietnam vor, die Entwicklung des Kaffeeanbaus. Diese entsprach einerseits dem Bedürfnis Vietnams, über exportfähige Agrarprodukte zu verfügen, und zugleich dem Interesse der DDR, Kaffee zu importieren, ohne dafür harte Devisen ausgeben zu müssen. Auch wenn die DDR selbst nicht mehr von diesem Entwicklungsprojekt profitierte, so zeigte sich dessen Nachhaltigkeit bald in der Tatsache, dass Vietnam zu den größten Kaffeeexporteuren in der Welt aufrückte.

Karin Weiss, Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, widmet sich den vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeitern in der DDR. Deren Einsatz, so die Autorin, war nicht nur für die DDR, sondern auch für Vietnam angesichts der dortigen hohen Arbeitslosigkeit von Vorteil. Kritisch setzt sie sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Vietnamesen in der DDR auseinander und beschreibt die Schwierigkeiten ihres Neuanfangs im geeinten Deutschland. Ihre Prognose stimmt optimistisch: „Die Älteren haben ihre Nische in der deutschen Gesellschaft gefunden, und sie wollen (und können) sie auch nicht mehr verlassen. Die Jüngeren aber haben ihre Zukunft in Deutschland.“

Wilfried Lulei befasst sich mit der Zusammenarbeit in Wissenschaft und Bildung, an der er als Hochschullehrer und Vietnamist selbst aktiv beteiligt war. Der Autor trägt interessante Details über die Beziehungen im Hoch- und Fachschulbereich sowie in der beruflichen Bildung zusammen. Er beschreibt, welche Bedeutung diese nicht zuletzt für die Heranbildung von Leitungskadern hatten, die heute in allen Bereichen der vietnamesischen Gesellschaft in verantwortlichen Positionen arbeiten und eine aktive Rolle bei der Entwicklung der deutsch-vietnamesischen Beziehungen spielen. Eine besondere Stellung haben hier vor allem die „Moritzburger“, die nach Mitte der 1950er Jahre als Kinder in die DDR kamen, dort betreut und ausgebildet wurden. Ihre Geschichte hat auch ein Echo in deutschen Medien gefunden.

Rudolf Oelschlägel reflektiert auf sehr persönliche Art und Weise Erfahrungen bei der Ausbildung vietnamesischer Offiziere, die er als Betreuer und Lehrer für Philosophie an der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden begleitete. Seine Erinnerungen zeigen das hohe Maß an Sympathie und solidarischem Engagement vieler Menschen, das auch bürokratische Hürden überwinden half. Vor allem aber verdeutlicht der Autor, dass es sich beim Umgang mit den vietnamesischen Offizieren um ein gegenseitiges Geben und Nehmen, um eine Bereicherung für alle handelte. Er unterstreicht, wie wichtig es ist, ausländischen Studierenden keine fertigen Lösungen für Probleme in ihren Ländern aufzudrängen. Wichtiger sei die Vermittlung der Fähigkeit, Fragen zu stellen, Lösungsansätze zu formulieren und diese zu diskutieren. „Allein ein solches Wissen“, so der Autor, „hilft ihnen noch nach Jahrzehnten.“

Abschließend greift Ilona Schleicher die Frage auf, ob und wie die Solidarität der ostdeutschen Bevölkerung mit Vietnam die Zeitenwende 1990 überdauert hat. Sie beschreibt, vor welch großen Herausforderungen der Solidaritätsdienst international e. V. (SODI), Rechtsnachfolger des DDR-Solidaritätskomitees, stand, Solidaritätsarbeit unter völlig veränderten nationalen und internationalen Bedingungen zu gestalten. In einem gemeinsamen Lernprozess gelang es SODI und seinen vietnamesischen Partnern, Antworten auf neue Fragen zu finden. Unterstützt von alten und neuen Freunden Vietnams sowie von privaten und öffentlichen Förderinstitutionen, realisieren sie seit zwanzig Jahren Selbsthilfeprojekte einer solidarischen, partnerschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit. Der Beitrag vermittelt einen Überblick über die gemeinsam geleistete Arbeit.

Die Autoren hoffen, dass ihre Beiträge zur Diskussion, zu weiteren Forschungen und insbesondere zur Erfassung unersetzlicher Erinnerung ostdeutscher Zeitzeugen anregen. Sie sind sich bewusst, dass die Einbeziehung der vietnamesischen Perspektive für die weitere Bearbeitung der Geschichte der Beziehungen zwischen DDR und Vietnam unerlässlich ist. Aber alles beginnt mit einem ersten Schritt. Dieser, so hoffen die Beteiligten, ist mit dieser Publikation getan.


[1]http://www.hanoi.diplo.de/Vertretung/hanoi/de/03/Bilaterale__Beziehungen/Seite__Bilaterale__Beziehungen.html

[2]  http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Vietnam/
Bilateral_node.html#doc383606bodyText1.

[3]  http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Vietnam/
Bilateral_node.html#doc383606bodyText3.

[4]  http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos Vietnam/Bilateral_node.html#doc383606bodyText2.

[5]  http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Vietnam/
Bilateral_node.html#doc383606bodyText4.

[6]  http://www.bmz.de/de/was_wir_machen/laender_regionen/asien/vietnam/
zusammenarbeit.html.