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Schleicher, Dr. Hans-Georg:

"Rätselhafter Absturz im afrikanischen Busch"

Vor 50 Jahren verunglückte UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld

Quelle: Autor, zuerst veröffentlicht in: "Neues Deutschland" vom 17./18.09.2011

Im Kupfergürtel Sambias, unweit der Bergarbeiterstadt Ndola stößt man mitten im Busch auf eine parkähnliche konzentrische Anlage mit einem steinernen Denkmal - die Gedenkstätte für UN-General­sekretär Dag Hammarskjöld. Hier hatte er vor 50 Jahren bei Vermittlungsbemühungen im Kongo-Kon­flikt den Tod gefunden. An dieser Stelle war kurz nach Mitternacht des 17. zum 18. September 1961 das Flugzeug der Vereinten Natio­nen mit dem UN-Generalsekretär abgestürzt.

Die Maschine befand sich im Landeanflug und hatte bereits Kontakt zum Tower des Flugplat­zes Ndola aufgenommen, als sie plötzlich vom Radarschirm verschwand. Als die Flugzeugtrümmer am Morgen entdeckt wurden, gab es keine Überlebenden mehr. Hammarskjöld selbst war in den frühen Stunden des 18. September gestorben. Die Absturzursache ist bis heute ungeklärt und gibt - auch wegen der politischen Brisanz dieses Unglücks - weiterhin Anlass zu Spekulationen.

Der Kongo, auf der Woge der an­tikolonialen Bewegung 1960 un­abhängig geworden, war einer der zahlreichen internationalen Konfliktherde im ereignisreichen Jahr 1961. Im Januar wurde Premier­minister Patrice Lumumba, der sich wegen seiner antiimperialisti­schen Positionen viele Feinde gemacht hatte, ermordet. UN-Truppen hatten in der ehemaligen bel­gischen Kolonie weder den Mord an Lumumba noch die Abspaltung der rohstoffreichen Provinz Katanga verhindert. Hammarskjöld selbst sprach vor dem UN-Sicherheitsrat vom Kongo als »Jagdgrund« ausländischer Interessen. Auf der Suche nach politischen Lösungen wollte er sich mit Katangas Separatistenchef Moise Tshombe in Ndola treffen - eine umstrittene Entscheidung.

Der Schwede Dag Hammarskjöld war nach einer Karriere im Finanzwesen 1949 in die Außenpolitik gegangen. Vier Jahre später wurde der stellvertretende Außenminister Schwedens zum UN-Generalsekretär gewählt und 1957 einstimmig für eine zweite Amtszeit bestätigt. Meriten verdiente er sich beim UN-Friedensengagement in der Suez-Krise 1956. Seine Rolle im Kongo-Konflikt war dagegen nicht frei von Widersprüchen. Im September 1960 hatte Chrustschow sogar den Rücktritt Hammarskjölds gefordert.

Hammarskjöld stand zu einem Zeitpunkt an der Spitze des UN-Apparates, als sich zahlreiche internationale Konflikte zuspitzten. Jeder UN-Generalsekretär sah sich in diesem »schwierigsten Job der Welt«, wie das hohe Amt ein Nachfolger des Schweden bezeichnete, großen Herausforderungen gegenüber, auch im Umgang mit den Großmächten und deren Interessen. Kritik fand Hammarskjölds Verhalten gegenüber dem Apartheid-Regime Südafrikas, das 1960/61 seine Repression massiv verschärft hatte. Der UN-Generalsekretär hatte es versäumt, im Zusammenhang mit einer Südafrika-Reise auch repräsentative Führer des Widerstandes zu treffen. Und das unmittelbar nach dem »Jahr Afrikas«, als die Bedeutung des »Schwarzen Kontinents« in den Vereinten Nationen deutlich zunahm.

Im Kongo sahen sich die Vereinten Nationen mit sehr unterschiedlichen internationalen Interessen konfrontiert. Bergbaukonzerne und ihre politischen Hintermänner spielten bei der Ermordung Lumumbas ebenso eine Rolle wie bei der Abspaltung von Katanga. Der UN-Generalsekretär stand unter Erfolgsdruck. Er wollte seine Unabhängigkeit und Integrität beweisen und war sich bewusst, dass dabei viel auf dem Spiel stand. Mit seinem plötzlichen Tod erlitten die Verhandlungsbemühungen der Vereinten Nationen zur Beendigung der Sezession Katangas einen Rückschlag.

Untersuchungen zum Absturz des Flugzeuges mit Hammarskjöld konnten dessen Ursache nicht klären, auch nicht die Frage, warum es damals keine schnellen Rettungsversuche gab. Eine erste Expertise sprach von menschlichem oder technischem Versagen. Sie ging nicht auf die These ein, die Maschine sei von Söldnern im Dienst Katangas oder seiner Hintermänner abgeschossen worden -angesichts der Zuspitzung im Kongo-Konflikt eine durchaus plausible These. Bereits am Vortag war Hammarskjölds Flugzeug beschossen worden. Seine Bemühungen um Begleitschutz durch Jagdflugzeuge waren erfolglos. Ungeklärt sind auch Einschusslöcher, die am Flugzeugwrack gefunden wurden.

Jahrzehnte später, 1998, legte Bischof Tutu, der Vorsitzende der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, Dokumente vor, die Sabotage an der UN-Maschine Hammarskjölds belegten und auf eine koordinierte Aktion amerikanischer, britischer und südafrikanischer Geheimdienste hinwiesen. Die Echtheit der Dokumente wurde von amerikanischer und britischer Seite bestritten und offenkundig nicht endgültig geklärt.

Der tragische Tod Hammarskjölds bei einer Friedensmission trug im Nachhinein unzweifelhaft zur Würdigung seiner Vermittlungsbemühungen in schwierigen Zeiten bei und prägte sein Bild in der Geschichte der internationalen Beziehungen. Er erhielt als erster Politiker 1961 posthum den Friedens-Nobelpreis. Der Kongo aber ist nach Jahrzehnten Diktatur, Bürgerkrieg und Interventionen bis heute nicht zur Ruhe gekommen.

Tipp: Zum 50. Jahrestag des Todes von Hammarskjöld erschien bei Urachhaus sein Tagebuch »Zeichen am Weg« als CD; 19,90 €.

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