Naher Osten


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Winter, Dr. Heinz-Dieter:

"Fehlende Weitsicht"

Khaled Hroub entdämonisiert die Hamas

Rezension zu " Khaled Hroub: "Hamas. Die islamische Bewegung in Palästina." Palmyra Verlag, Heidelberg, 2011

Quelle: "Neues Deutschland" vom 13.10.2011

Es ist keineswegs ausge­schlossen, dass hohe Ha­mas-Mitglieder künftig als palästinensische Botschafter in westlichen, darunter auch euro­päischen Städten fungieren wer­den.« Wegen der feindlichen Hal­tung westlicher Regierungen ge­genüber der Hamas ist das eine er­staunliche Feststellung, die Khaled Hrub, Direktor des Arabischen Me­dienzentrums an der Universität von Cambridge, trifft. Doch ange­sichts der von ihm skizzierten Ent­wicklung der aus der ägyptischen Moslembruderschaft hervorge­gangenen islamistischen Bewegung zu einer nicht mehr zu ignorieren­den politischen Kraft ist dieser Gedanke nicht abwegig.

Khaled Hroub lüftet den Schleier der andauernden Dämonisierung und zeichnet ein reales Bild dieser islamistischen Bewegung. Sie hatte sich ursprünglich karitativen und sozialen Aufgaben gewidmet, die auch heute noch wichtiger Be­standteil im Wirkens der Hamas sind. Vom Kampf gegen die israeli­sche Besatzung hielt sie sich an­fangs abseits. Sie wurde sogar von israelischer Seite gefördert, um ein Gegengewicht zur PLO aufzubauen. Doch in den Tagen der ersten Intifada konnte sie nicht länger unpar­teiisch bleiben. Ende 1987 konsti­tuierte sich die Hamas, eine Abkür­zung für »Islamistische Wider­standsbewegung«. Sie entwickelte sich in Konkurrenz zur Fatah und zur PLO zu einer politischen Kraft.

Je schwerer Israel den Palästinenser das Leben machte und je mehr die Popularität der von der Fatah geführten Nationalbehörde, die sich als korrupt und unfähig zur Verteidigung palästinensischer In,eressen erwies, sank.desto stärker wurde Hamas.

In den Wahlen vom Januar 2006 zum palästinensischen Legislativrat, die von allen Beobachtern als korrekt demokratisch bewertet wurden, gewann sie die Mehrheit. Markierte schon ihre Teilnahme an den Wahlen eine Abkehr von ihrer bisherigen Politik, so trat sie mit der Übernahme von Regierungsverantwortung in eine neue Etappe ihrer Entwicklung ein. Die Wahlen waren »der größte politische Wendepunkt der Hamas seit ihrem Bestehen«. Der Autor weist daraufhin, dass religiös begründete extremistische Positionen, wie sie noch in der Charta von 1988 enthalten sind, in den Hintergrund traten. Von der Vernichtung Israels war nicht mehr die Rede, und eine Zwei-Staaten-Lösung wurde grundsätzlich, wenn auch widerwillig, akzeptiert. Eine Anerkennung Israels wird aber weiterhin abgelehnt, solange der jüdische Staat nicht bereit ist, seine Grenzen zu bestimmen.

Khaled Hroub spricht von einer »neuen Hamas«. Statt jedoch die von jener offerierten produktiven Ansätze zu akzeptieren, haben Israel, die USA und Europa die von der Hamas-Führung gebildete Regie­rung boykottiert und Hilfe eingestellt. Die unter Saudi-arabischer Vermittlung zustande gekommene Regierung der Nationalen Einheit 2007 wurde in gleicher Weise behandelt. Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery'hatte damals erklärt, dass diese Regierung »ein großer Segen für Israel« sei, könne man doch nun mir einer Regierung verhandeln, die die Interessen des gesamten palästinensischen Volkes vertritt und endlich dem historischem Konflikt ein Ende setzen. Das Regierungsprogramm der Hamas bot dafür gute Möglichkeiten.

Khaled Hroub wirft den USA und der Europäischen Union »mangelnde Weitsicht« und »fehlenden Pragmatismus« vor. Die westliche Ablehnungspolitik gegenüber Hamas trug dazu bei, dass sich die Aussichten für Frieden im Nahen Osten immer mehr verschlechterten und es schließlich zur Spaltung zwischen der Hamas, die Gaza kontrolliert, und der Fatah im Westjordanland sowie zum Gaza-Krieg kam.

Der Autor analysiert kritisch, warum die Hamas 1994 nach dem Hebron-Massaker eines fanatischen israelischen Siedlers, dem 29 betende Palästinenser in der Ibra­him Moschee zum Opfer fielen, mit Selbstmordattentaten antwortete, die dem gerechten Anliegen der Palästinenser schweren Schaden zugefügt haben. Zugleich habe die Hamas wiederholt Verhandlungen mit dem Ziel des Schutzes von Zivilisten auf beiden Seiten angeboten, die aber von Israel abgelehnt wurden. Khaled Hroub urteilt, dass bisher die gemäßigten und pragmatischen Tendenzen in der Hamas die radikalen überwogen haben. Doch radikale militaristische Strömungen könnten die Oberhand gewinnen, wenn Israel seine Unterdrückungspolitik der Palästinenser und die Blockade des Gaza-Streifens und der Westen seinen Hamas-Boykott fortsetzt.

Die Hamas sei zu einem »Schlüsselfaktor in der Region« geworden, betont Khaled Hroub. Die westliche Politik sollte von der Erkenntnis ausgehen, dass ohne Hamas keine Friedenslösung möglich ist und sie in Verhandlungen einbezogen werden muss. Es dürfte darum ganz im Sinne des Autors sein, dass im Juni 2011 angesichts des »arabischen Frühlings« 24 ehemalige Ministerpräsidenten, Außenminister und andere Spitzenpolitiker in einem Offenen Brief an die USA und EU gefordert haben, eine Regierung, an der die Hamas beteiligt ist, als Verhandlungspartner zu akzeptieren. Damit würde auch der Weg beschritten werden, der jene Kräfte in der Hamas stärkt, die bereit sind, sich in demokratische Prozesse integrieren und die Normen des Völkerrechts und der internationalen Politik zu akzeptieren. Sollten jedoch Israel und der Westen bei der bisherigen Politik bleiben, so werden wir weder Frieden im Nahen Osten erhalten, noch Botschafter aus den Reihen der Hamas in westlichen Hauptstädten begrüßen können.

Khaled Hroub: Hamas: Die islamische Bewegung in Palästina. Palmyra Verlag, Heidelberg. 244 S., br., 17,90 €.