Zentralasien. Politischer Islam, politischer Prozess, Transformation


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Heft 37 (November 2011) der "Blauen Reihe -  Schriften zur internationalen Politik",
herausgegeben vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin
(die Verantwortung für den Inhalt der Beiträge liegt bei den Autoren)

Arne C. Seifert

 Zentralasien. Politischer Islam, politischer Prozess, Transformation

Inhalt:

Einleitung

Die zentralasiatischen Völker feiern in diesem Jahr den zwanzigsten Jahrestag ihrer staatlichen Unabhängigkeit. Ebenso blicken sie auf eine zeitgleiche Periode der Transformation vom sowjetischen Staatssozialismus zum Kapitalismus zurück und hinterfragen deren Ergebnisse. Beides – Staatsformung und Transformation ‒ haben Zentralasien, seine Gesellschaften sowie die Lebensbedingungen der rund 60 Millionen Menschen und 40 Völker grundlegend verändert. Die Resultate fallen differenziert aus. Als wichtigstes kann wohl gelten, dass sie erstmals in ihrer Geschichte eigene Staaten besitzen und über ihr nationales Schicksal selbst bestimmen. Für die Völker der Region ist dies ein historischer Wendepunkt.

Zentralasien wird wieder zur Brücke zwischen Ost- und Südwestasien, Russland und Europa, wofür es einst in Orient und Okzident als legendäre „Seidenstraße“ berühmt war. Enge Kooperationsbeziehungen entwickeln sich mit den wichtigsten Nachbarn: Russland, China, Indien, Pakistan, Afghanistan, Iran, Türkei sowie dem Kaspischen Raum. Bis auf Turkmenistan sind alle zentralasiatischen Staaten Mitglieder der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Wenn erst einmal die geplanten Infrastrukturprojekte in einigen Jahren vollendet sein werden, wird Zentralasien aus seiner südlichen Hochgebirgsblockade herausgeführt, wird mit neuen Verkehrsadern bis ans Arabische Meer verbunden sein und erstmals seine geographische Kontinentalblockade aufbrechen. Bei den heutigen technologischen Voraussetzungen und Möglichkeiten scheinen die damit verbundenen Veränderungen für die Entwicklung von Wirtschaft, Transit, Umschlagsanforderungen etc. sowie daraus resultierende Rückwirkungen auf die Gesellschaften greifbar nahe. Für die Region wird das ein weiterer historischer Wendepunkt sein, dessen Konsequenzen für den gesamten geographischen Großraum diesseits und jenseits des Hindukuschs in vollem Ausmaß noch gar nicht abzusehen sind. Das Heute und erst recht das Morgen machen, alles in allem, Zentralasien zu einer höchst wichtigen Region des gemeinsamen eurasischen Raums.

In den vergangenen zwanzig Jahren lässt sich auch eine gewisse regionale Ausdifferenzierung der Staaten beobachten. Aufgrund seiner großen Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie weit reichender marktwirtschaftlicher Reformen ragt Kasachstan ebenso heraus wie – auch dank seiner fossilen Energieträger – Turkmenistan. Insbesondere Kasachstan, mit 2,7 Millionen km² der neuntgrößte Staat der Welt, entwickelt sich zu einer Art regionaler Großmacht. Am entgegengesetzten Pol finden sich die ökonomisch am geringsten entwickelten Staaten wieder: Kirgisistan und im südöstlichsten Zipfel Zentralasiens Tadschikistan. Eine  Zwischenposition  nimmt Usbekistan  ein. Die drei  zuletzt  genannten Staaten grenzen an das Ferghanatal, eine konfliktreiche Region mit traditioneller islamischer Verwurzelung; sie scheinen sich zu einer bestimmten geopolitischen, in ihren Beziehungen jedoch nicht konfliktfreien Gruppe zu entwickeln.

Entgegen den Erwartungen des Westens hat die Transformation zum Kapitalismus den sozialen Charakter der zentralasiatischen Gesellschaften nur wenig „modernisiert“. Das Gegenteil trat ein: Eindeutig negativ ist die Bilanz einer weitgehend nach neoliberalen westlichen Vorgaben gesteuerten wirtschaftlichen und sozioökonomischen Transformation hinsichtlich der Lebensqualität der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, die sich erheblich verschlechtert hat.

Hier erweist sich die Transformation nicht nur als zutiefst regressiv. Sie behindert auch die Transformation zur Demokratie, da sich keine ökonomische Basis für eine soziale Marktwirtschaft und Demokratie herausbilden konnte. Schlechte Regierungsführung, Bereicherung neuer nationaler „Oberschichten“, Korruption, wachsende Armut und Archaisierung der Gesellschaften treiben die Masse der Bevölkerung zurück in die Gruppen und Großfamilien, die für sie als Ersatz der verlorenen sozialen Sicherungssysteme fungieren. Diese gesellschaftlichen Subsysteme bleiben in patriarchalischen sozialen Strukturen mit spezifischen Führungsmechanismen verhaftet: einer gesellschaftlichen „Pyramide“ mit einer starken Führungspersönlichkeit an der Spitze, die das System durch ein hierarchisches Beziehungsgeflecht aus traditionellen Loyalitäten und materiellen Bindungen zusammenhält.

So haben sich in den letzten fünfzehn Jahren im zentralasiatischen Teil des OSZE-Raums die geostrategischen Konstellationen verschoben, die gesellschaftssystemischen Bedingungen verändert und die Eliten ebenso umgeschichtet wie deren Charakter, Interessenlagen und Kooperationsvoraussetzungen. Relativ rasch tritt im sozialen, kulturellen und religiösen Alltag der zentralasiatischen Gesellschaften wieder der Islam in den Vordergrund. Die Zeiten hochfliegender Hoffnungen des Westens, dass er seine „Demokratie als die einzige Regierungsform“ im riesigen, seiner sozialen Natur und politischen Kultur nach höchst pluralistischen postsowjetischen Raum durchzusetzen vermag, neigen sich ihrem Ende zu. Er muss auch Obacht geben, dass nicht neue Widersprüche die noch bestehenden Voraussetzungen für strategische Partnerschaften und Kooperation unterlaufen.

Stellt man das Ganze in den Kontext der Herausbildung „neuer Mächte“, wie China, Indien, Brasilien, Türkei, einer sich ermuntert zeigenden Russischen Föderation und daraus resultierender veränderter internationaler Konstellationen, so scheint für europäisches Verhalten gerade gegenüber der „Brücke Zentralasien“ das Erfordernis auf der Hand zu liegen, die Ziele, Prinzipien und Steuerungsinstrumente neu zu justieren: Und zwar im Sinne von Partnerschaft, Zusammenarbeit und kooperativer Sicherheit.

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